sterblich,
adj. und adv. ,
mhd. sterblich Lexer 2, 1179.
zwar schon im 12.
jh. (
Straszb. Alex., s. u.)
belegt, aber erst seit dem 16.
jh. in breiter verwendung. Notker
gebraucht für mortalis stirbig.
von Luther
ab geht die verwendung von st.
der des lat. mortalis in adj. und subst. gebrauch parallel. 11)
dem tod unterworfen, vergänglich, irdisch. gegensatz: unsterblich, göttlich, ewig. mortalis Diefenbach
gl. 368
c; Calepinus
XI ling. (1598) 913
a;
soggeto à morire Hulsius (1618) 239
b. 1@aa)
attributiv. 1@a@aα)
vom menschen gesagt: ich bin auch ein sterblicher mensch, gleich wie die andern, geboren vom geschlechte des ersten geschaffenen menschen
weish. Sal. 7, 1; vermeynestu dem zu entrinnen, den kein sterblich mensch entfliehen kan? Arnd
Thomas a Kempis (1631) 60; Grimmelshausen
Simpl. 268
ndr.; soll nun deyn götlich wort zergan? und nemen alle menschen an, was hat gesätzt eyn sterblich man? Hutten
op. 3, 455
B.; dasz ich hinfort solt sein mit recht eines sterblichen menschens knecht W. Spangenberg
bei Dähnhardt
griech. dramen 1, 70; ach! den sterblichen menschen lässet die sorge nicht los, eh ihn das leben verläszt Göthe 2, 93
W.; die angst des sterblichen menschen vor dem alleinsein Storm
werke (1899) 1, 148; vollendete ... sicherheit ist nicht das loos der sterblichen menschen K. L. v. Haller
restaur. d. staatswissensch. (1816) 1, 430.
redensartlich keine sterbliche seele,
kein mensch: ich erklärte, dasz ... ich keiner sterblichen seele eine verantwortung darüber schuldig wäre G. Keller
ges. werke 1, 325.
im gegensatz zur unsterblichen seele: mors versahe sich nicht quod hinder dem sterblichen leichnam talis vita esset Luther 34, 1, 273
W.; Jac. Böhme
schr. (1620) 6, 191; die wunderwerck gott des herren (
sind auch) in disem sterblichen cörper ... zuo erkennen Ryff
anatomi (1541) a 1
a; unserer sterblichen leibe gebrechlichkeit Mathesius
Sarepta (1571) 34
a; disz vergänglich, verwesenlich und sterbliche fleisch
theatrum amoris (
Franckf. 1626) 46; dieser ... geist ist in das ... uhrwerk eines sterblichen körpers geflochten Schiller 4, 36
G.; es ist eine bis zum überdrusz gehörte redensart vom 'sterblichen' leib und 'unsterblichen' geist Büchner
kraft und stoff (1856) 16.
im gegensatz zu geist, dämon, gott: weit überstieg diese macht (
der geister) alle vergleichungen mit sterblichen kriegsheeren Bodmer
samml. crit. poet. schr. (1741) 1, 35; heterogene liebesintrigue zwischen einem gnomen und einem sterblichen mädchen Musäus
volksmärchen 1, 8
Hempel; mit betonung des vergänglichen, unzulänglichen: der arme sterbliche madensack, der keyser, der seyns lebens nicht eyn augenplick sicher ist Luther 15, 278
W.; was sehe ich hier vor ein sterblich creatur
engl. com. u. trag. (1624) d 5
a; ein sterbliches wesen Wackenroder
herzenserg. (1797) 157.
von Christi menschwerdung: got (
hat) sterbliche und leibliche menschait an sich genomen Berth. v. Chiemsee
t. theol. 77
R.; er (
hat) unser sterblichs fleisch an sich genommen Spee
tugendbuch (1649) 20;
[] Bäumker
kath. kirchenl. 1, 362; Kehrein
kath. kirchenl. nr. 104.
von heidnischen göttern: Jupiter wandelte hier und Merkur in sterblicher bildung J. H. Voss
s. ged. (1802) 2, 309. 1@a@bβ)
auch theile des körpers können st.
