sühne,
f. ,
in älterer sprache und mundartlich auch m.: compositio, concordia, amicitia, pax; nur ahd. überwiegend judicium; beilegung, versöhnung; genugtuung, wiedergutmachung, wergeld, strafe; entsühnung; landschaftlich begrenzt kusz. herkunft und form. 11)
herkunft. das wort ist sicher nur auf dem westgerm. kontinent bezeugt: ahd. sona, suona,
mhd. suon (
auch m.), suone, süen(e);
as. suona,
mnd. son,
m., sone, swone;
mnl. soen (
auch m.), soene, swoene;
nl. zoen,
m.; afries. sōne.
entlehnt sind aschwed. sone,
m., sona,
ädän. sone,
s. Falk-Torp 1108.
die grundform ist *swōnō,
s. Wilmanns I 158, Franck-van Wijk 824, Fick 3
4, 556.
wenig glaubhaft wird auszerdem noch der ostgot. personenname Sona, Suna (Wrede
sprache d. Ostgoten 113, Schönfeld
wb. d. altgerm. personen- u. völkernamen 209,
vgl. aber bewahrtes swō
in got. swogatjan)
und an. Són '
name des berühmten kessels, in dem ein teil des dichtertrankes aufbewahrt wird' (
nach Kock
idg. forsch. 10, 109 Són
aus *Soþn
zu sióþa '
sieden')
herangezogen. sicher gehört trotz Kluge-Götze 606
nicht hierher an. sonar-
in sonardreyre '
eberblut', sonargltr '
opfereber' (
wörtlich '
herdeneber',
vgl. langob. sonarpair '
verres qui omnes alios verres in grege batuit et vincit'),
weil ags. sunor '
wildschweinherde'
entspricht, s. Sievers
beitr. 16, 540
ff. —
dagegen hat das nach allgemeiner annahme denominative verbum *sonjan
seine ablautenden verwandten in norw. svaana '
einschläfern, stillen', svaanast '
gelindert, gestillt werden, nachlassen (
bes. vom schmerz)', svana '
zurückgehen (
von der geschwulst),
abnehmen, gelindert, gestillt werden'
und vielleicht ist auch sona
in der bedeutung '
einen streit schlichten, etwas ausgleichen, vertuschen'
einheimisch (
sicher aber entlehnt in der bedeutung '
versöhnen').
danach wäre die grundbedeutung des verbs '
schlichten, beschwichtigen, stillen'
und die des substantivs '
schlichtung, beschwichtigung, beruhigung'
; das führt auf die vermutung, dasz nicht das verbum vom substantivum abgeleitet, sondern umgekehrt das substantivum eine retrograde bildung aus dem verbum ist. —
ob als erweiterungen der grundwurzel swē, swō
weiter anzureihen sind an. sóa '
opfern, töten' (
aus swōh-?),
ags. geswógen '
ohnmächtig, still, tot', geswógung '
ohnmacht' (
vgl. norw. sonast '
ohnmächtig werden')
und ags. swaðrian, sweðrian '
sich zurückziehen, verschwinden, nachlassen',
ist sehr zweifelhaft. auszergermanische verwandte fehlen. vgl. auszer dem genannten noch Torp 682, 749, 751. 22)
geschlecht. schriftsprachlich ist in neuerer zeit das femininum das allein übliche genus. daneben findet sich in allen mundarten das maskulinum. im ganzen überwiegt im nord- und mitteldeutschen das fem., während im obd. seit mhd. zeit das mask. an raum gewinnt und in den mittleren jahrhunderten das fem. z. t. zurückgedrängt hat; vgl. schweiz. id. 7, 1107: in fridebærem suon Ottokar von Steiermark
reimchron. 45242
Seem., daneben 14764
das fem.; in ein suon
Walberan 585
im dt. heldenbuch 1, 246; ein gantzen ... suon (
Augsburg 1374)
chron. d. dt. städte 4, 178; ein suon (1302)
hs. des königs Albert, eyne suone
hs. des erzbischofs von Köln mon. Germ. hist. leg. IV 4, 1, 129; rechten son
Hätzlerin 149
a;
st. Georgener pred. 297, 15
R.; K. v. Helmsdorf
spiegel 112
b Lindquist; dinen suon
könig vom Odenwalde 10, 44
Schr.; ein ganzir sûn
md. ged. 97, 453
Bartsch; einen son
script. rer. Brunsvic. 3, 363; enen sone (1414)
ostfries. urkb. 2, 718
Friedländer; rechtsbuch von Zierickzee 476
bei His
strafrecht d. dt. mittelalters 1, 298
anm. 5; söne,
m., P. Jensen
nordfries. sprache der Wiedingharde (1927) 548. 33)
lautform. ahd. sona (
Pa; K)
ahd. gl. 1, 62, 8; 1, 716, 62; 2, 277, 49;
diphthongiert suona
Musp. 78
Steinm.; suana
ahd. gl. (
Rb) 1, 409, 44; 4, 6, 2;
Benedict. regel bei Steinmeyer
sprachdenkm. 225, 30; suna
ahd. gl. 2, 236, 57; 277, 49
ist nach Schatz
ahd. gr. 27 '
in verschiedenen gebieten auftretende mangelhafte schreibung'.
im mhd. suone.
diese form hält sich in Südwestdeutschland bis ins 17.
jh.: suon
schweiz. spiele d. 16.
jh. 3, 22
Bächtold; suonbrieff Stumpf
Schweizerchron. (1606) 511
b; suon (1644)
im schweiz. id. 7, 1107.
seit dem 12.
