überreden,
v. ,
untrennbare verbindung, seit dem 12.
jahrh. litterarisch belegt. AA.
mit persönlichem object. A@11)
durch reden jem. überwinden, bewegen: persuadere, adducere Alberus (1540) mmj
b; flectere aliquem oratione Frisius
dict. 569
a;
einen mit worten zu etwas bewegen Stör 500
b;
mhd. belege im mhd. wb. 2, 1, 605
b und bei Lexer
handwb. 2, 1650;
ferner: unz daʒ der burgær und der rât von den hern wart überret beidiu mit rât und mit bet Ottokar
steir. chron. 1753.
nhd.: so mag auch nyemand mit wortten ein weib überreden oder sy geschweygen Hartlieb
Ovid (1482) 111
a; denn was ists, das yhr euch begebt, die halsstarrigen sophisten tzuschweygen odder überwinden? kund doch Christus selbs mit allen aposteln seyne Juden nicht überreden Luther 10, 2, 167
Weim.; mit gelerten worten überredt man bauern Seb. Franck
sprüchw. (1541) 2, 29
b; die redekunst ... ist die wissenschaft, das volk zu überreden Bode
Mich. Montaignes ged. u. mein. 2, 367. A@1@aa)
mit folgendem objectsatz: Mirrha iren vatter überredt, das er unzimlichs mit ir dett Thomas Murner
gäuchmatt 114; die hohenpriester und eltesten überredeten das volck, das sie umb Barrabas bitten solten
Matth. 27, 20; wer will Achab den könig überreden, dasz er hinauff ziehe in streit Jacob Böhme
schr. (1620) 5, 42. A@1@bb) zu etwas jem. ü.: darüber sein vater hoch erfrewet ward ... und überredet seinen sohn zum ehestandt B. Krüger
Clawerts werckl. hist. 17
neudr.; ich lasse mich zu keinem vergleich überreden oder bringen L. Holberg
dänische schaubühne 3, 145; wer seine pflicht gegen das vaterland thut, ist der wahre patriot; nicht der, so andre zu seinen begriffen von vaterlandsliebe überreden will Ulr. Hegner
ges. schr. 278. A@1@cc)
mit gen. (
veraltet): er mac lîhte sîn ein man der sô gefüege rede kan, das er überredet ein kint der dinge diu nu laster sint Rudolf v. Ems
Wilhelm v. Orlens 9471; dozuo so mag ich im (
gott) seinen willen nit geändren, daʒ ich in well eins dings überreden zuo thuon, das er vor nitt willen hatt gehaben Keisersberg
post. 2, 7
b. A@22)
verengt aus 1:
übervortheilen, betrügen, in den wbb. vom 16.
jahrh. ab bezeugt, vgl. Frisius
dict. 965
b; Kramer
hochniederd. wb. (1719) 219
c; Castelli
ital.-teutsch. wb.5, 1, 3
b; auf den gedachten die zwo swester, wie sy in möchten betriegen und überreden Albr. v. Eyb
dtsch. schr. 2, 4, 14; wann man die leut umb geld und nahrung wil überreden, da gehört treffliche kunst darzu, weil der bauch nichts hört und versteht Lehmann
florilegium politicum (1662) 2, 789.
heute auszer gebrauch. A@33)
aus 1)
entwickelt: jem. etwas glauben machen, ihm etwas einreden. ü.
begreift auch das wirken auf das erkenntniszvermögen in sich ... indem man es durch scheinbare gründe dahin bringt, dasz jemand etwas glaubt oder für wahr hält Eberhard
syn. 2, 105;
eim etwas in kopff und fantasey bringen Frisius
dict. 992
b;
far credere Hulsius (1618) 254
a.
abgrenzung gegen überzeugen
bei Teller
beurtheilung a. a. o.; diesem seit dem 18.
