grobheit,
f. ,
seit dem mhd.; streckenweise in gleicher verwendung wie gröbe (
s. namentlich 2),
aber von anfang an abstracte gebrauchsweisen bevorzugend; je später je mehr auf menschliche artung und gebarung beschränkt, wo gröbe
kaum begegnet (
s. d. 1
schlusz)
; in älterer sprache auch grobkeit,
doch selten: pilgerf. d. träum. mönchs 449;
s. u. 3
; zimm. chron. 2, 160, 15;
N. v. Wyle
translat. 93, 8
lit. ver.; Murner
schelmenz. 36, 38
ndr.; entwickelter ist grobigkeit,
s. d. 11)
die grundbedeutung '
rauheit' (
s.grob A)
ist wegen der concurrenz von gröbe (
s. d. 1)
im eigentlichen sinnlichen gebrauche nicht zu belegen; wohl aber übertragen als '
herbheit, schärfe': die andern art (
nämlich daz si zesamen zeuht) hât si (
die wermut) von der grobhait ires saffes Konr. v. Megenberg
buch d. natur 381, 22; alle wort haben bürischen bitterkeit und grobheit
Terenz (1499) 118
c;
asperitas orationis die reuche und grobheit der red Frisius
dict. (1556) 125
b; der sprachen
grob- und härtigkeit Schottel
haubtspr. (1663) 26; grobheit, rauhe, herbe
asperitas, opp. lenitas Henisch 1748;
reich entwickelt nur in der anwendung auf den menschen, s. u. 5. 22)
entsprechend grob B =
grossitudo, grossicies gemma gemm. (1508) l 6
a; granit, der nur in rücksicht auf grobheit oder feinheit des kornes einige verschiedenheiten zeigte Kerner
bilderb. (1849) 377;
weiterhin: grobheit, die dicke, feiste
crassities, crassitudo Henisch 1748;
corpulenza grobheit oder schwere desz leibs Hulsius (1618) 2, 109
b;
im sinne von grob D:
densitas, plenitudo Henisch
a. a. o.; spissitudo, spissitas Serranus
synon. (1579)
s. v. grobheit; sich aber die erde .. wegen ihrer grobheit und unbeweglichkeit mit keinem element vermischen kan Harsdörfer
d. teutsche secret. 2, 613; die dicht- und grobheit der cörper, so in der äussern natur die durchstrahlung des lichts verhindern J. C. Dippel
aufricht. protestant (1733) 90; mit der zunehmenden entfernung von der sonne nimmt .. auch die dichtigkeit der planeten, die grobheit des stoffes auf denselben ab D.
F. Strauss 6, 111;
etwas anders, zur bezeichnung festerer substanz: die matery der blüt ist ausz behendem wässerigem vermischet mit behendem oder subtilem yrdischem, das es seiner subtigligkeit halben billicher geformet würt zuo blt wann zuo feuchter grobheit (
wie sie in den blättern vorliegt) Petr. de Crescentiis (1531) 11
a;
ähnlich auch: daz feur .. benymt im (
dem holz) die feuchtikayt und die grüne und grobhait (
festigkeit, zähigkeit) Tauler
sermones (1508) 84
c;
vgl. myst. 2, 431, 21;
als densitas auch von flüssigkeiten: die ander ursach ist grobheyt und dicke des geblüts Ryff
spiegel d. gesundheit (1544) 136
a; mit seiner grobheit verstopfet er (
der süsze wein) ... die subtilen äderlin der lebern Petr. de Crescentiis (1531) 57
a; dasz man in das meer, wegen des wassers farb und grobheit nicht weit hinunter sehen kann Otho
krankentrost 701;
schlieszlich überhaupt zur bezeichnung des substantiellen gegenüber dem geistigen; in mystischer sprache vielgebraucht: gropheit der lîplicheite
myst. 2, 668, 9; daz materielîchiu gropheit alsô behende sî alsô geistlîchiu, daz enwirt eime unglorificierten lîbe niht
ib. 11; also ist er (
Christus) ouch in dem heiligen sacrament on grobheit und on alle schwere
der ew. weisheit betbüchl. (1518) 142
a; mein leib der wird für gott wie ein carfunkel stehn, wenn seine grobheit wird im feuer untergehn A. Silesius
cherub. wandersm. 50
ndr.; geradezu für das irdische: als er des vatters willen endt, ward er behend ausz der grobheit genummen Wackernagel
kirchenl. 5, 728; (
er wird) verklärt von gott, bisz sich natur verlieret und grobheit flieht samt aller irdigkeit G. Arnold
göttl. sophia (1700) 2, 58;
ein in älterer sprache recht ausgebreiteter gebrauch; er hält sich in wendungen wie grobheit der materie Kant (1838
ff.) 8, 368. 33)
wenig entwickelt ist die grob C
entsprechende verwendung, die den nachdruck auf die qualitätsbezeichnung legt (
hier herrscht durchaus gröbe,
s. d. 4): eben als wol die grobekeit (
sc. der speise) als die gude spise mich lecken deit
pilgerf. d. träum. mönchs 10519; grobheit des glases Krünitz 20, 111; grobheit des vlieszes (
beim schaf) Brehm
thierl. 3, 236
Pechuel-Lösche; übertragen: diese grobheit des stoffes und des gewebes in dem baue der menschlichen natur Kant (1838
ff.) 8, 368;
ebenso selten im sinne grob E,
die mangelnde feinheit der gestaltung eines dinges betonend: grobheit des antlutz Diefenbach 157
a s. v. crepundia (15.
