stiefkind,
n. ,
nicht leibliches, vom gatten oder der gattin aus einer früheren ehe zugebrachtes kind. seit ahd. zeit bezeugt (
s. u. 1);
afries. steifkind (
s. Richthofen 1049
b);
mndl. stiefkint,
ndl. stiefkind,
mnd. stēfkint. 11)
in eigentlicher verwendung. 1@aa)
zur bezeichnung des äuszeren verwandtschaftsverhältnisses zu dem nicht leiblichen elternteil: privigni stiufchindes (
vitricus antevenit ... ortum privigni nondum geniti Prudentius contra Symm. 1, 260)
ahd. gl. 2, 570, 45; wan ich von mein steufkindern ein chauf getan han (1396)
privatbr. d. mittelalt. 1, 348
Steinhausen; (
sie hatten) ein bösz mord angelegt mit der gräfin von Kiburg, hertzog Berchtolds von Zeringen eegemachel, demselben hertzogen sine sün, ire stüffkinder ze vergifften Tschudi
chron. Helv. 1, 115; gift uns got kindere mit eynander, so scollen mine twey stiepkindere und öre muoder und unser beider kindere ... geliken diel nemen na mime dode
geschichtsqu. d. prov. Sachsen 14, 357
Hertel; er war bereits vermählt gewesen und brachte ihr mehrere stiefkinder zu O. Jahn
Mozart 1, 141; stiefkinder und stiefeltern können sich nicht heirathen Bernhardi
hwb. z. bürgerl. gesetzb. (1899) 278
b.
wenn die mutter kinder auszerhalb der ehe zur welt bringt, so können diese im verhältnis zum ehegatten wie auch zum liebhaber scherzhaft als stiefkinder
bezeichnet werden: swer sînem wîbe durch das jâr koufet guoter kleider vil, im selben niht enkoufet, dâ mac ein hôchvart von geschehen, daz sim ein stiefkint toufet
minnes. trühling 23, 28; dat Reynke, de sulve loze deeff, myt der wulfynnen bolerye dreef ... he vant ere kynder und sprack in spot: 'guden morgen gheve yw god, myne alder levesten steffkynder!'
Reinke de vos 1111
Pr.; und chäm er auf di muoter mein, er machet jung teufelein; so müsten chlagen al die teufel, di da sind, di würden all steufchind
Erlauer spiele 104
Kummer. 1@bb)
lieblose, harte behandlung von seiten der stiefeltern gilt, besonders insoweit es sich um unerwachsene kinder handelt, als typisch: ten sin stiefmuoter vilo willigo sougta, doh si anderiu iro stiefchint hazeti Notker 1, 800
Piper; ane twahen er im stralte zeberge uf der vil unguoter, alsam ein stiefmuoter strelte ir stiefkinde, der siu ze ingesinde zaller zit verdruzit Hugo v. Langenstein
Martina 181, 63
Keller; ain witib, und die kinder hat und nimpt ain andern man drat, derselb hat kinder vom erstn beib, das sind nun schteuffkinder der frauen leib. darunder ist grosz underschaid: der frauen ist umb dy schteuffkinder nit laed, aber ire kinder zeucht sy zertlich und die steuffkinder gar hertiklich
Sterzinger spiele 1, 175
Zingerle; es war ihr ... garnicht recht, dasz sie keine gelegenheit fand, schläge auszutheilen und das verhaszte stiefkind hungern zu lassen Langbein
s. schr. 31, 13.
vielfach weist das wort als solches den beisinn '
ungeliebtes, hart behandeltes kind'
auf, z. b. den einzigen sohn behandelt die mutter härter als ein stiefkind; das Bäbele aber sasz mäuslestill wie ein stiefkind in einem winkel
F. M. Felder
Nümmamüllers (1863) 117.
von hier aus zu verstehen: du schalt dut mit vlite leren: dine stefkint schaltu eren
bei Wiggert
scherflein 2, 14; sich verwunderten, dasz ein stieffmutter sich eines stieffkindts so hefftig anneme
buch d. liebe (1587) 182
b; o! du geliebtes weib, du muster frommer frauen, an dir wird einst die zeit ein seltnes beyspiel schauen, wenn sie zu deinem ruhm der welt die regel giebt: schaut, wie die H. .. ein stiefkind hat geliebt! Henrici
ged. (1727) 2, 70. 22)
häufig, mit starker hervorkehrung der pejorativen bedeutung (1 b),
auf andere, auszerhalb der verwandtschaftssphäre stehende verhältnisse angewandt; vergleichsweise, bildlich oder übertragen. 2@aa)
im sinne des lieblos behandelten, zurückgesetzten, vernachlässigten: nun ist die erde ein mutter alles gewächsz, die kreuter aber, so sie von sich selbst zeuget, das sind ir rechte kinder, was man aber in die erden pflantzt, das sind die stieffkinder Alberus
fabeln 13
ndr. seit dem 17.
