spähe,
f. das spähen, kundschaftung, lauer; abstractbildung zu spähen,
vgl. das. ahd. speha,
exploratio. Graff 6, 324,
mhd. spëhe,
später oberd. spech,
mitteld. spê. Lexer
handwb. 2, 1074
f. nachtr. 368. Scherz-Oberlin 1529,
mnd. speige (in speyge werden
gewahr werden). Schiller - Lübben 4, 307
b,
vgl. Fick
3 3, 352. Weigand 2, 744
f. —
aus dem deutschen stammt ein romanisches wort mit wechselndem geschlecht: ital. spia (
m.),
span. espia (
m. f.),
prov. espia (
f.),
altfrz. espie (
f.),
s. Diez
4 303.
das ital. spione,
span. frz. espion (
ebenda),
woraus unser spion (
s. das.),
scheint ein deutsches masc. *speho,
für spehari,
s.späher,
vorauszusetzen, das genau dem avest. spasan
entsprechen würde, Fick
3 3, 352,
und das vielleicht noch in nl. spie,
m. vorliegt, s. Franck 934. (
die ältern nhd. wörterbücher geben zuweilen spech,
spion, an, z. b.: ein spech, spion,
speculator, explorator. Frisch 2, 296
a,
mit beleg aus Hagens
chron. v. Österr., doch liegt hier wol das fem. in der bedeutung 4
vor. dagegen scheinen auch die slav. lehnwörter ein ähnliches deutsches wort vorauszusetzen: čech. špeh,
poln. śpieg, szpieg,
kleinruss. szpieg,
weiszruss. speh,
lit. szpiẽgas, spėgas,
lett. spēgs,
s. Miklosich 317
a.) —
im nhd. ist spähe
im 16.
jahrh. noch ganz gewöhnlich, besonders oberdeutsch, oft in der form späch, spech;
später aus der schriftsprache verschwunden, aber erhalten in oberdeutschen mundarten, s. Schm. 2, 661 (spêhh).
von den wörterbüchern hat es Maaler
und aus ihm Frisch,
s. unten; Adelung
bezeichnet es als '
altes nur noch im oberdeutschen gangbares wort',
mit den nebenformen spee, spech.
in der neuern litteratur taucht spähe
als dichterisches wort wieder auf, besonders bei Rückert (
vgl. Meurer
s. 15). —
von diesem worte ist zu scheiden ein im nhd. nicht mehr bezeugtes adjectivabstractum, ahd. spâhî,
sapientia. Graff 6, 322 (
häufiger spâhida 323,
alts. spâhiða
und spâhêd),
mhd. spæhe Lexer
handwb. 2, 1063. 11)
die handlung des spähens: wenn sie (
die geier) zur spähe ausfliegen, steigen sie in weiten schneckenlinien unglaublich hoch in die lüfte. Tschudi
thierl. 114;
[] noch immer sasz das weib in stummer spähe (
zuerst: ein stummer späher). Lenau 1, 136
Koch. insbesondere 1@aa)
im kriege, spionieren, kundschaftung: der spähe pflegen. Rückert
Firdosi 3, 151,
s. spähort; mit spehe daʒ erkande von Walsê der houbtman. Ottokar
reimchron. 99443.
s. ferner 2—4. 1@bb)
sonst, aufpasserei, nachstellung: spAech (die) aufsatz,
insidiae. Maaler 377
d; wir wollen triulich prechen des claffers spech, das er nit sech den gast in diser veste. Cl. Hätzlerin 1, 27, 200. 1@cc)
im ältern oberdeutsch von polizeilicher verfolgung und nachspürung, vgl. spähblatt, -brief: da ordnets gott, dz der raht durch empsige späch (nit on kosten) bericht ward, dz zuo Freyburg im Bryszgow ein anzal kirchenkleider zuverkauffen angerüst .. weren. Stumpf
chron. 381
b; iedoch sol beineben den obrigkeiten aufgetragen sein, das si sowol für sich selbst als durch ire geschworne ambt- und gerichtsdiener allenthalben uf die verprechere gute spech und vleissigistes aufmerken hoben und kainen ... etwasz ubersechen.
Salzb. taid. 133, 22.
so auch: insonderheit sollten die ausländische durchreisende buchhändler in heimliche späh genommen, und ihre buch- und kramladen visitirt werden.
mandat vom j. 1580
bei Westenrieder
beytr. 8, 383,
vgl. Schm. 2, 661.
so als officieller ausdruck noch im 19.
jahrh. ein vom kgl. bayer. bezirksuntersuchungsrichter zu Kitzingen am Main unter d. 28.
oct. 1857
erlassener steckbrief (
überschr. spähebrief)
beginnt: ich ersuche um spähe und verhaftung des tünchermeisters Philipp Hartner von Kitzingen, als des verbrechens der banknotenfälschung verdächtig. 1@dd) Campe
kennt auch spähe
für (
handels-)
speculation, gewinnspähe, das war eine gute spähe. 1@ee)
in folgender stelle könnte auch das mhd. spæhe,
klugheit, list, gemeint sein: do gleichsnet er sich als ob er ain almüsner were, und gieng mit listiger spehe von aim winckel zu dem andern, als ob er pettelt, bis er die kaiserin Adelhaidem sein muoter in aim winckel ersach.
herz. Ernst (
volksb.) 296, 28. 22)
so besonders in fester, formelhafter verbindung mit verben, als nachdrückliche umschreibung des einfachen spähen,
auflauern, aufpassen. spähe haben: und leget eine grosze menig in Nurenberger walt, also dasz sie spech hetten, wann das volk ausz der stat züeg.