jh.); die zartheit oder grobheit der augenfelðer (
bei den schmalböcken) Brehm
thierl. 9, 179;
nur von unsinnlichem häufiger; gern von uncultivierter sprache (
vgl.grob E 1),
wo die bedeutung nahe an 1
grenzt: (
da Luther die sprache) aus der ungeschlachten, ungeschliffenen grobheit in eine zierliche anmuhtigkeit gebracht Zesen
rosenmand (1651) 12; die französische sprache wäre noch lange in dem zustande der grobheit geblieben
neuer büchers. d. schön. wissensch. u. fr. künste 5, 125;
auch sonst verschiedenartig für den zustand des plumpen, rohen, undurchgebildeten gegenüber dem feinen, geschliffenen: eine affectirte schreibart, welches der entgegengesetzte fehler von der grobheit ist Ramler
einl. in d. schön. wissenschaften 1, 70; er hätte die satyre beiszender und feiner gemacht, deren grobheit ihn sehr geärgert hat G. Forster 7, 137;
anders, mit hinneigung zu D 4: er lies sich so .. offenbar bestechen, dass kein mensch es gröber machen konnte, und eben diese grobheit war feinheit Hippel
lebensläufe 3, 322. 44)
nur in spuren zu belegen ist substantivierung der beim adj. reich entfalteten bedeutung '
grosz, gewaltig, heftig',
von unsinnlichem (
s.grob B 2): grobheit der sünde
gravezza .. del peccato Kramer
teutsch.-ital. 1, 567
b; viel- und grobheit der laster W. v. Kalchus
Sallust (1629) 28; das thut die grobheit der unwissenheit, dasz wir nicht wissen, was in uns geboren ist Paracelsus
op. (1616) 1, 141 B;
doch lebt eine aus dieser wurzel entsprossene bedeutung mundartlich: ich fürchte mich vor eurer grobheit '
euer ansehen, vornehmer stand macht mir bange' Schröer 30;
vgl.grob B 2 a. 55)
um so entfalteter ist die zu grob F
gehörige anwendung auf beschaffenheit und benehmen des menschen. 5@aa)
stumpfheit der geistigen und sinnlichen organe des menschen (
vgl.grob F 1): grobhayt des sinns Diefenbach
nov. gl. 201
a s. v. hebes; grobheit des verstandts
ruditas Calepinus xi
ling. (1598) 1278
a; groffheit der vornuft Schiller-Lübben 2, 150
b; so gethan underschützig dencken komet allein von grobheit der sinnen
d. ew. weish. betbüchl. (1518) 58
b; wenn unsere sinnen feiner wären, deren grobheit die form möglicher erfahrung .. nichts angeht Kant 3, 190
akad. ausg.; weiterhin als charakter des menschen stumpfer organisation: ineptia, fatuitas, hebetudo Er. Alberus
dict. (1540) 17
b;
ruditas, secordia, stupiditas Stieler 706; etlichú unverstandnú menschen .. von ir grobheit kein bessers in in selber kunnen verstan Seuse
dtsche schr. 5, 6
Bihlm.; aber die teufelische untugent ... kan des menschen umbsteende grobhait .. nit erkennen Luther 18, 101
W.; unverstand und grobheit ist das 50, 596;
als thierisches vorrecht (
vgl.grob F 1 a
schlusz): dem bapstesel jucken die ohren und wil sein .. grobheit gekutzelt haben 26, 575;
etwas anders: nachdem ich aber aus der allenthalben in der schrift .. hervorscheinenden tummheit und grobheit des concipienten gewahr wurde, dasz eine dergleichen ingenieuse satyre sein werck nicht seyn könne Chr. Thomasius
