siebenzig,
siebzig,
zahlwort, septuaginta. 11)
form. 1@aa)
die formen der ältern german. sprachen zeigen zum theil stark abweichende bildungen, die noch nicht befriedigend erklärt sind, vgl. Streitberg
urg. gramm. s. 219—222.
zu bemerken ist namentlich, dasz ursprünglich mit 70
überall eine besondere, von den niedrigeren dekaden verschiedene bildungsweise einsetzt. 1@a@aα)
got. sibuntehund
setzt wol eine indogerm. form fort; es ist strittig, ob man sibunte-hund
oder sibun-tehund
abzutrennen hat. 1@a@bβ)
für jenes scheint die ags. form hundseofontig
zu sprechen (
die mundartlichen formen s. bei Sievers
ags. gr.3 § 326),
die auf den ersten blick wie eine umkehrung der got. form aussieht (
abgesehen von der endung). 1@a@gγ)
daraus entstellt scheint die alts. form ant- (
bez. im Cott. at-) siBunta (
mit folgendem gen. wintro,
Hel. 146),
woneben allerdings auch schon das einfache siBuntig
vorkommt (siBun sîðun siBuntig
Hel. 3252),
vgl. Holthausen
alts. elementarb. § 384. 1@a@dδ)
ein rest dieses hund-
bez. at-
zeigt sich noch mnl. in dem häufigen tseventich
neben seventich,
s. Franck
mnl. gr. § 240. 1@a@eε)
ahd. ist zwar dies element überall geschwunden, doch bieten die ältesten quellen noch eine endung, die sich dem got. davor erscheinenden te-
und dem alts. ausgange -ta
vergleichen läszt: sibunzo,
vgl. unten. 1@bb)
später ist in allen german. sprachen die gewöhnliche, bei 20—60
ausschlieszlich und bereits urgerm. übliche bildung durch zusammensetzung mit dem subst. tigus (
dekade)
eingetreten. in den nord. sprachen ist nur diese art überliefert: altn. sjau tiger,
norw. sytti (
seltener sjautti) Aasen 654
a,
schwed. sjuttio (
dän. dafür halvfjerdsindstyve
bez. halvfjerds);
ebenso natürlich im fries.: siuguntich, sogentech, soven-, savn-, santich,
einmal sauwentuntig(a) Richthofen 1013
b.
im engl. ist die endung -tig
schon in der ags. form vorhanden; neuengl. seventy.
alts. siBuntig
neben der ältern form, s. a, γ; mnd. seven-, soventich (
fehlt bei Schiller-Lübben): soventich vademe deyp.
seeb. X, 26 B; soventich pallen (
palmen) vunden se dâr unde twintich borne, dat is wâr.
van dem holte des hill. cruzes 335.
s. auch unten 3,
c. —
entsprechend neund. seventig
brem. wb. 4, 780, sewentig Dähnert 423
a, säöwntig Danneil 181
a, (s)sȫfentîg ten Doornkaat Koolman 3, 254
a.
in den südlichen gebieten jetzt vielfach vom hochdeutschen beeinfluszt: westfäl. siewentig,
um Iserlohn siewenzig Woeste 236
b, sīe-, sīebmtsic(h), siemsich,
s. nd. korrespondenzbl. 12, 43. (
um Goslar ganz hd. sīpzich, saipzich). 1@cc)
ahd. findet sich sibunzo
nur noch in alten glossen und der Isidor-übersetzung, s. Graff 6, 69: in dhero siibunzo tradungum
in translatione lxx. Isidor 7, 4
Hench; sibunzo uuehhôno sindun chibrevido oba dhînêm liudim. 25, 22; after dhêm sibunzo uuehhô
m. 27, 5.
dagegen bei Tatian bereits sibunzug,
welche form sich also bald nach 800
durchgesetzt hat: vvurbun thô thie zuêne inti sibunzug. 67, 3; sibunzug stuntûn sibun uuarb. 98, 4.
ebenso natürlich bei Notker: diê unsere iârtaga .. diê sint in sibinzig iâren. 2, 379, 19
Piper (
ps. 89, 10).
