verzig,
m. ,
verzicht, verzeihung. schwundstufenbildung zu mhd. verzîhen;
auch mit vokallängung aus den obliquen casus: verziehg (1429)
städtechron. 17, 71; verzieg Speckle
architect. (1589) 83
a; W. Scherffer
Grobianer (1640) 117; verziegk
theatr. Europ. (1652) 1, 1005
a.
mnd. vortich (
zu vortien).
besonders im fränkisch-alemannischen sprachgebiet bezeugt; im 18.
jh. von 1verzicht
verdrängt, das zu gleicher zeit das maskuline genus annahm. in der bedeutung im allgemeinen 1verzicht
entsprechend, doch in älterer zeit nicht wie dieses auf die rechtssprachliche verwendung beschränkt. 11)
verzicht, verzichtleistung: renunciato verzig Schöpper
synon. (1550) g 4
c; Hulsius
it.-frz.-t. (1616) 472
b; verzieg Hayme
iur. lex. (1738) 1262; verzieg, verzig Zedler
univ.-lex. 48 (1746) 212;
s. auch Fischer
schwäb. 2, 1430; Schmidt
elsäss. ma. 406. 1@aa)
rechtssprachlich; die aufgabe von ansprüchen, forderungen, rechten u. dgl., vgl. verzeihen B 1 c: unde ... dat vormoghen mit useme broder Godeken ..., dat he de sulven vortich do, de wy ghedan hebbet (1347)
urkundenb. v. Hameln 1, 403
Meinardus-Fink; auch ... gelobin ich ..., daz ... myn swager und ... myn suster ... dissin vorgenantin vorzg stede und veste sullint haldin (1349)
hess. urkundenb. 2, 565
Wyss-Reimer; in solchen verzige sollen auch wir verwilligen (1472)
lehns- u. besitzurk. Schlesiens (1881) 1, 212; soll man vor den hoffsschultheiszen vnd scheffen erscheinen, aldae den kauff vermelden vnd eins dem andern mit mund vnd halm vbertragen vnd verzigk geschehen
[] (1576)
weistümer 2, 533
Grimm; anno domini 1381 hat iezgemelte fraw Anna ... alles vätterlichen, müetterlichen und brüederlichen erbs, ligends und farends, vermeg heuratsabredung, biss an ain ledigen anfaal. verzig gethon vor dem landgericht
Zimmer. chron, 21, 195
Barack; mit verzyhung und begebung aller ... exceptionen schirms und freyheyten geystlicher und weltlicher rechten ..., insonderheit aber des rechten gemeinen verzüg ohne vorhergehende sonderung widersprechende (1605)
bei Schmoller
Straszb. tucherzunft 237; so haben wir landgraff Georg auff die daraus entstandene forderung auch verziegk gethan
theatr. Europ. (1652) 1, 1005
a Abelin; wer einige hofsgütere ohn wiszen und willen des lehenherren oder dessen schultheis verkauft hette ... und sich nicht bei diesem lehen- und hofgericht einsetzen lassen oder davon nach hofsbrauch verzig einbringen würde, solches alles nichtig sein solle (1664)
weist. d. Rheinprov. 1, 294
Loersch; verzüg adelicher töchter Besold
thes. pract. (1697) 2, 603
b.
gerichtliche verzichtshandlung: solte der verzig nit zu Rotweil, sondern vor einem notario beschehen
Zimmer. chron. 23, 606
Barack. im plural: kain ufzug in die verzig kommen lasen
ebda 3, 608. 1@bb)
im bereich des allgemeinen sprachgebrauchs; aufgabe des eigenen besitzes aus religiösen beweggründen, vgl. verzeihen B 1 d: sa dise frouwe wol gedan iezu wolde ouch verzigen han ir habe waz si noch besaz, da was ir meister nit zu laz, er hub ir uf die hende vor des verziges ende
hl. Elisabeth 6602
Rieger. das aufgeben eines vorhabens, vgl. verzeihen B 1 b: als sie aber auff das undergraben verzieg gethan haben, ... haben sie ein decken etlich gemacht, mit brettern, reiszholtz Speckle
architect. v. vestungen (1589) 83
a. 22)
in örtlich begrenzter und eigentümlich mehrdeutiger anwendung in rheinfränkischen urkunden des ausgehenden mittelalters. während verzeihen
mit seinen ableitungen sich in dieser zeit im sinnbezirk des schulderlasses festigt (
s. 3),
bezeichnet verzig
bei der beilegung von streitfällen auch eine verbindliche erklärung beider seiten, von forderungen und der verfolgung früherer vergehen abstand zu nehmen und allen gehegten groll fahren zu lassen; das wort nähert sich damit der bedeutung von sühne '
vertragsmäszige einigung nach miszhelligkeiten',
mit dem es auch ebenso wie friede, urfehde
usw. in paariger verbindung erscheint, s. sühne
teil 10, 4,
sp. 1015.
