sonnen,
verb. der sonne aussetzen, mhd. sünnen, sunnen. Lexer
hwb. 2, 1316,
mnd. sunnen. Schiller-Lübben 4, 475
a.
auch im ältesten nhd. noch zuweilen sunnen: 1. sch.
die ornamenta zuo sunnende in marcio.
rechn. der St. Thomas fabrik (15
jh.)
bei Schmidt
histor. wb. der els. mundart 349
a ('
trocknen und auslüften').
oder mit umlaut, s. unten. so noch bei Steinbach 2, 607: ich
sünne, apricor, soli expono, insolo. (
s. weiteres unter sunnen.)
sogar zu sinnen entstellt: betten sinnen.
frauenz. lex. (1715) 203 (
dafür s. 1857: sönnen betten). —
die gewöhnliche form des 16.
und 17.
jahrh. ist jedoch sönnen, so: sönnen,
insolare, an die sonne legen. Schottel 1417; sönnen,
sönnern, aus-sönnen, durch-sönnern,
solare, insolare, esporre al sole ò a' raggi del sole, apricare, sventolare, aerare. Kramer
dict. 2, 841; sonnen,
et usitatius sönnen. Stieler 2059. (
beides neben einander auch bei Henisch,
s. 1.)
s. ferner die belege aus B. Waldis, Logau, Fleming, Birken
und noch Musäus.
andrerseits kommt auch sonnen
schon im 15.
jahrh. vor, ferner bei Luther
und Carbach
bezeugt, s. die belege. Adelung
und Campe
kennen sönnen
noch als landschaftlich. andere gegenden gebrauchen dafür sömmern,
s. das. mundartlich: schweiz. sunne Hunziker 267;
bair. sünnen,
auch sünnern. Schm. 2, 302 (
vgl. oben sönnern).
vgl. vorarlb. si
sünnela. Frommann 2, 566, 16,
schwäbisch sich
sönneln. Birlinger
wb. zum volksth. 85.
nd. sunnen
und sunnigen brem. wb. 4, 1101, sunnen, sünnen Schambach 219
a, sünnen Dähnert 474
a. ten Doornkaat Koolman 3, 366
b, sünnen, sünnigen Stürenburg 273
a. 11)
transitiv: sonnen, an die sonnen thn oder legen,
insolare. Maaler 376
b; besonnen, sönnen, sonnen, an der sonnen tröcknen,
insolare, soli exponere, ad solem siccare. Henisch 315, 39; gesonnet, an der sonnen gedörrt,
insolatus. 1565, 16; sonnen,
solare, in die sonne legen. Frisch 2, 287
b;
insbesondere: 1@aa) (
feder-)
betten an warmen sonnigen tagen an die sonne
legen, ausbreiten und ausklopfen, damit die federn sich wieder lockern und nicht faul und stockig werden, betten sömmern, sönnen. Jacobsson 4, 187
a; kleider, bettpfülben
etc. sönnen,
insolare etc. vestiti, coltri, materazzi. Kramer
dict. 2, 841
a; derselbe (
offne gang) soll wo möglich gegen morgen oder mittag angebracht seyn, denn auf ihm werden die betten gesonnt und gelüftet. Leoprechting
aus dem Lechrain 223; die packte gewöhnlich alle nachmittage ihren kram aus, sonnete ihn und packte ihn dann wieder ein in die schönen druckleni (
schachteln). Gotthelf
Uli der knecht 206
Vetter; tg sünnen. Schambach 219
a.
im bilde: fur war ein elend priesterthum, das schier gar verdumpfft ist und die motten gefressen haben. sols widder erfur komen, ...
es wird viel sonnens dazu gehören. Luther 23, 543, 25
Weim. ausg. 1@bb) wäsche sonnen,
um sie zu bleichen: du sollst deinen eimer hängen in jeden bronnen — und an jedem zaun deine wäsche sonnen. Rückert (1882) 11, 550 (42.
mak.).
absolut, s. weisth. 5, 387
unter sonner. 1@cc) sonnen, in der sonnen trocknen,
siccare. Frisch 2, 287
b: efft se gersten sunnede.
2 Sam. 17, 19
bei Schiller - Lübben 4, 475
a; flachs sonnen,
nd. flas sünnen. Schambach 219
a; bey zusehn schwind' ich ab. der lenden marck verrinnet und ich dorr' aus, wie grasz, das man am warmen sönnet. Fleming 23.
vgl.absonnen (abesönnen)
theil 1, 121
und dazu das wortreg. der ausg. v. Lappenberg, 914
b (
an der sonne abtrocknen). 1@dd)
ungewöhnlicheres: daʒ gezelte sonnen (
lüften, reinigen) und gangfertig machen.
