gegenseitig,
adj. zu gegenseits (
s. d.),
zuerst bei Adelung,
aber doch schon im 17.
jahrh. entstanden, d. h. vor gegenseite,
vergl. Thomasius
u. 1,
c. 11)
entgegengesetzt, gegnerisch, anderseitig. 1@aa)
entstanden sein musz es im rechtsleben (
s. gegenseits): der gegenseitige theil,
gegentheil, gegner. Adelung,
der es in dieser bed. überhaupt als oberd. bezeichnet, wie auch Heynatz
antib. 2, 15,
es wird sich schon im 17.
jh. finden; als der gegenseitige sachwalter sich weigerte. Göthe 28, 133 (
neue schr. 1792 1, 354),
vorher der advocat der gegenpartey;
oft in Göthes
sachwalterschriften aus der Frankfurter zeit bei Kriegk
kulturbilder Lpz. 1874,
z. b.: welches unter eine general-definition zu zwängen man sich in gegenseitiger schrift viele vergebene mühe giebt.
s. 274,
der schrift des gegenanwalts, gegenparts; der ungrund gegenseitiger schrift. 300; dasz gegenseitiger herr schriftsteller .. 302 (
ohne art., s. u. gegner); dank für die beschehene communication gegenseitiger replicarum. 300; die schwäche gegenseitiger exceptionen liegt so am tage. 371,
und entsprechend diesseitig,
z. b. diesseitige provocations-introduktion. 370. 372,
immer ohne den artikel, wie bei gegner
selbst. 1@bb)
dann erstreckt auf gegenpartei
überhaupt (
auch diesz zuerst im rechtswesen),
in mehrfachem sinne: der pabst erfuhr erst nachher, dasz der graf das haupt gegenseitiger partey wäre. Hahn
hist. (1742) 5, 21,
politisch. auch im kriege: die unsrigen .. griffen an, und da die gegenseitigen sich tapfer wehrten .. gab es ein gräulich gemetzel. Göthe 30, 19 (
camp. in Fr.).
im verkehr von gemeinden: ein unförmlicher stadtschreiber ritt voraus, und complimentirte (
dann) mit dem gegenseitigen actuarius .. an der gränze .. 18, 69 (
W. M. lehrj. 1, 13). 1@cc)
dann von meinungsstreit oder verschiedenheit überhaupt: gegenseitige meinungen. Thomasius
kl. schr. 289; wenn meine meinungen zu gemein würden, so würde ich der erste sein, der sie verliesze und die gegenseitigen annähme. Lessing 1, 436; doch das sind vermuthungen, die keinen gewissern grund als die gegenseitigen haben. 3, 2; die vertheidigung der gegenseitigen lehre. 8, 372.
da ist überall nicht sowol die begriffliche oder sachliche verschiedenheit gemeint, als das ausgehen von der gegenpartei, d. h. noch im bewuszten anschlusz an den ursprung. 1@dd)
aber auch sachlich, begrifflich gegenseitig
gleich '
gerade entgegengesetzt': dasz man ja alles vermeiden müszte, was eine gegenseitige wirkung hervorbringen könnte. Klopstock 12, 93 (
gelehrtenreg. 1774
s. 102); wir erlauben ihnen zwar, gewisse vollkommenheiten nicht zu haben, aber die gegenseitigen fehler zu besitzen verstatten wir ihnen durchaus nicht. Lessing 4, 183;
auch noch mit erkennbarem anschlusz an das vorige: die liebe im paradiese. die einfältigkeit und armuth der mahler über dieses subject. der gegenseitige reichthum des Milton. 11, 166; kann er diese beweise umstoszen und mir gegenseitige vorlegen, welche seinen satz erweisen .. 11, 534. 1@ee)
endlich auch blosz räumlich, landschaftlich u. a. (
s. gegenseite 2): die hohen thürme spiegelten sich in dem strome und warfen bei untergehender sonne ihre schatten weit über das gegenseitige flache ufer. Klinger 4, 3; sprang .. ins meer und schwamm damit an die gegenseitige küste.
