sühnen,
vb. ,
richten, (
einen streit)
beilegen, versöhnen, wiedergutmachen, genugtuung leisten, entsühnen; ostfries. küssen. herkunft und form. ahd. sônan, suonan, suanan,
mhd. suonen, süenen,
as. gisonian,
mnd. sonen, swonen,
mnl. zoenen;
afries. sēna;
entlehnt aus dem mnd. sind norw. sona '
versöhnen',
schw. sona ('
poetische verkürzung aus försona' Hellquist 825),
dän. sone, forsone,
s. Torp 682, Falk-Torp 1108. —
kontinental-wgerm. * sonjan
gilt als ableitung von *sōna,
doch vgl. die oben unter sühne
sp. 1012
im hinblick auf norw. svaana '
einschläfern, stillen'
u. s. w. geäuszerten zweifel. die alte umlautlose form suonen
im südwestdt. bis ins spätmhd.: gesuonet (
Isenburg 13.
jh.) Höfer
ausgew. urkd. 19; suont Ulrich v.
d. Türlin
Willeh. 306; gesuonet (1389)
urkdb. d. st. Eszlingen 295
Diehl; suonde (15.
jh.)
schweiz. id. 7, 1107. sounen vreden (15.
jh. nd.) Diefenbach
n. gl. 105
a; sovnen
mecklenburg. urkb. 18, 44.
monophthongierung zu u
wieder besonders md.: sunen
Sachsenspiegel I 38 § 1
Weiske; zu sunene (1330)
hess. urkb. 2, 395
Wyss; gesunet (
Berncastel 1315)
weist. 2, 354; zunen (1350)
lehnsurkd. Schles. 1, 494; sunen Luther 32, 331
W.; 10, 2, 387
W.; gesumpt (14.
jh.)
hans. urkb. 3, 307; gesunet (1372)
meckl. urkb. 18, 177.
seit dem 13.
jh. begegnen umgelautete formen und verdrängen allmählich die andern: süenen
Kudrun 831; (1429)
schweiz. id. 7, 1107; gesüent U. Füetrer
bayr. chron. 163. snen Suchenwirt 2, 49
Primisser; sünte (1315)
mon. Germ. hist. leg. IV 5, 259; suinen
bei Scherz-Oberlin 1601; snen Luther 5, 103
Bindseil. gelegentlich entrundet: sienen
bei Schmeller-Fr. 2, 303
a; gesienet
Alsfeld. passionssp. 7480; Murner
narrenbeschw. 208
ndr. ö
beginnt als stammvokal im 13.
jh. besonders md. und nd. aufzutreten. es hat sich aber beim simplex ebensowenig wie beim subst. sühne (
s. d. sp. 1013)
durchzusetzen vermocht. doch hat diese mundartliche form unter dem einflusz von versöhnen (
s. teil 12,
sp. 1350)
zu einer bedeutungsdifferenzierung geführt, derart dasz versöhnen
und die ö-
formen von sühnen
in neuerer zeit nur noch in der bedeutung '
versöhnen'
gebraucht werden: gesöndt (1269)
bei Schmeller-Fr. 2, 303
a; soenen (15.
jh. md.) Diefenbach 594
c; soenen
Alsfeld. pass. 7050
Grein; hertzog Aymonts süne (1535) c 4
b; gesönet (
Nürnberg 15.
jh.)
chr. d. dt. st. 2, 346; Nigrinus
papist. inquisit. (1582) 391; soenden (
Lübeck 15.
jh.)
chr. d. dt. st. 30, 100; söneten (1578)
weist. 5, 243. Luther
verwendet unter bevorzugung der alten beide formen. Harsdörffer
t. secret. (1656) 1, 531,
wie Stieler
stammbaum (1691) 2056
haben sühnen
neben söhnen.
in neuerer zeit hat Gotter 1, 229
nur söhnen; Klopstock
gibt söhnen
den vorzug. bedeutung und gebrauch. ursprünglich wie das zugehörige subst. sühne
ein wort der rechtssprache und als solches in der bedeutung '
richten'
schon ahd. darnach von mhd. zeit bis Luther
einschlieszlich häufig verwendet, wenn auch niemals in der fülle des subst. seit dem 16.