jh. wohl unter einflusz des verbums süenen
eine um- bzw. neubildung süene: süenlîche
paternoster 7, 3
MSD; süene (: küene)
klage 583
L.; Kudrun 1644;
Lohengrin 5826; sne
mon. boica 50, 81; süenne (1316)
schweiz. id. 7, 1106; sün (
Nürnberg 1349)
chron. d. dt. städte 3, 330; snemann H. von Neustadt
gottes zukunft 390; süne
ders. Apoll. 168; snbriff (1359)
hess. urkb. 2, 601
Wyss; suynlude (1318)
mon. Germ. hist. leg. IV 5, 1, 400.
verengung zu i: sinn
bei Schmeller-Fr. 2, 303
a;
auffallend seinlich (1490)
ebda. —
der stammvokal zeigt bis heute -u-
und -o-,
bzw. -ü-
und -ö-
formen; sune : sun (
Augsburg 1340)
chron. d. dt. städte 4, 132;
besonders md.: sûne Herbort von Fritzlar 5701; sunlich Nicolaus von Jeroschin 68
c im mhd. wb. 2, 750; an dem sunestage
pass. 264, 58
Köpke; ein gantzir sun
md. ged. 97, 453
Bartsch; suhn B. Waldis
päpst. reich (1555) v 2
a;
M. Liebig
d. 65.
psalm (1588) a 4
a; Logau 238
Eitner, vgl. V. Moser
frühnhd. gr. 102
a. 3.
nd.: sune (1342)
hans. urkdb. 2, 322; zuneldach
parad. bei Schiller-Lübben 4, 292
a; sune (17.
jh.)
pommerell. urkb. 578
Perlbach. — soune (15.
jh. obd.) Diefenbach
n. gl. 105
a; ene sovne (1388)
urkb. d. hochst. Hildesheim 4, 802
Hoogeweg; sovne (
Braunschweig 1491)
chr. d. dt. st. 16, 224; soune (
Braunschw. 1492)
ebda 35, 1, 125. — son, sone: in stæter sone Frauenlob 416, 17; sonne
bei Schmeller-Fr. 2, 303
a; son (1531)
schweiz. id. 7, 1107; son Seb. Franck
kriegsbüchlein d. friedes 164; (1591)
bei Fischer
schwäb. 5, 1962.
regelmäszig sone
im nd. —
seit dem 13.
jh. taucht zuerst bair. (unsönne
Regensburg 1269
bei Schmeller-Fr. 2, 303
a)
eine form mit -ö-
als stammvokal auf. häufiger besonders im md. und nd. wo ihr ursprung liegt, ist nicht sicher. gegen das bair., so Paul
dt. gr. 2, 5,
spricht, dasz sich hier später die -ü-
formen recht lange halten, vgl. V. Moser
frühmhd. gr. 195.
daher ist wohl md. ursprung wahrscheinlich, so v. Bahder
lautsystem 187, Kluge
von Luther bis Lessing (1897) 30; 32: soenlūde (1332)
hess. urkb. 2, 414
Wyss; soene (1332)
ebda 2, 414; die sOene
Aymonts süne (1535) c 2
a;
chr. d. dt. st. 35, 1, 25 (
Braunschweig); zur söhne Mathesius
Sarepta (1577) 230
b,
neben sühne
ebda 236
a; sönbarlich (
Speier 1612)
bei Haltaus 1765; sönopfer Fr. Albanus
anatomia (1636) 304; söhnschuldt Opitz
op. poet. (1646) 241; söhnaltar Triller
poet. betr. 467; söhne Möser
s. unten 2 b; söhne Campe 4, 748.
im simplex hat sich -ö-
nicht durchgesetzt, anders bei versöhnen, versöhnung,
s. teil 12, 1350.
vornehmlich die verschiedene lautgestalt hat wohl die bedeutungsdifferenzierung zur folge gehabt, s. darüber teil 12, 1350. Luther
bevorzugt offensichtlich die -ü-
formen. wie seine autorität das wort und die ganze sippe im allgemeinen vor dem untergange bewahrt hat, so auch im besonderen die altertümliche form desselben. s. noch sühnen, sühner, sühnung. —
das w
der grundform (
s. 1)
hat sich in einem bezirk, der das niederrhein., niederländ. und westfäl. umfaszt, von der ältesten zeit an (
vgl. Franck
altfränk. gramm. 89)
in einer nebenform lange gehalten: mnd. swône Schiller-Lübben 4, 501
a; swônebrêf (1468) Lacomblet
urkb. z. gesch. d. Niederrheins 4, 428; geswoent (
Unna 1444)
stadtr. d. grafsch. Mark 3, 70; geswoynt Schiller-Lübben 4, 501
a. 44)
art der verbreitung. von ahd. zeit bis zum 17.
jh. ist das wort überall und jederzeit gebräuchlich. nach 1600
aber beginnt es seltener zu werden und ist um 1700
fast ganz aus der lebendigen sprache geschwunden. der sprachgebrauch der Lutherbibel läszt es nicht ganz aus dem sprachbewusztsein schwinden. erst im laufe des 18.
jh. wird es allmählich wieder literarisch. aber noch Adelung 4 (1793) 499
bezeichnet es als veraltet. seit dem sturm und drang kann man von einer wiederkunft des wortes sprechen. Campe 4, 748
a macht daher auch jene einschränkung nicht mehr. im 19.
jh. ist es durchaus wieder ein wort der literatursprache. der alltagssprache aber kaum zurückgewonnen, bleibt sühne
im allgemeinen auf die hochsprache beschränkt; immer haftet dem worte etwas gewähltes an. daher nur selten mundartlich: sinə (
veraltend) Gerbet
Vogtland 67; zur sine rede Hertel
Thür. 240; söne,
m., P. Jensen
Wiedingharde (1927) 548; sone, sune, son, sun Doornkaat-Koolman
ostfries. 3, 257
b.