genannt werden: sterblich hertz Neukirch
anfangspr. (1724) 792; kein sterbliches gesichte Wieland
w. I 1, 24
akad.; mein schuldiges sterbliches haupt Lenz
ged. 213
W.; am häufigsten das auge: mit unserm sterblichen auge Luther 26, 417
W.; (
eine) herrlichkeit ... wie sie kein ... sterbliches auge gesehen hat Göthe 43, 368
W.; Treuer
Dädalus (1675) 1, 136; Hippel
lebensläufe (1778) 1, 390;
F. Th. v. Schubert
verm. schr. 1, 4.
die augen des geliebten werden angerufen: ihr irrdisches gestirn, ihr sterblichen planeten Opitz
teutsche poemata 35
ndr. das ohr: lieder, zu selig für das sterbliche ohr maler Müller
w. (1811) 1, 78; Müllner
dram. w. (1828) 5, 358. mund und lippen: wie schwach ist der dank eines sterblichen mundes Lessing 2, 314
M.; ein bild ..., zu schön, ... um es mit sterblichen lippen zu beschreiben Hauff
s. w. 1, 333. 1@a@gγ)
in euphemischer redeweise vom toten körper des menschen: meine liebe ..., deren sterbliches theil habe ich (
pastor T.) begraben auf einem ... kirchhof W. Raabe
hungerpastor (1864) 3, 114; (
die) sterblichen reste beisetzen Hauff
s. w. 5, 53; Ranke
s. w. 25, 24; der eichensarg ..., in dem die sterbliche hülle des ... grafen von Moltke ruht
in Moltke
ges. schr. u. denkw. 1, 231. 1@a@dδ)
in weiterer verwendung für irdisch, vergänglich bei konkreten und abstrakten: drümb mus er (
Christus) ein leiblich mensch geporen sein, ... das er ym sterblichem leben wandele Luther 24, 397
W.; Jac. Strausz
christenl. unterricht (1523) a 3
a; (
die gerechten) halten ... dieses sterbliche leben ... für ... ein exilium Äg. Albertinus
hirnschleiffer (1664) 425; A. Silesius
heil. seelenlust 153
ndr.; Kehrein
kath. kirchenl. nr. 477.
in gleicher bedeutung sterblich zeyt Forster
fr. t. liedlein 104, 57
ndr.; 162, 77; er (
Christus) sucht kein sterblich königreich Luther
lieder 55
ndr.; aber was hilffts auff erden eben ihn mit sterblichem lob erheben Fischart
accuratae effigies 51, 16
K.; er (
der bräutigam) hat schon, weil er lebt, ein sterblichs himmelreich P. Fleming
dtsche ged. 1, 72
L. sterbliche gedanken
für gedanken eines sterblichen: Rompler 1.
gebüsch s. reimged. (1647) 9; der wonnegesang des frühlings singt meine sterblichen (
kleinmüthigen) gedanken in schlaf Hölderlin
ges. dicht. 2, 68
L. st. lied,
lied eines sterblichen: sphären, die kein sterblich lied erreicht Geibel
werke 3, 241. sterbliche sorgen,
menschliche, irdische sorgen: Cronegk
schr. (1766) 2, 64. st. begierde Schiller 5, 2, 450
G.; ohne sterblichen neid Göthe 4, 190
W. 1@bb)
prädikativ st. sein. 1@b@aα)
vom menschenleib gesagt. mhd.: diz lût wêre daran glîch, iz wêre alliz sterblîch
Straszb. Alex. 4859
K. nhd.: aus zweien dingen (
trinken und wollust) befand Alexander, das er sterblich were Friedrich Wilhelm
sprichw.-reg. (1577) g g 2
b,
nr. 121; was st. an uns ist, das stirbt und zubricht, was ewig in uns ist, das bleibt unverweszlich Petri
d. Teutsch. weish. (1604) 1, f 6
r; Prätorius
anthropod. pluton. (1666) 2, 309; er (
Antonius) sah seinen (
Paulus des einsiedlers) unsterblichen theil ... zum himmel aufsteigen, ... was aber sterblich an dem Paulus war, seinen todten körper fand er in der stellung eines betenden knieend Zimmermann