jh. verschwindet es bis zur ersten hälfte des 18.
jh. immer mehr aus der lebendigen sprache, doch hat Luthers
bibelübersetzung ebenso wie das subst. so auch das verb. vor dem untergang bewahrt; lexikalisch bis in den anfang des 18.
jh. gebucht: Faber
thes. (1587) 621
a; Stieler (1691) 2065; Ludwig
teutsch-engl. (1716) 1724 (
neben versöhnen);
noch Adelung 4 (1780) 748
nennt es veraltet. durch Klopstock, Herder
und Göthe
wird sühnen, söhnen
neu belebt, und so von Campe
in beiden formen söhnen 4 (1810) 466
und sühnen 748
ohne einschränkung verzeichnet. seitdem ist sühnen
wieder ein häufig verwendetes wort der hochsprache, doch in einem gegenüber dem alten gebrauch verengerten bedeutungsumfang, s. 2 a,
der sich im wesentlichen auf '
wiedergutmachen' (
s. u. 4)
und '
entsühnen' (
s. u. 5)
beschränkt. für die verwendung '
versöhnen, sich versöhnen'
ist neben sühnen versöhnen
üblicher geworden (
s. 2 b
und 3).
die mundarten kennen das wort im allgemeinen nicht mehr. 11)
richten, einen urteilspruch fällen. nur im ahd.: uf steig ci himilom ... thanan cumftiger ci suananne lebente endi tote (
Weiszenburg. katech.)
kl. ahd. sprachdenkm. 33, 104
Steinm.; vgl. ebda 202, 28; 229, 1
u. ö., ferner Muspilli 85; 71; Otfrid IV 29, 15;
judex ad requirendum soneo ze sonene
ahd. gl. 4, 681, 31
St.-S. vgl. dazu noch in den glossen komposita wie: dejudicat pisonit (
K; Pa)
ahd. gl. 1, 64, 30;
discernit dejudicat zascaidit casonit (
Pa; Ka) 1, 104, 32
u. andere. 22)
einen ausgleich herbeiführen, zu einem ausgleich kommen: foederavit, pacificavit cafoagida, casoanta (
Pa; K; Ra)
ahd. gl. 152, 40
St.-S.; componere sounen vreden (15.
jh. nd.) Diefenbach
n. gl. 105
a;
treugare soenen, friedemachen, velichen (
md. 15.
jh.)
gloss. 594
c;
vgl. nl.: pacificare soynen peysen v.
d. Schueren
Teuthon. 363
Verd. 2@aa)
mit dem akkusativ der sache (
gern durch das neutr. eines pronom. ausgedrückt),
lebendig und häufig nur auf älterer sprachstufe, im mnd., mhd. sowie im altfries., besonders urkundlich (
vgl. Schiller-Lübben 4, 292;
mhd. wb. 2, 2, 750, Lexer 2, 1287
sowie Richthofen
altfries. wb. 1007);
nur vereinzelte zeugnisse reichen in die frühnhd. zeit bis zur mitte des 16.
jh. (
s. u. Luther);
heute nur gelegentlich in altertümlicher sprache oder in histor. darstellung. '
zwistigkeiten beilegen',
und zwar privatrechtliche, vgl. Heliand 1627
S.; altfries. als thio seke sened is Richthofen
rechtsqu. 387, 3: es nâhet gegen der suone tage, daz got wil suonen alle klage der Marner 83
Strauch; kyff nicht to sonende
mnd. katechismus in: zs. f. dt. phil. 13, 22
anm. 3; dri bidderb manne, die solichs gesunet hetten in vorgenanter redden (
Kreuznach 1440)
bei H. Loersch
der Ingelheimer oberhof (1885) 104. —
eine fehde, einen krieg beenden: alle herren und de vorsten, de syk vorbunden hadden teghen de stede, ... sOenden dat orlich myt den steden (15.