bedeutung und gebrauch. sühne
ist ein wort der rechtssprache. infolge der beschränkten verbreitung des wortes (
nur in teilen des germanischen, s. oben 1)
bleibt, wie herkunft und verwandtschaft, so auch die ursprüngliche bedeutung des wortes unsicher. es ist nicht auszumachen, ob von einer mehr allgemeinen bedeutung wie '
vertrag' (
so Paul
wb.4 535), '
beilegung', '
versöhnung'
auszugehen ist, oder ob eine ganz spezielle bedeutung wie etwa '
leistung von geldwert' (
vgl. v. Amira
grdr. des germ. rechts3 243)
als grundbedeutung von sühne
anzunehmen ist. hinzu kommt, dasz sich offenbar mit dem wandel des staatlichen lebens nicht nur die bedeutung des wortes, sondern in erster linie die sache selbst, die institution, und zwar von grund aus, gewandelt hat. nur so erklärt es sich, dasz ahd. suona
überwiegend und in einem fast unvereinbaren gegensatz (
s. unten 1)
zum mhd. gebrauch '
iudicium, gericht, urteil'
bedeutet, und zwar nicht nur in glossen und interlinearversionen, sondern in poetischen denkmälern, die lebendigen sprachgebrauch verbürgen. dem mag entsprechen, dasz der darsteller des germanischen rechts die sühne
unter die öffentlichen strafen rechnet ( v. Amira
grdr. d. germ. rechts3 § 80),
während der autor, der das strafrecht des deutschen mittelalters, d. i. von 1200
an, beschreibt (His 1 [1920] 296, 301
f.),
als sühne
im eigentlichen sinne '
die versöhnung, den friedensschlusz des missetäters und seiner sippe mit der verletzten partei'
bezeichnet. 11) '
iudicium, gericht, urteil',
nur im ahd. häufig in den ältesten glossen: consultum, judicium, sinodale pflec, sona, in senode (
Pa; K)
ahd. gl. 1, 62, 8
St.-S.; 1, 114, 30;
examine, judicio tom, sona (
Pa) 1, 122, 33;
perverterunt judicium missacherton suana (
Rb) 1, 409, 44;
judicium suona (
Essen. evang.-gl.) Wadstein 51, 38;
judicium sona (11.
jh.) 1, 716, 62;
zahlreich die belege aus der Benediktinerregel: in tremendo judicio dei in dera forahtlihhun suanu 198, 18
Steinmeyer; auszerdem 203, 23; 204, 6
u. ö. vgl. noch sententia sona, suna
ahd. gl. 2, 277, 49
gegenüber redo 2, 276, 21; urteilin 2, 273, 3 (
zu Gregors homilien 1, 7, 1456:
sed cum ex lectione alia redemptoris nostri sententia ad mentem reducitur ...);
censura suana rehtmez
ahd. gl. 2, 228, 22 (
zu Gregors cura past. 3, 14, 54:
sapiens tacebit usque ad tempus: ut nimirum cum opportunum considerat, postposita censura silentii, loquendo quae congruunt, in usum se utilitatis impendat).
vor allem wichtig und aufschluszreich die stellen im Muspilli. hier heiszt suona '
das gericht, die gerichtssitzung': pidiu ist demo manne so guot,denner ze demo mahale daz er rahono uueliharehto arteile. quimit, denne nidarf er sorgen,denne er ze deru suonu quimit
Musp. 65;
vgl. 71,
als auch, prägnanter, das urteil, die entscheidung des richters: denne uerit er (
der richter) ze deru mahalsteti ..., dar uuirdit diu suona,dia man dar io sageta
ebda 78; sorgen mac diu sela,unzi diu suona arget, za uuederemo heriesi gihalot uuerde
ebda 6.
vgl.sühnen,
vb., unter 1.
auf das gericht geht wohl auch sona
neben dinc
für lat. concilium ahd. gl. 1, 66, 15 (
Pa),
vgl. concilio suana
ebda 4, 6, 2 (
Jc).
merkwürdig berührt sich hiermit ganz gelegentlicher moderner gebrauch (
bewuszt altertümelnd oder zufällig anklingend?): wann? — der Wala selbst verborgen blieb der grosze tag der sühne: zeit und stunde kennt nur einer er, der alte himmelskühne Fr. W. Weber
Dreizehnlinden 68; die schwere zeit der sühne verwandelt die tribüne zum mördertribunal Herwegh
in: br. von u. an Herwegh 272. 22)
beilegung von rechtshändeln, vertrag, friede. vereinzelt schon im althochdeutschen: jus jurandum federis idest pacis juramentum todar ait, friuntscaf, daz ist sona aidsuart (
Pa), daz ist kisonitad (
Ka)
ahd. gl. 1, 192, 35
St.-S.; besonders häufig ist das wort in dieser bedeutung während der ganzen mittelhochdeutschen zeit, in der es für schlichtung von streitigkeiten, für frieden das meist gebräuchliche wort ist. es begegnet auch in lateinischen urkunden als latinisiertes sona, suna: in gwerra autem nunc existente omnes inducie, treuge siue sona in dictorum dominorum stabit arbitrio (1269)
pomm. urkb. 2, 505
Prümers; pacem, que sone dicitur et est (1295)
westfäl. urkb. 6, 495
Hoogeweg; nos eciam sine eis nullam compositionem siue sonam inire debemus (1306)
lübeck. urkb. e, 182;
gelegentlich hat es den anschein, als ob sühne
noch eine steigerung gegenüber frieden
sei: suona seu pax perpetua esse debeat inter eosdem (
Adolf von Nassau 1293)
mon. Germ. hist. leg. IV 3, 476; cum ... Heinrico ... perpetuam concordiam sive sonam statuentes (1304)
pommerell. urkb. 551
Perlbach. 2@aa)
beilegung von streitigkeiten überhaupt. vgl. compositio soune, vrede (15.
