greiflich,
adj. ,
was sich fassen, sinnlich oder geistig wahrnehmen läszt; mhd. noch selten (
vgl. u. 1;
passional 733
b Köpke ohne citat)
; im 16.
jh. in blüthe; im 18.,
mehr noch im 19.
jh. zurückgehend, heute fast erstorben; schon bei Adelung 2, 794
als '
ein im hd. unbekanntes wort'
bezeichnet; den ersatz übernehmen z. th. handgreiflich (
erst im 18.
jh. häufig, vgl. th. 4
2, 391)
und das noch jüngere greifbar (
vgl. sp. 13).
in älterer sprache erscheint zuweilen eine erweiterte form: offenliche und griffenliche lugen Staub-Tobler 2, 721 (
a. 1589);
vgl. unbegrîfenlich
myst. 2, 536, 40;
der gebrauch des adj. läuft dem des verbums vielfach parallel und ist von ihm bestimmt. 11)
ursprünglich: was sich mit der hand greifen läszt; sinnlich wahrnehmbar; oft geradezu körperlich, materiell: wir sullen irsten alle .. vor unses herren ougen griflich und entsebelich H. v. Hesler
apocal. 20233
Helm; vgl. 18110; er helt, das die engel greifflichen leib haben Luther (1562) 8, 24
a; so dann die kranckheiten nichts greiffliches sind, sondern dem wind gleich Paracelsus
opera 1, 246
b; als im firmament, da sind die siben glieder wie in einem menschen, ... nicht als greiffliche glieder, sonder als krefft und tugenden, ohn ein corpus 277
b; obwohl unerfahrene menschen, was geistlich, vor traum, und was greiflich, vor wahrheit halten Leibniz
deutsche schr. 1, 412; die farbe darf nie mit der greiflichen todten form zusammenkommen Brentano
Godwi 1, 174; die unbestimmten nebel zerrannen in dichte greifliche figuren Tieck
schr. 18, 256;
vergleichbar: darum sind auch Dante's allegorien so überzeugend, weil sie sich bis zur greiflichsten wirklichkeit durchgearbeitet haben 4, 129;
sehr häufig verbunden mit adjectiven ähnlicher bedeutungsrichtung, namentlich sichtig
u. ä. (
vgl. greifen und sehen
sp. 23): leiblich, greiflich, sichtig ding mag ein vatter seinem sun verschaffen Seb. Franck
zeytbuch (1531) 13
b; das es (
das gold) euszerlich ein schöner, gelber, sichtbarlicher, greiflicher, schwerer, kalter und gedigner leib ist Paracelsus
opera (1590) 6, 384; das äuszere, sichtbahre, empfindliche, greiffliche reich der äussern welt Jac. Böhme 2, 457; (
der trieb) die lebendigen bildungen als solche zu erkennen, ihre äuszern sichtbaren, greiflichen theile im zusammenhange zu erfassen Göthe II 6, 9;
stehende wendung: greifliche finsternis (
vgl. greifen
sp. 25),
oft bildlich für geistiges dunkel: wir seyen hie in ainer grausamlichen blindthait und greiflichen vinsternusz umbgeben in unser verstentnusz Geiler v. Keisersberg
siben hauptsünd (1510) cc 2
b; was liechts sollt yn den köpfen seyn, da solche greyffliche finsternis ynnen ist? Luther 18, 142
Weim.; vgl. 7, 565, 28; 19, 7, 30; so man schon ein liecht in dieses gefängnus gebracht hätte, es jedoch von der dücken greifflichen finstere so bald wäre erstickt worden Moscherosch
gesichte (1650) 2, 795; greifliche dunkelheit und unverständlichkeit Görres
ges. schr. 4, 633. 22)
uneigentlich, ins abstracte übertragen. 2@aa)
was sich geistig aufs deutlichste wahrnehmen läszt; klar erkennbar, in die augen springend, handgreiflich; die weite verbreitung, die diese bedeutung namentlich im 16.
und 17.