jh. Lübeck)
chr. d. dt. st. 30, 100; daz he (
landgraf Hermann) den krig nit sonen enwolde bi jaren unde dagen Tilemann
Limburg. chron. 63, 7
Wyss. —
endgültig frieden schlieszen im gegensatz zum waffenstillstand: dar wart dat orloch twisschen ... to eneme vrede sproken, unde wart darna nicht lange gesonet
bei Schiller-Lübben 4, 292
b;
in altertümlicher redeweise auch in neuerer zeit: (
zwei könige beanspruchten beide dasselbe land für sich) das wollten weise leute sühnen, aber die herren wollten es ausfechten
dt. sagen 2, 69.
häufig in stehender verbindung mit synonymen, vgl. sühne 2 e
α und γ: (
alle streitigkeiten sollen) gezonet unde gerichtet wesen (1435)
urkb. d. st. Hildesheim 4, 176
D.; frome ... nachbarn, die hadder und zwitracht ... unter ... nachbarn richten, sunen Luther 32, 331, 29
W.; dusse ... veyde is fruntlik vorrichtet und gezoent (1528)
urkb. d. st. Göttingen a. d. 16.
jh. 181
H.-K.; dat hiirmede ... alle broeken, veden ind ongunste ... guetliken verleken, hynnen gelacht, gescheiden ind geswoent wesen (
Unna 1444)
stadtr. d. grafschaft Mark 3, 70; ind wy ... en willen van den veden nyet swoenen noch vreden (1444)
urkb. f. d. gesch. d. Niederrheins 4, 314
Lacomblet. von autoritativ geschlichtetem streit: er (
der träger der krone) süenet und vridet Reinmar von Zweter 148, 6
Roethe; wir ... raetlude und soenlude gecorin ... bekennin uns ... umbe allin den krich ... umbe den zu soene und si dy vorgenanten partien endrechtich zu machene (1332)
hess. urkb. I 2, 414
Wyss; vgl. altfries.: al deer epenbeer stryd ... is, dat schillet da riuchteren riucht sena (
judices ... discordantes ad pacem studeant revocare) Richthofen
rechtsqu. 104, 20.
von privatklagen, die ohne inanspruchnahme eines gerichtsurteils beendet werden: kemphen und ... spillûte und die dûbe oder roub sûnen oder wider geben, und sie des vor gerichte verwunden werden ... die sint rechtelos
Sachsenspiegel I 38 § 1
Weiske; darnach noch Chr. Zobel
sechsisch lehenrecht (1537) 8
a; alle klegde, di an den eit ruren, werdent die âne eide gesunt, sol der, den di clage aneget, dem amptmann 1
β hlr richten (15.
jh.)
weist. 5, 677. —
alt und formelhaft sühne sühnen: ich ... bekenne ... de sone, de wy ghesonet hebbet (1348)
Diepholz. urkb. 30
v. Hodenberg; unde clageden, dat en sone ware sonet tuischen em (
Bremen 1331)
bei Schiller-Lübben 4, 292
b;
vgl. altfries. sa hwer sa ma enne tichta lat opa enne mon, thet hi ene sone send hebbe Richthofen
afries. rechtsqu. 541, 4.
nicht selten ist ellipse des objekts, z. b.: sanfte zürnen, sêre süenen, deis der minne reht Walther von der Vogelweide 70, 6
L.; wie (
d. rat zu Lüneburg) ... hebben vruntliken vorlikent unde ghezOenet under andere stucken, de twisghen en unde uns ghedeghedinghet syn (1374)
meckl. urkb. 18, 457;
nach altem sprachgebrauch: wo die sühne nach der klage verboten ist, wird mitunter nur bestimmt, dasz der kläger, der unbefugterweise gesühnt hat, trotz der sühne seine klage durchführen musz His
strafrecht d. dt. mittelalters 1, 316. 2@bb)
mit besonderer hervorhebung der beteiligten personen, mit jemandem (
durch eine bestimmte leistung)
zum ausgleich kommen, (
sich)
versöhnen. dieser gebrauch überdauert die mhd. zeit und hat sich vereinzelt bis heute gehalten, wenn auch im allg. versöhnen
in diesem falle an seine stelle getreten ist, s. teil 12, 1351.