jh. obd.) Diefenbach
nov. gl. 105
a; sie truogen daz ze samne dâ, daz diu herzogîn sprach suone jâ, abe anders niht decheinen wîs, wan op Gâwân ir âmîs wolte den kampf durch sie verbern, sô wolt ouch sie der suone wern: diu suone wurd von ir getân
Parz. 727, 29; dô der kunic het vernomen daz er im zuo der suone riet, in zorne er von im schiet Ottokar
reimchron. 14395
Seemüller; ob zwen burger ... mit ein andren kriegend und ane suon gescheiden werdent (14./15.
jh.)
im schweiz. id. 7, 1106; unde brochte yt (
näml. dat orloch) vort to slete unde to sone in desser wyse (
Bremen)
bei Schiller-Lübben 4, 291
b; der könig folgete seinen rethen und gab friede, in den sachen zu handeln uff sühne Wigand Gerstenberg
chron. 29
Diemar; dorüber der groll und unwill zu beiden theilen immer gröszer ward, also dasz man kein theil zur friedlichen sühne bewegen und bringen kundte J. Letzner
Dassel. chron. (1596)
buch I 9
a; ihr zweier feindschaft war dahin, und eine lautere sühne gemachet
deutsche sagen 2, 92.
vgl. unten 2 d
die festen verbindungen ze suone komen, bringen. 2@bb)
feste, vertragsmäszige einigung nach vorausgegangenen misshelligkeiten, auch wieder nur bis zum 16.
jh. gebräuchlich: ut autem huius modi compositio sive sona rite et rationabiliter ordinata ... et integre perseveret (
Leipzig 1294)
codex dipl. Saxon. reg. II 9, 32; wie man die suone geswüere sô daz si vollefüere Konrad von Würzburg
Troj. 47787; an der suone der Waldstetten (
sühnvertrag mit den W. von 1309)
schweiz. id. 7, 1106; ende segghen daeraf ene alinghe olde vaste stede kersteliike szoene te beyden siiden (1357)
hans urkb. 3, 161; zu dem ersten, daz wir ein ganczen stäten suon gein einander aufgenommen haben und halten süllen (
Augsburg 1374)
chr. d. dt. st. 4, 178; und ward die suen under in also abgeredt U. Füetrer
bayrische chron. 9; wir bitten jnen daran zusein, und mit helffen radten, das die söne volnzogen werden
hertzog Aymonts süne (1535) c 2
a; ist die sn vor gericht geschehen, daz ist, ob die köre der snleut vor gericht geschehen ist Chr. Zobel
sechsisch weichbild u. lehenrecht (1537) 71
d;
nach alter vorlage: andern gehülfen des bischofen sollte die wahl bleiben, ob sie in dieser söhne mit ein- oder ausgeschloszen sein wollten J. Möser
Osnabrück. gesch. 3 (1824) 199. 2@cc)
ein unterschied zwischen privater fehde und einem gröszeren staatlichen kriegsunternehmen ist im mittelalter grundsätzlich nicht vorhanden. sie unterscheiden sich nur der grösze nach. daher ist sühne
auch das übliche wort für den staatlichen friedensvertrag: nû hânt die Kriechen her der hœsten zehen gesant, ... ûf solich tegedinc, daz sie mit uns die suone stæten hie Konrad von Würzburg
Troj. 47860; ê daz jâr ein ende nam, dô wart der Bêheim kunic besprochen, daz er die suone hiet zebrochen Ottokar
reimchron. 14750
Seemüller; dat diese selve suone also geredet, gemachet und gelovet ist (1302)
mon. Germ. hist. leg. IV 4, 1, 130;
ebda 171; der erst maister huob an ze taiding mit dem chünich umb einen suon
gesta Romanor. 122
Keller; doe der keyser dit vernam, was he mystroschtich, moyst he eyn soyne mit inne an gayn wie sij wolden Arn. v. Harff
pilgerfahrt 44;
altertümelnd: auch diese sühne, die wir jetzt vollbracht, wünscht er zu heilgen Uhland
Ludwig der Baier (1819) 124. 2@dd)
feste verbindungen. während der ganzen mhd. zeit ze suone kommen, ze suone bringen
im sinne von abschnitt 2 a '
zu einem vergleich kommen', '
jemanden aussöhnen': alsô kom ez ze suone
Kudrun 834, 1; so sol in (
den todschläger) der graf von Nidouw schirmen und so ime helfen, das er zuo suone kome (14.
jh.)
weist. 5, 32; den geächteten todschläger läszt man mit den frunden tedingen und ... zu einer suenen kommen (1459)
bei Bär
urkd. zur gesch. d. stadt Koblenz (1898) 104;
auch geistlich: do moht nieman ze suone komen, e daz si (
Maria) uns gebar ainen fridmacher
st. Georgener prediger 161
Rieder. — (
Hagen) daz bring ich iu ze suone (
nach dem todschlag an dem fährmann)
Nib. 1546; die pring mit mir zu ainer suen Seifrit
Alexander 7285
Gereke. sühne haben, halten, sühne schwören,
vielfach mit bezeichnenden attributen wie ganz, stät
u. ä.: wir suln halten ganze suon Ulrich v.
d. Türlin
Willehalm 132, 11
Singer; gelobin ... ene ganze stede sone zu haldene ane arglist
hess. urkb. 2, 414
Wyss; unde han wir ... die suone gesworn stete ze habenne iemerme (1263)
urkb. d. st. Straszburg 1, 408
Wiegand; verjehen, daz wir mit in ein staet sune ... gesworn haben on gevaerde (1317)
mon. boica 50, 129; 50, 133; gesworn ... ain lauter sun ze habene mit den ratgeben und der gemain (1317)
augsburg. urkb. 1, 208.
