strapazieren,
vb. ,
übermäszig anstrengen, beanspruchen. aus ital. strapazzare '
miszhandeln, schlecht behandeln'
; dieses wird als ableitung von ital. strappare '
zerreiszen, zerbrechen'
erklärt, dieses seinerseits aus fränk. *strappôn '
straff anspannen',
s. Gamillscheg
et. wb. d. frz. spr. 818;
eine andere erklärung des ital. wortes zuletzt bei Kluge-Götze 599.
im deutschen seit dem 17.
jh., zuerst bezeugt i. j. 1617 (
s. u.);
heute auch mundartlich weit verbreitet. neben strapazieren
andere schreibungen: strapazziren Kramer
it.-teutsch (1693) 1150; strappazieren,
z. b. Henrici
ernst.-scherzh. u. sat. ged. (1727) 4, 424; Holtei
erz. schr. (1861) 22, 239;
daneben seit ältester zeit mit anderer gestalt des vocals der am schwächsten betonten mittleren silbe: strapezieren
s. u. und E. Francisci
traursaal (1672) 3, 240;
cur. bauernlex. (1728) 183; Ferd. Raimund
w. 1, 18
Glossy; Fürst Pückler
briefw. 4, 87; Stelzhamer
ausgew. dicht. 1, 249; strapizieren
teutscher Michel (1617) 41; Ayrenhoff
w. 1, 1; strapuzieren,
s. u.; straputzieren Stieler (1691) 2185; strapozieren,
s. u. heute im westen mit einschub eines l: straplizieren, straplezieren
u. ä., s. Fischer schwäb. 5, 1827; Rovenhagen
wb. d. Aachener ma. 142; Spiess
Henneberg. id. (1881) 246; Hönig
Köln 176; Martin-Lienhart
els. 2, 634; straplizieren
auch Jer. Gotthelf,
s. u. im nd. mit schwund des mittleren vocals strapseren, strapzieren
u. ä., s. Doornkaat-Koolman
ostfries. 3, 333;
brem.-nieders. wb. 4, 1057; Mensing
schlesw.-holst. 4, 878; Woeste
westfäl. 257; Bauer-Collitz
waldeck. 100; Danneil
altmärk. 214; Frischbier
preusz. 2, 378. 11)
im 17.
und 18.
jh. meistens auf den menschen als object bezogen: und sich ausz aller macht drauf prügeln lassen ... nachdem nun der arme tropff wohl strappeziert war Chr. Weise
erznarren 146
ndr.; es war nunmehr die kälteste winterzeit, in welcher ... der soldat, wan er den sommer über strapozziret ist, wiederumb auszurasten und sich zu refraichiren pfleget Chemnitz
schwed. krieg 1 (1648) 117; ach! ich wills meinem bruder klagen, dasz sie (
anrede) mich so strapazieren wollen Joh. E. Schlegel
w. (1761) 3, 541; dasz man ... dass volknun ... umbsonst strapiziert, land und leit verderbt Seb. Bürster
beschr. d. schwed. kriegs 38
v. Weech; er solle die völcker in die quartiere vertheilen, dasz sie, nach so vielem strapuzieren, ein wenig auszruhen könten
das verwirrte königreich Ungarn (1683) 254; man beschuldigte ihn der fahrläszigkeit, weil er ... vielmehr Tartarn durch tägliches strapeziren weder vor dem feind verloren E. Francisci
der hohe traursaal (1665) 1, 250; durch strapicieren und nicht durch spazieren ... kombt man über sich Abr. a
s. Clara
etwas für alle (1699) 1, 354. —
während die ausdrucksweise einen menschen strapazieren
nicht mehr üblich ist, ist in jüngerer zeit noch bezeugt sich strapazieren '
sich anstrengen, erschöpfen': weil er sich weiland ... auf den oftmaligen Wienerischen reisen allzusehr strappazieret
schles. Robinson 1 (1723) 146; und mir erzehlete, was dieser herr um Christi lehre willen sich strapazirte J.
F. Thierbach
diarium Herrenhuthianum (1748) 1, 147; ich habe eine neue kur mit dieser reise versucht: nämlich Reil hat mir angerathen, so viel wie möglich mich zu strapazieren Wilhelm Grimm in:
briefw. a. d. jugendz. (1881) 205; da strapazier ich mich nit erst und zahlt sich auch nit aus, dasz mer bös und schlecht is! Anzengruber
ges. w. (1890) 5, 216.
weiter abgezogen im sinne von '
sich bemühen': ich mache meine complimente ganz kurz. — auch ich strapaziere mich nicht gerne mit ceremonien
samml. v. schausp. (1764) 5, 22; ich habe mich ... möglichst strapeziert höflich zu sein Görres
ges. br. (1858) 1, 499.
am geläufigsten scheint in jüngster zeit reflexives sich abstrapazieren
zu bleiben, s. Gottfr. Keller
br. u. tageb. 3, 164
Erm.; vgl. auch A. v. Droste-Hülshoff
br. 1, 556
Sch.-K. — strapaziert sein '
müde, abgeschlagen sein': ich war sehr strapezirt, und hab ich meine dienst auch nicht fahrlässich verrichtet J.