ged. u. erinn. 1,
vorr. 8. 5@bb)
unwissenheit, unbildung, roheit (
vgl.grob F 3):
barbaries, inscitia, imperitia, ignorantia Er. Alberus
dict. (1540) 17
b;
inscitia prodigiosa grewliche, schreckliche grobheit Bas. Faber
thes. (1587) 651
a; grofheyt
inerudicia Diefenbach
nov. gl. 215
a; (
ich hab) zulehrnen mich befliessen dasjenig, so der gmeine mann ausz grobheit nicht kann wissen W. Spangenberg-Fröreisen
griech. dr. 1, 145
lit. ver.; (
ihr sammelt ein werk) das treflich wol kan dienen vor grobheit, unverstand Harsdörfer
frauenz. gesprächsp. 4, b 7
a;
von völkern '
unkultur, barbarei': wir Teutschen verachten das (
geschichte aufzuschreiben), wann unser grosz grobheit versagt uns gedechtnus der künftigen
städtechron. 3, 167; sich ein sehr grosse barbarey und grobheit und abgötterey gegen mitternacht findet Nigrinus
von zäuberern (1592) 243; wenn die einwohner aus der wildheit und grobheit durch policey und ordnung zu reichtum und macht gelangen
neuer büchers. d. schön. wissensch. u. fr. künste 2, 119;
nicht unbedingt tadelnd: Rom selbst sieht er in den zeiten seiner ersten grobheit für ein so tugendhaftes volk an Gottsched
das neueste a. d. anmuth. gelehrs. 1, 484;
mit besonderem sinn: (
bei dem namen Rhetigow) ist bald durchs volcks grobheit das P hinzuo gesetzt und Prättigow darausz worden Stumpf
Schwytzerchron. (1606) 637
a. 5@cc)
roheit, ungeschliffenheit der sitte und ihres trägers (
vgl.grob F 5);
rusticitas Diefenbach 504
c;
ruditas nomencl. lat. germ. (1634) 275;
der bauer ist das sinnbild dieser grobheit (
vgl.grob F 2):
urbanitati contraria sunt insulsitas, grobheit, bewrische unsittigkeit Bas. Faber
thes. (1587) 968
b; aber sein grobheit und bürischeit, wan er ein buer was, so ist er entschuldigt Pauli
schimpf u. ernst 81
lit. ver.; redensarten: (
ihr möget) ob ich solchs nit wol treffe, dasselb meiner grobheit zumessen
sagt der ritter, der mit der königstochter tanzen soll Schumann
nachtbüchl. 93
lit. ver.; sie wollen meine grobheit zu gut halten Kramer
teutsch-ital. 1, 567
b; die grobheit ablegen, einem die
gr. abstreifeln
ebd.; wie bei dem adj., ist eine allmähliche verfeinerung des begriffsgehaltes wahrnehmbar: die grobheyt ist yetz kumen usz Brant
narrensch. 71, 41
Zarncke; Jesu Christi, der unser sundt, grobheit der sitten ... lieblich geduldet hat Eb. v. Günzburg 2, 41
ndr.; dagegen: ubermachte höfligkeit ist verdrüsslicher als grobheit Grob
dichter. versuchg. (1678) 70; jetzt kann ich sie nicht ohne grobheit mehr von hier verweisen Arnim 16, 122; Kinderling
setzt grobheit = incivilität
reinigk. d. dtsch. spr. (1795) 279; Lucinde und der mylord tadeln beyderseits Crabs äuszerliche grobheit Gottsched
d. neueste a. d. anmuth. gelehrs. 7, 22;
anders u. noch feiner: verwöhnt durch die leichte anmuth der Pariser salons wollte er sich in die grobheit ... der heimath .. nicht finden Treitschke
dtsche gesch. im 19.
