turnieren,
vb. , '
ein turnier oder wettkämpfe bestehen, sich lärmend und tobend aufführen'
; mhd. turni(e)ren, tornieren,
vereinzelt auch durnieren
mhd. wb. 3, 153; Lexer 2, 1585; Suolahti
d. frz. einfl. a. d. dt. spr. i. 13.
jh., mém. de la soc. néo-phil. de Helsingfors 8 (1929) 272
u. 10 (1933)
unter den einzelnen (
bd. 8
verzeichneten)
denkm.; Rosenqvist
d. frz. einfl. a. d. mhd. spr. i. d. 1.
hälfte d. 14.
jhs. (1932) 248.
frühnhd. turnieren
voc. rer. (1466,
obd.) Diefenbach
nov. gl. 367
b s. v. tornare; Maaler
teutsch spraach (1561) 411
d;
daneben finden sich formen mit offener qualität des stammvokals: tornieren
altdt. passionssp. a. Tirol 258
Wackernell; (1515)
Eulensp. 136
ndr.; Petri
d. Teutschen weiszh. 2 (1605) Ss 4
b und anlautender lenis: durnieren (15.
jh.)
städtechron. 2, 24; dorniren
voc. ex quo (15.
jh., md.) Diefenbach
gl. 135
c.
als orthogr. varianten erscheinen in hss. und drucken des älteren nhd. formen mit th- (thurnieren H. Sachs, Moscherosch, Schmidt
gesch. [1778]
s. u.A 2 b),
auf -yren (thornyren
Lancelot 1, 201
Kl.), -iren (thurniren Siber
gemma 122; turniren Simon Dach 576
Ö.; Kramer
teutsch-ital. 2 [1702] 1163
c;
br. d. br. Grimm an Benecke [1889] 46
W. Müller; durniren H. Sachs 2, 234
K.); -iern (thurniern S. Franck
s. u.A 2 b); -irn (thurnirn H. Sachs 1, 123
lit. ver.; turnirn Luther
w. 34, 1, 154
W.)
sowie mit -ou-
schreibung des stammvokals (tourniret
polit. klatschmaul [1683]
s. u.B 5; tourniren Sperander [1727]
s. u.B 5; Gaudy
s. u.B 1);
mnd. torneren Schiller-Lübben 4, 581;
mndl. tornieren Verwijs-Verdam 8, 590;
anord. turnera (
nur in der Beverssaga) Fritzner
23, 732;
isl. turnera ('
veraltet') Blöndal 872;
schwed. tornera Hellquist
31206;
dän. turnere
ordbog over det danske sprog 24 (1948) 1089.
in moderner mundart: turneren
brem.-nieders. wb. 5 (1771) 133; torneren Dähnert
plattdt. (
-pomm.) 492; tornêrn Danneil
altmärk. 226; torneïren Schmidt
Westerw. 259; Kehrein
Nassau 1, 406; turnieren Pfister
hess. 302; dùrnír Hertel
Thür. 249; turnieren, tornieren, tannieren Müller-Fraureuth
obers. 1, 268
u. 2, 766; Albrecht
Leipzig 225; turnieren, tunîrn, tumîrn, donniren Jungandreas
schl. zeitw. 102; tunīrn Wenisch
Nordwestböhmen 2, 33; Neubauer
Egerl. ma. 53; turnieren Schröer
ungr. 48; Lenz
Handschuhsh. 48;
bad. wb. 1, 613; durniərə, dorniərə, duniərə Fischer
schwäb. 2, 504; thurnieren (
abgestorben) Martin-Lienhart
elsäss. 2, 717; turniren
schweiz. bei Gotthelf
s. u.B 5; turnieren, tornieren Schmeller
bair. 1, 622. — turnieren
wurde im 12.
jh. aus afrz. torn(e)ier, tourn(o)ier
entlehnt (
s. auch dt. wortgesch. 1 [1943] 148
Maurer-Stroh sowie s. v. turnier),
dessen ursprüngliche bedeutung '(
das pferd)
wenden'
in wenigen dt. belegen (A 1)
fortlebt. als ritterlicher terminus (A 2)
findet sich turnieren
noch im modernen sprachgebrauch historischer darstellungen, vgl. turneien und 2turnen.
darüber hinaus erscheint turnieren
schon früh in anwendungsbereichen anderer art (B),
wobei besonders die vorstellung der lärmenden bewegung (B 5)
hervortritt, von der auch der gebrauch in den modernen mundarten bestimmt ist. AA.
