unbegreiflich,
adj. adv. ,
im allgemeinen gegentheil von begreiflich,
das seltener und in manchen fällen nur rückbildung ist; incomprehensibilis; begriffsentlehnung wahrscheinlich. zeitschr. f. d. wortf. 3, 224; Mauthner
wb. d. phil. 1, 98;
mhd. unbegrîflich, unbegrîfelich
mhd. wb. 1, 572
a; Lexer 2, 1753; unbegrîfel
Hiob 1793
u. ö. Karsten; unbegrichlich Tilo von Kulm 9, 1451
Kochendörffer; mnd. unbegripelik, unbegreplik Schiller-Lübben 5, 17
a; Lübben-Walther 428
a;
mnl. onbegripelijc
wb. 5, 221; Verdam 395
b;
nl. onbegrijpelijk
wb. 10, 954; Dijkstra 2, 278
a;
dän. ubegribelig
ordb. 7, 334
a;
schwed. obegriplig; Staub-Tobler 2, 721; Fischer 1, 765; unbegreiplek Bauer-Collitz 107
b; onbegreiflech
lux. wb. 313
b.
frühnhd. formen: unbegreifleich Jelinek 750.
gloss. des 14./15.
jhs. Herrig
arch. 47, 436
b; unbegreflich Hedio
chr. germ. 285
a; unbegrüfflich Carlstadt
von empfahung d. h. sacr. a i
b; unpegrewfflich H. Sachs 18, 362, 14
Keller-Götze (Schmeller 1, 991 greuffen); onbegreiflich Knebel
chr. v. Kaisheim 259;
adv. unbegreiflichen Tauler
serm. (1508) xliii
a; umbgreiflich
ist umbegrîfelîche
amplexim (Lexer 2, 1728)
angenähert Forster
teutsche liedl. 8, 2, 2
neudr. auszerhalb der mundarten verschwindet mit dem 16.
jh. das übergehen in die concurrierenden formen von unbegrifflich, unbegriffenlich (
s. u.): unbegreiffenlich Tauler
serm. lxxvii
b; A. v. Eybe
spiegel b ii
b. a 1
a; Keisersberg
spinn. a 6
b;
granatapfel 4
a;
in der ersten d. bibel 1, 332, 56. 2, 47, 44
kehrt zu unbegreiflich
die lesart unbegriffenlich
wieder. Maaler 454
a.
vgl. unbegrieflich
unter unbegrifflich. II.
selten und veraltet activisch. I@11)
nicht oder schwer begreifend, wie noch heute im nl. onbegrijpelijk: Keisersberg
th. 1, 1310; der neapolitaner hingegen machte unbegreifliche fortschritte, ich meine nämlich, er konnte nichts begreifen Gaudy 2, 89. I@22)
mit gen. untheilhaftig, incapax: die sein solicher genaden und ablas .. unbegreiflich
städtechr. 10, 183, 20; der gutten tugenden unbegreiflich Butschky
kanzl. 353.
passivisch wird die bedeutung, wenn statt des gen. der inf. erscheint: der wunniglich und unbegreiflich ist zu schreiben
städtechr. 10, 203, 15; dann es ist unbegreifflich zu verfassen in
ein libell Paracelsus 1, 771 c.
vgl. th. 1, 1309, 6. IIII.
gewöhnlich passivisch, und zwar II@11)
in sinnlicher bedeutung. II@1@aa)
inpalpabilis, incontrectabilis, nicht greifbar: dieselbe seele ist von hymel, ist unbegreifflich Albr. v. Eyb
d. schr. 1, 40, 22; das ist ein unbegreiflich stäublin Fischart
binenk. 93
a; ein theil distillirte, despumirte, calcinirte .., also dasz unsichtbar und unbegreifflich wurde, was zuvor sichtbar und begreifflich gewesen Moscherosch
ges. 486;
doppelsinnig: die letzten handgriffe (
in der physik) haben immer etwas geistiges,
wodurch alles körperlich greifbare eigentlich belebt und zum unbegreiflichen erhoben wird Göthe II 5, 1, 302
Weim.; wir möchten wissen, was musik ist, die so fühlbar ist und doch so unbegreiflich Bettine
Günderode 2, 13; Lenz
ged. 98. II@1@bb)
nicht zu umfassen, ermessen, auszumessen: so würdest du doch
den weitschweiffenden himmel, die unbegreiffliche lufft .. noch übersehen Harsdörffer
secr. 2, 206; der unbegreiffliche umbkreisz des himmels Lohenstein
Arm. 1, 266
a; welch unbegreiflich meer Schwabe
belust. 2, 40.
