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greiflich

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DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

greiflich adj.

Bd. 9, Sp. 49
greiflich, adj. , was sich fassen, sinnlich oder geistig wahrnehmen läszt; mhd. noch selten (vgl. u. 1; passional 733b Köpke ohne citat); im 16. jh. in blüthe; im 18., mehr noch im 19. jh. zurückgehend, heute fast erstorben; schon bei Adelung 2, 794 als 'ein im hd. unbekanntes wort' bezeichnet; den ersatz übernehmen z. th. handgreiflich (erst im 18. jh. häufig, vgl. th. 42, 391) und das noch jüngere greifbar (vgl. sp. 13). in älterer sprache erscheint zuweilen eine erweiterte form: offenliche und griffenliche lugen Staub-Tobler 2, 721 (a. 1589); vgl. unbegrîfenlich myst. 2, 536, 40; der gebrauch des adj. läuft dem des verbums vielfach parallel und ist von ihm bestimmt. 11) ursprünglich: was sich mit der hand greifen läszt; sinnlich wahrnehmbar; oft geradezu körperlich, materiell: wir sullen irsten alle .. vor unses herren ougen griflich und entsebelich H. v. Hesler apocal. 20233 Helm; vgl. 18110; er helt, das die engel greifflichen leib haben Luther (1562) 8, 24a; so dann die kranckheiten nichts greiffliches sind, sondern dem wind gleich Paracelsus opera 1, 246b; als im firmament, da sind die siben glieder wie in einem menschen, ... nicht als greiffliche glieder, sonder als krefft und tugenden, ohn ein corpus 277b; obwohl unerfahrene menschen, was geistlich, vor traum, und was greiflich, vor wahrheit halten Leibniz deutsche schr. 1, 412; die farbe darf nie mit der greiflichen todten form zusammenkommen Brentano Godwi 1, 174; die unbestimmten nebel zerrannen in dichte greifliche figuren Tieck schr. 18, 256; vergleichbar: darum sind auch Dante's allegorien so überzeugend, weil sie sich bis zur greiflichsten wirklichkeit durchgearbeitet haben 4, 129; sehr häufig verbunden mit adjectiven ähnlicher bedeutungsrichtung, namentlich sichtig u. ä. (vgl. greifen und sehen sp. 23): leiblich, greiflich, sichtig ding mag ein vatter seinem sun verschaffen Seb. Franck zeytbuch (1531) 13b; das es (das gold) euszerlich ein schöner, gelber, sichtbarlicher, greiflicher, schwerer, kalter und gedigner leib ist Paracelsus opera (1590) 6, 384; das äuszere, sichtbahre, empfindliche, greiffliche reich der äussern welt Jac. Böhme 2, 457; (der trieb) die lebendigen bildungen als solche zu erkennen, ihre äuszern sichtbaren, greiflichen theile im zusammenhange zu erfassen Göthe II 6, 9; stehende wendung: greifliche finsternis (vgl. greifen sp. 25), oft bildlich für geistiges dunkel: wir seyen hie in ainer grausamlichen blindthait und greiflichen vinsternusz umbgeben in unser verstentnusz Geiler v. Keisersberg siben hauptsünd (1510) cc 2b; was liechts sollt yn den köpfen seyn, da solche greyffliche finsternis ynnen ist? Luther 18, 142 Weim.; vgl. 7, 565, 28; 19, 7, 30; so man schon ein liecht in dieses gefängnus gebracht hätte, es jedoch von der dücken greifflichen finstere so bald wäre erstickt worden Moscherosch gesichte (1650) 2, 795; greifliche dunkelheit und unverständlichkeit Görres ges. schr. 4, 633. 22) uneigentlich, ins abstracte übertragen. 