als ritterlicher terminus. A@11) '(
das pferd)
wenden, tummeln': über diz allez lernet' er mit dem schilte und mit dem sper behendeclîche rîten, daz ors ze beiden sîten bescheidenlîche rüeren, von sprunge ez freche füeren, turnieren und leisiren, mit schenkelen sambelieren Gottfr. v. Straszburg
Tristan 2107
Bechstein; (
Roland) sagt, so wolte er das rosz sattelen lassen vnnd reiten ... an das orth, da man die pferdt pflegt zu turnieren P. v.
d. Aelst
Heymonskinder (1604) 74. A@22)
sich im ritterlichen waffenspiel üben, ein turnier
bestehen. A@2@aa)
absolut: es muoss noch sein ghofieret und ritterleich gturnieret durch die lieben Mätzen min! Heinr. Wittenweiler
ring 869
Wieszner; des dritten thurnierten die ritter, die die richsten waren und die werdsten
Lanzelot 1, 217
Kluge; vber essens wurd gesungen, darnach gerungen, gesprungen, getantzt, gefochten vnd thornirt Thym
Thedel v. Wallmoden (1558) 1343; wer ritterlich wil triumphirn, der musz auch ritterlich thurnirn Eyering
prov. cop. (1601) 1, 661; der mönch und die nonne zergeiszelten sich, und der eiserne ritter turnierte Schiller 11, 367
G.; der tapfre Tankred ritt vorlängst als leibrosz einen schwarzen hengst ... der trug ihn rasch durch feld und thal, half ihm turnieren Pfeffel
poet. vers. (1802) 8, 89; (
Caspar Bernauer:) ... ich begnügte mich immer, wie wir alle, die wir nicht turnieren, nur streiten, wenn es gilt, unser hab und gut zu vertheidigen, mit einer simpeln sturmhaube Hebbel
s. w. I 3, 169
Werner; man giebt turniere, bei denen der adel des landes die kosten nicht spart: zuweilen turnieren hundert ritter auf dem schloszhof Ranke
s. w. 38 (1874) 172; unter fortwährendem tanz wurden den turnierenden rittern die preise ... ausgetheilt Böhme
gesch. d. tanzes (1886) 75;
häufig neben stechen,
s. teil 10, 2, 1,
sp. 1231
u. 1269,
und rennen,
s. teil 8,
sp. 809: da sticht man und turniert und dienet schOenen frowen Seuse
dt. schr. 149
Bihlm.; und thut auch rennen und thurnieren zu meinem dienst H. Sachs 17, 115
lit. ver.; stachen mit jm, rantten scharff vnd turnierten
Fortunatus (1509) 102
ndr.; ritterspiel zu pflegen mit rennen, stechen und turnieren ist unter den herren und adel allweg gebrucht, insonders wann die keiser, künig oder gwaltige fürsten hochzite oder grossen hof gehalten Aeg. Tschudi
chron. Helvet. (1734) 1, 157; wäre Lother fromm und tapfer, ... so würde ... sein trachten und sinnen darnach stehen, oft zu turnieren und zu stechen Fr. Schlegel
s. w. (1846) 7, 157. A@2@bb)
mit präpositionalen ergänzungen verschiedener art: des montags nach dem Cristtag tornierten Galahotes ritter wiedder des koniges ritter
Lancelot 1, 512
Kluge; du stoltzer ritter, trit zu mir, so wil ich thurnieren mit dir H. Sachs 13, 190
lit. ver.; besonders in der wendung mit jemand um etwas turnieren: und mit im umb das pferdt turniert
Zimm. chron. 21, 54
Barack; reit er aber drein, sein boszheit zuo decken, vnd des adels freyheit vnd seiner vorfarn eer ... zuo genieszen, mit dem sol man vmb das pferd thurniern Seb. Franck
Germ. chron. (1538) 87
b; mit dem mag vnd soll man vmb das rosz thurnieren Moscherosch
gesichte 2 (1665) 415; der junge knecht turnierte eifrig mit seinen gefährten die ritterschaft zu lernen um besondere knechtspreise G. Freytag
ges. w. 18 (1888) 12.
vereinzelt auch sonst: das thurnieren zu ernst, oder das scharfrennen ... sollte man fast unsinn nennen Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 4, 425; viele hohe ritter des landes ... vor ihr turnirten mit speeren und lanzen Maler Müller
w. (1811) 1, 259; herr von Fouqué ist ein frommer rittersmann, der, weil es nicht mehr an der zeit ist, mit schwert und lanze zu turnieren, mit der feder in die schranken reitet W. Hauff
s. w. (1890) 2, 1, 127; zu pferde turnierte er (
Carl V.) bald in schranken, bald in offenem felde Ranke
s. w. 35 (1877) 95; weiber turnieren im männerkleid A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 1 (1878) 247
Schücking. A@33)
perfektiv '(
jem. im turnier)
niederwerfen': in hoffnung mich ueberraschten desto leichter aus dem sattel zu turnieren oder zu turnen? Fouqué
gefühle, bilder (1819) 2, 54; was müssen die alten für schöpse gewesen seyn! traten in der sturmhaube, im schweren panzer einher, turnirten einander nieder C. D. Schubart
ges. schr. (1839) 6, 202. BB.