V. Neiner
tändlmarkt (1734) 3; so einen strapazirten menschen musz man ausruhen lassen Meisl
theatr. quodlibet (1820) 1, 162; euer gnaden schauen gut aus ... a bissel strapaziert Raimund
w. (1881) 3, 264
Glossy; seine leute ... waren strapliziert, sie konnten kaum mehr auf den beinen stehen Gotthelf
ges. schr. (1855) 10, 117; die ziemlich strapazierte witwe haucht: 'ich fühle mich so recht erhoben' Werfel
Bernadette (1948) 116. 22)
schon alt, und heute z.b. in nd. maa. in fester anwendung, ein pferd strapazieren:
strapazzar un cavallo ein pferd strapazziren, abreiten, zu grund reiten Kramer
it.-teutsch (1693) 1150; was die pferde betrifft, so ist einem jeglichen wol bekant, dasz an keinem ort in der welt bessere gefunden werden und die zum strapecieren dienlicher sind Wiederhold
beschr. d. 6
reisen (1651) 1, 95
b; nachdem mir mein knecht samt dem pferd ... gefangen ward, muste ich das ander desto härter strapezirn Grimmelshausen
Simplicissimus 329
Kögel; alleine da er (
der esel) alle tage strapazirt wurde und nichts als disteln zu fressen bekam, beklagte der esel sein unglück
ollapatrida 131
Wiener ndr.; vgl. auch: strapazzare, strapeziren, brav drauff reiten, ermatten, ermüden, übel tractiren Nehring
lex. (1717) 905. 33)
mit verschiedenen anderen objecten. dem alten anwendungsbereich (
o. 1)
steht am nächsten den körper, die augen, das gehirn
usw. strapazieren '
anstrengen': denn das viele und lange reisen, wo durch so wol der leib als das gemüthe strapezirt wird, ist weder rathsam noch dienlich
das neugierige und veränderte Teutschland (1684) 248; der körper wird so strapazirt, dasz der geist für nichts frisch bleibt Hebbel
br. 1, 410
W; er braucht seine augen ohnehin nicht zu strapazieren Iffland
theatr. w. (1827) 10, 241; schade um deine hörndeln, dasz du sie so strapazirst an diesem harten holz Rosegger
schr. (1895) I 3, 53; kein wunder, dasz einer die kräfte verliert, der sein gehirn, wie ich, strappaziert! S. H. Burde
poet. schr. (1803) 1, 232.
in der anwendung auf gebrauchsgegenstände findet das wort heutc seinen stärksten umgangssprachlichen gebrauch; etwas strapazieren '
stark benutzen, abnutzen': deme bei Leipzig seine sachen zimlichen von kriegs gurgeln sind strapaciret worden P. Wunderlich
philol. discours (1644) P 4; ein kleid, eine kutsche, ein pferd zum strapazziren, auf alle tag, und nicht zum schonen Kramer
it.-teutsch (1693) 1150
b; das ist nur ein kleid zum strapazieren Joh. El. Schlegel
w. (1761) 3, 554; in der stadt lag ich mäuschenstill neben dem halter ... ich hatte kein recht mehr, das bettgewand zu strapazieren Rosegger
ausgew. schr. (1882) 1, 212; (
der prediger) strappeziert die bücher ärger als der prophet Baalam seine eselin Abr. a
s. Clara
etwas für alle (1711) 2, 537; und erklärte meinem erstaunten weibe, dasz ich diese (
sonntagspfeife) so lange mit der höchsten unbarmherzigkeit strapaciren werde, bis sie mir eine weniger kostbare stellvertreterin anschaffe Hebbel
w. 8, 190
W.; Lauro trug unter seinem schülerüberzieher noch immer den strapazierten frack Werfel
geschwister von Neapel (1931) 155.
ironisch: so wunderte ich mich nicht wenig, dasz ... die männer, die doch in dieser gegend die höflichkeit nicht stark strappezirten, jedesmal ihre hüte tief abzogen J. Ernst Friedr. Wilh. Müller
verachtung und mitleid (1791) 48. 44)
vereinzelt in direkter entsprechung besonderer anwendungen des wortes im italienischen. im sinne von '
miszhandeln': einsmals hörte ich, dasz der aufseher der kinder ein kind mit der ruth gantz unmenschlich strapazirte G. S. Sutor
bei Joh. Fresenius
bewährte nachr. (1746) 1, 692. — 'strapazzirt in der malerey
heiszt so viel, als fehlerhaft gezeichnet'
frauenzimmerlex. (1773) 3394; '
bei den mahlern heiszt eine strapazirte zeichnung
eine verdrehte, verzerrte' Campe
wb. d. fremden ausdr. (1813) 569;
vgl. ital. strapazzare un arte
pfuschen, obenhin machen.