jh. zeigt, entspricht der reichen entfaltung, die greifen
erkennen, begreifen im älteren nhd. gefunden hat (
vgl. sp. 25
f.): solche stucklin heysse ich nicht eynen subtilen, sondern groben greyfflichen teufel Luther 19, 122
Weim; die not trib Galenum .. dahin, das er aufhöret die christen zuo verfolgen, und greiflich gottes gericht sahe Seb. Franck
Germ. chron. (1538) 33
b; darinn du bayderlay gestalt, nemblich der vermainten warhait, und der gewissen lugen ein solchs greiflichs muster vermercken würst Joh. Nas
antipap. eins u. hundert 1,
vorr. a III
a; dennoch erschien an ihm greiffliche gottes hülf und beistand bei den schweren kriegsleuften Schickfus
chron. v. Schlesien (1625) 220; die linie, welche das völlige der natur von dem überflüssigen derselben scheidet, ist sehr klein, und die gröszten neueren meister sind über diese nicht allezeit greifliche gränze ... zu sehr abgewichen Winckelmann 1, 25; aber besonders merkwürdig ist der greifliche zirkel, worin man sich befindet Savigny
beruf uns. zeit f. gesetzgebung u. recht 139;
seltener von gefühlsmäsziger wahrnehmung: so wirstu .. in deinem hertzen einen solchen starcken und greifflichen zug und antrieb ... empfinden Spee
güld. tugend buch (1649) 719; da hat das greifliche gefühl mich erst durchdrungen, dasz ich nichts anders bin, als woraus ich entsprungen Rückert 8, 540;
synonyme adjectiva beleuchten die bedeutung: notum lautbrecht, clerlich, greifflich, augenscheinlich Schöpper
synonyma c 4
b; öffentliche sichtliche und greiffliche zeugnisz Melanchthon
corpus doctr. christ. (1560) 712; es ist aber der atheismus und gottlosigkeit dreyerley, eine gar grobe, scheinbare und greiffliche Dannhawer
catechismus milch 1, 124; dasz demnach hieraus die abweichung dieser letzteren zeiten von dem ersteren lauteren wesen mehr als zu greifflich und offenbahr ist Arnold
kirchen- u. ketzer hist. (1699) 112
b;
anders: die ungöttlichkeit des daseins galt ihm als etwas gegebnes, greifliches, undiscutirbares Nietzsche 5, 301;
aus adverbialem greiflich (
s. u. 3)
erwächst die verwendung des adj. in fällen wie: wie ihr dann solches in greifflicher erfarung empfindet Fischart
geschichtklitt. 195
neudr. 2@bb)
in dieser bedeutung stehendes epitheton neben lüge, fehl, irrthum
u. ä.: das ist doch ja eine offentliche greiffliche lüge Luther 30
2, 213;
vgl. 18, 190. 261; wie einer .. dem Foglietta ein hyperbolen, das ist, greiffliche lügen gesagt Kirchhof
wendunm. 2, 418
Österley; es sey so ein greiflich lugen, wie die finsternusz in Egypten Fischart
binenkorb (1588) 82
a; offentliche und greiffliche lügen Hennenberger
erclerung d. preuss. landtaffel (1595) 191; er solte so gar greifflich fäl nit fürbringen, noch das volck zu falschem glauben bewegen Bebel
facetien deutsch (1558) d 8
b; die offenliche, greiffliche unwarheit und lästerung Andree
abfertigung d. vortrabs Friderici Staphyli (1562)
vorr.; so greiffliche mehrlein und fabel Eysenberg
heilig brotkorb (1584) 59; wenn sie es etwan mit irem betrug zu greifflich machten Rätel
Joachimi Curäi chronica (1607) 377; ein greiflicher irrthum Tabernaemontanus
kräuterbuch (1678) 81; wer ist so blöde und sieht nicht diesen greiflichen betrug?
Shakespeare 9, 123;
vergleichbar: wo solche greyffliche blindheyt ist Luther 15, 110
Weim.; vgl. 278; die menschen ... in offentliche greiffliche abgötterey und blindheit geraten Dedekind
papista conversus (1596) iii
a;
auszer öffentlich
wird namentlich das allitterierende grob
häufig parallel geordnet: wie sichs bisher mit groben greifflichen lugen .. hat lassen effen Luther 32, 532
Weim.; vgl. 7, 626; (
der teufel) die heyden durch vil irtumb blendt, die doch so grob und greufflich sendt H. Sachs 9, 78
Keller; (
euer ruhm) allein bestehet in vielen greifflichen groben lügen Moscherosch
gesichte (1650) 2, 50;
nur ganz selten neben dem subst. entgegengesetzten sinnes: das sie das helle liecht und greiffliche warheit nicht sehen Luther (1561) 6, 74
b. 2@cc)
viel seltener, obgleich concreter, ist das uneigentlich gebrauchte adj. in dem sinne: was sich anpacken, fassen läszt, ohne die bestimmte richtung auf geistiges erfassen wie unter a, b;
merkwürdigerweise erst in jüngerer zeit verbreitet: Blücher, dessen sinn auf greifliche thatsachen der gegenwart gerichtet war Varnhagen
Blücher 192; macht der Deutsche sein geistiges leben in der darstellung wie in der idee oft zu dünn, zu unfaszlich und ungreiflich, so macht der Schwede es zu greiflich und körperlich E.