jahrh. vielfach gegenübergestellt: überzeuge mich, ja überrede mich nur, dasz sie ein gutes mädchen war Göthe I 23, 88
Weim.; du kannst niemand überzeugen ..., du überredest, du bestichst die menschen Hölderlin 2, 88
Litzmann; ich fürchte, dasz der eiferer auf der kanzel, welcher überreden will, wo er nicht überzeugen kann, die christen aus der kirche hinauspredigt Moltke
ges. schr. u. denkwürdigk. 1, 346. A@3@aa)
mit acc. der person und abhängesatz: und ist nicht mehr dahynden, denn so dich yemand ubirred, tzalpfennig weren reynische gutte gulden Luther 8, 171
Weim.; (
Käthe:) die papisten wolten mich im kloster überreden, Christus wer mein einiger brutigam Vogelsang-Cochläus
gespr. v. d. tragödia J. Hussen 33
neudr.; jetzt ists nicht mehr umb dieselb zeit, dasz man den leuten kuhedreck für fladen zeige, und sie überredt, dasz katzen gänszeyer legen Fischart
binenkorb (1588) 148
a; ein alter greyse pülffert sein haar, will das eckelende frawenzimmer dabey überreden, seine haar wären nicht alters halben graw Moscherosch
ges. (1650) 2, 146; ihr werdet uns am ende gar noch überreden wollen, dasz die novelle wahr ist Eichendorff (1864) 2, 453. A@3@bb) von etwas jem. ü.: die zuhörer, wer sie auch sein mögen, von allem zu überreden was wir wollen Wieland 1, 143; der erzherzog liesz sich leicht von etwas überreden was er immer geglaubt hatte Arnim 1, 153. A@3@cc)
mit sachgen.: die zwen wöllen mich eins dings überreden, das ich weisz, das es gelogen ist
Eulenspiegel (1515) 108
neudr.; do sie yhn des überredten, do war grosze freud vorhanden
reformationsflugschr. 1, 145
Clemen; du hast ein hirschkopff und gewicht, und gantz nicht ein menschlich gesicht. (
Actäon:) ich glaub dasz ihr seyd ganz verdolt, ihr michs gern überreden wolt Gilhusius
grammatica (1597) 3, 8, 83; ob uns gleich meine freundin dessen überreden will
die vernünft. tadlerinnen 1, 178; (
sie haben sich verabredet) mich des gegentheils zu überreden Wieland 3, 333; wenn sich der menschliche verstand dessen überreden läszt, so läszt er sich alles überreden Herder 6, 76;
in der gegenwärtigen schriftsprache ungewöhnlich. A@3@dd)
mit acc. des pron.: einen etwas überreden Kramer
teutsch-ital. dict. (1702) 2, 293
a; Steinbach 2, 238; das wirstu mich nicht überreden, das der sol ein gott sein Luther 33, 157
Weim.; ich lasse mich dies nicht überreden Lohenstein
Arminius 2, 56; Aeneas will entfliehn? wer überredt dich diesz? Joh. E. Schlegel
werke 1, 104; das wirst du mich schwerlich überreden Gotter 3, 130; ihr werdet mich das nicht überreden Göthe I 38, 28
Weim.; auch der doppelte acc. bei ü.
ist wie der sachgen. heute auszer gebrauch. A@3@ee)
mit dat. der person u. acc. der sache: einem etwas überreden,
ihms glauben machen Ludwig
teutsch-engl. lex. (1716) 2066; meint ir denn das ich nerrisch sey, das ihr mir wolt die fantasey so leichtlich überreden? Ringwaldt
evangelia Q 4
a; was wag' ich mir zu überreden? Klopstock
Messias 9, 593; ich wüszte nicht, was er einem nicht überreden könnte, wenn er sich's in den kopf gesetzt hätte Wieland 2, 292; dasz man vor etwas menschlichem so zu erschrecken pflegt, soll mir niemand überreden Schiller 4, 222; ich konnte mir nicht überreden, dasz sie (
Henriette v. Egloffstein) fehlen würden, als ich gestern die freunde, in der zahl der musen, beisammen sah Göthe IV 16, 60
Weim. auch diese construction heute nicht mehr üblich. BB.
