zerrinnen,
verb.,
zu rinnen (
th. 8, 1020);
ahd. zarinnan (Graff 2, 517),
mhd. zerrinnen; 1)
auseinanderrinnen, -flieszen, -laufen, a)
flüssigkeiten und schmelzbares: als
die zerrunnen milch, die zu einer gantzen nimmer werden mag Paracelsus
op. (1616) 2, 6
c H.; doch der quell, will ich ihn kosten, zerrinnt Göthe 5, 255
W.; schmelzen, zergehn: liquescere Frisius 774
b; der schnee zerrinnt, der mai beginnt Hölty
ged. 156
H.; auch von butter, unschlitt: schweiz. id. 6, 1011;
übertr. auf die zeit (
vgl. sp. 537)
und das leben: da zerrann die schnelle zeit Spee
trutznachtigall (1649) 324; er (
J. Chr. Günther) wuszte sich nicht zu zähmen, und so zerrann ihm sein leben wie sein dichten Göthe 27, 81
W.; im sande z.
eig. vom blut erschlagener: Hölderlin 2, 198
L.; übertr.: die ... offensive der Italiener ... ist ... im sande zerronnen
Frankf. zeitg 17. 7. 1915 1.
morgenbl.; b)
sich verlaufen, sich auflösen: ists ganze heer zerronnen? Lohenstein
Sophonisbe 244;
von einem klub: Varnhagen
tageb. 4, 218; c)
übertr. von vorrath, geld und gut, das wie korn aus einem löcherigen sack zerrinnt,
vgl. die bibelstelle: aber er (
gott) macht doch zuletzt den sack lOechericht und bleset drein, das es zusteubet und zurinnet (
was sie gesammelt hatten) Luther
vorr. auf Haggai bei Bindseil 7, 409,
woraus sich der sinn schwinden, vergehn, in nichts zerflieszen ergibt: wie das geldt dem reichen alle tag z. mag Paracelsus
op. (1616) 2, 616
H.; in anderen bildern, z. b. wie rauch z.: Neumark
fortgepfl. lustw. 1, 158; wie wasser z.: Stieler 1612; bald ist ein groszes gut zerronnen, es rauscht im lebensstrom hinab Göthe (
Faust 10 340) 15, 1, 257
W.; schweiz. id. 6, 1011;
sprw.: wie gewonnen, so zerronnen Moscherosch
ges. 418
und allgemein; unter den händen z.: denn was man nicht mit recht gewint, unter den henden gar zurinnt Ringwald
evang. a 7
b;
sodann von abstracten, z. b. friede: Oswald v. Wolkenstein 111, 13
Sch.; hoffnung: A. U. v. Braunschweig
Oct. 2, 459;
u. a.; die gedult, alle lust zerrinnet Kramer
teutsch-it. 2, 363
a; die kräfte z. U. Hegner
ges. schr. 5, 135; d)
vor dem blick zerflieszen, sich auflösen, sich in dunst und luft verlieren: die wiese zerrann vor seinen blicken Anzengruber
ges. w. 2, 29;
untergehn: der mond ist schon zerronnen, kein sternlein mehr zu sehn Cl. Brentano
ges. schr. 2, 101;
mit subjectswechsel: mein blick zerrann im unermeszlichen Hebbel 1, 110
W.; von menschen wie zerflieszen 1
f, i und 2
a: diese wolte in thrAenen z. Lohenstein
Arm. 2, 619
a; lasz mich in gesang zerrinnen Wackenroder
herzensergiesz. 249; vor freude
u. ä.: Lohenstein
Arm. 1, 18
b; 2)
als einzige für das ma. bezeugte bedeutung ausgehn, zu mangeln anfangen, gebrechen, a)
ursprünglich in unpersönlicher construction mit dem gen.; belege s. mhd. wb. 2, 1, 717
b; Lexer 3, 1077; Jelinek 985; Schmeller-Fr. 2, 115; H. Fischer 6, 1144; Ch. Schmidt
els. wb. 438
a;
schweiz. id. 6, 1012;
vgl.: ni zirinne herrin fona Judae noh herizohin fona sinem dheohum (
non deficiet princeps ex Juda nec dux de faemoribus eius)
Isidor 35
b Hench; mirn zerinne mîner friunde,in wirt arebeit bekant
Nibel. 164, 4
L.; oft thet ihn gelts zerrinnen H. Sachs 3, 476
K.; dann unglücks ist mir nie zerrunnen Ayrer
dram. 3, 1610
K.; noch bei Harsdörfer
gesprächsp. 3, 279
der gen. der zeit;
bisweilen ohne object: ist er geytig, so besorgt er villeicht, das im mOecht z. A. v. Eyb
spieg. d. sitt. G 2
b; Prätorius
saturn. 376; b)
danach mit nom., so bei Luther
in bezug auf kunst: meins thayls will mir kunst zurinnen 34, 2, 73; 28, 73
W., wo indessen H. Sachs: weil euch der kunst nye ist zerrunnen
fastnachtsp. 11, 133
ndr. die ältere gen.-construction erweist; weitere belege für den nom.: es solt mit der weysze wol tuch zurynnen allein zu munchkappen Luther 7, 565
W.; die tollen jungfrawen, den das öle zurann 10, 3, 413
W.; wenn man alle wochen Mertenstag helt, da z. gense und endten Mathesius
Syrach 1, 116
b; c)
mit der präpos. an
als ersatz des genitivs: so dir an gelt zerrinnen will Wickram 1, 117
B.; er will nicht helffen, wo es uns an kunst, wicz, vorstandt, hulff czurindt Luther 9, 392
W.; an der narung: S. Münster
cosm. 1191 (
aber: die nahrung: Petri
d. Deutsch. weiszh. 2, U u u 5
v; die lebensmittel: v. Chemnitz
schwed. krieg 1, 128);
lex.: z.
nicht zureichen Reinwald
henneb. id. 2, 163. —