umgreifen,
vb. AA.
untrennbar. A@11)
rings umgreifen, umfassen, in der gegenwart vornehmlich von der hand, ältere sprache dagegen verwendet das wort für jegliches umarmen, umschlingen; amplecti umbgriffen mit beiden henden, mit den armen Diefenbach 31
b;
circumcapere umbgriffen 122
a: thaz swert er umbegreif
Rolandslied 75, 15; daz swert daz underlief er dô ... und umbegreif in alzehant mit armen und mit henden Konrad v. Würzburg
Trojanerkrieg 4196; umbgreift er (
der fisch) ain staindel, daz in die wazzerschuck iht auzwerfen Konrad v. Megenberg
buch d. natur 251
Pfeiffer; (
die drachen) seind so grosz, das sie die elephanten leichtlich umbgreifen Eppendorf
Plinius (1543) 47; die tisch seind ins gemein ... sulcher dicke, das ein mansperson dieselbe mit beiden armen umbgreifen kan G. Braun
beschreib. (1574) 5, 6
a; wo der hertzog seines pferdts halsz nicht umbgriffen
Amadis 387
lit. ver.; der middelste ind der groesste (
mast) konten vier man niet umbgrifen ritter v. Harff
pilgerfahrt 61
Groote; (
der vogel die '
beerruten') mit seinen füszlein umbgrifen kan Aitinger
jagdbüchlein (1681) 246; konnte den apfel mit einer hand umgreifen Simrock
heldenbuch (1843) 4, 440;
übertragen: der gott von allen zeiten, ... der wasser, see und meer umbgreift mit seiner hand Opitz
opera (1690) 3, 276;
alleinstehend zu greifen II
als '
ringsum betasten': Maria ... umbgreiff Brigitte gelider uberal
summertheil der heiligen leben (1472) 87
b. A@22)
in der bedeutung '
umarmen'
auch mit dem warmen gefühlston dieses wortes (
s. sp. 807);
inbracciare umbhelsen, umbfangen, umbgreiffen Hulsius (1618) 2, 192
b: mit armen umbegreif er in und enphienc in bî der zît Konrad v. Würzburg
Trojanerkrieg 5382; (
er) ummegreif in als ein vrunt
passional 603, 37
Köpke; des wart mir von ir ein umbfang, sie umbgreif mich mit armen blang meister Altswert 27
lit. ver.; unde grep ene umm unde kussede
quelle des 15.
jahrh. bei Schiller-Lübben 5, 6; da der geile Pan die Syrinx noch umgreift Paul Fleming
deutsche ged. 1, 482
lit. ver.; das männchen ..., wenn es sich mit ihr paart, durch sein zu brünstiges umgreifen Triller
poet. betracht. (1750) 1, 156;
bildlich: so ist sin uuinstra unter minemo hoibete unte sin zeseuua umbegriffet mih Williram 11
Seem.; noch mehr entsinnlicht: o du erwirdige speis, die allermeniclich anbeten ..., ummegreifen und werdeclichen derheben sal J. v. Neumarkt
Hieronymus 87; also hat centurio Christum geistlich umbgriefen und empfangen Carlstadt
zeichen des heil. sacraments (1521) a 2
a. A@33)
als '
geistig erfassen, begreifen': die hochgelehrten, die umbgreifen mit ihrem verstandt alles, was in der gantzen natur erschaffen Guarinonius
grewel (1610) 1027; mit einem talente, das alles umgreift Laube 5, 122.
als participiales adjectiv: dessen weit umgreifender geist Göthe II 4, 132
W.; in dieser adjectivischen form durchaus selbständig, angrenzend an '
gründlich, tiefgehend',
ohne dasz sich noch die anwendung im einzelnen falle an das verbum anschlieszen liesze: wie ... die wissenschaftliche, ideelle, umgreifendere behandlung sich mehr und mehr freunde wirbt II 11, 142
W.; die feinste und umgreifendste kenntnis der menschen Tieck 20, 135; der grosze weltweise gehört in seinen umgreifendsten wirkungen ganz der friedensperiode an Immermann 19, 175
Boxb. A@44)
bereits mhd. beschränkt sich die bedeutung jedoch nicht auf das umfassen, umarmen im eigentlichen oder geistigen sinne, sondern erweitert sich zum begriff '
umgeben'
schlechthin mit reichverzweigten einzelbedeutungen. A@4@aa)
die vorstellung '
mit den armen, händen umgreifen'
ist noch deutlich fühlbar, wenn die aussage von einem langgestreckten gegenstande gilt, der einen anderen umschlieszt: (
David) hiez wurken ain starken raif, den paum er dâ mit umbgraif Heinrich v. Freiberg
in Pfeiffer
übungsbuch 33; darnach soll er mit einem gebognen kompasz gemeldtes stück auswendig hinden bei dem zündtloch umbgreiffen J. Th. de Bry
archelei (1614) 124;
häufig mit einem zaun, einer mauer umgreifen: alse vil alse mit der zunraeiten umbevangin ist und umbegriffin (1281)
quelle bei Fischer
schwäb. 6, 91; uf die selbe zit wart Rome zuo einre stat gemaht und mit einre muren umbegriffen (
ca. 1400)
städtechroniken 8, 249; welche schlieszung (
durch tranchées) das läger also umbgreifet, dasz keine luck oder auszgang ... gefunden wirdt A. Freitag
architectura militaris (1631) 142;
als '
einbeziehen': erwiterend die von Basel ir stadtrinckmuren und umbegriffend das frouwencloster ... in den infang der statt Tschudi
chron. Helvet. 1, 226.