vgl. auch: iustam suonam seu veram concordiam ... promisimus (1287)
pomm. urkb. 3, 25
Prümers. 2@ee) sühne
in charakteristischer, formelhafter verbindung mit synonymen. von mhd. zeit bis tief in das 16.
jh. hinein. im 19.
jh. gelegentlich erneuert. 2@e@aα)
besonders fest die zwillingsformel sühne und friede:
treuga soene
vel frede (15.
jh. md.) Diefenbach 594
c;
vgl. mnld. pax, concordia soyne vrede, peyse, treuge v.
d. Schueren
Teuthonista 176
b; 247; 363
b Verdam; zuerst noch voller: ein suone lûter und ein vride wart gemachet under in Konrad von Würzburg
Heinrich von Kempten 732; das in ... vuogete ein fride oder ein suone ze nemende (1324)
mon. Germ. hist. leg. IV 5, 754; enen ewigen pais, enen volcomen zoen ende en vasten vrede
bei His
strafrecht d. dt. mittelalters 298
anm. 5; ein güetiger suon und ewiger fride (
sollte) troffen werden (
ca. 15.
jh.)
schweiz. id. 7, 1107;
von anfang an aber auch formelhaft: vride unde suone sol iu vil gar versaget sîn
Nib. 2027; wir suln mit fride und mit suone under ein ander leben
Schwabensp. landr. vorw. 3
bei Fischer 5, 1962; wy en scolen se (
socios) in den suoluen vrede und sone bewaren (1372)
mecklenburg. urkb. 18, 177; umb frid und suen ze machen (1464)
mon. boica 11, 481; man muoss ein ding sagen, wie es an im selbs ist; das macht frid und suon Zwingli im
schweiz. id. 7, 1107; (
der verlorene sohn, im begriff jem. anzubetteln) dem wil ich wünschen frid und suon (1535)
ebda 7, 1107; mer durch frid und son, dann durch kriege und tyranney Seb. Franck
kriegsbüchl. d. friedes (1550) 164.
so auch gern in geistlicher dichtung: ich horte so gern frid und suon zwischen dem menschen und got
Christus u. d. minnende seele 126
Banz; wir durch in ewig frid und suhn durch in bei gott dem vatter han B. Waldis
päpstisch reich (1555) v 2
a.
in der romantik gelegentlich erneuert: ... schlossen frieden und sühne Görres
heldenbuch von Iran (1820) 1, 142. 2@e@bβ)
der formel sühne und friede
in prägnanter bedeutung steht recht nahe die seltenere verbindung mit urfehde (urfriede): sûne aber und orvêde, die der man tût vor gerichte, gezcûget man mit deme richtêre und mit zwên mannen
Sachsenspiegel I 8 § 3
Weiske-Hildebr.; auch mag man sn oder urfrid mit klagen brechen Chr. Zobel
sechsisch lehenrecht (1537) 72
a;
N. hat gesworn ein ganz luter urfech und suen (1429)
schweiz. id. 7, 1106; wy ... zweren ... ene gantze sone und ene rechte orueyde unsem leven heren koningh Albrechte (1398)
mecklenburg. urkb. 23, 440; und loveden eyne rechte orvede und eyne rechte stede alde sone (
Ravensberg 1360)
bei Schiller-Lübben 4, 291
b. 2@e@gγ)
andere synonyma neben sühne.
sie zeigen deutlich den ganzen kreis des mit sühne
umschriebenen begriffskomplexes: da aber keinrley sune noch bessrung derselben ding (
fürstliche streitigkeiten) gefunden ward (
Nürnberg 1440)
chr. d. dt. städte 1, 468. wir geloben ouch, daz ... dise gelubede und dise suone stete blibe (1263)
urkb. d. st. Straszburg 1, 408
Wiegand. wi hebben ene rechte sone unde berichtinge ghedan (1346)
urkb. d. herzöge von Braunschw.-Lüneburg 2, 107; in der sn und in der frintlichen berichtigung, die zwischen uns ... und ... Ludwigen ... geschehen ist (1349)
chron. d. dt. städte 3, 330; (
der rat solle mit lehnsherren, denen fehde angesagt ist) keinen sun noch richtung uffnemen (1445)
schweiz. id. 7, 1106. sweren sunderleich die suon und die sættze stæt behalten (1314)
mon. Germ. hist. leg. IV 5, 21. daz di ... fürsten ... ein gantze trewe und ein ewige suon mit einander haben (1314)
ebda 5, 19.
in folgenden verbindungen neigt sühne
mehr oder minder stark zur bedeutung 3 '
versöhnung': gott ... liebt ... son und ainigkait (1591)
bei Fischer
schwäb. 5, 1962; biege ihre grimmige herzen zuo suohn und einigkeit (1644)
schweiz. id. 7, 1107. das alle alt neid und hasz ... der nimmer mer zuo gedencken, und ain recht früntschaft und suon nun fürbasz sein sol (
Augsburg 15.
jh.)
chron. d. dt. städte 22, 6. uppe dem dage der soune edder gutlikheit (
Braunschweig 1492)
chr. d. dt. st. 35, 1, 125. darnach ist ein unterhandlung und etliche wege der güte oder süne fürgenommen J. Jonas
bei Luther 6 (
Jena 1568) 378
b; beide parten in der güte und süne zu gleichen und zu vertragen Schütz
hist. rer. Prussic. (1592) 52.