üb. d. einsamkeit 1, 190; der mensch ist st., die dinge sind vergänglich Hegel (1832
ff.) 5, 92. sterblich geboren: o Thetis unbezwungner sohn, sterblich geborener gott! Ramler
lyr. ged. (1772) 212; Schiller 15, 1, 70
G.; Hölderlin
ges. dicht. 1, 84
L. [] für verwundbar, empfindlich: hier ist die stelle, wo ich sterblich bin Schiller 5, 2, 186
G. (
don Karlos 1, 6); Hebbel
w. 4, 121
W. 1@b@bβ)
bei konkreten und abstrakten für vergänglich, hinfällig: alle ding (
sind) sterblich, fliessend und hynfellig J. v. Schwartzenberg
Cicero (1535) 2; alles, was auff dieser erden von natur verwesslich und st. ist Nigrinus
von zäuberern u. s. w. (1592) 78; gedencket, dasz disz leben st. sei und dasz wir allhie nicht ewig bleiben mögen Megiserus
annales Carinth. (1612) 405; erfahrungen ... bilden ... eine neue generation, durch welche das, was an der alten st. war, verdrängt wird Göthe II 5, 2, 247
W. in dieser bedeutung ist auch der komparativ möglich: auch ists gewisz, dasz das eigentliche wesen der kunst ... nie erstirbt und sich nie ändert. desto sterblicher aber sind ihre formen Herder
sämmtl. w. 16, 114
S.; O. Ludwig
ges. schr. (1891f.) 2, 177. 1@cc)
adverbiell: sind wir nicht menschen? nicht der kält und nässe, nicht jeder nothdurft sterblich unterworfen? Schiller 12, 119
G. (
Piccol. 2, 7). 1@dd)
substantiviert. 1@d@aα)
das neutr. das sterbliche,
das irdische, vergängliche: wir ... wöllen unns ... nicht am sterblichen, zeitlichen vergnügen Heyden
Plinius (1565)
vorr. 3
b. nichts sterbliches: Zesen
rosenmând (1651) a 2
b; und engelstimmen kann fürwahr nichts sterbliches im ton erreichen Gottsched
neueste ged. (1750) 15; Göthe 5, 1, 32
W. redensartlich: so mir etwas sterbliches wiederfahren wird
nomenclator lat. germ. (1634) 569 (
wofür häufiger menschliches). 1@d@bβ)
persönlich der sterbliche
entsprechend lat. mortalis für mensch: ob er schon sterblicher dich sterbliche geliebet, so wird nichts sterblichs doch an beyder treu verspührt Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 300; ists glaublich, dasz ein mensch, ein sterblicher, ins tiefe haus der todten lebend dringe? Schiller 15, 1, 33
G. (
Phädra 2, 1).
im gegensatz zur gottheit: wilde klagen erheben die sterblichen wider die götter J. H. Voss
Od. 2, 32
B.; es war kein sterblicher, der dir erschienen, Zeus selbst, der donnergott, hat dich besucht H. v. Kleist 1, 261
Schm. (
Amph. 2, 5); wir sterblichen haben die art an uns, dasz ... Chr. Weise
polit. redner (1677) 19; ins reich der inneren kräfte, ins eigentliche dispensatorium des lebens zu dringen ist keinem sterblichen gelungen Herder 16, 376
S.; auf der höhe der empfindung erhält sich kein sterblicher Göthe 37, 188
W.; E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. Dtschen 1, 262; G. Forster
s. schr. (1843) 2, 380; was die götter über das schicksal der sterblichen fügten G. Freytag
bilder 1, 192.
häufig wird der im wort mitschwingende begriff des unzulänglichen, begrenzten, schwachen durch adj.-attribut noch betont: vermessenheit der blinden sterblichen
discourse d. mahlern (1721
ff.) 2, 75; wir armen sterblichen, wie sind wir allezeit zum bösen doch geneigt! Aug. Buchner
poeterei (1665) 50; Gottsched
ged. (1751) 1, 165; Stifter
s. w. (1901ff.) 3, 10.