jh. 3, 432. 5@dd)
die heute vorherrschende bedeutung '
rauheit, barschheit, unfreundlichkeit'
wird im älteren nhd. gewöhnlich durch solche stärkeren affectgehaltes vertreten: '
wildheit, brutalität' (
vgl.grob F 6 a): alle diese hat Caius Caligula .. in grobheit übertroffen Dannhauer
catech. milch 1, 167; ir (
der Hussiten) grobheit und ubermut ward also grosz und mächtig, dass si all herren .. schädigetend Tschudi
chron. helvet. 2, 90
b; und ihr erzittert leib und blut, so bald dein grobheit reden thut
grillenvertr. (1670) 3, 145;
anscheinend auch im sinne '
übermuth, trotz' (
vgl.grobstolz): (
das hoffärtige weib) sprach, sy wölt sich spiegelen als die andern täten, also in irer grobheyt sten beleyb Arigo
decam. 397
lit. ver.; darumb schlage mein hals und rücken, damit ich meine grobheit unter deinen willen biege Joh. Arnd
Thom. a Kempis (1631) 137; die grobheit und halsstarrigkeit eines ungehorsamen, unfreundlichen weibs Moscherosch
insomn. cura 75
ndr.; aber auch schon in der heutigen bedeutung (
vgl.grob F 6 b):
asperitas grobheit, unfreundligkeit Bas. Faber
thes. (1587) 87
a; darinn er .. nach aller grobhait den bapst .. als ain lodtersbuob aussholiplet Joh. Nas
antipap. eins u. hundert 2, e 8
a; (
recensenten sprachen) über ehre und schande der verdientesten gelehrten mit einer bisher unerhörten ... grobheit ab v. Haller
restaur. d. staatswiss. 1, 130; grobheit, fluchen und geiz ist der falsche weg zu gutem gesind Hebel 2, 257
Behaghel; das geflügelte wort göttliche grobheit
geht auf Fr. Schlegel
zurück (
Lucinde [1799] 30);
zu seiner geschichte s. Gombert
zs. f. d. w. 3, 176;
danach in neuerer zeit verbindungen wie: o stünde Bolans glückselige grobheit mir zu gebot! Geibel
werke (1888) 5, 162; herzerquickende grobheit v.
d. Steinen
naturvölker Zentralbrasiliens 6; ein brief von vollendeter grobheit H. Grimm
Michelangelo (1890) 2, 294;
die jüngere sprache gibt der bedeutung gern den beisinn des unhöflichen, so dasz diese bedeutungslinie schlieszlich mit der von c
durcheinanderläuft: die höflichkeit der fremden dame ist mir empfindlicher als die grobheit des wirths Lessing 2, 185
M.; ein volk, das .. den fremden nicht mit grobheit .., sondern mit höflicher sitte behandelt E. Th. A. Hoffmann 14, 171
Grisebach; eine derbheit, die dicht an die gränze der grobheit streift Schubart
leb. u. gesinn. 1, 256. 5@ee)
die bedeutungen a—d
auch in concreterem gebrauch, als rede und that; '
dummheit' (
nach a): disz sey ein grosse feiszte lugen und ein eselische grobheit Fischart
bienenk. (1588) 117
a;
häufiger nach c '
rüpelei, flegelhaftigkeit'
u. ä.: damit nun die allgemeine freude durch diese grobheit nicht möchte verstöret werden (
der prinz hat der Banise wein auf den hals geschüttet) Ziegler
asiat. Banise (1689) 258; wenn das (
den kopf auf den stock sinken lassen) ein bauersmann thut, so hält man es für eine grobheit Mayr
päckchen satiren (1769) 62; zu solcher grobheit ladest du mich ein? (
nämlich zu reiten, während du gehst) Gries
Bojardos verl. Roland 1, 277;
gelegentlich auch stärker (
im sinne grob F 5 a) '
unanständigkeit': possenspiele ..., mit schmutz und grobheiten untermengt Ramler
einl. in d. schön. wissensch. 2, 374;
am häufigsten im sinne d: '
rauhe, barsche handlungen oder gewöhnlich: reden': ich will der scheltworte und der grobheiten seiner hände gegen sie nicht erwähnen Heinse 2, 42
Schüddekopf; wer .. kein trinkgeld geben will, hat die gröszten grobheiten zu erwarten Archenholz
England u. Italien 2, 161; es waren ihm .. eine menge witziger schimpfwörter und komischer grobheiten in den sinn gekommen Eichendorf 2, 28;
gewisse verbale verbindungen sind stereotyp: und etwan ein grobheit begieng Pauli
schimpf u. ernst 342
lit. ver.; ich bin nicht hergekommen, mir grobheiten sagen zu lassen Lenz 1, 18
Tieck; ich möchte .. ihm alle grobheiten ins gesicht sagen können Bauernfeld 1, 32; blosz weil er ... Jupitern ... grobheiten ins gesichte warf Wieland
Lucian (1788) 1, 65; ich lasse mir (
von niemandem) grobheiten machen Jung-Stilling 1, 378; grobheiten einstecken Göthe 21, 249
W.; wissen sie, das zich in meinem hause von niemanden grobheiten annehme Stephanie
d. j.
sämtl. lustsp. (1771) 70.