lugen,
verb. videre, prospicere, ein in der ältern schriftsprache und wieder bei neueren verwendetes wort. 11)
lebend ist es im ahd. lôgên, luogên,
mhd. luogen,
mitteld. lûgen;
alts. lôcôn (umbi lôcôn
Straszburger gloss. 92),
niederd. lôken;
ags. lôcian,
engl. look;
eine dem westgermanischen eigenthümliche bildung, zu welcher sich im gothischen und nordischen nichts entsprechendes findet. aus den urverwandten sprachen wird verglichen kelt. lagat, lagas, llygat
oculus Ebel
in Kuhns
beitr. 2, 176;
lettisch heiszt lûkuot
schauen. 22)
am häufigsten findet sich lugen
von alters her im oberdeutschen, namentlich im alemannischen sprachgebiete (
doch wird es mhd. von einigen höfischen dichtern gemieden Haupt
Engelhard s. 244),
wo es auch jetzt noch in ausgedehntem brauche steht: schweiz. luege, luega
aufmerkend sehen, schauen Stalder 2, 183. Tobler 307
a;
elsässisch lueje
blicken, schauen Fromm. 6, 260;
schwäb. lugen
schauen Schmid 365;
im bairischen weniger häufig vorkommend luegen Schm. 1, 1462
Fromm.; tirol. luegen
schauen, besonders aus einem verstecke Schöpf 401;
kärnthn. luagen
ausspähen Lexer 182;
oberöstr. luegen
schauen, besonders finster und verdrieszlich vor sich hin stieren Fromm. 3, 184;
auch oberpfälzisch Schm.
a. a. o., und noch schlesisch lugen
lauernd sehen Weinhold 55
a.
in andern mitteldeutschen und in niederdeutschen mundarten ist das wort ausgestorben. 33)
der ältern schriftsprache, namentlich noch des 16.
jahrh., ist lugen
in quellen oberdeutscher heimat geläufig; in manigfacher verbindung. 3@aa)
absolut, sehen, hervorsehen: also luogt Ulenspiegel us dem korb ganz.
Ulensp. 9,
s. 11
Lappenberg; hinsehen: der scherer lugt und sahe wol, dasz er (
ein in den fusz getretener dorn) tief stack. Frey
gartenges. 50; zuogelassen oder eingelassen zuo luogen,
spectatum admissus Maaler 276
b (
etwa in eine schaustellung);
und unsinnlicher: thu deine augen auf und lug, so finstu in allen lastern exemplen die dich witzig machen. Keisersberg
narrensch. 86
d;
zusehen, aufpassen, seine aufmerksamkeit wohin wenden: luog aber und beleib nit entlichen auf den bilden (
bildlichen vorstellungen).
geistl. spinn. (
granatapfel) N 2
d; mich bedunkt äs sigind ungeschikte knaben (
zum lernen, sagt ein schulmeister), doch wellen wier luogen, kerrend nuor guotten flysz
an. Th. Platter 36
Boos; doch lugt und sagt dem riesen nicht, dasz ich euch disz angezeigt habe.
Amadis 71. 3@bb)
als imperativ lug!,
fast interjectionell verwendet: sich luog luog!
ecce, adverb. demonstrandi Maaler 276
a; luog er ist vorhanden,
eccum adest. ebenda; lug, die haben den glauben zu Christo gehabt, aber sie mangeln guter werk.
Ingolstadter quelle bei Luther 2, 439
b; schaw, lieber, sihe, lug, lug, das ist die Chariclia.
buch d. liebe 194
a; lug, Hilla, wie gefellt dir das?
fastn. sp. 575, 5; luog, hüt dich wol vor allem spiel, der bösen buoben sind gar viel. Wickram
bilg. H 3;
auch im plur. luget: nu luget, lieben leut! was ich euch bedeut, das ist ain toter man.
fastn. sp. 606, 25. 3@cc) lugen
mit genitiv, auf etwas sehen: wann als sie hübsch was, da het sie auch irer schanz gelugt (
auf ihren vortheil gesehen). Keisersberg
evangel. (1517) 142
a; da jeder seiner schanz luget. Frey
gartenges. 37. 3@dd)
mit präpositionen und adverbien, in eigentlicher bedeutung, hinblicken, blicken: disz vogelgeschlächt (
der haushahn) luogt auch allein aus allen andern vögeln stäts an himmel. Heuslin
vogelb. 77
b; die kräbsz luogend entzwerch oder schälb,
cancri in obliquum aspiciunt. Maaler 276
a; hin und här luogen,
dispicere, circumferre oculos. ebenda; wenn du jnen in das angesicht luogst, dunkend sy einen fromm leüt sein,
ad faciem eorum quum aspicies, haud videntur mali. 276
b; der wirt sagt: her gast, das ist guot, ich wil darnach luogen, wan ich uf stan. Ulenspiegel sagt: daʒ thuon, luogent umb, ir werden daʒ finden.