Frankf. bürgermeisterb. (
vom j. 1459)
bei Lexer
hwb. 2, 1316. —
auch: mir schien sie rein wie ungesonnter schnee.
Shakespeare Cymb. 2, 5. 1@ee)
von pflanzen, ihnen sonne (II, 7,
b, γ)
geben, sie in den sonnenschein stellen: die früchte meiner wohl gesonnten feigenbäume wetteifern mit dem honigseime. Alxinger
Doolin2 29 (1, 53).
im bilde: es beliebt dem herausgeber seine eigene heroische person einem gärtner zu vergleichen, der einen versuch in seinem nordischen klima wagt, ob die herrliche pflanze des genies nicht auch hier gedeihe? wahr ists, viel thut hiebei die milde der zone — viel, sehr viel begiessen und sonnen. Schiller 2, 377;
freier (
da die pflanzen nicht hin und hergesteltt werden, sondern von selbst sonne
erhalten): zwo herrliche blumen im thale, ... die ... ihr blühendes daseyn in dem leeren luftraume verdunsten — aber ein engel des himmels hat sie unter seiner obhut, sonnet, pfleget und schmückt sie. Thümmel
reise 7, 413; in der mitternachtsonne scharlachstrahl seine tannen sonnt das Torneo-thal! Freiligrath
5 2, 130. 1@ff)
thiere sonnen
ihre glieder, vgl. 2: neben mir auf einem der groszen steine ... sasz ein dicker molch und sonnte seinen häszlichen leib. Storm 2, 223; itzt kriecht der schmetterling hervor, ... entfaltet, schwingt und sonnt die flügel. Ramler
fabell. 1, 273; so gehn zwei schwanen mit langsamen schritten an dem ufer des stroms, und sonnen ihr schimmernd gefieder. Stolberg 3, 322; der alligator ist an's land geschwommen, und sonnt am ufer seine grünen schuppen. Freiligrath
5 1, 175.
so auch: hier fand ich auch den Amor, der seine flügel sonnte, die ihm vom thau befeuchtet und so betröpfelt waren. Hagedorn 3, 68 (
oden 3, 4).
ungewöhnlich ist gesönte (
blosze) brüste. Logau 2, 237, 168
als überschrift eines epigramms, worin es u. a. heiszt: eure brüste feil zu bitten (
bieten), bringt euch keinen kauffman ein.
vgl. Lessing 5, 344. 1@gg)
in der bedeutung '
etwas verborgenes an die sonne,
an das tageslicht bringen, von der sonne bescheinen lassen',
wie sie bereits in der letztangezogenen stelle vorliegt, kommt sonnen
besonders schweizerisch vor. so in der redeweise thaler sonnen,
ausgeben: das sei für reiche bauernsöhne, welche gerne ihre neuthaler sonneten. Gotthelf
Uli der knecht s. 60
Vetter; dort sei er haupterbe; dem (
alten) wolle er dann die grauen thaler sonnen.
Hans Joggeli s. 16.
ähnlich bildlich: bei der abendtafel erhöhte sich die glückliche stimmung wo möglich, wie es zu geschehen pflegt, wenn eine eingekehrte schöne hoffnung die beteiligten und mitwissenden belebt und sie reizt, das geheimnis ungefährdet an der allgemeinen fröhlichkeit zu sonnen. Keller 5, 265. 22)
in ähnlichem sinne sehr häufig reflexiv: 2@aa)
selten von pflanzen (
vgl. 1,
e): Narcissen sonnen sich. Alxinger
Doolin2 187 (6, 24).
vgl. auch: die anger sonnen sich, und alle blumen sprieszen. Rückert (1882) 12, 225 (
Rostem 97). 2@bb)
dagegen sehr gewöhnlich von thieren, sich von der sonne wärmen lassen, die sonnenwärme mit behagen genieszen, sich träge hinstrecken: der hirsch sonnet sich,
cervus solis calori se exponit. Frisch 2, 287
b; die hühner sonnen sich. Adelung; da er (
Hannibal) aber hinab auff die nidern bühel kam, fand er brunnen und weyd genuog, da sich vihe unnd leut sonnen mochten. Carbach
Liv. 111
a; hühner, gänse und enten, welche sich ruhig gesonnt hatten. Immermanm
Münchh. 1, 135 (2, 1); der sommerwind kam über die haide und weckte eine kreuzotter, die sich nicht weit davon im staube sonnte. Storm 1, 99; eine katze, die sich auf dem niedrigen strohdache gesonnt hatte, sprang bei ihrer ankunft auf den boden. 102; seehunde sonnen sich auf dem weiten watt. Allmers
marschenb. 296; waren ein hauffen frösch zusamen; die sönten sich im grünen grasz. B. Waldis
Esop 1, 23, 23; ein knabe ... sah einen trauermantel fliegen ... ach! rief er keuchend, lass dich fangen! ... mein allerliebster schmetterling! und sprang mit diesen worten ... dem vogel nach, der bald sich niederliess, sich sonnte. Ramler
fabellese 1, 16; sein bestrohetes dach, wo sich das taubenvolk sonnt und spielet und hüpft. Hölty 113
Halm; sich sonnend auf dem grünen gras, ein vög'lein vor der pforte sasz. Kind 1, 30.
