DWB2
BARBAREI f. DWB2
mhd. barbarîe,
abstraktbildung zu barbar,
entsprechend dem lat. barbaria ‘
barbarenland, gesamtheit von barbarenvölkern’
; vgl. auch lat. barbaries
mit abweichender wortbildung. zunächst auch in lat. formen; bisweilen in durch das frz. beeinflußter gestalt: DWB2 DWB21
zu barbar 1.
land, in dem barbaren leben oder in dem barbarische zustände herrschen sowie dessen bewohner. fließender übergang zu den bedeutungen unter 2.
häufig ‘land der Sarazenen’,
später gegenden, in []denen der islam vorherrscht, im engeren sinne als geograph. bezeichnung ‘
land der Berber’,
die heutigen staaten Marokko, Algerien, Tunesien und teilweise auch Libyen (‘
barbareskenstaaten’ ,
vgl. barbaresk): ⟨u1217⟩ der künec von barberîe / brâht im einen halsperc Wolfram
Willehalm 6356,12 L. ⟨1352⟩ der von Babilonia / und auch der von Persya. / dye chunigreich und die landt / sind allew barbarey genandt Seifrit
Alexander 1236 DTM. 1472/3 er zuͦ got vnd allen heiligen schwure nicht mer gen Lipari zuͦ komen er were dann reiche, mit einer wol gewapendenn gallee von dann fure; sich gen der barbarei wercz hielte Arigo
decameron 321 LV. ⟨1541⟩ anno Christi 1535 hatt keyser Carlen erobert in der barbarei die statt Tunes vnd das gantz künigreich Münster
cosmographei (1550)364. 1571 es wirdt auch das landt vnd gegent vmb Tunis vnnd Algira .. barbaria genent Rot
dict. C 3a. ⟨1631⟩ man sieht den alcoran geehrt in barbareyen, / beym cham in Persien und etwan in Türckeyen / sampt wenig winckeln mehr Opitz
op. [1689]4,334. 1668 es wäre besser gewesen man hätte darvor die faulen münche und pfaffen .. ein wenig in barbarie geschicket Londorp
acta publica 229. ⟨v1699⟩ auf einmahl wachet auf / die gantze barbarey, ein heer von Gothen, Wenden, / und Hunnen überschwemmt die welt an allen enden Canitz
ged. (1765)216. 1767 denn der pack schriften, worinn dero schreiben sich befand .., hat zu Triest, in der deutschen barbarey, angefangen zu modern Winckelmann
br. 3,334 R. 1791 an der westküste der afrikanischen barbarei (Mogreb) rissen die Edrisier .. ein reich ab, wo sie den grund zur stadt Fetz legten Herder
14,432 S. 1813 man sandte sie nach der fast wüsten und den streifzügen der corsaren aus der barbarei offen liegenden insel Lampedusa Niebuhr
nachgelass. schr. (1842)373. DWB22 DWB2
zu barbar 2.
bezeichnung von erscheinungen der unterschiedlichsten art, die als außerhalb der grenzen der eigenen kultur wahrgenommen werden, wie: unzivilisiertheit, unkultur, unbildung, taktloses, rohes verhalten auch zur bezeichnung eines urtümlichen, primitiven, heidnischen zustands; gelegentl. aufwertend ‘
natürlichkeit, ursprünglichkeit’ 1523 fur hettestu
(Erasmus) alle gelerte erbare menner auff deiner seyttē, nu mustu mit barbarey, die du also offt widderfochten
(socia barbarie toties abs te debellata) .. widder got, vn̄ alle erbarkeit streitten
in: Hutten
2,235 B. 1534 sunst ist der alcoran eyn lauter barbarei Franck
weltb. 121a. ⟨1545⟩ das ein grosse barbarey in kunftig zu besorgen, wo nit an mehr orten die schulen widerumb stattlich vffgericht werden Melanchton
in: Jonas
brw. 2,159 K. 1576 wa aber ist abgschaffen sie
(die kunst) / da ist gewis all barbarei, / wie solchs bescheint in der Türckei Fischart
1,398 DNL. 1657 Europa, welches etliche jahrhundert in der finstren barbarey schlaffen gelegen, erwachete nun Birken
ostländ. lorbeerhäyn 153. 1714 zuerst ging im IX. seculo das licht der gnaden nach langer barbarey denen Wenden auff Stieber
kirchen-hist. 35. 1789 die jungen herren skandalisierten sich bey ihrer zurückkunft sehr an der barbarey ihres ungeschlachten vaterlandes J. G. Müller
Emmerich (1786)7/8,8. 1793 daß das gesellschaftliche leben dem ungeselligen, oder anarchischen, und daß aufklärung der barbarey unendlich vorzuziehen sey Meiners
hist. vergleichung 1,15. 1801 die barbarei, die oft hart hinter dem buntesten flor der wissenschaften aufsteigt,
(sei) eine art von stärkendem schlammbad Jean Paul
I 5,68 ak. 1817 in ansehung der noch aus der barbarei der musik herrührenden bezeichnungen des zeitmaßes Beethoven
ber. d. zeitgen., br. 2,135 L. ⟨1824⟩ das gebäude ist zu Theodorich’s des Großen zeit .. erbaut und trägt alle inconsequenzen und barbareien der zeit Schinkel
nachlaß 2,41 W. 1830 die nationen steigen aus der barbarei in einen hochgebildeten zustand empor und senken sich später dahin wieder zurück Goethe
I 49,1,182 W. 1851 wenn sie
(die menschen) .. aus dem zeitalter der religiösen barbarei heraus sein werden Feuerbach
6,239 Sch. ⟨1883⟩ die unterstufe der barbarei läßt Morgan mit der einführung der töpferei ihren anfang nehmen Bebel
frau (1891)10. ⟨1908⟩ es dünkte ihn eine barbarei und grobheit, ihr so was ins gesicht zu sagen Kröger
nov. (1914)1,116. 1930 seine stimme glitt aus melancholischem diskant in jene tiefen, in denen sich barbarei und sentimentalität vereinigen, um einen „männlichen“ klang zu ergeben Roth
Perlefter 42 B. 2001 aber so wie sich der mann auf der einen seite veredeln läßt, droht auf der anderen immer wieder der rückfall in die barbarei Schwanitz
männer 40. DWB2—
in seiner gewaltwirkung darüber hinausgehend ‘grausamkeit unmenschlichkeit; willkürherrschaft’: 1650 barmhertzig
[]grausam sein! geschmünckte tyranney! / mit gold verdecktes gifft! gelinde barbarey! Gryphius
trauersp. 122 LV. 1788 das zerfleischen mit spießruthen und steigriemen wäre mit der übrigen barbarey verschwunden J. G. Müller
Emmerich (1786) 5/6,412. 1851 wollt ihr
(anrede) durch’s rothe meer des menschenblutes in’s gelobte land der freiheit? nein, laßt die barbarei einem Windischgrätz und ähnlichen creaturen! Glaszbrenner
volksleben (1847)3,402. ⟨1928⟩ aber das war barbarei, das ist keine erziehung Döblin
vertreibung 51 B. ⟨1940⟩ die gehetzten und geängsteten menschen .., die in Frankreich, einst dem lande des lichtes und der freiheit, zuflucht vor der barbarei suchten Th. Mann
(1955)11,477. 2001 auf der anderen seite leben seit der barbarei des jahres 1915 aber kaum mehr Armenier in dem land, das seit urzeiten ihre heimat gewesen war
frankf. allg. ztg., DWDS-arch. DWB23 ‘
fehlerhafte sprache, sprachlicher mißklang’,
häufig ‘übermäßige verwendung von fremdwörtern’,
vgl. barbarismus 1: 1558 was hast du da für ein groben barbarey
(mask.!) gemacht? wann es für gelehrte leüt kompt, ist es ein schand; es soll nit domini heyssen, sonder domine Lindener
katzipori 106 LV. 1652 du hast die barbarei mit freüden weg geschaffet, / du hast den fremden wuhst der sprachen abgethan Rist
Parnass 432. 1742 die barbarey einer sprache besteht eigentlich in der härtigkeit ihrer wörter und der beschwerlichen aussprache
samml. crit. schr. 5,8. 1803 die sprache wenigstens aus dem gröbsten von der herrschenden barbarei zu säubern
F. Schlegel
in: Europa 1,43 faks.Solf