2@aa) was sich geistig aufs deutlichste wahrnehmen läszt; klar erkennbar, in die augen springend, handgreiflich; die weite verbreitung, die diese bedeutung namentlich im 16. und 17. jh. zeigt, entspricht der reichen entfaltung, die greifen erkennen, begreifen im älteren nhd. gefunden hat (vgl. sp. 25 f.): solche stucklin heysse ich nicht eynen subtilen, sondern groben greyfflichen teufel Luther 19, 122 Weim; die not trib Galenum .. dahin, das er aufhöret die christen zuo verfolgen, und greiflich gottes gericht sahe Seb. Franck Germ. chron. (1538) 33b; darinn du bayderlay gestalt, nemblich der vermainten warhait, und der gewissen lugen ein solchs greiflichs muster vermercken würst Joh. Nas antipap. eins u. hundert 1, vorr. a IIIa; dennoch erschien an ihm greiffliche gottes hülf und beistand bei den schweren kriegsleuften Schickfus chron. v. Schlesien (1625) 220; die linie, welche das völlige der natur von dem überflüssigen derselben scheidet, ist sehr klein, und die gröszten neueren meister sind über diese nicht allezeit greifliche gränze ... zu sehr abgewichen Winckelmann 1, 25; aber besonders merkwürdig ist der greifliche zirkel, worin man sich befindet Savigny beruf uns. zeit f. gesetzgebung u. recht 139; seltener von gefühlsmäsziger wahrnehmung: so wirstu .. in deinem hertzen einen solchen starcken und greifflichen zug und antrieb ... empfinden Spee güld. tugend buch (1649) 719; da hat das greifliche gefühl mich erst durchdrungen, dasz ich nichts anders bin, als woraus ich entsprungen Rückert 8, 540; synonyme adjectiva beleuchten die bedeutung: notum lautbrecht, clerlich, greifflich, augenscheinlich Schöpper synonyma c 4b; öffentliche sichtliche und greiffliche zeugnisz Melanchthon corpus doctr. christ. (1560) 712; es ist aber der atheismus und gottlosigkeit dreyerley, eine gar grobe, scheinbare und greiffliche Dannhawer catechismus milch 1, 124; dasz demnach hieraus die abweichung dieser letzteren zeiten von dem ersteren lauteren wesen mehr als zu greifflich und offenbahr ist Arnold kirchen- u. ketzer hist. (1699) 112b; anders: die ungöttlichkeit des daseins galt ihm als etwas gegebnes, greifliches, undiscutirbares Nietzsche 5, 301; aus adverbialem greiflich (s. u. 3) erwächst die verwendung des adj. in fällen wie: wie ihr dann solches in greifflicher erfarung empfindet Fischart geschichtklitt. 195 neudr. 2@bb) in dieser bedeutung stehendes epitheton neben lüge, fehl, irrthum u. ä.: das ist doch ja eine offentliche greiffliche lüge Luther 302, 213; vgl. 18, 190. 261; wie einer .. dem Foglietta ein hyperbolen, das ist, greiffliche lügen gesagt Kirchhof wendunm. 2, 418 Österley; es sey so ein greiflich lugen, wie die finsternusz in Egypten Fischart binenkorb (1588) 82a; offentliche und greiffliche lügen Hennenberger erclerung d. preuss. landtaffel (1595) 191; er solte so gar greifflich fäl nit fürbringen, noch das volck zu falschem glauben bewegen Bebel facetien deutsch (1558) d 8b; die offenliche, greiffliche unwarheit und lästerung Andree abfertigung d. vortrabs Friderici Staphyli (1562) vorr.; so greiffliche mehrlein und fabel Eysenberg heilig brotkorb (1584) 59; wenn sie es etwan mit irem betrug zu greifflich machten Rätel Joachimi Curäi chronica (1607) 377; ein greiflicher irrthum Tabernaemontanus kräuterbuch (1678) 81; wer ist so blöde und sieht nicht diesen greiflichen betrug? Shakespeare 9, 123; vergleichbar: wo solche greyffliche blindheyt ist Luther 15, 110 Weim.; vgl. 278; die menschen ... in offentliche greiffliche abgötterey und blindheit geraten Dedekind papista conversus (1596) iiia; auszer öffentlich wird namentlich das allitterierende grob häufig parallel geordnet: wie sichs bisher mit groben greifflichen lugen .. hat lassen effen Luther 32, 532 Weim.; vgl. 7, 626; (der teufel) die heyden durch vil irtumb blendt, die doch so grob und greufflich sendt H. Sachs 9, 78 Keller; (euer ruhm) allein bestehet in vielen greifflichen groben lügen Moscherosch gesichte (1650) 2, 50; nur ganz selten neben dem subst. entgegengesetzten sinnes: das sie das helle