überliefern,
v. ,
untrennbare verbindung. wie das simplex (
s. d.)
seit dem 15.
jahrh. gebraucht. formen: überlibbern (
z. b. A. Corvinus; W. Gerstenberg); -libern (
z. b. Carbach), -lüfern (
z. b. Steinhöwel; Jac. Frey; C. Hedio; Wilw. v. Schaumburg); -liffern, -liffern (
z. b. E. Alberus, Schwartzenbach
u. a.); -liefern,
seit jeher die herrschende form. bedeutung: 11)
tradere, reddere, überantworten Maaler 445
a; Schwartzenbach
syn. (1571) 15
a; Hulsius (1605) 143
b; Sattler (1617) 346;
offerre, übergeben Schöpper
syn. giij
a. 1@aa) einen brief überliefern,
presentare Kramer (1678) 1071
a; ich gab im ... auch brief an mein vatter, die er überlüfert hatt Felix Platter
tagebuch 240; denselbigen (
verständigen kriegsmann) mag er zu einem schultheissen machen, und ihm den stab überlifern Fronsperger
kriegsb. 1, A i
a; (
sie) liessen dem könig ein supplication überliferen Stumpf
Schwytzerchron. (1606) 271
b; wie sehr ich aber wünschte ihnen das wirklich schätzbare kunstwerk des Leo von Arezzo ..., in abgusz zu überliefern Göthe IV 31, 92
Weim.; als das jahr herum war, überlieferte er ihm (
seinem herrn) die ganze herde und kein stück fehlte Grimm
kinder- u. hausmärchen (1812) 1, 170; ich musz dem herrn doctor selbst den schlüssel überliefern Storm 4, 118; ja freilich, diesen brief musz man sogleich dem könig überliefern Schiller 5
2, 394. 1@bb) jemanden dem feind, dem gericht ü.,
ausliefern, preisgeben in wörtl. u. bildl. sinne. 1@b@aα)
constrictum aliquem dedere hostibus, übergeben und überliefern Frisius
dict. 371
b; keiner sol den, so zu ime geflohen ist, anzeigen, oder überlieffern Friedrich Wilhelm
sprichwörterregister (1577) cij; demselben Pilato ... habent sye überliffret und überantwurtet den herren Keisersberg
postille 2, 40
a; nemmt ihn hin und überlieffert ihn der justitz! Grimmelshausen
vogelnest 2, 393, 6
Keller; kleine diebe überliefert man der strafenden gerechtigkeit Rabener 4, 71; dem gericht ü. Holtei
erzähl. schr. 2, 173; der strafe
theater d. Deutschen (1768 ff.) 18, 456; dem schwert 7, 216;
auch mit präpos.-verbindung: einen einem in die hend überlifern oder in seinen gewalt gäben Maaler
a. a. o.; da war einmahl einer, der sich gegen den könig setzte, weszhalben ihn der fürst in die hände seines feindes überlieferte, und ihn zu tödten befahl
persian. baumgarten 9, 14; er beschlosz, sich in die hände des herzogs zu überliefern Heinse 3, 251
Schüddekopf; die braut in die hände des bräutigams ü. Grimm
kinder- u. hausmärchen 2, 16. an jemanden: (
da) überlieferten wir zuvörderst an die beide burgermeistere ... das mitgebrachte römische frauenzimmer A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 178. 1@b@bβ)
in weiterer verwendung: das heist dem teufel überliefert und in seine hende gegeben Luther 34
II, 336
Weim.; es ist mir so bang, als wenn ich von meinem schutzgeiste verlassen, feindseeligen mächten überliefert wäre Göthe I 39, 69
Weim.; ich kann hoffen, dasz ich der religion und der wahren moral keine gemeine rache verschafft habe, wenn ich diese muthwillige schriftverächter ... dem abscheu der welt überliefere Schiller 2, 10. 1@cc)
reflexiv: sich ü.,
hingeben: daher reitzen sie (