mit näherer bestimmung: wenn die müke in ihren stralen sich sonnt — kann sie das strafen, die stolze majestätische sonne? Schiller 3, 368 (
kab. u. liebe 1, 3).
so im bilde: und wenn wir nur als spielende eintagmücken, eigentlich einabendmücken in den stralen der untergehenden sonnen uns sonnen. J. Paul
mumien 1,
s. XL. 2@cc)
so auch gern von menschen, sich im freien ergehen oder sich behaglich hinlegen und am sonnenschein erfreuen (sikk sünnen '
im sonnenschein liegen und lauschen'. Dähnert 474
a): es kann mich der schatten eines menschen drucken, der mir in weg tritt, wenn ich mich eben sönnen will. Musäus
physiogn. reisen 3, 4; eines tages sonnte sich der geist an der becke seines gartens.
volksm. 1, 44
Hempel (
Rübez. 4); jeder sonnt sich heute so gern. Göthe 12, 53.
mit näherer bestimmung: seht! es ist alles hinausgegangen sich im friedlichen stral des frülings zu sonnen. Schiller
räuber 3, 2
schausp.; ich sonne mich im letzten abendstrahle. Freiligrath
5 1, 181.
dafür ungewöhnlich sich besonnen (
vgl. theil 1, 1634),
im wortspiel: wann reden weise männer, ohne dasz sie sich besonnen? — nachts, wann sie mondscheingespräche begonnen. Rückert (1882) 11, 425, 28 (26.
mak., in der anm. mit sich sonnen
erklärt). —
so mit kühner personification: drauszen lag der junge feurige frühling wie ein Antinous im garten und sonnete sich. J. Paul
Titan 2, 152. 2@dd)
häufig in übertragener verwendung, sich in, an etwas sonnen,
sich woran mit innigem behagen erfreuen, erwärmende und belebende wirkung davon verspüren. im ausgeführten bilde: aus der unergründlichen tiefe der zeiten an das tageslicht gestiegen, sonnen sich diese menschen darin, so gut es gehen will. Keller 1, 12; ein schönes lied frommen glaubens, in welchem Davids seele wie auf adlers flügeln sanft und majestätisch hinschwebt über den wolken und nebeln der seele und sich sonnet im lichte der ewigkeit. Karl Gerok
psalmen 1, 134; dich lieszen sie nach jenem schimmer jagen, in dem sich jeder selber gern gesonnt. Grillparzer
5 2, 89 (
Napoleon); (
ich) sammle deines glückes trümmer, sonne mich in neuem schimmer.
46, 217 (
d. traum e. leb. 4).
so auch: lern diese wollust verdienen junger mann, und die engel des himmels werden sich sonnen in deiner glorie. Schiller
räuber 5, 2
schausp. —
am golde: das gold, den mammon, diese erdenmacht, an welcher sich das alter liebt zu sonnen. Chamisso 2, 29
Koch (
Salas y Gomez 2).
an augen, blicken (
vgl.sonne II, 8,
f): nie wird er wieder sich an ihren blicken sonnen. Wieland
Ob. 6, 47; wie er erquickt in meinem blick sich sonnte. Tieck 1, 393; stärkt an frühling euch und wein, sonnet euch an schönen augen! Uhland
ged. (1864) 12.
abstracter: es war eine zeit, da auch meine brust an groszen hoffnungen sich sonnte. Hölderlin 2, 40
Köstlin; der dechant selbst aber sonnte sich nach der predigt, im polsterstuhl ausgestreckt, an den nachwonnen ihres eindrucks. Alexis
hosen12 280; an ihrer gunst sonnten sich ihr bruder ... und der finanzrath Deines. Treitschke
d. gesch. 3, 531.