in den folgenden belegen treten jeweils bestimmte seiten dieses sinngefüges hervor: sprechen wir und wellen ch, daz ein gantz luter suon zwischent in umbe alle die geschiht, brche, ufflff und stOezze, die sich bizher zwischent in verlffen habent, si und daz weder die burgman oder burger wider die suone nimmer chomen noh getûn mit worten noh mit werchen und daz ez ein ganzer ewiger verzig si aller sache, stôzze und bruche, die sich bisher zwischent in verlffen habent (1332)
urkundenb. d. st. Friedberg i. Hessen 1, 116
Foltz; daz wir nu dise sune und freden also gruntlichen und fruntlichen geschreben und gemacht haben zwessen den vorgenant burgern zu Mentze, den inern und den uszern, so sehen wir auch gern ... daz sie sweren zu den helgen, dise vorgenant sune und virzeg und disen brief luterlichen und gentzlichen stede und fest eweklichen zu halden (1333
Mainz)
städtechron. 17, 35; und daz da bit (
var. mit) ein gantze clar sune und ein luter eweger virzig zwessen dem rade zu Mentze und den alten und den jungen inwendig und uszwenig des rades ... sin sal umb alle geschechte wort und werke, wie sich die bisz of disen hutigen dag ergangen und virlaufen hant (1411
Mainz)
ebda 44; so ist nemelichen und sunderlichen beredt, daz aller unwille, den wir mit allen deilen gein einander von der obegenanten gespenne wegen gehabet han bisz of disen hudigen dag mit worten oder mit werken, heimelich oder offenbar ein gantzer luter
[] und grundlicher verziehg sin sal (
Mainz 1429)
ebda 71;
s. auch Schmidt
elsäss. 406. 33)
straferlasz, schulderlasz. 3@aa)
verzicht auf strafrechtliche ahndung, amnestie, vgl. verzeihen C 2 a
α: ich keyn gnad oder verzieg bei jm erlangen mag
hertzog Aymont (1535) x 1
a; wurde also auff gnedigen verzieg königs Ferdinands ... gantz Belhica ohne blutvergiessen widerumb rühig und stille G. Klee
berümter leute leben (1589) 1, 232; in Niderland ward zu Antorff ein algemeiner verzig dess königs aus Hispanien publiciert Stumpf
Schweizerchron. (1606) 275
b; ausz disem verzig aber wurden erstlich auszgeschlossen alle predicanten und lehrer, die anders dann römisch catholisch sein E. v. Meteren
histor. beschr. d. niderl. krieges (1614) 162
a; publicirt er gleich anfangs seiner regierung ein gemeinen verzig aller meszhandlungen Borstel
v. d. lieb Astreae u. Caladonis (1619) 1, 155. 3@bb) '
verzeihung'; verzig, nachlasz
venia, remissio Emmel
nomencl. (1592) 196: bit um verzigk, deines ubermuts und irrsals halben
Fierrabras (1533) D 6; dann dem man verzeihen hat sollen, obschon kein verdienst vorgangen wer, wenn der selb nach der wolthat schaden thut, so ist man yhm meer dann verzig schuldig
M. Herr
sittl. zuchtbücher (1536) 115
a; vnd wenn er also dir mit worten abgebeten, so magstu zum verzieg und der versöhnung treten W. Scherffer
Grobianer (1640) 117.