die genies) die geringsten gegenstände, daher überliefern sie sich ihnen mit so vieler hitze, weil sie allemal neue erkenntnisse davon zurückbringen Ramler
einl. in d. schön. wissenschaften (1758) 1, 14; sein (
Rudolphs II.) geschmack an der sternkunst verirrte sich in astrologische träumereyen, denen sich ein melancholisches und furchtsames gemüth, wie das seinige war, so leicht überliefert Schiller 8, 25. 1@dd) eine stadt, ein reich, einen besitz ü.,
abtreten bzw. ausliefern, preisgeben: (
Tetricus) schrib Aureliano, er wölle sein reich und heere den Römern schenken und überliveren Seb. Franck
chron. Germ. (1538) 35
b; dasz er dasselbe gottshusz ... dem herr gott ... ze rechtem eigenthum überlüffert, gegabet und überantwurtet hat Tschudi
chron. Helvet. 1, 51; sie wolten ... die stadt überliefern Heilmann
gesch. d. Pelop. krieges (1760) 341; das schlosz ward mit seinen ganzen vorräthen ohne weiteres überliefert Ranke 2, 84; dem urtheile der welt, dem ich diese blätter überliefere Kant 8, 7. 22)
aus 1)
entwickelt: eine nachricht ü.,
schriftlich oder mündlich zur kenntnisz bringen: ihre neue schrift (
W. v. Humboldt über '
Hermann und Dorothea'), in welcher sie uns einen solchen schatz von ideen und beobachtungen überliefern Göthe IV 13, 216
Weim.; die sage, welche Diogenes der Laertier uns überliefert Kant 3, 9 (
akademieausg.); die väter haben die kunde den kindern überliefert Chamisso 2, 258; seit dem ende des 12. jahrhunderts haben die handschriften manchen unschätzbaren zug aus dem leben des bauern überliefert Freytag
ges. werke 18, 50; ich verlange ..., dasz unsre gesinnung rein und ungefälscht der folgenden zeit überliefert werde
briefw. zw. J. u. W. Grimm u. s. w. (1885) 1, 72. das griechische leben ward uns in seiner edelsten bewegung, nach auszen wie nach innen, nur durch Plato überliefert Schlosser
weltgesch. 2, 254.
auch verengt für mündliche mittheilung von geschlecht zu geschlecht, entsprechend dem theol. begriffe der tradition, der schriftlichen entgegengesetzt: denn gründen alle (
religionen) sich nicht auf geschichte? geschrieben oder überliefert! Lessing 3, 92, 460; er hatte in seiner kindheit aus dem munde eines knappen ... ein märchen gehört, das von geschlecht zu geschlecht überliefert worden war Hauff
sämtl. werke 1, 163, 37. 33)
part. überliefert
für überkommen, sodann für herkömmlich, traditionell: das ganze scheint mir aus alter überlieferter waare, aus eignen unbestimmten ansichten und aus lappen der neuen philosophie zu bestehen Göthe IV 13, 13
Weim.; man fühlte das bedürfnisz, die überlieferte psychologie einer neuen revision zu unterwerfen
jahrbuch der Grillparzergesellsch. 8, 227; ihm (
Göthe) war aller überlieferte begriff ein greuel, denn nur das angeschaute hatte leben für ihn Gervinus
gesch. d. dtsch. dichtung (1853) 5, 72; man ... hielt sich nicht mehr an die alten überlieferten formen Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. 7, 63; nach den überlieferten gebräuchen G. Keller
ges. werke 1, 268.
substantiviert: nicht das ererbte, überlieferte sollte fürder voranstehen, sondern das persönlich erarbeitete Riehl
die deutsche arbeit 307; am alten und überlieferten hängen Jahn
Mozart 2, 486; voll ... pietät für das alte und überlieferte Häusser
deutsche gesch. 1, 96.