jh. häufig auf grund der vorstellung einer kindschaft (
vgl. teil 5, 723; 6, 2810)
zu natur, glück u. ä.: dich blasser mond und euch erzürnten sterne ... beschwör ich bey der noth, wodurch ich fluchen lerne! sagt, weil doch euer licht in alle winkel fällt! sagt, ob euch die natur noch ein solch stieffkind hält! Günther
ged. (1735) 935; trübselig stiefkind der natur! zur eule sagte dies der rabe L. H. v. Nicolai
verm. ged. (1778) 1, 23;
von einem verwachsenen: armer Zaches! — stiefkind der natur! E. T. A. Hoffmann
s. w. 5, 91
Grisebach; die nicht gebähren wil, sol nicht gebohren werden, dieweil sie nichts nicht ist als ein last der erden, ein stieffkind der natur, ein garten ohne kraut Treuer
dtsch. Dädalus 1, 412. Mithridates als ein stiefkind des glücks ... verrathen Lohenstein
Arminius (1689) 1, 730; um diese mehr angenehme genüsse sind Fortunens günstlinge freilich reicher als ihre stiefkinder H. v. Kleist 4, 63
E. Schmidt; der auszwürffling der welt, er mag genennet werden ein stieffkind aller frewd, sein leben voller hohn Zinkgref
auserl. ged. 65
ndr.; ich weisz nicht, ... ob du bemerkt hast, dasz ich ein armes stiefkind des lebens bin Gutzkow
ges. w. 3, 142. —
in neuerer zeit in breiter anwendung im sinne des zu unrecht vernachlässigten, zu wenig beachteten: ist uns denn die französische sprache so gar sehr am herzen gelegen, dasz wir diese allein nur versorgen und unsre eigne, als ein stiefkind, unbarmherziger weise hintansetzen wollen? Gottsched
anmuth. gelehrsamkeit 7, 490; Afrika hat nach Australien immer als ein stiefkind der gesittungsgeschichte gegolten Peschel
völkerkde 223; leider ist die mittelalterliche plastik bis jetzt das stiefkind unserer museen Scherer
kl. schr. 2, 180; das stiefkind der gesetzgebung in den letzten jahrzehnten, die landwirtschaft und den grundbesitz Bismarck
reden 11, 348
Kohl. auch mundartlich: du sollst net s stiefkind sein '
nicht schlechter dran sein als die andern' Fischer
schwäb. 5, 1756. etwas, jemanden als stiefkind behandeln: die Elsässer ... als stiefkinder von den Franzosen behandelt und zurückgesetzt E.
M. Arndt
schr. für u. an s. l. Deutschen 3, 155; wenn sie Augsburg und Ulm besucht haben, warum uns als stiefkinder behandeln? Hegel 19, 1, 202; sich von der literatur ausgestoszen und wie stiefkinder behandelt fühlen Gentz
schr. 1, 10
Schles. 2@bb)
seltener vom verhalten der stiefkinder
gegen die stiefeltern ausgehend, mit der vorstellung des unkindlichen, entarteten, kaum über das 18.
jh. hinausreichend: hat Noe seinem eygenen eelichen sun ... nit verschonet, wie kanstu (
Deutschland) verschonen disem erlosen Luther, deiner unelichen stieffkind und abtrünnigen von aller zucht, eer, christlicher übung und christlichs glaubes aller deiner frommen fürfahr? J. Dietenberger
ein christl. vermanunge (1523) d 1
b; drum, Schleswig, lasz dir nur den eitlen kummer mindern! dein unbedachter trieb gleicht den verirrten kindern ... du wirst hinfort mit lust den alten zepter küssen und ihm zur hüterinn und brustwehr dienen müssen, um welche Fridrichs huld, als treuer vater, wacht, wenn dich der fremde zug nicht selbst zum stiefkind macht Weichmann
poesie d. Nieders. 1, 62; zudem hätten die zu Antiochia dem apostel Christi ... alle ehre ... erwiesen ... Rom aber hätte Petrum ... alle schmach und schimpff ... angethan ... konten derowegen die Griechen mit allem recht söhne, die Römer aber nur stieffkinder genennet werden A. Olearius
pers. reisebeschr. (1696) 170.
so auch als scheltwort: nachdem er sie nun stieffkinder, verwerffliche, untüchtige, brandtmalige ... genennt hatte Zach. Müntzer
bebstl. gesch. (1566) 470.