M. Arndt
schriften f. s. l. Deutschen 4, 341; wenn man den ganzen tag acute und chronische übel unter händen hat, greifliche leiden, wie gicht Immermann 2, 121
Hempel; eine greifliche, anschauliche, scheinbar tiefere metaphysik Gervinus
gesch. d. d. dichtung (1853) 5, 283; denn hier haben sie eine greifliche bequeme handhabe, um ihr donnerndes: du sollst nicht lügen! dem .. erfindungsgenie in die ohren zu schreien Keller 4, 171;
anders, aber ebenso jung: die natur ist mir nicht greiflich. sie sitzt mir nicht mehr, dasz ich sie malen kann Hippel
lebensläufe 4, 27; als kirche wird die religion ganz objectiv und ebendadurch für die posse greiflich Vischer
ästhetik 1, 412. 33)
im adv. wiederholt sich die geschichte des adj.; ursprünglich rein sinnlich: denn es ist freilich nicht leiblich noch greifflich zugangen Luther (1561) 6, 78
a;
in der regel aber neben verben dicendi und sentiendi (
vgl. 2 a): er wirt ubr das noch kriegn fünf sinn dasz er ja greiflich fülen kan die pein so im gelegt wirt an Schade
satiren u. pasquille 1, 143; doch ist viel besser, das hierinnen du ein papisten selber hörst, auf dasz dus greiflicher erferst Fischart
nachtrab v. 466
Kurz; dasz ich es inen .. greiflicher erkläret
geschichtklitt. 18
neudr.; daraus dann klar und greifflich zu schliessen Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 2; o wie greifflich sehe ich jetzund gottes straffe
engl. comedien u. tragedien (1624) k ii
a; aus wolerwogenen und greifflich betrachteten motiven Chemnitz
schwed. krieg 2, 737; indem wir ganz greiflich erfahren, dasz Göthe II 1, 212
Weim.; der gegenstand meiner innigsten zuneigung ist ein hirngespinst, eine greiflich nachzuweisende täuschung Fichte 2, 196;
ähnlich: diesz greiflich dumme spiel hat doch den trägen gang der nacht getäuscht
Shakespeare 1, 289; nur wegen seines loosbuches hat Fischart den Wickram belobt, das so lächerlich und greiflich vexierlich geschrieben sei, dasz Gervinus
gesch. d. d. dichtung (1853) 3, 127;
gern neben betrügen und ähnlichen verben (
vgl. 2 b): wie hat er S. Gregorion yn seym dialogo so greyfflich betrogen Luther 15, 190
Weim.; so nemm man allein für ir lehr, wie greifflich die gotslehr verkehr Fischart
die gelehrten, d. verkehrten v. 539
Kurz; auch hier zeigt sich in jüngerer zeit eine hinwendung zu concreterem gebrauch (
vgl. 2 c): ihm fehlt es nicht an geistigen eigenschaften, doch gar zu sehr am greiflich tüchtighaften Göthe
Faust II 8250; und die idee des unsterblichen volkes wehte mir im rauschen dieser eichen ... fast greiflich, möchte ich sagen, entgegen Immermann 1, 189
Hempel; je unmittelbarer und greiflicher uns aus der darstellung eines wissenschaftlichen lebens zugleich die kritik seines gedankeninhaltes entgegenspringt Haym
ges. aufsätze 361; greiflich nahe wird er (
der stoff) ihm (
dem dichter) ferne Vischer
ästhetik 3
1, 718;
eigenartig: hoffe also von Lucifer ich das jenige amt, so Belial vor 1608. jahren nit erwerben können, greifflichen verdienet zu haben Moscherosch
gesichte (1650) 657.