unwesen,
n. ,
mit un IV A
und B
näher bestimmtes wesen (
s. d.),
plural nur in bed. 2
b. mhd. unwesen;
dän. uvæsen,
schwed. oväsende
aus dem Deutschen. vgl. after-,
nichtwesen. 11)
mit un IV A
nichtsein; vgl. nichtwesen,
nichtsein. 1@aa)
als schöpfung der theologischen spr. der mystik: mhd. wb. 3, 769
b; Tauler
pred. 229, 9
V.; trag din u. und din vernútigkait
pred. 249, 10
V.; das erst nichding ist nit alsgar nichts noch ewigs u., sonder es ist mit der zeit etwas worden und zum wesen komen B. v. Chiemsee 138; darumb möcht es die creatur ... als sein widerwärtig wesen uberwinden und widerumb zum u. bringen, das ist zuo nichding machen 139; fallen in u.
ebda; sie (
d. menschen) müssen wieder in ihr erstes nichts zurücke und sich mit ihrem vorigen u. behelfen Knorr v. Rosenroth
pseudodoxia (1680) 795; die ertzketzerischen photianer hat er ... in den wahn verleitet, die helle sei nichts anders, als das verwesen und u. der todten Francisci
weh der ewigkeit (1686) 517.
veraltet. b)
in philosophischer spr.: alle geschöpfe sind von gott und nichts; ihr selbstwesen von gott, ihr u. von nichts ..., kein geschöpf kann ohne u. sein Leibnitz
d. schr. 1, 411; Parmenides ... suchte zu beweisen ..., kalt sey das u. und warm das wesen Heinse 4, 259
Sch.; was ist wohl ungereimter, als das unwesen (
chaos) selbst zur ursach der erzeugung der wesen zu machen! Bode
Montaigne 3, 509;
F. H. Jacobi 5, 186; der träger eines mannigfaltigen scheins ... zeigt kein einfaches was, er zeigt auch nichts, ... es ist ein u. Herbart 3, 371
H.; ... die annahme einer reinen form ohne jede materie, der gegenüber die reine materie ohne alle form ein u. (
etwas, das es nicht gibt) wird Fr. A. Lange
gesch. d. materialismus 95. 22)
mit un IV B
böses, schlimmes, verderbliches u. dgl. wesen. erst im 15.
jahrh. auftretend, wird diese bed. noch von Heynatz im
antibarb. 2, 540 (1797)
angefochten: 'das u.
für unordnung, böses ding
erhält sich noch; vorzügliches deutsch ist es aber nicht, da es keinen deutlich bestimmten begriff ausdrückt'.
in Leberecht Blaustrumpfs
vier possirlichen gedichten (1746) 21
wird u.
in note 142
für erklärungsbedürftig gehalten: 'u.
ist soviel als unordnung, ungelegenheit, beschwerlichkeit'. 2@aa)
abstract. α)
übler zustand, status nullus, vastitas Haltaus 1971: nach dem die pfarrkirche zu
M. und die pfründe der pfarre etwa viel jare in merklichem u. gewesen ist
quelle (1486)
bei Haltaus
a. a. o.;
an. 1528 ist mehr ein unwessen, dann ein ordentlich leben desz orts
ebda; zur zeit,
so ich das unwäsen (
captivitatem) Juda und Jerusalem widerumb zu recht bring
Züricher bibel (1530) 427
a (
Joel 3, 1); das reich were jetzund viertzig jar in einem u. wüst gelegen S. Franck
chron. germ. (1538) 127
a; domit die löblich statt Rom ... nit in krankheyt, u. und zerstörung kem Carbach
Livius 30
b; der christenheit u., der frommen noht Weckherlin 2, 274
F.; das u., so durch den krieg bey uns eingeschlichen Moscherosch
gesichte 2, 882;
an γ rührend: wann die höhere ihre intention erlangt, bleiben die schwächere in dem u., müssen die kosten schwinden lassen, das maul wischen und davon gehen Lehmann
florileg. (1662) 1, 129; viel unwesens nach sich ziehen Kramer (1702) 2, 1450
c; dem u. abhelfen, steuern 1336
b; Adelung; indem er (
der burggraf) die Mark aus ihrem verderblichen u. rette Ranke
s. w. 25, 83; münz-, kriegsunwesen Haltaus 1971;
von personen: aus einer wildheit und barbarischem u. (
vgl.β) der völker kan eine solche verwunderliche und kunstreiche art und gewisheit in den wörteren nicht entstehen Schottel
haubtspr. 55; den bruder ... habe ich auf seinen wunsch in tätigkeit befördert, aber, wie ich fürchte, dadurch nur in viel inneres u. gebracht W. v. Humboldt
an Göthe 7. 3. 1814.