mit übergang nach bed. 2 b: welten, die aus unbegreiflichen fernen .. zu uns strahlen Zimmermann
nat. 128; in unbegreiflicher ferne Storm (1899) 1, 110. II@1@cc)
nicht anzutasten, non culpabilis Diefenbach
ml. 161;
vgl. Frisius
bei Staub-Tobler 2, 722, 1;
mnl. wb. 5, 221, 1: durch den die sonne sieht, der ward als blind verdeckt, der unbegreifflich ist, ward an das holtz gestreckt Opitz
op. 3, 277. II@22)
hauptsächlich unsinnlich; imperceptus Frisius 656
a;
dabei wird entweder vom begriffsgehalt, was quantität und qualität betrifft, mehr oder weniger abgesehen (a),
oder der begriff wird durch steigerung nach der positiven (b)
und durch minderung nach der negativen seite (c)
ausgestaltet. II@2@aa) der glaub geet übersich gegen dem, das der vernunft übergreiffenlich (
supra rationem) oder unbegreiffennlich (
contra rationem, irrationale) ist Keisersberg
spinn. a 6
b; das volkumen ist allen creaturen unbegreifflich
theologia deutsch 8
Mandel; die unbegreiffliche gottheit Böhme 6, 283; die natur ist unbegreiflich per se Novalis 3, 105; wenn es nicht unmöglich ist, so ist es mindestens unbegreiflich Deinhardstein 5, 305.
vgl. den sprung in das unbegreifliche Lange
mat. iv
und das unfaszbare, unbegreifliche
als urphänomen bei Göthe II 9, 195
Weim.; Boucke 154.
so bes. in verbalen umschreibungen: dinge, die uns allen unbegreiflich sind (
die von uns allen nicht begriffen werden), einigermaszen denkbar zu machen Göthe 21, 107, 2
Weim. II@2@bb)
das unbegreifliche erscheint als steigerung des höchsten, wunderbaren: das seltene, einzige, wunderbare zum unbegreiflichen .. erhöht Herder 12, 17.
gott ist der unbegreifliche: der höchste, der untheilbare und unbegreifliche selbst Bodmer
v. wunderbaren 51; o du unbegreiflicher, wie wunderbar sind deine wege Stilling 2, 140; der andächtige betet an das unbegreifliche Herder 6, 138; das unbegreiflich-übernatürliche 20, 65.
vom genialen menschen: der unbegreifliche mann (
Byron) Göthe IV 41, 98
Weim.; der tausendseitige unbegreifliche mann Meissner
Alc. 1, 252; dieses unbegreiflichen, urkräftigen genius Solger
nachg. schr. 2, 617, 1.
wie unaussprechlich
für incommensurabel: sie ist gut, rein, ganz liebe, unbegreiflich wie jedes weib Chamisso 5, 260.