reflexiv und ohne nähere bestimmung: da der grebe von Simpaul lag mit sinen luden, da hatten sie sich umbegriffen
Limburger chronik 87
Wyss; zuständlich, der umschlieszende gegenstand ist subject: dez obersten waltzhimels gürtel, dar ümb daz er dez selben himels lauf ze mittelst ümbgreift Konrad v. Megenberg
sphära 16
Matthäi; dasz der krantz den spiegel umbgreiffet Paracelsus
opera (1616) 1, 355; die Oder umgreift die stadt wie eine silberspange den köstlichen topas Kolbenheyer
Pausewang 31. A@4@bb)
unsinnlicher, '
ab-, begrenzen',
bes. umgriffen;
districtus ein umbgriffener ort der jurisdiction ..., ein kreisz Corvinus
fons latinitatis (1646) 842: gemeldte herrschaft, wie die in ihren greniczen umgriefen (
ist)
a. d. j. 1524
in lehnsurkunden Schlesiens 1, 298;
hier noch verbal, jedoch adjectivisch im sinne von '
sich ausdehnend',
vgl.umfangen 4 d: disz erdreich war umbgriffen in der weit bei die acht teutsche meil weges Rollenhagen
indianische reisen (1603) 94; Persien ... ein grosz und weit umgriffenes königreich Olearius
pers. reisebeschr. (1696) 348;
gern beim ausdruck der göttlichen unendlichkeit: die maasz der gottheit ist ... an keinem ort umbzeinet oder umbgriffen Öcolampadius
M. Luters bekentnusz (1528) 144
b; wie kan ein geendigtes gemüthe dasjenige begreifen, welches mit keinem ende umgriffen ist Knorr v. Rosenroth
pseudodoxia (1680) 276;
nahestehend, doch an d
erinnernd, als '
in sich fassen': den (
Jesum) hœhe tiefe breite lenge umbgrîfen mohte nie Walther v.
d. Vogelweide 36, 27. A@4@cc) '
umzingeln, umringen, umstellen': alsô was er durch nîdes haz mit liuten umbegriffen Konrad v. Würzburg
Trojanerkrieg 34 659; die unseren haben das schloss ... berennt, umbgriffen
quelle von 1476
bei Staub-Tobler 2, 714; (
ins holz geflüchtetes wild) musz er ... bei der dickung mit seinem hunde umgreifen ...; finden sich nun auf diesem umgreifen und besuch keine ausgangsfährten aus der dickung Heppe
lehrprinz (1751) 35. A@4@dd)
quantitativ bestimmend als '
in sich fassen',
mit dem blick auf den inhalt; concret von der fläche: vier künigriche, diu die werilt soldin al umbegrifen
Annolied 190
Rödiger; wie wol Hungern nidern Pannoniam von dem flusz Leitha bis an die Saw umgreift G. Alt
buch der croniken (1493) 269
a;
sich intransitivem gebrauch nähernd: (
der see) ümgreift auf anderthalb meilwegs S. v. Birken
ostländischer lorbeerhain (1657) 63;
auch abstract: das du
umfangen hast das wort, das gar umbgreift der himmel ort
Hätzlerin liederbuch 259; in alle deme rechte, alz der (
hof) von alderz ümmegriffen hat (1385)
Freiberger urkundenbuch 1, 100
Ermisch; einer ganz Teutschland umgreifenden ... verfassung Görres
ges. schr. 2, 49. A@4@ee)
wie umfangen, umfassen, umgeben
von seelischen zuständen im sinne von '
erfüllen': di sele, di ummegriffin ist mit deme fure der warin minne
paradisus animae 62
Strauch; sin heilic minender sinn ummegreif in alzehant
passional 241, 83
Hahn; den umbegreif diu reine tugent
in v.
d. Hagen
minnesinger 3, 333
a;
sogar: mit groszem herzenleide umbegreif er in da
passional 80
Hahn;
nur vereinzelt geht der weitere gebrauch von umfangen, umgeben
bei abstracten (
s. d. sp. 869
u. 902)
auch auf umgreifen
über: von ungewiter maniger slaht daz her wart umbegriffen Konrad v. Würzburg
Trojanerkrieg 24125; was ich auch fürchte, das hat mich umgriffen Luther 18, 349
W.; halbschlummer, welcher nicht alle nerven zu umgreifen scheint Laube 11, 27; vom grünen land, das ein zauber umgreifet Stefan George
übersetzungen 1, 42. BB.
trennbar, um sich greifen, sich ausdehnen im umfang oder in der wirkung: ein ungegätet unkraut greift um und wurzelt tiefer Dusch
verm. w. (1754) 93; diabasische struktur mit ineinander und umgreifen gewisser ... zersetzungsprodukte Lueger 7, 952;
bildlich: die zeugnisse rastlos umgreifender jugendkraft Herder 12, 368
S.; furcht? — die hofnung läszt sie nicht umgreiffen Schiller 2, 59
G.; ein menschlich strenger und herber sinn (
begann) umzugreifen J. Grimm
kl. schr. 2, 217; als bewusztsein politischer grösze und danach proportioniertem umgreifen der leidenschaft O. Ludwig 5, 260
E. Schmidt. —