β)
schlechte beschaffenheit, üble eigenschaft: also auch die tinctura in solcher mügligkeit den corpus tingiert, nimpt ihm sein u., sein ungeschickligkeit, sein grobheit Paracelsus (1616) 1, 704 A
H.; dasz gemelter sprache eigene angebohrne grundzierde ... vor allem fremden u. und gemische bewahret ... werde Zesen
helikon. rosentahl 33; die sünde, die ich meine, das geerbte u., das verdammliche in uns, ist unsre feindschaft gegen gott Zinzendorf
sonderbare gespräche (1739) 10; da fuhr das unausstehliche wesen, das u., was ich an mir habe, in mich Hippel
lebensläufe 2, 242; Cramer
Neseggab 4, 208.
γ) ungemach, ungelegenheit, u. Sattler
phraseologey (1631) 378;
status turbulentus, confusio rerum Stieler 172;
perturbatio Dentzler (1716) 334
a;
turba Frisch (1741) 2, 443
c; Luther
sagt böses wesen, S. Franck
öfter wild wesen.
vgl. oben α: argwohn klopft oft an eins ehrlichen manns hausz an oder macht vor eines frommen hausz ein grosz u. Lehmann
florileg. (1662) 1, 51; ich habe leider diesen augenblick erfahren, was mein bock für ein u. angerichtet hat Gottsched
schaubühne 5, 284; nichts als odiosa, geschäfte, u. im hauswesen Nestroy 1, 164.
insbesondere lärm, balgerei, gepolter u. dgl.: diesen abend ... fingen die poltergeister ein solches u. ... an, dasz ... Buchholtz
Herkuliskus 140; vier jahre sah hr. B. diesem u. (
lärm der jungen vor seinem fenster) mit manchen seufzern zu
allg. d. bibl. anh. 37/52, 878;
von balgerei Göthe 22, 168
W.; ich entsetzte mich über das gassenthümliche u. in Genua Gaudy 2, 65;
lärm der badesaison jahrb. d. Grillparzerges. 1, 141; wo sie (
die gemsen) jetzt ihr u. treiben (
durch steingepolter) H. v. Barth
Kalkalpen 138.
specialisiert als bezeichnung von krieg, empörung, unruhe, plünderung, verwüstung u. ä.: in diesem aufruhr und u. gieng der vormittag dahin E. v. Meteren
niderl. krieg (1614) 345
a;
acta publ. 2, 4
P.; auf offenem lande, da mann den todt bey solchem u. alle stund vor augen siehet Moscherosch
insomnis cura par. 135
ndr.; in solchem u. (30
jähr. krieg)
F. A. v. Brandis
ehrenkränzel (1678) 225; geschichte des zwischen magistrat und bürgerschaft obgewalteten unwesens (1686)
titel in d. allg. d. bibl. anh. 37/52, 619; Bodmer
v. d. wunderbaren 80; in dem damaligen u. (30
jähr. krieg) Herder 16, 232
S. attribute: leidiges, klägliches, verderbliches, pietschnisches, stralsundisches, lothringisches, böhmisches
u. s. w. u. Harsdörfer
secret. 1, 173; Chemnitz
schwed. krieg 2, 28;
acta publ. 1, 44
P.; Chemnitz 1, 9; 2, 180; Moscherosch
ges. (1650) 409; durch u. der kriegszeiten Schupp 769; das leydige u. in Böhmen
F. A. v. Brandis
ehrenkränzel 216; dem u. in den Niederlanden einhalt thun Ranke
s. w. 7, 75. bauernu. Haltaus 1971.