Ulensp. 79,
s. 118
Lappenb.; in sprichwörtlichen oder bildlichen wendungen: einem dörfen under die augen luogen, einem dapfer anluogen,
vultum alicujus sustinere. 276
a; in den seckel luogen,
inspicere marsupium. ebenda; besich dich selber, luog dir in dein kartenspil, nim war wie du lebest. Keisersberg
siben scheiden i 1
b; zum himelpaw halt fast den pflug, volg Christo und zu rugk nit luog. Schwarzenberg 140
b; zu etwas lugen,
auf etwas seine aufmerksamkeit richten, zu etwas besorgend sehen: dar zuo wil ich luogen, das wil ich versähen,
ego istuc videro. Maaler 276
a; ich will euch getreuw sein, ich will zu euwrem ding lugen, besser dann alle ewere freunde.
de fide concub. 114; solten sie nichts zuo beuten han, sie würden wol von kriegen lan, oder sunst zu finanzen gar vil, sie luogten bald zum rechten zil. Murner
schelmenz. 10
a; welcher will, dasz jm geling, der lug selbs zu seim ding. Fronsperger
kriegsb. 2, 79
b (S. Frank
sprichw. 1, 20
b); da lag do auf dem haberstro ein alter rech, der het zween zän verloren .. ein alte segen das ersach, die hieng hoch oben unterm dach, sie steig herab, und lugt zu solchem schaden.
Ambras. liederb. 140, 19 (
lügenlied); um etwas lugen: umb gält luogen,
comparare argentum. Maaler 276
b; umb notwendige ding luogen, notwendiger ding halben fürsähung thuon,
providere rebus necessariis. ebenda; wier kleinen ... solten umb brot und salz luogen. Th. Platter 23
Boos; es lugte ein jeder umb ein herberg.
buch d. liebe 200
d; da luogend wir umb unseren teil, das gelt macht unsere seelen feil.
trag. Joh. B 8; für einen
oder etwas lugen: luog für dich, und tracht, was du handlest,
vide quid agas Maaler 276
a; ich sag dirs bawr, lug wol für dich. Spangenberg
fangbriefe F 7
a; auf etwas lugen: einem auf die eisen lugen (
acht haben auf einen),
beispiele theil 3, 366; auf solche ding zu luogen. Melissus
ps. D 4
a;
endlich mit trennbaren partikeln auflugen, auslugen, zulugen: da lugt des bürgermeisters knecht oben zu dem fenster ausz. Pauli
schimpf 46
a; ich lugte ein weil zu. Frey
gartenges. 53
b; wer mit herren kerschen essen wil, der lug wol zu, das im die stil nit unter sein augen polen.
fastn. sp. 538, 26; drumb lugt wol auf, zu dieser zeit, dasz jhr nicht durch undankbarkeit, ausz dem himmel treibt dasz gänszlein.
ganszkönig E 4
a. 3@ee) lugen
mit abhängigem satze, hinsehen, auch zusehen, acht geben: wenn ein oberer in eim closter straft, so luogen sie, das sie in umbringen, sie durfen im gift zu essen geben. Keisersberg
evang. 1517 23
a; er (
der arzt) sol auch luogen, das die gesundtheit sein entlich furnemen sei. Dryander
arznei 1542 2
b; lug, dasz du nicht durch solche mittel in schand und laster fallest.
b. d. liebe 212
b; lug dasz du sicher handelest. 215
a; der (
oberste feldprofosz) lugt denn mit hülf desz obersten und seiner trabanten, dasz derselbig ubeltheter dem profosen, unter desz regiment er gehört, uberantwort werde. Fronsperger
kriegsb. 1, 61
b; darumb ich dich jetzund erman, luog das nit sigst ein böser han, als Karolus Marcellus ist gewesen. P. Gengenbach
Nollhart 715; darüm wer herscht dürch furcht on lieb, der luog das er kain kurzen schieb. Schwarzenberg 116
a; luog wer du bist der du freud hast in finsternus und ungewitter. Cyrill 49
b; ier sind werlich ein finer herr, mechtend doch gluogt han, was Thoman dätte, er ist krank gsin und noch. Th. Platter 28
Boos; es halt ein raubschiff hinder dem vorberg auf euwer schiff, darumb lug was du zu thun hast.