dafür ungewöhnlicher: wie ich mich an keinem sonnte, biet ich licht auch keinem
an. Rückert 221. 2@ee)
mit unpersönlichem subject: soviel sich an seinem strahl welten sonnen, lobt den herrn! Rückert (1882) 5, 241 (
Freimund 6); gefühl, das sich in herzenswärme sonnte. Grillparzer
5 1, 228. 2@ff) ein schatz sonnt sich,
nd. geld sünt sek '
von dem schatze, der nach dem volksglauben von zeit zu zeit an die oberfläche kommt'. Schambach 219
a (
vgl. 1,
g): da sieht sie im garten etwas hell glänzen. sie geht darauf zu und sieht, dasz es ein topf voll gold ist, welches sich sonnt. Schambach-Müller
nieders. sagen s. 110; ein man von Ertingen sah, wie sich um mittag ein schatz auf seinem acker 'sonnte'. Birlinger
volksth. 1, 100, 140; am St. Longinustag (15. märz) sonnen sich die schätze und glänzen auf dem felde. 141; im Steinbühl ... ist ein schatz verborgen ... alle sieben jahre '
sönnelt' (sonnt) er sich oben auf dem hügel und versinkt wieder.
s. 81. 2@gg)
schweiz. er hat si g'sunnet,
hat einen rausch. Wander 4, 625. 33)
in der ältern sprache wird in derselben bedeutung sonnen
auch intransitiv gebraucht: sonnen, sich an der sonnen halten,
apricari. Dasypodius; das sonnen,
apricatio. vom sonnen erwarmen,
apricatione calescere. Maaler 376
d ; apricatio, das sonnen, das wohnen an der sonnen. Dentzler 1, 58
b; so sy (
die ameisen) sonnen, so beleybt es gar heyter und schoen den gantzen tag.
quelle bei Scherz-Oberlin 1520;
poetisch vereinzelt noch in neuerer zeit; bildlich: der freude schauer beben mir, o geliebte! durch mark und gebein, bei'm gedanken an dich, die du sonnest im strahl der ewigen sonne! Stolberg 2, 141.
zur sonne emporfliegen (?),
bildlich: wenn ich mich in des festtags wonne erheb' und mit dem adler sonne. Schubart (1787) 2, 26. 44)
daneben begegnen in dichterischer rede abweichende bedeutungen, so gewöhnlich '
wie die (
eine) sonne
strahlen'.
in älterer sprache eigentlich, von der sonne: der bäum(e) schattenhaar bebt voller lustgeräusch, weil wieder offenbar die sonne sönnt auf sie. v. Birken
Guelfis 245.
in neuerer dichtung freier, von augen (
vgl. 2,
d): wie heisz die augen in mich sonnten. Heinse
Ardingh. 1, 218 (
2 174); wenn mir die wurzeln begieszt der wein, dein (
des schenken) auge mir sonnet von oben. Rückert (1882) 5, 334,
von der geliebten: dort eines hauses luftiger altan ist meines liebeshimmels horizont, wo meine augen die geliebte sahn als sonne bald und bald als stiller mond. sie hat herab von jenem himmelsplan, wie oft! gelächelt mondlich und gesonnt. 88 (
sicil. 47).
abstracter: wer fühlet, wo der frühling athmet, frost? wen schrecket, wo die liebe sonnet, sturm? 59.
vgl. auch: wenn sanft du mir im arme schliefst, ... im traum du meinen namen riefst, um deinen mund ein lächeln sonnte. Liliencron 7, 168.
mit angabe der wirkung: ja, du sonnest noch den gram aus der seele mir zuletzt. Rückert 7, 272.
transitiv gebraucht, '
als sonne
durchstrahlen' (
oder '
sonnig, hell machen',
vgl. 5): liebe sonnt das reich der nacht. Schiller 1, 240.
so im eigentlichen sinne: als schon der junge tag das grosze kammerfenster sonnte. Kl. Schmidt
bei Campe. 55)
unpersönlich es sonnet,
es ist sonnig, sonnenschein, die sonne scheint ('
il fait du soleil',
vgl.es windet): wie im lande Gosen sonnt es rings um dich. Göthe 47, 113; und wie es sonnet, wie es luftet in schöner welt am guten tag. Immermann 13, 149
Hempel. ähnlich mit bestimmtem subject: wenn der abend mild gefächelt, tränk' ich euch aus frischem bronnen; und ich hab' euch angelächelt, wann die luft nicht wollte sonnen. Rückert (1882) 1, 436 (
liebesfr. 2, 45).
causativ von gott, die sonne
scheinen lassen (
vgl.sonne II, 3,
l): der ungekannte gott, der ungenannte, regnet und sonnet über uns, wir fühlen, dasz er segnet. 3, 322.
in allen diesen fällen ist wol jedesmal freie poetische neubildung anzunehmen.