Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)
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gäuen, geuen, gewen, gähnen, mit offnem munde stehen, blicken u. ähnl., mit einer fülle von neben- und zwischenformen, zum theil schwer zu entwirren. II. aus alter zeit liegt nur vor mhd. gewen und giwen, ahd. gewôn und giwên hiare, oscitare, s. Graff 4, 107; danach ist i als das ursprüngliche und e als brechung anzusehen, also mhd. gëwen, ahd. gëwôn, wie vom stamme gir ahd. gërôn begehren, es gab aber vermutlich auch gëwên, wie einzeln gërên (vgl. u. gähnen I, 1, a). giw- als stamm wird auch bestätigt durch ags. giwian petere Ettm. 427, northumbr. giwia Bouterw. 343a (wegen der bed. s. III, 3). dazu dann urverwandt slav. zívati u. ähnl., s. unter gähnen I, 5, afg. IIII. in nhd. zeit II@11, II@1@aa) anfangs selten noch giwen, z. b. Mones anz. 6, 436 (15. jahrh.), aber oft noch gewen, hyare, oscitare, oder husten. voc. 1482 m 5b, vergl.p iijb, aus andern voc. des 15. jh. bei Dief. 276c. 402b, dehiscere 171b, ringere 498c, auch aus rheinischen, wie schon in vormhd. zeit gewde oscitavit Nyerup symb. 355. noch im 16. jahrh. oberrh.: oscitare, gewen. gemma Straszb. 1518 R iijd; oscito, ich gewe, giene. Dasyp. 165b, gewung oscitatio 341b; krankheit, so einer stAetz gewen muosz, oscedo. das., gewsucht Calepinus bei Dief. 402a, geusucht in der ausgabe 1570 1060. II@1@bb) mit erweichtem w, wie eben schon in geusucht 'geüen für ginen' Helber syll. 45, schon im 15. jh. auch geuen oscitare Dief. 402b, dehiscere 171a, hiare 276c (Schm. 2, 8), auch nd. das. geuen, gheuen, womit doch geven gemeint sein kann (s. 4, b). daneben mit bewahrtem, noch nachklingendem w (wie in kneuwen neben knewen knien V, 1430): geüwen Calepinus (1570) 1060, geüwung oscitatio das., geuwen Dief. 276c. 402b, hiscere 278c; so noch in Baiern gêuen und gêuwen (das letztere gespr. gaiwm), das maul aufsperren Schm. 2, 8, in Tirol geuwen Schöpf 183. II@1@cc) auch mnd. übrigens gewen, gewunge Mones anz. 3, 48b, vermutlich schon alts. auch gëwon, giwôn; ebenso nrh., wie mrh. unter a: gewen, ghenen, ossitare, hiare, pandiculare. Teuth. 107a; hiare, ghewen off gapen. gemma Cöln 1511 P 3b, und noch nnl. geeuwen gähnen. daneben auch mnd. gywen hiare hor. belg. 7, 26b, mnl. ghywen hiscere Dief. nov. gl. 204b; vergl. siebenb. gîwen gähnen Haltrich plan 30b. II@22, II@2@aa) schweiz. gäuen, geuen, gaffen Stalder 2, 517, vom offnen munde entnommen (s. III, 3), was mit dem vorigen nicht schlechthin zusammenfallen wird, denn es heiszt älter alem. göwen: do göwet oder nieset der knab sieben mal. Züricher bibel 1530 s. 192 (2 kön. 4, 35), vulg. oscitavit; dänet sich ... kodert, göwet, ginet nach dem leinlachen. Garg. 160a, Sch. 296, von einem der vom studieren müde ist. dazwischen göben (s. 3, a): wann einer ginet und göwet, so göbeten sie all. 283a, göweten Sch. 533. s. auch göwen rhein. Dief. 402b. II@2@bb) das sieht vielmehr aus, als läge ein ahd. gowian oder ursprüngliches gawian dahinter, und für einen stamm gaw- spricht gauwen, gauen: hiare, gauwen vel gewen, os aperire. Melber l 1b (blosz gewen oscitare, post somnum r 1a), aus einer andern ausgabe 'gauen vel geewen' (vgl. 3, a) Schm.2 1, 861; s. auch gouwen oscitare Dief. 402b. das scheint wesentlich rheinisch, es stimmt dazu älter nl. gaeuwen in 'gaeuwen en gapen' neugierig gaffen Oudemans 2, 341, dem hd. 