grasmücke,
f. wegen dän. græssmutte,
wörtlich '
grasschlüpfer',
nd. heckenkrüper,
engl. nettlecreeper (
vgl. auch für den zaunschlüpfer schwed. gärdsmyg)
wohl auf *grasa-smucka (
zu schmücken [
s. d.],
welches seinerseits intensivum zu schmiegen
ist)
zurückzuführen; vgl. Suolahti
dt. vogelnamen (1909) 69; Kluge-Götze
etym. wb. 15278
a.
doch ist die zusammensetzung spätestens im 12.
jh. verdunkelt; das wort wird schon in seinen dieser zeit angehörenden ältesten dt. zeugnissen auf eine zusammensetzung mit mücke
als zweitem kompositionsglied umgedeutet, wie die frühen bildungen mit fugenvokal erweisen, vgl. grasimugga, grasemucca, grasemucka, grasemokun, grasemuke, grasemuch (12.
jh.)
ahd. gl. 3, 30, 45
ff. St.-S.; grasemugga (13.
jh.)
ebda 404, 34.
der fugenvokal begegnet bis ins frühnhd. hinein recht häufig, aber auch im 17.
u. 18.,
vereinzelt noch im 19.
jh., vgl. grasemücke Felbinger
nomencl. lat.-germ. (1646) F 3
a; Stieler
stammb. (1691) 1260; Grüwel
bienenkunst (1719) 50; Musäus
volksmärchen 3, 40
Hempel; Göthe
gespräche 5, 52
W. v. Biedermann; Tieck
schr. (1828) 10, 110;
vor allem, rhythmisch bedingt, im vers, vgl. Schwabe
belust. (1745) 1, 93;
Shakespeare 1 (1797) 225; grasemück J. H. Voss
ged. (1802) 4, 110; Rückert
ges. poet. w. (1867) 3, 52.
daneben stehen von anfang an fugenvokallose bildungen, vgl. grasmuc (12.
jh.); grasmuche (13.
jh.); grasmuga (14.
jh.); grasmukch (15.
jh.)
ahd. gl. 3, 30, 48
ff. St.-S.; sie beginnen sich seit dem frühnhd. in der form grasmücke
durchzusetzen (
über die lautformen des zweiten kompositionsgliedes vgl. mücke teil 6,
sp. 2606).
abweichend von dem üblichen fem. begegnet in jüngerer bair. ma. vereinzelt ein mask. gebrauch des wortes: da höar amal den grosmuck an, dea singt voa zärtlikeit Pangkofer
ged. in altbayer. ma. (1854) 1, 103;
dagegen darf man aus filomenam grasmuggo (12.
jh.)
ahd. gl. 3, 30, 48
St.-S. wohl kaum auf mask. genus schlieszen, wie es Suolahti
a. a. o. 70
erwägt. das wort ist nahezu über das ganze hd. sprachgebiet verbreitet, ins nd. dringt es von hier aus nur vereinzelt, vgl. grasmügg K. Schiller
z. thier- u. kräuterb. d. mecklenb. volkes 2 (1861) 11; grasmügg (
Lübeck)
korrespondenzbl. d. ver. f. nd. sprachf. 16 (1892) 83; graszmügg (
Lübeck)
zs. f. dt. wortf. 9
beiheft (1907) 3; grasmück Kück
Lüneburg 1, 606.
im rhein. gebiet wird grasmücke
durch zahlreiche andere gras-
zusammensetzungen vertreten; deren grundwörter dürften z. t. von mundartlichen bewegungsverben abgeleitet sein wie rhein. grashätsche, -hutsch(el), -tatsche, -witschelchen,
lothr. grashetsch,
nass. grashitschel; grashucke (
Waldeck) K. Schiller
z. thier- u. kräuterb. 2 (1861) 11;
anders rhein. graskatsche, -trötsche, -heckse,
lothr. grashex;
luxemb. grâsmek
ist zusammengesetzt mit mundartlichem mek '
fliege, mücke' (
vgl. rhein. wb. 2, 1359
ff.; Follmann
Lothr. 213
b;
luxemb. ma. 152
b; Kehrein
Nassau 171).