wo immer er aber in neuerer sprache angewendet wird, erhält diese dadurch einen besonderen stimmungsgehalt. 2@b@aα)
meist reflexiv vom friedensschlusz zweier parteien, in reicher fülle: daz si sich suonden noch mit in Konrad von Würzburg
Troj. 47276; daz wir uns sünte mit unseme ohem (1315)
mon. Germ. hist. leg. IV 5, 259; unde soneten sich von stunt der rat und die gemeinde Tilemann
Limburg. chron. 88
Wyss; die könige haben sich untereinander gesünet Wigand Gerstenberg
chron. 29
Diemar; hertzog Bene hat sich nie mit mir sönen wöllen, aber ytzt will ichs im vergelten
hertzog Aymonts süne (1535) c 4
b; es haben sich diszmahl der keyser und der bapst gesönet Nigrinus
papist. inquisit. (1582) 391;
im anschlusz an alten gebrauch auch in neuerer sprache: (
Gunther:) sie (
Brunhild nach dem streit vor dem münster) um mittag hier im saale mich zu sprechen. begehrt gewisz, sie fühlt dasz sie sich sühnen musz Geibel
ges. w. (1883) 6, 68.
auch hier häufig in verbindung mit synonymen verben: (
unsere bürger sollen) sich ... fryden unde sonen myt iren vigenden Tilemann
Limburg. chron. 145, 28
Wyss; daz her sich gutlich med uch einte unde ... sunte Kö
d. von Salfeld
leb. d. hl. Ludwig 38, 11
Rückert; wan sich ... rat und burger ... mit uns gesuonet und verricht hnt (1389)
urkb. d. stadt Eszlingen 295
Diehl; sik sonen, daghen eder vreden
mecklenb. urkb. 16, 279; wir sullen uns mit ... herzog Ludwigen ... weder vriden noch snen noch vertaidingen (1324)
mon. Germ. hist. leg. IV 5, 828; das wir ... uns mit deme selben bischofe ... nymmer gefreden zunen adir berichten wollen (1350)
lehnsurkd. Schlesiens 1, 494. 2@b@bβ)
passivisch, im part. prät., '
zu vergleich und frieden gelangt': (
hiermit) sin wir ... mit dem ... erzbischoffe ... gesuonet (1322)
mon. Germ. hist. leg. IV 5, 531, 10; wann unser herren die fürsten mit unsern herren vom rate ... auf rechtlichen austrag für unsern gnedigisten herren den römischen küng gütlich gericht und gesönet sein (15.
jh. Nürnberg)
chron. d. dt. st. 2, 346, 8; de sulven vorbenante parte fruntliken voreniget, gerichtet und gesonet aller schelinge (1445)
urkb. d. st. Hildesheim 4, 449
D.; (
der todschläger wird friedlos gelegt) totter tyt dat hy mit des doden maghen soent ist
Westfries. dingtal bei His
strafrecht d. dt. mittelalters 1, 299
anm. 2; also ward er mit dem künig wider gesüent U. Füetrer
bayr. chron. 163. —
vom beleidigten her gesehen, '
durch genugtuung zufrieden gestellt': wir ... duon kunt ... dat wir bit der edilre vrouwen Mechtilden ... van alle der anesprache unde der vorderingen, die wir op si hadden, ... gesuonet sin (13.
jh.)