bei unpersönlichen begriffen bezeichnet unbegreiflich
gern ein höchstes, gesteigertes, transcendentes, wunderbares, ewiges, geheimnisvolles u. dgl.; vgl. inconcevable
auszerordentlich: die grosshait der unbegreiffenlichen wirdikait Tauler
serm. lxxvii
b; wi unbegreiflich sint seine urtail
cod. Tepl. 2, 17, 11; in unbegreyfflicher gezierd
mit var. unzuogeleycher
und unschetzlicher
erste d. bibel 7, 64, 45; und so nahe er ist der vernunfft liecht mit seynem unbegreyfflichen liecht, so nahe ist er dem leben mit seynem unbegreyfflichen leben und der krefft mit seyner unbegreyfflichen krefft Luther 10, 1, 1, 210
Weim.; die unbegreiffliche vollkommenheit Weckherlin 2, 311; es ist ein werck von unbegreiflicher kunst und schönheit Göthe IV 8, 142
Weim.; mit unbegreiflicher leichtigkeit Novalis 4, 54; unbegreifliches geheimnis Mörike 3, 89; den unbegreiflichen zauber zerstören Freytag 4, 214.
quantitativ steigernd: hewschrecken inn unbegreiflicher anzal Franck
chron. 170
b; mit unbegreifflicher menge der gnaden Guarinonius
gr. 3
a.
vgl. ein ganz unbegreiflicher segen Göthe 40, 268, 24
Weim. II@2@cc)
miszbilligend und tadelnd bedeutet unbegreiflich
sonderbar, merkwürdig, seltsam, wunderlich, unverständlich, unerklärlich, befremdlich, absurd, unentschuldbar u. ä. diese bedeutung mag von der verbindung mit negativen ausdrücken ausgegangen sein: der groll der nechtlichen gesicht ist die finster besitzung, da unbegreyflich groll nach geet Tauler
serm. clxxxiiii
a; unbegreifliche pein Ferdinand ii. v. Tirol
spec. 31
neudr.; unheil Chemnitz
schwed. kr. 2, 841; ist nicht unser jahrhundert ein sehr unbegreifliches jahrhundert? Gerstenberg
rec. 109, 30; ein unbegreifliches versehen Wieland
Ag. 1, 373; härte Hippel
ehe 38; blindheit Schubart
leben 1, 106, dummheit Knigge
umgang 2, 52; so werden diese bücher durch eine traurige, unbegreifliche redaktion ganz ungenieszbar Göthe 7, 158
Weim.; es sind ja unbegreifliche dinge Arnim 6, 44; eine unbegreifliche verirrung! Hebbel
tageb. 2, 394.
auch von personen: du bist mir unbegreiflich Gotter 3, 101; das mädchen ist ganz unbegreiflich Arnim 18, 89.
in zahlreichen festen verbindungen und redensarten der gewöhnlichen rede wie der litteratursprache ist in neuerer zeit diese bedeutung stark entwickelt. vgl. das familiäre frz. incompréhensible,
woraus man nicht klug werden kann. in der älteren sprache fehlt meist der miszbilligende sinn bei entsprechenden constructionen: unser herr ist gros und von groszer krafft, und ist unbegreifflich, wie er regieret
psalm 147, 5; Sleidan
red. 8
Böhmer. auch in der neueren sprache kann der oft nur leise miszbilligende nebensinn wohl fehlen (Zinzendorf
ged. 133),
aber er waltet durchaus vor: das (
es)
ist (
mir)
unbegreiflich, absolut, mit abhängigem inhaltssatz (dasz),
mit inf. und mit abhängigen fragesätzen: das ist mir doch unbegreiflich
theater d. Deutschen 7, 25; nur er hat sein ohr! es ist unbegreiflich Pocci
komödienb. 264; ganz unbegreiflich ist's, dasz er den feind nicht merkt an seiner seite Schiller 12, 80 (
Picc. 1, 3); weil es ihm unbegreiflich war, den mann in zwei stücke getheilt zu sehen Göthe 48, 1, 108, 9
Weim.; es ist unbegreiflich, wo er geblieben ist Knigge
rom. 3, 58, 14; ganz unbegreiflich ist's, wer sie geraubt Arnim 16, 352; es ist fast unbegreiflich, wie diese stelle verkannt werden kann J. Grimm
kl. schr. 4, 18.
zur verstärkung dienen noch: förmlich Holtei
vierzig jahre 3, 269; geradezu; ganz und gar Göthe II 2, 42
Weim. werden: du wirst, wie er, mir unbegreiflich Lessing 3, 81 (
Nathan 3, 3, 184); diese genuesische darstellung wird aber ganz unbegreiflich, wenn man das .. kaiserliche schreiben lieset Raumer
Hohenst. 4, 12.