teilweise treten die synonyma in gehäufter fülle neben sühne: frid und sun und gutew freuntschaft (1405)
mon. boica 9, 238; sie solten auch unbekrigt von im auch andern fürsten, sunder bei frid und sun und recht beliben sein (
Nürnberg 1449)
chr. d. dt. st. 2, 127; frid, ruow, suon und frintschaft (
zwischen Frankreich und den eidgenossen) Val. Anshelm in:
schweiz. id. 7, 1107; frid, suen und einigkeit under allen kilchen Zwingli
ebda; vor der uns gott woll bhüten eben, und im ehstand uns dieser zeit geben fried, sühn und einigkeit H. Sachs 9, 287
K.; zuo schirm des guoten und erhaltung gemeiner suohn, frid und ruow (1596)
schweiz. id. 7, 1107; mit frid, suen und wollfart gmeiner eidgnoschaft (1572)
ebda. 2@ff)
spezialisierungen. 2@f@aα) sühne
meint das förmliche sühneverfahren vor dem schiedsrichter: dô der künec Artûs ersach dazz niemen an die suone sprach, dô hiez er rûmen den rinc
Iwein 6929; czu scheiden noch zwne adir noch rechte (1421)
lehnsurkd. Schlesiens 2, 47
Grünh.; dan domitte werden viele sachen durch gutte leuthe in der suehne vertragen, die sonste zum rechten gediegen, in viele und grosze unkost und schaden kwehmen (1550)
Olmützer gerichtsordn. 11
Fischel. 2@f@bβ) sühne
wird dann geradezu der richterliche vergleichsvorschlag (
den übergang zeigend): die dâ machten die suon, nû hôret, waz si tuon, und wie siz ane viengen die mit der scheidung umbegiengen Ottokar
reimchron. 17765
Seemüller; soll alsdan der junckern schultheis von den partheien burgen anpfangen und dagh setzen ... und so die gegeben freundt den sonen eins sein und ussprechen sollen, soll der junckern schultheis die sone verbinden und verschorschatzen (
Lössenich 1529)
weist. 2, 705; dede wy (
der rat der stadt Dortmund) eyn swoene ymande, die swoene sullen unse borger halden
bei Schiller-Lübben 4, 501
a; der uns verordnet hat, sine sün ze machen und annemen durch Jesum Christum zu im selbs Zwingli
dt. schr. 1, 179
Schuler u. Schulthess; histor.-referierend: nach der ... keure der vier flandrischen städte verfällt der bürger, der die sühne der schöffen nicht anerkennt, in die hochbrüche von 60 ℔ His
strafr. d. dt. mittelalters 1, 312. 33)
versöhnung. sühne
bezeichnet nicht nur den vertragsabschlusz, sondern darüber hinaus auch seine folgezustände, die erreichte äuszere ruhe, den äuszeren frieden, weiter sodann '
versöhnung'
in einem tieferen sinne, die ausgesöhnte gesinnung, das innere versöhntsein, vgl.: süne
conciliatus, reconciliatio Stieler 2057.
die übergänge sind flieszend. viele belege aus den formelgruppen friede und sühne, stäte sühne
u. s. w. (2 e)
spielen in ihrer bedeutung hierherein, gehen wenigstens auf den dauernden äuszeren friedenszustand. ihn zunächst meinen auch: dat we us ... uppe juk welden vorbunden hebben, alse gi in sone mit us saten (1385)
urkb. d. st. Hildesheim 2, 370
Döbner; daz wir in fridebærem suon mit in belîben zuo den tagen Ottokar
reimchron. 45242
Seemüller; nach altnord. text: aber die sühne soll bestehen für ihn (
den gefriedeten mörder) und seine erben, geborne und ungeborne
rechtsaltertümer 1, 57.
den übergang zum '
versöhntsein'
zeigen: temo sprechentemo allero stritolih sih in zuei teilet, ih meino in tod unde in lib, tod dero fientskefte, lib tero suono Notker 1, 800
Piper; daz ist der guote wille, daz sie (
die menschen) die suone niet verwurchen mit deheinen unzuhten (12.
jh., Zürich)
bei Wackernagel
leseb. (1859) 197, 28; ich wil dir verzigen und mit dir haben son, das dus nit mer wellest thon
Zimmersche chron. (1881) 4, 597; damit sy (
die klaffer) stören rechten son und machen lieb gen lieb neid
liederb. d. Hätzlerin 149
a; vertragt euch in der süne Ringwaldt
evangelia (1581) y 5
a; wie man gegen oberherrn mus thun, das man sie bhalt in der suhn, und thu ir trewlich pflegen Melchior Liebig 65.
psalm (1588) a 4
a.
in diesen bereich gehört auch die alte, auffallend zählebige redensart zur sühne reden '
zum frieden, zum guten reden': sô red ichz nâch der suonemit disen helden die hie sint
Nib. 2041; das einer dem andern was zu gut halte, und auff alle seiten das beste und zur süne rede J. Mathesius
Sarepta (1571) 236
a; und helfen, so viel an jhn ist, gemeinen frieden befördern mit beten, zur söne reden
ebda 230
b; o wie offt habt ihr allhier zur sühne geredet, und ihnen (
den verstorbenen) frieden schaffen wollen, wenn man sie ... hat angefochten J. B. Carpzov
leichpred. (1698) 80;
so noch in moderner umgangssprache: eine frau soll zur sühne reden und nicht richten Raupach
dram. werke kom. gatt. (1829) 1, 50,
vgl. in der mundart: zur sīne rēde
zum guten reden Hertel
Thüring. 240. 44)
vom beleidigten und geschädigten aus gesehen ist sühne
die verzeihung, die er gewährt: do chuste er diu kint unde diu wîp: der suone was michel zît Diemer
dt. ged. d. 11./12.