in andere anwendungsbereiche übertragen, mit hervortreten verschiedener nebenvorstellungen, s. auch teil 12, 1,
sp. 2015
s. v. verturnieren. B@11)
etwas (
sich)
wenden, bewegen (
vgl.A 1): dat kyndelen in irme lybe ... iz wart also vro und blide, dat it turnierde und spilde (14.
jh.)
geistl. ged. 158
Heinzel in: zfda. 17, 17; ich lobe es (
das schlittenfahren) im freyen felde, da mag ich thurnieren nach meinem gefallen Chr. Weise
die drei ärgsten erznarren 190
ndr.; ist denn das so was übels, dasz du deswegen so tournirest? (
hin- u. herläufst vor erregung)
der verliebte u. galante student (1734) 136;
ironisch: und als herr kongresz nun müde ward von all dem saus und braus, tanz, karussel und schlittenfahrt und turnier, da tournirt' er nach haus Rückert
ges. poet. w. (1867) 1, 237;
vereinzelt objektbezogen: ich habe meinem rechten flügel, dem invaliden, eine seitenbewegung rechts, meinem linken, der magd, eine links aufgetragen, um dergestalt den feind zu tourniren und in die flanken zu fallen Gaudy
s. w. 24 (1844) 92; turnieren
im skatspiel eine der auf dem tisch liegenden karten umwenden, zeigen und zum trumpf machen (1907)
bad. wb. 1, 613.
auch in der wendung etwas spaszhaft turnieren '
es spaszhaft wenden': als er (
Werner) den mond mit einer hostia verglich, so wurde Goethe furios und grob und sagte, er solle was besseres machen. er turnirte es spaszhaft, aber kam immer wieder darauf zurück, dasz es dumm sei
in: Göthe
gespr. 2, 235
Biedermann. B@22)
kämpfen: er (
general) het turnieret um un um Hebel
w. 1, 70
Sütterlin. B@33)
wettkämpfe bestehen, wetteifern: demnach stunden wir auff und kamen auff den spielplatz, da man mit würffeln turnieret Grimmelshausen
Simpl. 151
Scholte; wie rüstig turnieren sie (
die stricknadeln) eine gegen die andere im ringelrennen, bis die siegerin eine ganze reihe von preisen aufzuweisen hat Holtei
erz. schr. 9 (1861) 14; (
ich) ärgerte mich aber, dasz er mit solchen reimereien überhaupt in die schranken ritt und mit turnieren wollte Fontane
ges. w. (1920) II 2, 212;
auch im sinne von '
nebenbuhler ausstechen, sich prahlerisch hervortun': ich will dir heut noch zu geld helffen, dasz ... du damit, wie vordem, beim schOenestem weiber-volck ... wieder, einem anderen gleich, zu turnieren anfangen kanst
frantzös. Simpliciss. (1683) 2, 391; welche hahnen zornig schwarze Indianen, solch hoffärtige gesellen, denen roth die hälse schwellen, die sich kollernd neidisch blähen, wenn sie rothe farben sehen, aufgespreizt mit hofmanieren um die hennen her turniren Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 5, 163. B@44)
ein streitgespräch führen, disputieren: der Luther wil mit dir (
Eck) studieren auf dem reichtstag zuo Worms durnieren und in künsten mit dir fechten
bei Schade
satiren u. pasquillen 2, 184; es seindt die maisten alhie in allerhandt handtwercken dergestalt geschaffen, das ich wol ursach hett, schir alle tag mit inen zu turnieren, also unbillig sindt sie (1561)
br. Friedrichs d. Frommen 1, 172
Kluckhohn; mit dem pater Lämmermann musz ... (
vom grafen von Nassau) wieder weidlich turnirt worden sein in geistlichen streitfragen Riehl
culturgesch. nov. (1862) 268; hochgestellte theologen nun turnierten mit der (
katholisch gewordenen) gräfin G. Keller
ges. w. (1889) 10, 190. B@55)
sich lärmend und tobend aufführen; in verschiedener sinnesfärbung: indessen turnieret das volck heraussen und schreiet noch immer darauff und erwartet das vom himmel herabfallende liecht mit grossem verlangen
F. F. v. Troilo
oriental. reise-beschr. (1676) 236; ob ihn nun zwar Eswara suchte abzutreiben, liesz er doch nicht ab, sondern brachte die andern hunde zugleich mit an, dasz sie ingesamt mit bellen und turnieren meinen posten bestürmten Ziegler
asiat. Banise (1689) 244; er turnirt wie der leibhaftige teufel