auch die redensart ich bin der glücklichste sterbliche (Nicolai
Seb. Nothanker 1, 216; Göthe 17, 230
W.; A. v. Arnim 15, 29
Gr.; H. Seidel
Leberecht Hühnchen 116)
erwuchs aus dem im wort liegenden begriff des irdisch begrenzten: was ein sterblicher hienieden sich zu seiner glükseligkeit wünschen mag Bahrdt
gesch. s. lebens (1790) 1, 180.
öfters aber wird st.
einfach synonym mit mensch
verwendet, vor allem in der gewählten sprache, dann aber auch in unpathetischer buchprosa und scherzhaft: er konnte ... wochenlang der ernsthafteste sterbliche von der welt seyn Bode
Tristram Schandy (1774) 1, 60; wenn irgend ein sterblicher zum mahler gebohren war, so ist es gewisz
[] Raphael Heinse
s. w. 4, 214
Sch.; Schiller 5, 1, 153
G.; Archenholz
England u. Italien (1785) I 1, 100; H. Steffens
was ich erlebte 3, 266; Moltke
ges. schr. u. denkw. 1, 210. 22)
in der bedeutung tödlich attributiv, prädikativ und adverbiell mnd. (Schiller-Lübben 4, 394),
frühnhd. und in dialekten. a) (
da) badt hee sij in sijner lester sterfflicher noyt, dat sij sijnen son nae sijme doide zoldain maichen wulden Harff
pilgerf. 87
Gr.; Husemann
spruchsamml. (1575) b 193; di kranket is nit st.,
tödlich Martin-Lienhart 2, 612.
dagegen wenig üblich in der schriftsprache: wasz (
an krankheiten) nicht sterblich ist, geht noch woll hin. ein gemeiner husten purgirt den leib und man wirdt desto gesunder hernach El. Charl. v. Orleans
briefe 2, 284
Holland. b)
adverbiell: (
da ist) das pulver angangen, der meyster todt bliben, und noch einer daneben sterblich verletzet Seb. Franck
chronica, zeytb. (1531) 230
a; die königin dermaszen erschrack, dasz ihre leibesglieder gar sterblich erkaldeten Opitz
Argenis (1644) 2, 68; sterblich kranck Brandis
ehrenkräntzel (1678) 177.
in der neueren sprache nur noch in wenigen formelhaften redensarten wie sich st. verlieben, st. verliebt sein: (
ein schäfer,) welcher in eine schöne hand sich ganz sterblich verliebt S. v. Birken
ostl. lorbeerhayn (1657) 34; Chr. Thomasius
kl. dt. schr. 117
Opel; Ramler
einleit. (1758) 2, 192; der Lormeuil ist knall und fall sterblich in dich verliebt worden Schiller 14, 167
G.; er (
Laertes) habe sich aus dem stegreife sterblich verliebt Göthe 22, 30
W.; er ist st. in seine Minna verliebt, gott helf ihm aus dieser noht IV 1, 155
W.; sterblich und ernstlich verliebt Holtei
erzähl. schr. 1, 26.
die bedeutung verblaszt zu bloszer gradbezeichnung; der ... marquis verliebt sich in eine actrice, und so sterblich (
heftig), dasz er sie für die tugendhafteste ... ihres geschlechts hält
allg. dtsche bibl. (1765
ff.) 3, 1, 262.
darnach auch sich st. langweilen
u. ä.: ich ennuyirte mich ... sterblich dabei fürst Pückler
briefw. u. tageb. 5, 324. sterblich schön
für sehr schön: Heine 2, 20
E. 33)
ganz vereinzelt bleibt st.
in der bedeutung '
vom sterben handelnd',
wofür mhd. sterbenlich (
mhd. wb. 2, 2, 643
b): diese gedruckte sterbliche elegie (
leichencarmen) Klopstock
an J. A. Schlegel in br. 17
L.