mhd. finden sich die formen sibenzec, -zic, -zoch, sebenzig, sübenzech, subenzich (
bair.), söbenzig,
ostfränk. sobenzic, sobinczk,
md. siven-, sievenzich,
s. Lexer
handwb. 2, 900. Weinhold
mhd. gr.2 s. 339
und die belege unten. (
weitere, z. b. sehr auffällige varianten, wie siebencz, siebenzenzich, s. unter siebenzigmal,
vgl. auch siebenzigste.) 1@dd)
im nhd. herrscht die form siebenzig bis ins 19.
jahrh. hinein: sibentzig,
septuaginta Dasypodius; sibentzig, sächtzig unnd zähen. Maaler 372
d; siebentzig,
septante Hulsius 298
a. Corvinus
fons lat. 590
b; siebenzig,
settanta Kramer
dict. 2, 805
b. Stieler 2015; sibenzig Frisch 2, 274
a.
so in der litteratur noch bei Schiller
und Hebel,
s. unten. sogar bei zweisilbiger messung: wie lang hält doch das leben aus? gar selten
siebnzig jahre. P. Gerhardt
s. 316
Gödeke. dagegen läszt sich siebzig, das mit den kürzungen der siebte
und siebzehn (
vgl. diese)
parallel läuft, erst bei Steinbach 2, 587
belegen, der zuerst siebentzig (
numerale card.)
septuaginta, sodann auf derselben seite siebtzig,
letzteres mit weiteren beispielen, bietet. vgl. Weigand 2, 709. (sibitzig
schon in der bis 1536
reichenden Augsb. chron. von Sender,
s. unten 2,
c, η; noch stärker gekürzt: septuagenaria sibz zal. Dief.
gloss. 528
b.) Adelung
setzt siebzig
an, kennt siebenzig
nur als oberdeutsch und biblisch, und bemerkt: '
da die Hochdeutschen nie siebenzig
sprechen, so können sie die endsylbe en
auch im schreiben entbehren'.
doch hält die litteratur noch lange daran fest. beides neben einander: 'sie haben schon manchen sommer erlebt', sagte er. 'acht und siebenzig, es ist ein' schöne zeit, siebzig jahr ein menschenleben, heiszt es in der schrift'. Auerbach
dorfgesch. 2, 83.
doch halten die mundarten auch hier an der längern form fest. schweiz. sìbezg Hunziker 240,
tirol. sîbezg Schöpf 672,
kärnt. simzik Lexer 32 (
nd. s. b). 22)
verwendung. 2@aa)
in der gewöhnlichen attributiven stellung vor dem subst., unflectiert (
ahd. sibunzo
zuweilen mit genitiv, s. oben 1,
c);
von personen: siebtzig bürger,
septuaginta Steinbach 2, 587; samle mir siebenzig menner unter den eltesten Israel.
4 Mose 11, 16; deine veter zogen hinab in Egypten mit siebenzig seelen.
5 Mose 10, 22; siebenzig könige mit verhawenen daumen jrer hende und füsse lasen auff unter meinem tisch.
richter 1, 7; und Gideon hatte siebenzig söne. 8, 30; rüstet zwey hundert kriegsknechte, .. und siebenzig reuter.
ap.-gesch. 23, 23;
mit andern subst.: sie kamen in Elim, da waren zwelff wasserbrunnen, und siebenzig palmbewme. 2
Mose 15, 27; der hat vierzig söne und dreissig neffen, die auff siebenzig eselfüllen ritten.
richter 12, 14; was ist ein kopf wie dieser gegen siebenzig versunkne gallionen? Schiller
dom Karlos 3, 8.
mit zeitbestimmungen: die Egypter beweineten jn siebenzig tage. 1
Mose 50, 3; zu der zeit wird Tyrus vergessen werden siebenzig jar, .. aber nach siebenzig jaren, wird man von Tyro ein hurnlied singen.
Jes. 23, 15;
zur altersangabe: Kenan war siebenzig jar alt.
1 Mose 5, 12. 2@bb)
mit masz- und zahlausdrücken, die dabei theilweise ohne pluralendung erscheinen: die webe aber des ertzs war, siebenzig centner.