jh. 29, 13; (
sollte der verurteilte sich bessern, so) sollte im suen und gnad zur uffhebung diser dingen genzlich unabgeschlagen sin (1546)
schweiz. id. 7, 1107;
so bezeichnet besonders in geistlich-religiöser sphäre sühne
die gnade, die verzeihung, die gott und die heiligen dem sündigen menschen gewähren. schon althochdeutsch: quoniam apud te propitiatio est. ze dir ruofta ih. uuanda an dir diu suona ist. du suondost unsih mit dinemo bluote Notker (
ps. 129, 4) 2, 561, 13
Piper; diu spiegelliehte Maria die gnad uns wider sendet und mit suon verendet was gen ir kint uns ie gewar
minnesinger 2, 224
b v. d. H.; (
Maria zu Jesus) den sunder mus ich vast minnen und zuo diner suon gewinnen Mone
schausp. d. mittelalters 1, 297; (
rat) wie man den sachen wurde tuon das wir erlangtind gottes suon J. Ruef (1538)
in: schweiz. id. 7, 1107; ach herr, was sond wir dir nun tuon für dine grosse gnad und suon
Luzerner spiel (1616)
ebda. 55)
die leistung, durch welche eine versöhnung zwischen einem täter und dem beleidigten oder geschädigten herbeigeführt und durch die das verschulden ausgeglichen wird. dieser gebrauch tritt schon in ahd. zeit auf und begegnet auch im mhd. und frühnhd.; seine hauptblüte erlebt er jedoch erst in der neuzeit. im 19./20.
jh. ist er der fast allein übliche; alle übrigen bedeutungen treten dagegen zurück und erscheinen fast nur als reste der ursprünglichen. das geläufige, ja triviale paar schuld und sühne
hat hier seine stelle (
s. unter a).
der grundlegende unterschied von der gruppe 4
ist das genau umgekehrte verhältnis von geber und empfänger; während dort der beleidigte die sühne
gibt, die verzeihung gewährt, ist hier der täter, der beleidiger der gebende, der beleidigte dagegen empfängt die sühne,
die wiedergutmachung. 5@aa)
allgemein die genugtuung, die wiedergutmachung für eine bestimmte tat: et propitius fiet peccatis eorum unde er uuirt pesuonet iro sundon. daz chit. er inphahet suona umbe iro sunda Notker 2, 317, 15
Piper; satisfactionis suno, puozzo (
Rc)
ahd. gl. 2, 236, 57; nu erlâz mich (
Orilus), küener degen balt, suone gein disem wîbe (
Jeschûte)
Parz. 267, 3; dat de biscop ... to Mynden ene rechte sone don deme biscoppe ... to Hildensem umme alle sake und sculde (1319)
urkb. d. hochstiftes Hildesheim 4, 258
Hoogeweg; in neuerer sprache: dasz Rom den freiwilligen tod der beiden Calarier als hinreichende sühne (
für den abfall Capuas) annahm Niebuhr
röm. gesch. 3, 272; die zahlung des wergeldes war, in bezug auf den täter, eine sühne seiner schuld, ein ersatz der strafe Wilda
strafrecht d. Germ. (1842) 370; bei schädigung des körpers ... muszte in leichteren fällen der verletzte wohl unbedingt sühne nehmen, ging dagegen ... ein glied verloren, so konnte der verstümmelte auge um auge fordern Mommsen
röm. gesch. 1, 141; wir zweie gehn jetzt in die burg, und fragen ihn, ob er sühne leisten will, ob krieg erwarten Fouqué
bildersaal 2, 292; noch haben die heiligen nicht die sühne, welche sie sich begehren müssen nach der kränkung G. Freytag
ges. w. 11, 39; die ermordung deiner gutsherren fordert eine sühne
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. 2, 148; dieser tod war schwer, aber er war auch ein ausgleich und eine sühne Fontane
ges. w. I 6, 294; schuld will sühne Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 140; es ist ein vergebliches bemühen, in dieses naturell (
den Hippolytos des Euripides) eine schuld hineinzulegen und den obligaten gedanken der sühne in dieses ganz anders geartete stück hineinzupressen Th. Mommsen in:
briefw. mit Wilamowitz 427; anders verhält es sich mit dem, was ihr sühne nennt. bedarf es einer solchen, ... so wird sie nicht ausbleiben. unser ganzes leben ... ist eine verkettung von schuld und sühne C.
F. Meyer
Jürg Jenatsch (1904) 144; euch aber ist die sühne für das mörderisch von euch vergossene blut gezeigt
ebda 150.
ganz ins gesinnungsmäszige gewendet: da mancher mann nicht wieder kann zur sühn erweichet werden P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 395
a; buszfertge sühne, weisz ich, nimmt der himmel an Schiller 14, 119
G. 5@bb)
in diesem sinne stehen sühne und busze
oft zusammen: he schal ene bidden, dat he dorch god sone unde bote van eme neme (
Bremen 1433)
bei Schiller-Lübben 4, 291
b; er (
Gunther) sprach: vil edel Dietrich,waz ist iu hie getân von den mînen vriunden?willen ich des hân, buoze unde suonebin ich iu bereit
Nib. 1928; einen anspruch auf busze oder sonstige sühne H. Brunner
rechtsgesch. 1, 162; ich ... flehte um kraft zur busze und sühne
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. 2, 75. 5@cc)
nur mhd. ist die formel mit dienste und mit suone.
sie dürfte zusammenhängen mit einer besondern form mittelalterlicher sühne,
der mannschaftsleistung (
über diese vgl. His in der
festgabe für K. Güterbock [1910] 347
ff.): er jach daz er gern wolde tuon swaz er solde, mit dienste und mit suon gegen sînes bruoder suon Ottokar
reimchron. 93029
Seemüller; swer sih zeinem kunic phlihte mit dienste und mit suon
ebda 80780. 5@dd)
auch in neuerer zeit völlig geläufig ist die präpositionale wendung zur sühne geben, bieten
u. ä., wobei die leistung, der preis als objekt (
oder subjekt des passivischen satzes)
steht: zuhannd pewt er mir ze son, das mir ein jar ze statten chomt
liederb. d. Hätzlerin 232
a; wand er (
der graf) muos im (
dem tod) ze suone geben beide gesunt und sîn leben
Iwein 5631; gaf deme keysere dat hertichdom von Lothringen to ener sone
bei Schiller-Lübben 4, 292
a; dann hat mir der könig Lampen zur sühne gegeben, und was wir nur wollen geschieht ihm Göthe
Reineke fuchs 6, 186; zur sühne bietet er aufs neue die durch die gesandten versprochenen geschenke
ders. 41, 1, 312
W.; er biete ihr einen gulden zur sühne A. v. Arnim
s. w. 3, 198; und magst dreihundert stiere du täglich auch dem mitleidlosen Hades zur sühne weihn Geibel
w. (1888) 5, 206; gleichwohl ist ein gericht bereits bestellt, die täter aufzufahn, und morgen wirst du sie, zur sühne deinem volk, enthaupten sehn H. v. Kleist
s. w. 2, 376
Schmidt; die Lacedämonier lieszen sie sogar in einen brunnen werfen, was sie aber später gereute, da sie zur sühne zwei Lacedämonier nach Susa schickten Hegel
w. 9, 265; also zur sühne für das ausland wurde ich als Preusze zu einem jahre festungsarrest verurteilt H. Laube
ges. schr. 1, 337; nicht zum opfer, ... sondern zur sühne für verletzte gastpflicht haben freie hände das korn gemahlen G. Freytag
ges. w. (1897) 8, 90; sühnekreuze ... sind vielfach vom mörder zur sühne seiner tat errichtet worden Pfister
in: Ad. Spamer
die dt. volkskde 1 (1934) 103. 5@ee)
schlieszlich bezeichnet sühne
selbst ganz konkret den preis, der zur wiedergutmachung gezahlt wird: die suone man sô zsamen truoc, daz man dem helde balt übergulte zehenvalt daz im was versezzen Ulrich von Zatzikhoven
Lanz. 8384; ek en hebbe se sint der zovne nicht beschediget, unde de zovne wil ek wol tobringen, also ek to rechte scal, icht my dar enboven jemand sculdegen welde (
Braunschweig 1378)
chron. d. dt. st. 6, 429; (6 ℔
dem grafen) ende van deser soene sal hebben dat gerecht 10
s. (1387)
bei v. Mieris
charterboek d. graven van Holland (1753) 3, 458; of iemant van dem fleischampt of underkeuferen sinen frunden einich ve gelden und heimsenden wulde, derselve underkeufer, ofde wer dat dede van dem fleischampt, der sall dat gelt desselben daichs mit der soenen, as hei dat vurder untfangen hedde, dem koufman vort usrichten und bezailen (1410/27)
Kölner zunfturkd. 2, 134
v. Loesch; im nhd. zunächst und vorwiegend in historischer darstellung; bei J. Möser
in der form sühnde: was der priester bekam, konnte die versöhnung oder sühnde, das was der könig ... bekam eine brüchte (
vgl. teil 2, 414) heiszen
Osnabrück. gesch. (1780) 1, 30; die clienten ... waren verbunden, dem schutzherrn mit redlichem herzen hold und gewärtig zu sein, ... seine sühnen und brüchten zu zahlen Niebuhr
röm. gesch. 1, 361; der staat trat nur ergänzend ein, wenn der dieb den bestohlenen ... nicht durch eine ausreichende sühne (
poena) zufriedenstellte Mommsen
röm. gesch. 1, 140; das wergeld vermag nur einmal eingeklagt zu werden. vermag die sippe des erschlagenen die sühne des totschlags bei dem totschläger selbst zu erlangen H. Brunner
rechtsgesch. 1, 162
anm. 33; (
die vorsühne) ist das entgelt für seine bereitwilligkeit, die sühne anzunehmen R. His
strafr. d. Friesen 212;
doch auch unmittelbar: sie (
die stadt Lille) muszte eine halbe million sühne (
für exzesse) zahlen Th. Malade
von Amiens bis Aleppo (1930) 66.
übertragen: mein frevel war, dasz ich den vollen schatz von lieb und eifer, meines lebens glut ... auf eine einzge seele hab gesetzt. die eine ist dahin, ich steh allein als falscher spieler in der dunkeln halle. das will gesühnt sein, und die sühne zahl ich, nicht mit der feder, mit dem leben zahl ich G. Freytag
ges. w. 2, 130; 66)
ist, vom täter aus gesehen, die sühne
der preis, den er zu zahlen hat, so ist sie, vom richter aus gesehen, die strafe, die er verhängt. schon im ahd.: animadversione uuizze. entisoana
ahd. gl. 2, 224, 43 (
Gregors cura past. 3, 20, 65
tanta animadversione feriuntur qui sua indiscrete tenuerunt);
latinisiert: quicumque expurgacionem fecerit ... et postea male iurasse convinci poterit, talis sunie capitali subiacebit (1287)
hansisches urkb. 1, 355
Höhlbaum; denn als der zürnenden sühne hat er allem volk miszwachs verheiszen Droysen
Äschylus (1868) 85; er solle dem gerichte und der allgemeinen sühne noch in dieser stunde zugeführt werden H. Laube
ges. schr. 3, 46; hinkt sie auch, es kommt die rache schleicht sie auch, es naht die sühne Fr. W. Weber
Dreizehnlinden 232; am nachmittag ... rasselten gerade ein paar schwere batterien vorbei, die als sühne für den schmählichen verrat (
den überfall in Löwen) einen teil der stadt in trümmer legen sollten Th. Malade
von Amiens bis Aleppo (1930) 16. 77)
ostfriesisch '
kusz'.
im niederländ. heiszt zoen,
m., auszer '
sühne'
auch '
kusz'.
der bedeutungsübergang ist alt (
mnl.),
er findet sich zuerst beim vb. diese nl. bed. reicht bis ins ostfries. hinüber: n sôn is ôk n stof de hum nêt mag wisk hum wêr of Doornkaat-Koolman 3, 257
b.