in einer weiteren gruppe von zusammensetzungen bilden bezeichnungen für den sperling das grundwort; vgl. an alphab. stelle grasmusch, -spatz, -sperling,
von daher wohl auch graskater, -katze
rhein. wb. 2, 1359;
allgemeiner grasvogel (
s. d.);
ferner grasfink (
seit dem 14.
jh.) (
s. gras-
kompositionstypen 6 a). 11)
bezeichnung der vogelgattung sylvia Lath.; vgl. Brehm
tierl. 9 (1913) 94.
auf diese bezieht sich grasmücke
in der wiedergabe von lat. curruca in quellen seit dem ausgehenden mittelalter; vgl. curuca vel curriculus grasmug (14.
jh.) Diefenbach
gl. 164
a;
curruca gras múgke (
obd. anf. 15.
jhs.)
ders., nov. gl. 124
b; grasemyck
vel goltamer (
md. 15.
jh.), graszmuck (1512)
ders., gl. 164
a; graszmugk Frisius
dict. (1556) 359
a; graszmcke Corvinus
fons lat. (1646) 250; grasemücke Stieler
stammb. (1691) 1260; graszmuck Dentzler
clavis germ.-lat. (1716) 139
b u. ö. speziell auf die schwarzköpfige grasmücke, sylvia atricapilla L., bezieht sich: melancoryphus ein schwartzkopff, ein graszmugg mit einem schwartzen köpffle Frisius
dict. (1556) 809
b.
daneben und z. t. schon älter glossiert grasmücke
weitere lat. bezeichnungen, die auch auf andere vögel bezogen werden; da diese jedoch der gattung sylvia nahestehen und oft mit ihr verwechselt oder identifiziert werden, dürfte in den meisten fällen die gattung sylvia oder eine ihrer arten gemeint sein; vgl. filomenam grasimugga, grasmuga
usw. (12.—15.
jh.)
ahd. gl. 3, 30, 45—50
St.-S. (
s. o.);
birischa grasemugga (13.
jh.)
ebda 3, 404, 34;
ficedula grasz mück, grassmuck (
obd. 15.
jh.) Diefenbach
nov. gl. 173
a;
motacilla grasemucka (15.
jh.)
ebda 258
a;
accedula grasmuk (1432)
ebda 5
b; grasz mug
u. ä. (
md. 15.
jh.)
ders., gl. 7
a;
acredula graszmuck (
md. 15.
jh.)
ebda 10
b;
hypolaus graszmuck (18.
jh.)
ebda 278
a. 1@aa)
in sachbezogener anwendung. 1@a@aα)
allgemein: Esopus schreibet von der grassmucken, wie sie yhre iunge getrOestet habe Agricola 750
teutscher sprichw. (1534) F 1
a; der grassmucken ... fleisch ... ist gar guoter narung Heusslin
Gesners vogelb. (1557) 27
b; die gAense (
nähren sich) von lorbeerblettern und oleander, die graszmcke von schaffmiltblettern Aitinger
jagd- u. weidbüchl. (1681) 204; aber das weiss ich doch, dass sich unsre hhnerchen auf dem hofe mehr vor einem geyer, als vor einer grasemcke frchten Chr.