Isenburg. urfehdebrief in: Höfer
ausw. d. ältest. urkd. dt. sprache (1835) 19
f. 33)
versöhnen. das hauptgewicht liegt hier mehr auf der inneren umwandlung der früheren gegner. in dieser bedeutungsnuancierung hat sich sühnen
neben dem freilich üblicheren versöhnen
bis heute lebendig erhalten. 3@aa)
nicht der gekränkte selbst, sondern die gemütsstimmung des beleidigten erscheint als das objekt des sühnens: dasz ich solde sœnen mins vatter zorn
Alsfeld. passionsspiel 7050
Grein; die Pythias gebot: sühnt Minos zorn! und unerbittlich wie der Hades war der fürst von Kreta grafen Stolberg
ges. w. (1820) 4, 6; da die erbitterung, welche eben zu sühnen ist, gegen jenen stärker ist als gegen diesen Th. Mommsen
röm. gesch. 1, 140; denn es waltete ... doch ein offener und geheimer hasz gegen ihn, den er durch den tod der ... Küngolt zu sühnen hoffte G. Keller
ges. w. 5, 241. 3@bb)
die gottheit, höhere mächte versöhnen, in dichterisch gehobener sprache: die ewige gerechtigkeit zu sühnen, starb an dem holze gottes sohn Schiller 5, 447
G.; denn er (
Apollo) wird nicht eher die hand von der seuche zurückziehen bis Agamemnon dem vater das mädchen ... wieder sendet gen Chryse; dann mögen wir wieder ihn sühnen grafen Stolberg
ges. w. (1820) 11, 9; gegen fremdlinge ... grausam, sühnten sie auch ihre gottheiten mit menschenblut J. H. Voss
antisymb. (1824) 1, 174; es war der scheidende gott meines volks! ... und ihn zu sühnen ging ich hin Hölderlin
ges. dicht. 2, 231
L.; und stürmend drängt sich zum prytanen das volk, es fordert seine wut zu rächen des erschlagnen manen, zu sühnen mit des mörders blut Schiller 11, 242
G.; zündet mit zunder opfer, zu sühnen des furchtbaren macht!
Z. Werner
kreuz an d. Ostsee (1806) 46; mit den kronen meiner schönsten stunden sühnt ich das verfolgende geschick Tiedge
w. (1823) 2, 141; als dies opfer verschlungen war, schienen die schicksalsmächte wieder gesühnt H. Laube
ges. schr. (1875) 5, 136; sühnt die geister der ahnen mit blut Rückert
Firdosi 1, 247
Bayer. 3@cc)
mehrere personen miteinander versöhnen. schon spätahd.: (thaz ih) ... zuuene nigisuonta (
Fuldaer beichte) Steinmeyer
kl. ahd. sprachdenkm. 327, 12;
vgl. 330, 15; 319, 26 (
as. beichte); hêr keiser, swenne ir Tiuschen fride gemachet stæte bi der wide ... und süenent al die kristenheit: daz tiuret iuch, und müet die heiden sêre Walther von der Vogelweide 12, 22
L.; myt groter wisheit he (
der kaiser) do sonde de weldigen ... forsten unde makede se alle to vronde (
Lübeck)
chr. d. dt. st. 19, 29; ein fridsame, haylsame tzunge, die niemant schadet und yderman frummet, die die uneynigen sunet Luther 7, 213
W.; o, dasz ich der beglückte sei, der ... dich mit der freude wieder söhne! Fr. W. Gotter
ged. 1 (1787) 229.
äuszerlich gesehen mit sachlichem objekt (
wie unter a): frome nachbarn, die hadder und zwitracht unter nachbarn richten, sunen und wegnemen Luther 32, 331
W.; ein luchs, beiden theilen verwandt, sucht die feindschaft zu sühnen J. Grimm
Reinhart fuchs vorr. cv. 3@dd)
sich versöhnen: die (
friedsamen) sorgent zuo dem suontage, si suonent sih hie unz si magen
paternoster bei Müllenhoff-Scherer
denkm.3 1, 165;
in moderner sprache nur dichterisch: groszmütig will er sich auf immer mit dir söhnen Fr. W. Gotter
ged. 2 (1788) 59; sterbend er sich mit dem enkel sühnte! Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 6, 143; hier lieg ich, umfassend deine knie, und bitte dich mit gott und mit der menschheit dich zu sühnen
Z. Werner
söhne des thales (1804) 2, 29;
mundartlich in Ostfriesland: se hebben frede makt und sük sônd Doornkaat-Koolman 3, 257
b. 44)
wiedergutmachen. meist mit dem akk. der sache, die geleistete busze und sühne gegebenenfalls durch einen präpositionalen ausdruck angeschlossen. das zeitliche vorkommen deckt sich mit dem von sühne 5,
vereinzelt mhd. und frühnhd., dann erst wieder im 19.