Münchhausen (1788) 103; indem er in die gegenseitigen coulissen blickt. Göthe 42, 404. 1@ff)
übrigens auch auszer dem begriffe des geraden gegensatzes, von verschiedenem, anderem, das doch entsprechend ist: ihr (
genies) erfandet, aber nicht für euch. auch lag es in eurer macht nicht, zu bestimmen, wie welt und nachwelt eure erfindungen anwenden .. was sie nach analogie derselben gegenseitiges oder neues erfinden würde. Herder
id. 2, 248 (9, 3),
vgl. gegenseitiges entsprechen Herder
u. 2,
b, es ist der begriff wie u. gegenpart 4, gegensatz 2,
b, gegenstück. 1@gg)
im adv. gleich anderseits, umgekehrt,
urspr. eben gegenseits (
s. d.),
von dem schon Heynatz
a. a. o. bemerkt, man sage nun lieber gegenseitig
dafür: aber in den gelehrten, wie sie vom volke vergessen sind, liegt gegenseitig der verfall des volks. Arnim
wunderh. 1, 467.
selbst der sprechende von sich selber: dasz wir Deutschen .. auch gegen sie (
die Franzosen) eine entschiedene abneigung empfunden .. und sie gegenseitig nicht zum günstigsten beurtheilt haben. Göthe 46, 100,
was zugleich schon der folg. bed. die hand reicht, unsrerseits erwidernd. 22)
wechselseitig, die heute herschende bed., wie gegen
in der zusammensetzung oft ein gegeneinander enthält (
sp. 2236). 2@aa)
die entstehung knüpft sich gleichfalls leicht an den gebrauch vor gericht an, indem jeder der beiden parteien die andere gegenseitig
ist, besonders vom standpunkt des richters. das wechselseitige wird auch durch doppeltes gegenseitig
ausgedrückt: weil aber immer in neuerer zeit eins ins andere wirkt, ja sogar gegenseitiges durch gegenseitiges. Göthe 32, 104 (
tag- u. jahresh. 1816),
ein gegensatz durch seinen gegensatz. oder durch einmaliges gegenseitig
angedeutet (
vgl. schon 1,
g Göthe): ich weisz, fuhr er fort, was die delikatesse dem prinzen auferlegt. aber sie ist auch gegenseitig. Schiller IV, 314, 21,
wo mit weggelassenem auch
die jetzt herschende bed. herausträte. 2@bb)
die volle bed. wechselseitig auch schon im 18.
jahrh. früh: gegenseitiges verbindnüs,
obligation réciproque Rädlein 334
b; das gegenseitige verhältnis,
relatio reciproca Adelung; unser trieb der freundschaft und gegenseitigen zuneigung. Gellert (1784) 7, 195; gegenseitige liebe und treue.
das.; da sich die treue der ehelichen liebe auf das gegenseitige versprechen .. gründet. 197; gegenseitige hülfe, hochachtung. 173; es ist sehr nach meinem geschmack, dasz er von einer gegenseitigen nachahmung gänzlich schweiget. Lessing 6, 525 (
Laok. 26),
dasz Virgil den künstler nachgeahmt habe oder umgekehrt; ihr (
der bauglieder) gegenseitiges symmetrisches entsprechen. Herder IV, 155.
jetzt in mannigfachster verwendung, auch im geschäftsleben, z. b. francatur gegenseitig (
wird vorausgesetzt)
als bemerkung in geschäftsbriefen. 2@cc)
im adv. (
vgl. 1,
g),
einander Rädlein: sich gegenseitig grüszen, meiden, suchen, hassen, lieben
u. s. w.; indessen musz auch hier sehnsucht und befriedigung .. abwechseln, sich gegenseitig ergreifen und loslassen. Göthe 30, 240,
wo doch mehr wechselnd gemeint scheint (
zur abwechselung mit dem vorherigen abwechseln); da mochten denn .. Donati und Uberti wegen verletzter familienehre streiten, gegenseitig bei kaiser und papst hülfe suchen .. 35, 335 (
B. Cell. anh. X),
wo sich auch in die gewöhnliche bed. etwas andres mischt: kreuzweis gleichsam, gegen-
wol auch noch feindlich (
nach 1,
a).