δ)
übles thun und treiben überhaupt; hauptsächlich diese bed. erfaszt (
nach Adelung) Krünitz 200, 273: 'u.
ist ein höherer grad des unfugs und geht auf vernichtung aus. sie haben in der schenke ihr u. auf eine weise getrieben, dasz nichts ganz geblieben ist. so treiben diebesbanden ihr u., wenn sie ländliche besitzungen und reisende überfallen und sie ausplündern ...,
das u.
deutet hier immer auf etwas sehr nachtheiliges und schädliches für den staat und das volk': aber das ander ir u., eebruch und hurerey, lest man alles hingeen (1526)
quelle bei Haltaus 1971; es ist zu erbarmen ..., dasz die Teutschen ... nicht merken, was vor u., ja vor schand und spott aus verderbung ihrer sprach folget
sprachverderber 43; diese unmäszigkeit im wissen hat sich unter den gelehrten dieser insel so sehr ausgebreitet, dasz ich und meines gleichen ... diesem u. zu steuren nicht vermögend sind Liscow (1739) 74; dem ohngeachtet ging die fresserei, das tanzen ... fort, bis der pabst selbst die letzten tage dem u. einhalt that Winckelmann 11, 90; wo weder geld noch credit ist, treibt der wucherer sein u.
allg. d. bibl. 109, 382; auszer der liebe ... ist alles possen und u. in der welt Hippel
lebensläufe 1, 235; man erinnere sich der signatur der dinge, der chiromantie, der punktirkunst, selbst des höllenzwangs, alle dieses u. nimmt seinen wüsten schein von der klarsten aller wissenschaften Göthe II 3, 159
W.; G. Keller 4, 92;
vom verhalten einzelner abgeordneter Bismarck
reden 1, 74
Kohl; u.
der raubritter G. Freytag 18, 36,
des ablasses Ranke
s. w. 37, 51,
der wiedertäufer Varnhagen v. Ense
tageb. 2, 35,
des schamanismus Peschel
völkerk. 276
u. s. f. mit attributen und andern näheren bestimmungen: huorich, üppig u. Hutten 1, 386
B.; Freiburger stadtrechte 32
a; das grosze u. (
der kipper und wipper)
discours von d. itzigen zustande der kipper u. wipper (1621) A 2
a; heidnisches, vermeintes, theatralisches, abstractes, metaphisisches, newtonisches, sternbaldisirendes, literarisches, akademisches, demagogisches, gespenstisches, tolles, dogmatisches, blumiges, bureaukratisches
u. s. w. u. Micrälius
Pommerland 2, 256; Arnold
ketzerhistorie (1699) 94
b; Lessing 18, 117
M.; Herder 21, 164
S.; Göthe IV 7, 126
W.; III 2, 279
W.; I 48, 122
W.; gespräche 10, 48
B.; J. G. Forster 3, 154; Immermann 5, 199
B.; E. Th. A. Hoffmann 7, 74
Gr.; 1, 235
Gr.; Schopenhauer 2, 54
Gr.; Jean Paul 1, 7
H.; Bismarck
gedanken u. erinn. 2, 173
volksausg.; das vielgestaltige u. Roms Justi
Winckelmann 2, 1, 104; das deutsche gelehrte u. J. G. Forster 9, 122; Emilie B. hat ein ungeheures u. mit vorlesen in G. getrieben Caroline 1, 93
W.; man läszt das krause u. fortlaufen, wie es gott gefällt Thibaut
civil. abh. (1814) 430; das alte u. (
unfug der schüler, widerstand gegen den lehrer) wiederholte sich G. Keller 1, 164; so ist jedes u. noch mit einem goldenen bändchen an die menschlichkeit gebunden 5, 144; in der that fiel die Wiener politik ... in ihr altes u. zurück Treitschke
hist. u. polit. aufsätze 2
5, 329. das u. mit dem kalb Göthe 37, 182
W.; das u. der geheimen gesellschaften, der klubbs, haftbriefe, bettelorden, ablaszprediger, des reislaufens und der jahrgelder, der literarischen kameradschaft
u. s. f. Göthe IV 9, 101
W.; E. Th. A. Hoffmann 6, 17
Gr.; Dahlmann
franz. revolution 48; Ranke
s. w. 2, 252; 1, 271; 3, 43; Treitschke
hist. u. polit. aufs. 1 (1886), 285; Fischart hatte über das u. zu klagen, das die prediger geistliche lieder von einer wilden sau ... dichteten Gervinus
gesch. d. d. dicht. 3, 28. litterar-, nachdrucks-, theaterunwesen Göthe
bei Bohner 132; barden-, duell-, partei-, piraten-
u. dgl. u. wesen und (oder) u.: darf ich ... diesem schwarzen wesen oder u. eine lobrede halten? Herder 22, 60
S. so war es natürlich, dasz unter der jugend sich berufene und unberufene barden fanden, die ihr wesen und u. eine zeitlang vor sich hintrieben Göthe 40, 272
W.; die litterarische communikation stockte, mit ihrem wesen und u. IV 25, 92
W.; Bohner 132; das ganze astrologische und alchemische wesen und u.