liecht und greiffliche warheit nicht sehen Luther (1561) 6, 74b. 2@cc) viel seltener, obgleich concreter, ist das uneigentlich gebrauchte adj. in dem sinne: was sich anpacken, fassen läszt, ohne die bestimmte richtung auf geistiges erfassen wie unter a, b; merkwürdigerweise erst in jüngerer zeit verbreitet: Blücher, dessen sinn auf greifliche thatsachen der gegenwart gerichtet war Varnhagen Blücher 192; macht der Deutsche sein geistiges leben in der darstellung wie in der idee oft zu dünn, zu unfaszlich und ungreiflich, so macht der Schwede es zu greiflich und körperlich E. M. Arndt schriften f. s. l. Deutschen 4, 341; wenn man den ganzen tag acute und chronische übel unter händen hat, greifliche leiden, wie gicht Immermann 2, 121 Hempel; eine greifliche, anschauliche, scheinbar tiefere metaphysik Gervinus gesch. d. d. dichtung (1853) 5, 283; denn hier haben sie eine greifliche bequeme handhabe, um ihr donnerndes: du sollst nicht lügen! dem .. erfindungsgenie in die ohren zu schreien Keller 4, 171; anders, aber ebenso jung: die natur ist mir nicht greiflich. sie sitzt mir nicht mehr, dasz ich sie malen kann Hippel lebensläufe 4, 27; als kirche wird die religion ganz objectiv und ebendadurch für die posse greiflich Vischer ästhetik 1, 412. 33) im adv. wiederholt sich die geschichte des adj.; ursprünglich rein sinnlich: denn es ist freilich nicht leiblich noch greifflich zugangen Luther (1561) 6, 78a; in der regel aber neben verben dicendi und sentiendi (vgl. 2 a): er wirt ubr das noch kriegn fünf sinn dasz er ja greiflich fülen kan die pein so im gelegt wirt an Schade satiren u. pasquille 1, 143; doch ist viel besser, das hierinnen du ein papisten selber hörst, auf dasz dus greiflicher erferst Fischart nachtrab v. 466 Kurz; dasz ich es inen .. greiflicher erkläret geschichtklitt. 18 neudr.; daraus dann klar und greifflich zu schliessen Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 2; o wie greifflich sehe ich jetzund gottes straffe engl. comedien u. tragedien (1624) k iia; aus wolerwogenen und greifflich betrachteten motiven Chemnitz schwed. krieg 2, 737; indem wir ganz greiflich erfahren, dasz Göthe II 1, 212 Weim.; der gegenstand meiner innigsten zuneigung ist ein hirngespinst, eine greiflich nachzuweisende täuschung Fichte 2, 196; ähnlich: diesz greiflich dumme spiel hat doch den trägen gang der nacht getäuscht Shakespeare 1, 289; nur wegen seines loosbuches hat Fischart den Wickram belobt, das so lächerlich und greiflich vexierlich geschrieben sei, dasz Gervinus gesch. d. d. dichtung (1853) 3, 127; gern neben betrügen und ähnlichen verben (vgl. 2 b): wie hat er S. Gregorion yn seym dialogo so greyfflich betrogen Luther 15, 190 Weim.; so nemm man allein für ir lehr, wie greifflich die gotslehr verkehr Fischart die gelehrten, d. verkehrten v. 539 Kurz; auch hier zeigt sich in jüngerer zeit eine hinwendung zu concreterem gebrauch (vgl. 2 c): ihm fehlt es nicht an geistigen eigenschaften, doch gar zu sehr am greiflich tüchtighaften Göthe Faust II 8250; und die idee des unsterblichen volkes wehte mir im rauschen dieser eichen ... fast greiflich, möchte ich sagen, entgegen Immermann 1, 189 Hempel; je unmittelbarer und greiflicher uns aus der darstellung eines wissenschaftlichen lebens zugleich die kritik seines gedankeninhaltes entgegenspringt Haym ges. aufsätze 361; greiflich nahe wird er (der stoff) ihm (dem dichter) ferne Vischer ästhetik 31, 718; eigenartig: hoffe also von Lucifer ich das jenige amt, so Belial vor 1608. jahren nit erwerben können, greifflichen verdienet zu haben Moscherosch gesichte (1650) 657.
10695 Zeichen · 154 Sätze