egli tempesta, grida, stride ... fà il diavolo à quattro Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1163
c; er schreiet, er turnirt, er schmeiszt auf den tisch v. Loen
ges. kl. schr. (1749) 1, 30; hörst du das pferd turnieren? es zersprengt wahrscheinlich den halfter und treibt unfug Schilling
s. schr. (1828) 70, 43; jetzt, ihr ketzer, ihr schwernöthige (
glücksschuhe, die nachts in der truhe rumoren), jetzt bocket, gampet und durnieret, wenn ihr könnt Mörike
Stuttgarter hutzelmännlein (1853) 61; man kann sich nicht vorstellen, wie die frau in der küche turnirte, wie sie die küchlein herumschlug Gotthelf
ges. schr. (1856) 1, 86;
so noch mundartlich nachweisbar (
s. brem.-nieders. 5 [1771] 133; Dähnert
plattdt. wb. [
pomm.-rüg.] 492; Lenz
Handschuhsh. 48
b; Schmidt
Westerw. 259; Pfister
hess. 302; Hertel
Thür. 249; Müller-Fraureuth
obers. 1, 268; Albrecht
Leipzig 225
b; Jungandreas
schl. zeitw. 102; Wenisch
Nordwestb. 33; Schröer
beitr. z. dt. ma. d. ungr. bergl. 48; Neubauer
Egerl. 53; Schmeller
bair. 1, 622; Fischer
schwäb. 2, 504
und Martin-Lienhart
elsäss. 2, 717).
im sinne von '
wüten, hausen': biss sie in trckische weiss werden der Christen kreiss erlangen vnd werden als Trcken turniren vnd frfahren Paracelsus
op. (1616) 2, 622
Huser; die turnierten lang im lande, sengt- un brannten, das war arg Döring
ged. (1820) 25; turnier' der sturm solang er will Hebel
w. 1, 113
Sütterlin. häufig gleichbedeutend mit '
lärmend zechen, schwärmen': wo man alle tag fasznacht helt vnd torniert mit wein und bierglesern, da ist fehrlich seine kinder dienen lassen Petri
d. Teutschen weiszh. (1604) 2, Nnn 1
a; (
die handwerksburschen) sind nicht mehr in ihren conventiculis, krügen oder kretzschmaren fein sitsam oder sedati, sondern turniren und schwärmen viel ärger, als etwan daheime bey ihren meistern die wütende und mahnende rotte Praetorius
philosophia colus (1662) 186; es heist: seht, wie man junge leute, wie man dem mann die frau verführt, wie man von einem abend heute bis auf den morgen früh turniert Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 4, 471; der ... muthwillen ... mit sauffen, buhlen, tourniren, schiessen
qu. v. j. 1739
bei Fischer
schwäb. 2, 504; herr Spazzo, der im februar tapfer hinter den weinkrügen turniert hatte Scheffel
ges. w. (1907) 1, 232.
ferner im sinne von '
schelten, fluchen, poltern': die frau fängt gewaltig an zu torniren
qu. v. j. 1698
bei Müller-Fraureuth
obersächs. 1, 268; tourniren
fluchen, schelten Sperander (1727) 746
a; he turneerde mit sinem volke, dat man't in't drudde huus hOeren konde '
er schmählte so heftig auf sein gesinde, dasz es die nachbarschaft hörte'
brem.-nieders. wb. 5 (1771) 133; er ka nehnts, als wettara und durmira
d. i. schwören und rasen qu. v. j. 1787
bei Fischer
schwäb. 2, 504;
so noch mundartlich bezeugt: tornêrn
seinen unmuth laut und anhaltend äuszern Danneil
altmärk. 226; turnieren
lärmen (
d schelten) Jungandreas
schl. zeitw. 102.
gelegentlich auch sonst für '
lärmendes treiben'
verschiedener art: es rumpelt und tourniret in den geigen, als wenn sie voll teufel wären
polit. klatschmaul (1683) 87; glaubt, wenn in Spanien ein stier und ritter ficht, so hOeret man frwahr ein solch turnieren nicht H. v. Hoffmannswaldau
u. a. Dt. ged. (1697) 6, 83
Neukirch; dasz, wenn ein mietman aus furcht fr denen gespenstern und, weil er wegen des teuffelischen turnierens nicht lAenger in dem hause bleiben kOenne, auszuziehen genOethiget wurde, er so dann keinen mietzins ferner zu zahlen schuldig wAere Thomasius
ernsth. ged. u. erinn. (1720) 3, 361; da gab's ein schrecklich turniren und jagen in der luft; ich dachte, diesmal kriegen sie (
die wettermacher) streit unter sich J. H. Schmitz
sitten u. sagen d. Eifler volkes 1 (1856) 99.