F. Weisze
kinderfreund (1775) 11, 150; würde dir das herz nicht brechen, die allerliebste frau nachtigall, die trauliche grasmücke ... in der pfanne zu rösten Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 5, 20; mitunter schlüpfte eine grasmücke durch die blätter Storm
s. w. (1899) 1, 104. 1@a@bβ)
der gesang der grasmücke
wird besonders hervorgehoben: wann die grasmucken singen, so sey es zeit weinstOecke zu schneiden Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 336
a;
vgl. Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 323; nun aber kann ich leider ... nicht mehr ... die grasmücken darauf zwitschern hören Gleim
briefw. 1, 99
Körte; wer hört nicht lieber den gesang der grasmücke, als das geheul der nachteule? Wieland
Agathon (1766) 1, 85; verlockende schilderungen von dem entzückenden gewirr der vogelgesänge ..., wenn rohrsänger, grasmücken, laubvögel ... dort miteinander wetteiferten H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1928) 231. 1@a@gγ)
im hinblick darauf, dasz die grasmücke
fremde eier ausbrütet, die ihr der kuckuck ins nest legt, während er ihre eigenen eier nicht selten zerstört: (
der kuckuck) legt sein air in ains andern vögelleins nest, daz haizt ain grasmuk, und nimt im als vil air her auz als er im hin ein legt Konrad v. Megenberg
buch der natur 178, 14
Pfeiffer; zu seiner zeyt ein ay er (
der kuckuck) legt und das ausz seinem nest hin-tregt ... und legts in der graszmucken nest, welche brutige eyer hat und nembt ir eyr eins Hans Sachs 16, 484
lit. ver.; die graszmuck vnd der gauggauch habend ein stAeten kampff mit einanderen, darumb das ye einer dem anderen seine eyer frisset Heuszlin
Gesners vogelb. (1557) 66
b; (
der kuckuck) fresse den ringeltauben oder grasemcken die eyer oder jungen aus Rollenhagen
indian. reysen (1603) 248; dass er (
der kuckuck) seine eyer ... der grasemücken und dergleichen vögeln ... in ihre nester leget Döbel
jägerpractica (1754) 1, 61. 1@bb)
bildlich oder vergleichend von personen. 1@b@aα)
im hinblick auf das verhältnis der grasmücke
zum kuckuck (
s.a γ).
in z. t. sprichwörtlichen wendungen kennzeichnet die grasmücke
denjenigen, dem mit undank gelohnt wird: als dann (
wie einem mann, der, ohne es zu wissen, ein fremdes kind als sein eigenes aufzieht) geschicht einer graszmugken, der ein goch ir eier vsz supft, vnd legt im die synen an die stat. sie brietet die vsz, zucht sie, vnd gefelt ir selbs garwol, das sie solliche kynder hat. zeletst essen sie die armen graszmugken
Terenz deutsch (1499) 159
c; doctor Martinus Luther sagte (
über das verhältnis des papstes zur christl. kirche), dasz der kuckuk hat die natur und art, dasz er der graszmücken ihre eier aussäuft, und legt seine eier dargegen ins nest, dasz sie die grasmücke musz ausbrüten ... und zuletzt fressen die jungen kuckuk ihre mutter, die grasmücken Luther
tischr. 4, 571
W.; der guots mit bOesem vergilt, vnnd args vmb guots thuot, als der guckuc, wann jn die graszmuck lang auszbret vnnd erzeucht, friszt er sie zuletzst, vnnd gibt jr der welt lon Seb. Franck
sprichw. (1541) 2, 118
b; du lonst mir, wie der guckuc der graszmucken odder bachsteltzen
ebda; B. Faber
thes. (1587) 227
a; könte ich die dieb antreffen, ich wolte jhnen lohnen wie der guckuck der grassmucken Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 2, 295; derowegen hatten meine eltern ein grössere freud über ihren sohn, als die grasmuck, die einen guckuck auffzeucht Grimmelshausen
Simpl. 347
Scholte. in ähnlichem zusammenhang steht die grasmücke
für jemanden, dem in häszlicher weise mitgespielt wird: swa diu grasemücke eier leit, und des der gouch wirt gewar, er gizzet ir ir eier gar und birget er diu eier sîn der tœrin in ir nestelîn: der lât er s'im da hüeten und ân sîn helfe ûz brüeten. diz bîspel ûf den menschen gât, der keine witze z'êren hât, und aber ze bœser kündekeit im al die sinne sint bereit Freidank
bescheidenheit 143, 22
Bezzenberger; der amechtige teuffel (
Karlstadt) ... will nur unser nest besuddeln und verterben, wie der kuckuc mit der grasemücken spielet Luther 18, 92
W. die grasmücke
kennzeichnet den betrogenen ehemann: wer vil vsz fliegen will zuo wald der wurt zuo eyner grasmuck bald Seb. Brant
narrenschiff 33, 90
Zarncke; Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) Kkk 5
a; (
ehebruch wird mit dem tode bestraft) up dat se (
die Dithmarscher) eigentlich weten mochten, dat se ehr eigen geblte nha sich leten ... unnd nicht alsz de grasemcken frOembde jungen uthbrOeden unde erneren dorfften (1598) Neocorus
chron. d. landes Dithmarschen 1, 96
Dahlmann; die ... den ehemann ein frembdes ey lassen aussbrten, gleich einer grassmuck Dannhawer
catech.-milch (1657) 6, 290; ganz heterogene gesichtsformen in einer und derselben familie, lassen guckukseyer in dem neste der graszmücke vermuthen Musäus
physiogn. reisen (1778) 1, 91; der kukuck, der der grasemück, so gern ins nestchen heckt, und lacht darob mit arger tück, und manchen ehmann neckt
Shakespeare 1 (1797) 225.