buch d. liebe 201
b; ir herren, kauft auch mein kremerei! lugt, was euch hie gefallens sei.
fastn. sp. 373, 14; der gab mier ein gold guldin, den truog ich im hendlin bisz gan Stalden, gluoget oft under wägen, ob ich in noch hette. Th. Platter 14
Boos; sie legen eim ein federlin uf das mul und luogen ob er noch etmet. Keisersberg
evang. 1517 146
b; so lief der narr in den stall zu den pferden und luget ob man die pferdt auch sattelt. Pauli
schimpf 74
a; gab Jacob dir nit zuo verston, von Juda wurd nit der zäpter gnon, es käm dan der der zsenden ist? luog ob das nit sy Jesu Crist. P. Gengenbach
Nollhart 1438; er ... hatt aber der schuoll nit vill acht, luogt mer wo die hüpschen meitlin waren. Th. Platter 35
Boos; ein hauptmann, der luget, wie er möchte ein argwon und uneinigkeit machen zwischen dem (
feindlichen) hauptmann und seinen underthanen. Pauli
schimpf 17
a; so füg dich von stund und on allen verzug auf die hohen platten, und lug, wann der held Teurdank kumt darauf.
Theuerdank 47, 38. 44)
schriftsteller der 1.
hälfte des 17.
jahrh. verwenden lugen
nur noch spärlich: dasz das best aussehen ist in sich selbst lugen. Opel
u. Cohn 378 (
von 1621); ein jeder lug, wen er erwischt. 105, 18; lueg aber, beisz kein zahn nit aus, thu nicht zu geizig sein. 430, 36 (
Wien, von 1624); (
sie) lugt, schaut nach jhm hinumb. Spee
trutzn. 42; die wort hat kaum vollendet die weinend büszerin, zum grab sich wider wendet, lugt immer hin, und hin. 50; manch ander mehr uf sein als deinen nutzen lugt (: druckt). Zinkgref
bei Opitz (1624) 181; einer, welcher weit verworfen auf der flut das müde haupt erhöhet und lugt, wo Castor ist, und wo der Pollux stehet, die meister auf der see. Opitz 2, 113; lugen,
providere, acht haben,
prendre garde Schottel 1359;
später zieht es sich ganz in die mundarten zurück: lugen,
antiquissimum germanicum vocabulum, ac etiamnum in Svevia, Bavaria, Helvetia et alibi usitatissimum. Stieler 1184;
auch Frisch 1, 627
b kennt es nur '
im schwäbischen dialect und andern alten allemannischen gegenden'. 55) Campe
bezeugt, dasz das wort zu seiner zeit aus dem Oberdeutschen in die büchersprache, besonders in rittergeschichten, zurückgeführt worden sei. in der that bringen die gelesensten rittergeschichten aus dem anfang der neunziger jahre des vorigen jahrhunderts lugen
mit einiger vorliebe für schauen oder spähen an, entsprechend dem bestreben, ihrer sprache eine alterthümelnde und biedere färbung zu geben, wozu gern ausdrücke aus den süddeutschen mundarten gewählt werden, die dem norddeutschen ohr derartig klingen: und führte sie mich ins haus, und half mir das büffellederne wamms ab, belugt es, und fand manchen tiefen einschnitt drinn. Veit Weber
sagen der vorzeit 3 (1792), 47; aus der ferne sah er einen mann kommen, wildes blickes lugte der umher. 91; und was der pfaff dort oben so gewahrlich heraus lugt? Cramer
Hasper a Spada 1 (1794) 37; schwazte mit mir, und lugt immer nach burg Ilmen hinauf. 85; die vögel dort oben in den wipfeln der bäume — wie sie lugen! wie sie lugen! 115; er zwitscherte fröhlich über berg und thal, und lugt und lugt all überall nach würmchen auf duftenden blütchen.
s. 29;
seit dieser zeit erscheint lugen
wieder, nicht nur wie bei Schiller,
wo ein mundartlicher anklang beabsichtigt ist: lug, Seppi, ob das vieh sich nicht verlaufen.
Tell 1, 1;
sondern auch wo ein solcher gar nicht in frage kommt; immerhin in nicht häufiger anwendung: wo ich die dörfer verfallen und elend und doch die visitatoren nach dem sacke lugen sehe, da gehe ich so schnell als möglich meines weges. Seume
spazierg. 2, 158; es wogte das meer, aus dem dunkeln gewölk der halbmond lugte scheu. H. Heine 18, 73; im walde steht die kleine burg, aus rohem quaderstein gefugt, mit schart und fensterlein, wodurch der doppelhaken einst gelugt. A. v. Droste-Hülshoff
ged. (1873) 218.