'gaffen und geben' u. 3, a entsprechend. s. auch mhd. gowe für gewe unter III, 1, und ahd. chiwa und chowa, mhd. kiwe, këwe und kouwe unter käu. II@2@cc) aus gowian, mit unterdrücktem w, begreift sich auch goyen hiare Dief. 276c aus einem voc. ex quo, noch in Schwaben gojen gähnen Schmid 237; es ist wie goy, goi gau aus gowi sp. 1519, koy, koi gleich käu (s. d.), s. dazu u. koje gleich mhd. kouwe, nhd. kaue, käu. andere formen mit verlorenem w s. 3, c. II@33) das w, das man sich ursprünglich sehr vocalartig zu denken hat, zog aber noch andere erscheinungen nach sich. II@3@aa) einmal ist es in den gröberen lippenlaut b übergegangen, geben hiare Dief. nov. gl. 203b; gaffen (so l.) und geben (statt gebend), mit haimlichen weben (statt wêwen, wehen) stee ich mit offem munde. meister Egen klag der minn (Schm.2 1, 862). bei Alberus Q 2a, also wetterauisch: oscito, hisco, ich gheb; os hiulcum, das da gheebt; pandiculari, gheben und sich ausz einander strecken; oscedo, das geeben oder feel (krankheit) dasz einr gheben muosz, zugleich mit verlängerung des vocals wie in geewen unter 2, b, während in rhein. gebbin mit dem mule, dehiscere Dief. 171a das urspr. gĕwen nachlebt so noch elsäss. gêben gähnen (Schmidt west. id. 64), s. auch älter schweiz. gäbe f. hiatus in wundergäbe sp. 1116, und ebenso göben unter 2, a, geuben für geuwen bei Aventin (Schm. 2, 8). doch gibt es auch ein echtes b, s. 4, b. II@3@bb) anderseits ist das w ganz in seinen vocal übergegangen, das e dabei verschlingend, in gûen, das sich ergibt aus guunge hiatus Dief. 276c, guunge rictus 498a, aus einem voc. (rhein.), der sonst gewen hat 498c; es ist wie z. b. alem. knû knie, rhein. knûchin kniechen V, 1422 vom stamme kniw, knëw. II@3@cc) wieder anders in gAeeung oscedo Dief. 402a aus einem Augsb. voc. von 1521, also gAeen, d. h. die fortsetzung des mhd. gëwen mit ausstoszung des w und ersatzdehnung, wie gAe, gê aus gäw, gëw gau (sp. 1518). anderseits mit h als ersatz für w gehen oscitare Dief. 402b, gehunge hiatus 276c, aber auch gyhunge das. (d. h. gihen gleich giwen), wobei nur unsicher ist, ob das h auch gesprochen war oder nur geschrieben. II@44) aber noch weiter ausweichend und von gëwen, giwen sich wirklich entfernend II@4@aa) geywen oscitare Dief. 402c, hiare 276c, rhein. 15. jh., und mit b für w geiben: der tod all augenblick und stund auf uns wart, geibt, horcht, zielt und helt und hat uns in eim hui gefellt. Claus narr (1602) 91, zur bed. s. III, 1; Friedreich wer ich gewesen gern, wos hett mügen gesein ... so hat man mich thun treiben (zum kriege) .. viel heuptleut theten geiben, ich dorft anheim nicht bleiben .. Liliencron 4, 431a. ob es ein altes gîwen neben giwen gab? vgl. ahd. gîên hiare, wie Graff 4, 106 wol richtig ansetzt, oder gîjên (s. u.gähnen I, 5, a). noch hessisch geiwen Vilmar 141, in Waldeck geiweren Curtze 466a. II@4@bb) aber auch ein echtes b ist nicht zu bezweifeln nach rhein. gefen oscitare Dief. 402b, mnd. vielleicht geven (s. unter 1, b), schweiz. gifele hiare Fromm. 