d. städtechron. 3, 150, 6; dann der Onsorg wartet zu allen zeiten auf der von Augspurg leib und guet und hett spech auf sie, wa er kunt und mocht. 4, 50, 25; dasz man uff die täter solt späch haben, und si bifangen, wo man si betretten möcht. Tschudi
chron. Helv. 1, 243
a; wan ich leren dy lewt haben spech, das iedem werd ein plech (
üble nachrede).
tirol. passionssp. III, 1250 (
s. 263); Herodes hett spech uff mich.
quelle bei Schmid 499.
mit possessivem pronomen: und in dem selben hetten do die haiden ir spech und vielen über die cristen.
d. chroniken 2, 359, 32; ain metzger hat haimlich erfaren, dasz sein frau auch an die letzgen ist gangen, und hat sein spech auff sie gehept (
sie beobachtet).
d. städtechron. 23, 177, 12; darumb hab im herr Bernhardt geschriben, dasz er sein spech darauff hab wann er sterb, im solichs zuo wissen thie on verzug. 356, 8; wir haben unser spech ... gut auf sie. H. Sachs
dial. 21, 14; das du eintre[t]st, und hest dein spech.
ged. 3, 3, 40
d (
fastn. sp. 3, 79
neudr.); als er nun kam zu der stattpforten, der zölner het von jn (
l. jm?) sein spech (
beobachtet ihn?), thet auch, als ob er jn nit sech. 5, 379
d.
mit andern attributen: da nun graff Eberhart von Wirtenberg guotte spech hat gehept der stät volck gelegenhait.
d. städtechron. 23, 31, 14; herzog Fridrich hat seine heimlich spech gehabt zu wein und bier in der statt (
Amberg), welcher da wider jne redet, der wurd angeschriben.
quelle bei Schm. 2, 661. — spähe halten: auff einer (
l. einen) späch halten,
petere aliquem insidijs. Maaler 377
d; der ritter der auch sein heymlich spehe der frawen nach hielte. Steinhöwel
decam. s. 436, 6
Keller (7, 6); dasz man stät grosse späch hielt uff die täter, wo man die ergriffen möcht. Tschudi
chron. Helv. 1, 243
b; gute späh und kundschaft halten oder ausstellen
auf die beschriebene person, als oberd. steckbriefformel bei Adelung. —
andre verbindungen: gute kundschafft unnd spehe darauf zu machen.
Augsb. zucht- u. poliz.-ordn. v. 1553
bei Schmid 499; da erdachten sie und funden ain weg, ob sie möchten irn feinden zukommen
[] und legten ain spech und kuntschaft auf in.
d. städtechron. 5, 50, 33; auch nim ich ein gar gute speh, wo ich ein findt zu tag und nacht. Fronsperger
kriegsb. 3, 74
b. 33)
mit präpositionen: in spähe nehmen,
s. 1,
c. meist mit auf,
wobei spähe
leicht in eine örtliche bedeutung (
vgl.spähort,
wache, lauer, hinterhalt)
übergeht: Telemachos ist wider zuo land komen, darumb last unns eilends ain schiff anschicken, unnd ainen darauff, der da die, so auff der spehe und huot ligen, wider haim beruoffe, damit sy nicht vergebens auff Telemachum warten. Schaidenreisser
Odyssea 69
b (16, 347—50); sihe da kompt erunder ein hauffen morenländische, welche auff die spähe auszgeschickt waren, ob alle zugäng und strassen zu der statt sicher weren.
buch d. liebe 218
a.
so von Rückert
erneuert: da kehrte sie zurück und lief ... suchend in nicht kleiner noth — das verlorene kleinod. — und als sie auf ihrer spähe — nun kam in meine nähe.
werke (1812) 11, 266 (6.
mak.); stöhnend und dröhnend er stand auf der spähe, ob Bizhens nahenden staub er sähe.
Firdosi 2, 320;
so auch: da kam ein späher von der späh' und sagt' ihm von des feindes näh'. 289;
mit deutlich localer bedeutung: der späher sprach: 'auf jeder seit' erblick' ich von meiner spähe nur leid'. 423.
vgl. auch. der wächter der späh' erhebe den schrei. 3, 152. 44)
ferner geht spähe
auch in die concrete bedeutung '
kundschafter(
truppe)'
über, so besonders mhd.: so schaffe dû dîne spê, swaʒ ie unt ie geschê, die dich warnen.
Ruolandesl. 90, 13; diu spehe Hartmuoteswas dar gesant.
Kudr. 730, 1; dô dem Salzpurgære sîn spehe seit diu mære, daʒ der von Ôsterrich dâher füer gewalticlich. Ottokar
reimchron. 28883; dem abt ist komen sîn spehe: nû hôre wir die jehe. 29158; der von Ôstrîch hiet guot spehe ûʒ gesant: diu kom sâ zehant
u. s. w. 70976; dasz verdrosz die stat gar übel und man sant ain späch uff in.
d. städtechron. 4, 106, 5;
weniger deutlich: da nun der stat seldner durch ir spech erfuoren, dasz sie geefft wassen worden. 23, 241, 15; auf dz ein raht vertrauwte späch hinab verordnet, dardurch sie zuwegen brachten etlich der abgetrennten schilten und zeichen. Stumpf
chron. 381
b. 55)
vereinzelt auch das resultat des spähens, die erkundete nachricht, kundschaft: dô in kom diu melde und daʒ diu spehe was gewis. Ottokar
reimchron. 25196.