2 Mos. 38, 29; eine silberne schale, siebenzig sekel werd.
4 Mos. 7, 13; siebenzig ellen hoch.
Judith 1, 2; siebzig pfund, siebzig fusz lang
u. a. siebzig fasz,
als masz, dagegen: das schiff mit seinen siebenzig fässern pulver bekam feuer. Hebel 2, 55.
so auch bei zählung von personen: und er .. erwürget seine brüder die kinder Jerub Baal, siebenzig man auff einem stein.
richter 9, 5 (
daneben auch: siebenzig mansbilde.
Esra 8, 7).
bei thieren siebzig stück: es (
das gut) hält seine sechzig, auch siebzig stückle vieh. Auerbach
dorfgesch. 1, 200 (
vgl. auch siebenzigmal). 2@cc)
wie die sieben,
so hat auch die siebzig
oft eine besondere, typische geltung, namentlich im alten testament, wie schon die häufigkeit ihres auftretens beweist. schon manche der aufgeführten gebrauchsweisen wären hierher zu rechnen, namentlich aber folgende: 2@c@aα)
von personen: die siebenzig eltesten Israel.
2 Mos. 24, 1. 2@c@bβ) die siebtzig dollmetscher,
septuaginta interpretes. Steinbach 2, 587,
vgl. unten 3,
c. 2@c@gγ)
auch im neuen testament: darnach sondert der herr ander siebentzig aus, und sandte sie, ja (
je) zween und zween, fur jm her.
Luc. 10, 1. 2@c@dδ) siebenzig jahre
als dauer der babylonischen gefangenschaft: denn die gantze zeit uber der verstörung war sabbath bis das siebenzig jar vol worden.
2 chron. 36, 21; wenn aber die siebenzig jar umb sind, wil ich den könig zu Babel heimsuchen.
Jerem. 25, 12; das Jerusalem solt siebenzig jar wüst ligen.
Dan. 9, 2. 2@c@eε)
als normale dauer des menschlichen lebens: unser leben wehret siebenzig jar, wens hoch kompt so sinds achtzig jar.
ps. 90, 10; wer lebt itz siebentzig, wer komt auf achtzig jahr'? Rist
Parnasz 258. 2@c@zζ)
in der jüdischen apokalyptik spielen die siebenzig (
jahr-) wochen
bei Daniel eine grosze rolle: siebenzig wochen sind bestimpt uber dein volck, und uber deine heilige stad.
Daniel 3, 24. 2@c@hη)
kirchlich die siebenzig tage
vom sonntag septuagesima bis ostern: am freitag vor den sibitzig tagen.
d. städtechr. 23, 404, 4 (
vgl. das glossar). 2@dd)
syntactische besonderheiten. 2@d@aα)
ahd. mhd. wird die zahl zuweilen nachgestellt: duo her (
gott) mit sînir gewalt gedeilti si sô manigvalt in zungin sibenzoch.
Annolied 165. 2@d@bβ)
substantivisch von personen: die siebenzig aber kamen wider mit freuden.
Luc. 10, 17 (
vgl. c, γ).
wenn indes die siebzig
gesagt wird, ohne dasz die beziehung aus dem zusammenhange sich deutlich ergibt, so meint es die lebensjahre (70
oder auch zwischen 70
und 80
jahre): ein mann in den siebzigen, über die siebzig hinaus (
also 70
jahr alt oder darüber)
u. ähnl. in dieser verwendung flectiert: sonst, bin ich, gott sei dank! trotz meiner siebzige, noch ziemlich auf den füszen. Körner 3, 339. 2@d@gγ)
ahd. zuweilen mit dem genitiv, s. unter 1,
c. jetzt nur noch in partitivem sinne: siebzig seiner mann
u. ähnl., und gern in prädicativer verwendung (
wo dann das zahlwort zum grammatischen subject wird): und aller seelen die aus den lenden Jacob komen waren, der waren siebenzig.
2 Mose 1, 5. 33)
in zusammengesetzten zahlen: 3@aa)
echte zusammensetzung nur in siebzig tausend: das des volcks starb ... siebenzig tausent man.
2 Sam. 24, 15; und Salomo hatte siebenzig tausent die last trugen.
1 kön. 5, 15. 3@bb)
in verbindung mit einern: