Eintrag · Mittelhochdeutsches Wb. (MWB)
ergraben stV.
1.1 eigentlich
1.1.1 ohne Präp.-Erg. (meist im Zustandspassiv oder als nachgestelltes Part.-Adj.)
1.1.2 mit Präp.-Erg.
1.2 in Vergleichen, zum Ausdruck der schweren körperlichen Verwundungen, die Christus und andere Märtyrer erlitten
1.3 übertr.: ‘etw. einprägen’
1.4 verblasst
2 ‘etw. durch Ausgraben, Ausheben der Erde schaffen, anlegen’
3 ‘etw. herausgraben’ , übertr. ‘etw. ergründen, erforschen’
4 ‘etw. durchgraben’ , hier vom Dieb: ‘(in ein Haus) einbrechen’
5 ‘etw. vergraben’ , übertr.
1 ‘etw. in/ aus etw. (Stein, Metall, Elfenbein o. Ä.) schneiden, meißeln, hauen, schnitzen, ritzen, (in) etw. gravieren, getriebene Arbeit anfertigen’, selten auch ‘etw. (Zeichen) in die Haut einschneiden’ (nur Seuse , s. u. 1.1.2); im Akk. steht sowohl das affizierte (Material, Gegenstand) als auch das effizierte Obj. (Figur, Bild, Inschrift). 1.1 eigentlich 1.1.1 ohne Präp.-Erg. (meist im Zustandspassiv oder als nachgestelltes Part.-Adj.): der smit, / der Frimutels swert ergruop Parz 643,19; ein rubîn [...] / was zuo der rinken wol ergraben Wig 10561; sin stul was gut helphinbein, / woli gidreit undi irgrabin, / mid dim goldi was er bislagin LobSal 159; der sark was / ein prasem grûne alse ein gras, / wole meisterlîche ergraben En 2512. 8305; al rôt von golde ûf sîner hant / stuont ein kopf vil wol ergrabn Parz 146,1. 565,15; HvNstAp 1211; GTroj 395. – an ir houbetloche vor / was der herre Âmor [aus Stein] / ergraben meisterlîche, / rehte dem gelîche / als ez leben solde Wig 832; da begunde er schouwen / nach Marien, der vrouwen, / ein bilde also wol gestalt, / daz nie meisters gewalt / ein bilde mochte baz ergraben MarLegPass 22,97; Volmar 203. – sich ~ lâzen: er [der Edelstein calcedonius ] enlat sich niht ergraben, / man muz in unbeworiht haben HimmlJer 181. – im Vergleich, bezogen auf die Erziehung: ir hertze ergroib ich [Frau Ehre] als ein bly MinneR 481 72 1.1.2 mit Präp.-Erg.: – an, in: si begunden ir namen / an di stame [l. staine ] irgraben VMos 15,16; an den palase was irgraben / maniger slahte wunder SAlex 5418; eins löuwen houbet / was ouch an den stein ergrabn RvEAlex 961; swelch man den stein hât / dar an ein künec ergraben stât Volmar 792 u.ö.; in sînen helm, den adamas, / ein epitafum ergraben was Parz 107,30; mit guldinan buͦchstaben, / die in den apfel waren ergraben JvKonstanz 102; inme sper was sîn nam ergraben Parz 479,20. – ûf: wie er den selben namen [Jesu: IHS ] uf sin bloss herze [d.h. auf seine linke Brust] het ergraben Seuse 393,12; den heilsamen namen, der uf úwrem herzen von inbrúnstiger goͤtlicher minne ist ergraben ebd. 394,31. – von, ûz (ûzer): ain lewen furt er an sinem schilte, / uzer golde ergrabin Rol 3987; ûz einem smaragde was [...] diu rinke wol ergraben Wig 776. 821. 840; dâ bî hienc ein gesteine [Schachfiguren] / von edelem helfenbeine / ergraben wol meisterlîche Tr 2227; der [ spiegel, hier die Spiegelkapsel, vgl. Schultz, Höf. Leben 1,231f.] was von helfenbeine, / wæhe, ergraben kleine Neidh SL 22:6d,5; ain groß saul ward erhaben / von mermelstain wol ergraben HvNstAp 1208. – mit: ein bette [...] alumbe ergraben mit buochstaben Tr 16720; diu venster hiez er ergraben / mit kriechischen buochstaben, / und schôn mit edelm gesteine / wiern EnikWchr 21959; do daz munster wart bereit / [...] der kunic hiez dar an ergraben / mit guldinen buchstaben / daz ez were sin eines rat / und nieman dar an gegeben hat Erz III 34,35; ûf der scheid [des Schwertes] was ergraben / mit guldînen buochstaben: / ditz swert sneit stahel und îsen / als ein schær tuot ein rîsen EnikWchr 16031. – nâch: daz si die edeln steine / ergruoben al gemeine / nâch den rehten stunden, / die si wol spehen kunden Volmar 784; (im Vergleich:) die selbe kamere [Uterus] hat inner halb siben jngesigele [Prägestock zur Formung des Embryos] . die sint ergraben alse ein múnzisen [Münz-, Prägestempel] nach des menschen bilde Lucid 62,4. – zuo: doch mac sie [die Edelsteine (calcidonius)] niemant irgraben / zu bilden noch an buchstaben HeslApk 21617; sehs edel stain riche / gevihlt warn und ergraben / maisterlich zu buͦchstaben, / die lagen in dem schapellin WhvÖst 3949 1.2 in Vergleichen, zum Ausdruck der schweren körperlichen Verwundungen, die Christus und andere Märtyrer erlitten: der hat sich gelichet ainem insigel, wan als dc insigel ergraben ist. also wart er och an siner marter ergraben. [...] sin hende und sin fuͤze die wurden im an dem hailigen cruce mit den sarphen [l. scarphen ] nageln ergraben. sin hailige site diu wart im och ergraben an dem hailigen cruce, do im Longînus dc sper dar durch stach. sin hoͮbet dc wart im och ergraben PrSchw 2,6; ir kvschir lip vf den tot / ergrabet als ein quader / daz man menic ader / vnverborgen prvofte Martina 185,77. – Part.-Adj.: ich verbirge mich angsthasteklich [...] in die hüli vnd in die tieffe diner ergrabenen henden vnd fuessen PrWack 99,102 1.3 übertr.: ‘etw. einprägen’ o daz minnencliche wort / waz im in sines herzen ort / also liebelich ergraben / daz er es stete wolde haben Pass I/II 191,50; in sines edelen herzen grunt / was Cristes name so ergraben, daz er in lieb konde haben Pass III 64,71; Vät 31997; die valsche kunst waz ergraben / in sin herze also stete / ob er wol nicht buoch hete / daz er idoch si kunde Pass I/II 168,88 1.4 verblasst: sin wille was dar an ergraben [dazu fest entschlossen] , / daz er die gerechtekeit / nindert eines halmes breit / durch keine herschaft verliez Pass III 246,94; doch ist min wille druf ergraben, / daz ich den vride suche ebd. 373,92; do wart dirre geneme [der Apostel Paulus] / genumen zeinem boten gots / nach dem willen sins gebots / der daz [ gebot ] wol kunde ergraben [ ausführen] Pass I/II 180,76 2 ‘etw. durch Ausgraben, Ausheben der Erde schaffen, anlegen’ der [Brunnen] was so wislichen ergraben, daz die sunne rehte an den grunt schein vmbe sunnen wenden Lucid 38,12; der quecbrunne [der Tränen] ist niht ergraben, / in hât der heilig geist erhaben : / den brunnen mac man gerne nutzen. / daz ander ist allez phutzen, / daz man nâch dem wazzer muoz / tiufe graben manigen fuoz LvRegSyon 3466 3 ‘etw. herausgraben’, übertr. ‘etw. ergründen, erforschen’ ouch hat er zeichene vil getriben [...], / der ich nicht wil ergraben / alhie durch manige sache Pass III 372,78; wann ich allew dinch ergrab, / so waiz ich nicht, waz uͤbel sey Teichn 246,44; [der Teufel:] nimmer wirt so torecht, / daz du dikeinen gotes knecht / mit bichte last din herze ergraben Pass III 590,1; vil gar er sine herze ergrub, / untz er gentzlich entsub / wie er dar an was ane [= âne ] schult Vät 24705; sus ergrub der gotes kneht / sines herzen unreht / daz er im gentzlich bejach / swaz im leides ie gesach / von des tuvels zu kumft ebd. 23995. – mit Akk.d.P.: ‘jmdn. solange hartnäckig bitten, fragen, bis er sich öffnet’ der gute man begonde graben / unde biten harte vlizeclich / daz er vor im niht burge sich. / zu jungest er doch in irgrub, / daz er von erste anhub / unde sagete im gar wie im geschach Vät 15709. – verblasst, ‘etw. bei jmdm. erlangen, erreichen’ do du uf den hof / quemest vur den bischof / und woldest helfe an im ergraben Pass III 434,47 4 ‘etw. durchgraben’, hier vom Dieb: ‘(in ein Haus) einbrechen’ so der husvater wiste / zu welcher stunde [...] / der dieb war an sin hus geneme, / daz er dar in gegraben queme, / vf wachen kunde er fliz gehaben / vnd lieze ym niht sin hus ergraben [ perfodere (Mt 24,43)] EvStPaul 1358 5 ‘etw. vergraben’, übertr.: wir waren alle in sunden ergraben Pass III 82,20; der sunden wollust, / die vor des in siner brust / waz mit valscheit ergraben Pass I/II 367,60
MWB 1 1895,37; Bearbeiter: Tao