jh. 4@aa)
wiedergutmachen, bessern: ergetze mich der leide,di mir von dir sint geschehen, und süene iz, rîter küene
Nib. 2273; wunden kan man verbinden, scheltwort kan man snen Luther
bibel 5, 103
Bindseil; alle menschliche gebrechen sühnet reine menschlichkeit Göthe 4, 277
W.; doch haben wir bald abverdienet? wird doch selbst missetat gesühnet, du, guter väter sohn! J. H. Voss
s. ged. (1802) 2, 68; ich tat unrecht vorhin und will es sühnen Fouqué
held d. nordens (1810) 2, 140; und der jungfrau heldenfüsze traten auf das haupt der schlange, kindisch ihre schuld zu sühnen gibt den kranz ihr Rosablanka Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 3, 8; sühnt auch diese gedanken mein tropfendes blut? J. Hart
bei Arent
mod. dichtercharakt. (1885) 48; welcher tat wir uns erkühnen, weisz die welt. die schande sühnen soll das unbeschimpfte blut Fr. A. v. Stägemann
kriegsgesänge (1813) 106; Carus, unser imperator, sühnt nun auch die letzte schmach Platen
w. 1, 8
R.; die geschichte hat ... gelehrt, wohin solche miszgriffe führen, und dasz sie nur durch umkehr zum geiste der nation zu sühnen sind A. Ruge
briefw. u. tageb. 2, 40
Nerrlich; es musz verlangt werden, dasz die jetzigen fürsten ... diese schuld erkennen und zu sühnen suchen P. de Lagarde
dt. schr. (1886) 24; manche haben unser wort sünde aus sühnen erklärt, so dasz sünde wäre das was gesühnt werden musz J. Grimm
kl. schr. 5, 290; aber solche makel hat der tod gesühnt O. Jahn
Mozart 3, 253; ob er (
der täter) ... die unthat durch buszzahlung sühnen wolle H. Brunner
dt. rechtsgesch. 1, 163; die Nemesis ... sühnt nicht immer blut mit blut Mommsen
röm. gesch. 2, 314; die damen verleumden an meinem tische! das fordert blut! ... der alte cyniker lächelte, sein rotweinglas neufüllend: ich denke, wir sühnen es mit diesem hier H. v. Kahlenberg
familie Barchwitz (1902) 42. —
mitunter vertritt ein objektsatz den einfachen akkusativ: alsus zürne ich und süene, beide, nu vil manic jâr daz mich diu minne nie gevrumte als umb ein hâr
minnesinger 1, 314
a v. d. Hagen; zuerst müsse der könig selbst sühnen, dasz er nach Italien gekommen Niebuhr
röm. gesch. 3, 556; ich ... bin bereit ..., durch brüderliche pflege an ihnen ... zu sühnen, ... was ... heiszes blut ... gesündiget Holtei
erz. schr. 11, 302; das versprechen ..., bei dieser tochter das zu sühnen, was an der mutter verbrochen war H. Seidel
vorstadtgesch. (1880) 95; könig Ludwig will sühnen und bessern, was er dir und dem lande zu leide gethan hat G. Freytag
ges. w. 2, 62. 4@bb)
der staatlichen gewalt die verfallene busze bezahlen und ihr dadurch genugtuung verschaffen. besonders niederrheinisch, vgl. dazu Verwijs-Verdam
mnl. wb. 7, 2567;
overyssel. stadtrechte 12, 13
u. ö.: ob sich zwen oder mehr schlugen in eines offenen wirtshaus, dasz die hofstat dem vogt nit zins gebe, und söneten sich uf wallstatt, die soneten einem vogt die hochste busz abe (
Sprendlingen 1578)
weistümer 5, 243; die träger der öffentlichen gewalt, denen gesühnt wird, sind in der ältesten zeit die rechtsgenossen selbst v. Amira
grundrisz d. germ. rechts (1913) 244. 4@cc)