ähnlich von personen, die schätze sammeln, von denen andere den vorteil haben: pfî iu armen grasmucken, daz ir iuch ofte müezet smucken, swenne ir des schimeligen schatzes hüetet und fremden göuchen ir eier brüetet, die frô hin nâch sint und gemeit Hugo v. Trimberg
d. renner 7609
Ehrismann. prägnant von einem leichtfertigen mädchen: jâ swinge ich (
die mutter) dir (
der tochter) daz fuoter mit stecken umbe den rügge. vil kleine grasemügge, wâ wilt dû hüpfen hin ab dem neste Neidhart 8, 31
Haupt-W. so in der studentensprache von einer dirne: grasmücke ist ein liederliches mädchen, welche den sommer über in den pulverweiden, oder an andern öffentlichen spaziergängen umherschleicht um sich für ein geringes geld auf kurze zeit zu vermiethen Chr. Fr. B. Augustin
id. d. burschenspr. (1795) 51
K. Burdach. 1@b@bβ)
gelegentlich liegt dem auf personen bezogenen wortgebrauch der gedanke an den gesang des vogels (
s.a β)
zugrunde: ich bin des Eulenkönigs haushofmeister, — aff, gras — grasaff, sonst auch genannt grasemücke, sing liebliche lieder Tieck
schr. (1828) 10, 110; doch hörte er den regelmäszigen gesang (
eines mädchens) ... gern und nannte die unsichtbare sängerin die grasmücke G. Keller
ges. w. (1889) 6, 207; auf ein bild für sie (
Ad. Exner) fange ich jetzt an zu denken, denn das musz wohl überlegt sein und schick und stil haben. es hat eben eine andre nase, für ein groszes tier von gelehrten etwas zu machen, als nur für ein leichtfüsziges mägdlein, so eine grasmücke; so schön sie singt, ist doch kein rechter ernst dabei (1874)
ders., br. u. tageb. 3 (1916) 92
Ermatinger. 1@b@gγ)
im hinblick auf die winzigkeit des vogels: einer (
David) ein gras muckhen, der ander (
Goliath) ein giraff Abr. a
s. Clara
neue pred. 49
Bertsche. 22)
in der beziehung auf andere tiere. 2@aa)
von vögeln. für die beutelmeise: parus pendulinus L. grasmücke Naumann
vögel (1822) 4, 113.
für den steinschmätzer, saxicola Bechst.: grasmucke Unger-Khull
steir. 303
b (
neben sylvia hort.). 2@bb)
gelegentlich als bezeichnung von insekten. für die heuschrecke (
vgl.grashüpfer): (
es) liessen sich allhier eine sehr grosse menge heuschrecken oder grasemcken sehen, dasz auch die lufft dadurch gantz verdunckelt wurde Mandelslo
morgenländ. reisebeschr. (1696) 121
b Olearius. soviel wie graswurm (
s. d. 1) '
raupe'
: eruca grasmuk (
obd. anf. 15.
jhs.) Diefenbach
nov. gl. 155
b; der ander angel sol gefaszt sein nach der grasmucken, zu den hechten (15./16.
jh.)
in: zs. f. dt. altert. 14, 165. 2@cc)
unsicheres: dyomeredoe grasmucke (
obd. 15.
jh.) Diefenbach
nov. gl. 136
a s. v. diomedia; chirogrillus grasmück (
md. 1476)
ebda 93
a;
cyrogillus graszmuck (
o. o. u. j.)
ders., gl. 123
a s. v. chirogrillus; Longolius nennt den vogel aegithum ein graszmucken Heuszlin
Gesners vogelb. (1557) 212
b. —
ein ganz anderes grasmucke,
zu fränk. mucke, mocke '
schwein',
für die herbstzeitlose, colchicum autumnale L. bei Marzell
wb. d. dt. pflanzennamen 1, 1088. —