3, 83b, bair. gaifen, hess. geipen und gîpen Vilmar 141, sodasz alle lautstufen des lippenlautes vertreten sind, denen doch zugleich schon das alte giwen sich anschlieszt. s. weiter gieben, das schon im 15. jh. erscheint bei Dief. 276c. 402b neben gibben, giben, gebbin, s. auch geifen, dann weiterbildungen wie gifzen, giebsen, geufzen, auch das schott. gauve unter III, 3. II@4@cc) eine weiterbildung von gäuen ist gäunen (s. d.), zugleich mit anschlusz an gähnen; anderseits bair. geuwern, s. III, 2, schles. gäulen gaffen. IIIIII. zur bedeutung ist noch zu bemerken III@11) gähnen, auszer den belegen II, 2, a. 3, a, z. b.: sobald eins gebet oder nieset (trat der tod ein). Schmeller2 1, 862, aus der schilderung einer seuche, ende 15. jahrh. III@22) es bezeichnet aber von haus aus jedes öffnen des mundes, maules, rachens u. ä., wie gähnen, gaffen gleichfalls. so noch bair. der hund geuwt nach dem fleisch, trachtet mit gierig offnem maule oder auch schnappt, daher theils auch blosz 'gierig, lüstern sein' Schm. 2, 8, tirol. Schöpf 183 (besonders nach speisen), theils vom schnappen selber, sodasz für den rachen des löwen z. b. mhd. statt kewen pl. (s.käu) auch gewen vorkommt Iwein 6687 var., auch gowen (s. Lachm. dort), zu gouwen u. II, 2, b stimmend; vgl. geib en vom tode u. ä. II, 4, a. in iterativer form bairisch geuwern mit dem maule schnappen, geuwerisch gierig Schm. 2, 8. III@33) daher veredelt, gleichsam verdünnt und vertieft 'sehnsüchtig verlangen, harren' u. ä., schweiz. auf etwas gäuen, mit sehnsucht warten Stalder 1, 429; schon mhd.: sô giwen wir nâch deme himilskin liehte. hoh. lied 30, 7, s. auch ags. giwian petere u. I, und gleichbedeutendes nhd. gaffen auf, nach etwas sp. 1139 fg., im edelsten sinne (auch gähnen II, 3), vgl. die verbindung gaffen und geben von sehnsüchtiger liebe bei Egen unter II, 3, a, ausdrücklich noch 'mit offem munde'. aber das offenstehn ist, wie bei gaffen (s. dort II, 4) auch förmlich vom munde mit übergegangen auf das auge, denn schweiz. heiszt gäuen auch gaffen, umhergäuen Stald. 2, 517, wie schott. gawe to go about staring in a stupid manner Jamieson suppl. 1, 470a, auch gauve, zu den formen unter II, 4, b stimmend. III@44) vom mundöffnen in anderer bedeutung gleich tief seufzen, ächzen, stöhnen; z. b. von altersleiden: husten, spuwen steteglich, kodern, echzen nacht und dag, sufzen, gewen, 'acha mich' (rufen) mich selten zit verlaszen mag. altd. bl. 1, 31. ebenso älter nl. gaeuwen, s. Oudemans 2, 341. auch vom stöhnenden gähnen des sterbenden, nürnb. den letzten gæwer thun, sterben Schm. 2, 8, wie das. bair. geuwer m. ein einzelnes aufsperren des mundes. ähnlich gemeint ist wol 'stridere gewen vel gischen' Dief. 556a, vor schmerz oder zorn knirschen. III@55) bair. auch prahlen, prahlend rühmen, eigentlich 'das maul aufreiszen' (wie auch für prahlen gesagt wird, vgl. das maul voll nehmen in gleicher bedeutung), s. Schm. 2, 8.
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15.–20. Jh.
Neuhochdeutschgäuen
Grimm (DWB, 1854–1961)
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Cotta, M. (2026). „gaeuen". In lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern. Abgerufen am 14. May 2026, von https://lautwandel.de/lemma/gaeuen/dwb
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