reflexiv. B@11)
in bedeutung A 3:
sich selbst etwas einreden: er überredt sich selbs, er gibt im selbs ein Seb. Franck
sprüchw. (1545) 1, 52
b; wer lügen will, sagt man, musz sich erst selbst überreden Göthe I 17, 101
Weim. B@1@aa)
mit abhäng. satz: wir selbs uns überredt hand, unser gyt, laster ... syend todt und ab, so wir etlich rosenkränz gemurmlet habend Zwingli
deutsche schr. 1, 103; wie gern überredte ich mich, dasz alles ein traum sey! Lessing 2, 355; Augustinus und Lactanz konnten sich nicht überreden, dasz die erde rund sey Hippel
lebensläufe 1, 366; bis auf den lezten augenblick hatte er (
Egmont) sich noch nicht recht überreden können, dasz es dem könige mit diesem strengen verfahren (
d. todesurtheil) ernst sei Schiller 9, 25. B@1@bb)
mit acc. der sache (
veraltet): eh ich mich das überredete, wollt ich sie lieber mit gewalt entführen Klinger
werke 1, 181; ein poet und ein verliebter überredet sich vieles, wenn er zwanzig jahre alt ist Schiller 14, 192. B@1@cc)
mit gen. der sache (
veraltet): ich kann mich dessen nicht überreden,
tantum impetrare a me non possum Stieler 1547. B@1@dd) von etwas sich ü.: hatte er sich aber einmal von einer sache überredet, so war es mehrentheils unmöglich, ihn auf andre gedanken zu bringen J. Chr. Blum
spaziergänge (1774) 2, 15; ich wünschte sehr, dasz dieser mann (
Lichtenberg) meiner unternehmung freund bliebe, wenn er auch sich von meiner meynung nicht überreden konnte Göthe IV 10, 146
Weim. B@22) sich ü.
zu viel reden: dasz es ihnen nicht sollte zu gut gehalten werden, wo sie gleich etwas in worten sich überredt hätten Luther
br. 5, 623; man hat sich ehe überredt als verschwiegen Lehmann
florilegium politicum (1662) 3, 226. CC. eine sache ü.,
besprechen, berathen (
mhd.): die wîle sul wir die sache überreden zwischen den fürsten bêden Ottokar
steir. chron. 43408; (
ein tag) do man mochte überreden trefliche und grose notsachen
acten der ständetage Preuszens (1446) 2, 250. DD.
part. überredet (17.
u. 18.
jahrh.) in der formel: völlig überredet seyn,
essere pienamente persuaso Kramer
teutschital. dict. (1702) 2, 293
b; wenn sie keine andre raison haben, zu beweisen, dasz es eine offenbarung sey, als nur, weil sie völlig überredet seyn, dasz es wahr sey Leibniz
dtsch. schr. 2, 326; wir ... besorgen dieses keinesweges: vielmehr sind wir überredet, dasz ...
die vernünft. tadlerinnen 1, 6; dieser treffliche mann ist völlig überredet, dasz die menge gedachter übersetzungen vieles ... zur wiederherstellung des guten geschmackes in Italien ... beygetragen Gottsched
beyträge z. crit. hist. 1, 4. EE.
part. überredend
in adj. u. adv. function (18.
jahrh.):
bestechend, überzeugend, zwingend. E@11)
attributiv: seine worte hatten einen überredenden nachdruck Sonnenfels
ges. schr. 2, 23; dasz eine grosze lebendige masse von wirklichkeiten sich zu einem glaubwürdigen überredenden ganzen vereinigt und abrundet Göthe I 41
2, 126
Weim. comparativ: tausend hellre, überredendere stimmen werden euch da zurufen J.
M. Miller
pred. fürs landvolk 2, 272. E@22)
prädicativ: die stimme des geläuterten zeitgeistes ist verständig, überredend, sanft, freundlich Herder 17, 78; desto überredender und nützlicher kann seine arbeit sein G. Forster
sämtl. schr. 5, 329. E@33)
substantiviert: diese (
erfindung) hat etwas überredendes in sich selbst Göthe IV 23, 289
Weim.; als ein überredender, und nicht als ein beweisender zu werke zu gehen IV 11, 176
Weim. E@44)
adverbiell: der fuchs, der löwe, der tiger spricht nicht mehr überredend für mich, sobald er nicht mehr in seinem charakter spricht und handelt Herder 16, 587; so überredend nun dieses klingt, so ist doch ... Schleiermacher
Platon 2, 187.