im religiös-kultischen sinne das buszetun für eine sünde und ihr wiedergutmachen, neigt stark zu 5: das sühnend opferlamm ... das meiner sünden schulden musz bezahlen G. Treuer
dt. Dädalus (1675) 1, 314; wem tut Jupiter unsre schuld zu sühnen auftrag Herder
s. w. 26, 226
S.; die er erschütterte, die heilgen mauern ... hat er in uns erbaut zu langem dauern durch seiner busze sühnende geduld Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 1, 201; die unbewuszte (
verletzung des dies nefastus) konnte ... mittelst eines piaculum gesühnt werden R. v. Jhering
geist d. röm. rechts 2, 677; wenn es ... bei den Maori vorkam, dasz tabubruch durch zahlung ... oder busze gesühnt werden konnte Ratzel
völkerkde (1885) 2, 212; nur die 'allerschwerste schuld' ... kann auch des meisters gnade nicht sühnen Treitschke
hist. u. polit. aufsätze5 2, 35. 55)
entsühnen, kultisch reinigen. berührungen mit 3 b '
die gottheit versöhnen'
und 4 c '
eine sünde abbüszen'
liegen fast überall vor. der bedeutungsgehalt dieser gruppen ist hier zur prägnanz gesteigert, besonders in der hohen poesie. ansätze dazu sind durch den kerngehalt der christlichen religion seit alters gegeben: du suondost unsih mit dinemo bluote Notker
ps. 129, 4 (2, 561, 13
P.); Amos sohn, der grosze prophet des söhnenden opfers Klopstock
Messias 10, 428; deine verlangen will ich ... dem söhnenden kund thun 1, 512; in dir weile ich flammend, du gibst mir lindernde öle, und so sühnt sich in dir, opfernd den göttern, der sturm Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 2, 484; es scheuch ihn von den altären unsichtbarer zorn des vaters, dasz herbergen, sühnen keiner ihn darf Droysen
Äschylus (1868) 85; Wittelsbach ist nun der erde gleich, und eine kirche wird sühnend stehn auf der verfluchten stätte E. Raupach
dram. w. ernster gatt. 8, 165; so reicht im becher mir den zaubertrank ... aus eisgem quell und sühnendem blut gemischt A. Wilbrandt
Kriemhild (1877) 61; tief von der liebe verschönt steiget die göttin zum meer dasz sie sich sühnend versöhnt — rosen des lichts um sie her R. G. Binding
die geliebten (1935) 63; denn das schattige thal wird belebt durch den pythischen aufzug ..., welcher vom heiligen lorbeer die sühnenden zweige bricht Humboldt
kosmos 2, 14; nachdem Solon das attische land durch Epimenides von Kreta hatte sühnen lassen Droysen
Äschylus (1841) 5; auch den gesichtspunkt ..., seinen tod als sühnenden opfertod zu betrachten D. Fr. Strausz
ges. schr. 3, 266; die menschenopfer waren ... sühnopfer oder ... todesstrafen, die als sühnende kultusakte, supplicia, von priestern ... vollzogen wurden E. H. Meyer
germ. mythologie 199;
hierher auch, ins weltliche gewandt: die geschichte der ... notare war in der sühnenden stille der strafgefängnisse eingeschlafen G. Keller
ges. w. 8, 332. 66)
küssen. nur mundartlich im niederdeutschen, stammt aus dem niederländischen wie sühne '
kusz',
s.sühne 7,
ist aber älter und reicht weiter als dieses: suaviare sonen (
gemma gemm. Cöln 1507) Diefenbach
gl. 558
c; soonen, suunen
küssen Stürenburg
ostfries. 249
a; wen fründe bin ander kamen, den sonen se sük Doornkaat-Koolman 3, 257
b; sünen
küssen Schütze
holst. 4, 158.
die ältesten nl. belege s. bei Verwijs-Verdam
mnl. wdb. 8, 1476.