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  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Greiflich

    Adelung (1793–1801) · +2 Parallelbelege

    † Greiflich , adj. et adv. was sich greifen lässet; ein im Hochdeutschen unbekanntes Wort, welches bey dem Opitz für han…

  2. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    greiflich

    Goethe-Wörterbuch

    greiflich mit 14 Belegen öfter als ‘greifbar’; einmal subst a (mit den Händen) zu greifen, zu tasten [ Andrason, die Sti…

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit greiflich

10 Bildungen · 1 Erstglied · 5 Zweitglied · 4 Ableitungen

Ableitung von greiflich

greif + -lich

greiflich leitet sich vom Lemma greif ab mit Suffix -lich.

greiflich‑ als Erstglied (1 von 1)

greiflichkeit

DWB

greiflich·keit

greiflichkeit , f. : also sind auch des fleischs und des marcks nutriment nur ein geist ohn alle sichtbarkeit und greiffligkeit Paracelsus o…

greiflich als Zweitglied (5 von 5)

begreiflich

DWB

beg·reiflich

begreiflich , mhd. begrîflîch ( Ben. 1, 571 b ), 1 1) activ genommen, capax, habilis, fähig, leicht fassend: dasz die sach nit so schwer noc…

handgreiflich

DWB

hand·greiflich

handgreiflich , adj. und adv. , in zwei bedeutungen. 1 1) activ und von personen gesagt, mit händen greifend, so bei thätlichem streite: nac…

sinnbegreiflich

DRW

sinn·begreiflich

sinnbegreiflich, adj. gut wahrnehmbar, offenkundig da mag man wol sagen, das es ein euident sinnbegreifflich factum ist, inn krafft dessen s…

unbegreiflich

DWB

unbe·greiflich

unbegreiflich , adj. adv. , im allgemeinen gegentheil von begreiflich , das seltener und in manchen fällen nur rückbildung ist; incomprehens…

unvorgreiflich

DWB

unvorgreiflich , adj. adv. , nicht vorgreiflich ( s. d.; Haltaus 1993 ; Stieler 700 ). dän. uforgribelig, schwed. oförgriplig aus dem deutsc…

Ableitungen von greiflich (4 von 4)

begreiflich

DWB

begreiflich , mhd. begrîflîch ( Ben. 1, 571 b ), 1 1) activ genommen, capax, habilis, fähig, leicht fassend: dasz die sach nit so schwer noc…

ergreiflich

DWB

ergreiflich , quod prehendi, arripi potest: die eigenschaft des romans und die form desselben begünstigt ihn, indem er durch fingierte motiv…

ungreiflich

DWB

ungreiflich , adj. adv. , gth. v. greiflich. vgl. unbe-, unan-, unergreiflich, unfaszlich. mhd. ungrîflich (ungrîfhaft, ungrîfic, ungriftic)…

vergreiflich

DWB

vergreiflich , adj. wodurch man sich vergreift, schaden anrichtet: wir wollen, dasz einem jeden fürsten ungefährliche gethane session und um…