bleiben: wie er .. sie mit der tochter des liederlichen pachters .. verwechseln kann, .. das bleibt mir völlig unbegreiflich Göthe 24, 111, 27
Weim. scheinen, vorkommen, dünken: wobey ganz unbegreiflich scheint, wie die luxuriose aufstellung .. so auszerordentliche kosten verursachte Göthe IV 29, 32, 26
Weim.; anfangs kam's mir unbegreiflich vor, wie doch der äti so frech seyn und dem pfarrer widersprechen dürfe
bräker 1, 46; wenn ich dich nun nicht mehr liebte, so würde es keinem unbegreiflich .. deuchten Pückler
br. 1, 133.
finden: und diesen stolzen eigensinn, ihr thoren! mögt ihr immerhin, wie billig, unbegreiflich finden Göckingk
ged. 1, 43.
gern ohne verbum: wie unbegreiflich! Collin
Reg. 2, 2.
s. 68; unbegreiflich! welch ein unsinn! Mörike 3, 128; unbegreiflich, dasz du Holtei
erz. schr. 7, 59; mir unbegreiflich, wie man Ludwig 5, 63; unbegreiflich, woher der mensch alles das zeug nimmt! Immermann 2, 111.
besonders in antworten und gespräch: unbegreiflich! nein mädchen! nein! Schiller 3, 464 (
kabale u. liebe 4, 7); mir unbegreiflich, prinz 5, 6
u. o. adv., veraltet: unbegreiflichen Tauler
serm. xliii
a; abstinenter unbegreyfflich, unangerürt, behuotsamlich, mässigklich Frisius 11
a; unbegreifflich ... undeitlich und unteutschlich getractiert
Garg. 14
neudr.; wie zaubers kräfte unbegreiflich weben Schiller
braut von Messina 1534.
seltsam: ebenso unbegreiflich falsch sind .. die worte der Medea
allg. d. bibl. anh. 37—52, 1599; die luft war unbegreiflich warm Auerbach 16, 206.
in besonders hohem grade, vel maxime: was so unbegreiflich entzückt Jacobi 1, 56; er schien sie unbegreiflich zu reizen Arnim 7, 345; und in einem brief von ihr .. rührte mich das unbegreiflich J.
u. W. Grimm
br. 25.
gern als begriffssteigerung: unser gott ist sehr grosser krafft und ist unbegreifflich warhafft H. Sachs 18, 547, 23
Keller-Götze; ein unbegreiflich zahlreiches sternenheer Kant 8, 237; die unbegreiflich hohen werke sind herrlich wie am ersten tag Göthe
Faust 249; dasz überhaupt Bruces karte unbegreiflich unzuverlässiger ist als seine oft sehr genaue beobachtung Ritter
erdk. 1, 179. unbegreiflicherweise
miro modo und abgeschwächt nescio quo modo: unbegreifflicher weis ire ad patrem Luther 34, 1, 400, 2
Weim.; vgl. wodurch der gegenstand .. in der imagination auf eine ganz eigene und unbegreifliche weise hervorgebracht wird Göthe IV 21, 204, 9
Weim.; auf eine so unbegreiffliche art vernachlässiget Adelung
lehrg. 2, 210; in Frankfurt hatte man mir .. unbegreiflicher weise falsch bescheid gesagt Bismarck
br. an s. br. 353.
steigerungsformen: je lenger ich ihm nachdenck, je mehr dünckt mich das ding unbegreuflicher und finsterer Franck
parad. 12
a; der allein mächtigste und unbegreiflichste wille gottes Olearius
rosenth. 107; was den leuten am unbegreiflichsten vorkam, war Wieland
Lucian 4, 204; Bodelschwingh hat sich arg verstiegen und unziemlichst und unbegreiflichst gefragt Varnhagen
tageb. 4, 67. —