F. Schlegel 2, 41; das lehnswesen, welches in seinen anfängen ein arges u. ... gewesen ist E.
M. Arndt 1, 249
R.; das bestehende spiritualistische wesen und u. Herwegh
br. (1896) 38; balladenwesen und u. Göthe IV 12, 199
W. 2@bb)
concret. α)
ein ungestalter mensch J. J. Engel 1, 325;
unnatürliches wesen: die Zwietracht bei Homer Breitinger
crit. dichtkunst 1, 150; o du, nur menschheitbild, ein wandelnd trugbild, denn du konntest straks auch tiger, wolf, hyäne seyn: wofern dirs raub und stolz gebot! unwesen, weg, weg ist dir alles lebens blüte! Herder 29, 525
S.; schnicknack von ... übersinnlichen wesen und u. Ayrenhoff 4, 216; die natur producirt keine solche u. (
die nicht lieben können) Görres
br. 1, 41;
im sittlichen sinne: du garstiges u., willst du unkraut säen zwischen mutter und sohn? Raupach
dram. w. ernster gattung 15, 41; die halbwesen und u. befehden die höheren mit recht Hebbel
br. 4, 128
W.; jenes u., das sich hier den general der chinesischen ... ehrengarde nennt Gutzkow (1872
ff.) 6, 261; einem solchen u. von vollkommenheit I. v. Düringsfeld
die literaten 1, 24.
β)
dämonisches wesen: ein gespenstisches u. Fouqué
jahreszeiten 1, 176; das u. ist schon wieder gewaltig im forste los
zauberring 3, 81; sprachlos starrte ich das gespenstische u. an E. Th. A. Hoffmann 6, 113
Gr.; vom teufel Tieck (1828
ff.) 20, 220;
vom totengerippe Storm 5, 9; sie fürchteten aber das u. keineswegs und lebten in dessen nähe G. Keller 5, 341;
ein gespenst 7, 193; Fontane I 2, 353;
der weisze alp Storm 7, 37.
γ)
scheusal: seht, wirth, was das die gerichte zusammen zu fressen versteht! gewisz ein reisender altgesell ... wunder wärs, wenn das u. nicht schon unterwegs die junge schonung als spinat hinuntergeschluckt hätte Tieck (1828
ff.) 3, 140.
δ)
individuell '
noch kein richtiger mensch': da liegt das kleine u., meine braut war sehr glücklich entbunden A. v. Arnim 8, 80.
ε)
von gegenständlichem verschiedner art: das angeschmeiszte u.
von schmarotzenden insecten an pflanzen allg. haushaltungslex. (1749) 1, d 1
b; bei all dem prächtigen u. (
überflüssigkeiten) bin ich nicht einmal satt geworden H. Beck
kamäleon (1803) 158; die verwetterte geschichte von Custozza ist ein rechtes u. Ruge
briefw. 2, 275
N.; an diese kritzelei setzte sich nach und nach ein unendliches gewebe von federstrichen, welches ich jeden tag ... weiterspann ..., bis das u. wie ein ungeheures graues spinnennetz den gröszten teil der fläche bedeckte G. Keller 2, 263. —