zerfahren,
verb. ,
in älterer sprache wie fahren (
s. th. 3, 1247)
und dessen zss. nur intransitiv im sinne von auseinander fahren, gehn, in stücke zerfallen, bersten; ahd. za-, zifaran (Graff 3, 573),
as. tefaran,
ags. tófaran,
afries. tofara,
mhd. ze-, zervarn (
mhd. wb. 3, 249
b; Lexer 3, 1091),
mnd. tovaren (Schiller-Lübben 4, 597
b),
mnld. tevaren (Verwijs-Verdam 8, 285). II.
intransitiv 1)
von concreten dingen, a)
von leblosen gegenständen, von der materie, von geräthen, indem diese α)
durch gewaltsame einwirkung zerfallen, vergehn, bersten, sich auflösen: êr scal bêðiu tefaran himil endi erða
Heliand 1424; 2594; 4347;
Matth. 5, 18
Tatian 25, 5;
himml. Jerus. 184;
pass. 288
b H.; [] das der wurff wilde den schilt von der hand claub, das er zefur als ain laub Heinrich v. Neustadt
Apoll. 5446
Si.; H. Fischer 6, 1131; traff im streich sein ... krglin, dasz es zu scherben zerfuhr Fischart
Garg. 357
ndr.; unsre schuhe sind zufahren (
Jos. 9, 13)
bei Frisch 1, 240
c; stcke von der zerfarnen, eiterschwrigen lungen
alamod. polit. (1654) 123; die materie zerfährt in ihre letzte elemente wieder Schiller 1, 176
G.; graf Strachwitz
ged. 10; schlug mit dem knieriem ins werkzeug, dasz es zerfuhr Kolbenheyer
meist. Pausewang 215;
zerrissen: gespenstisch z-e gratzinnen H. v. Barth
Kalkalp. 540; G. Freytag
ges. w. 14, 147;
β)
durch wasser, insbesondere beim kochen erweichen, sich auflösen und zerfallen; schon bei Notker 2, 248
P. (
ps. 65, 12)
vergleichsweise auf menschen bezogen: wir habên durhfaren fiur unde wazzer. wir wurden sô geeitet in demo fiure, daz wir nieht ne mahton zefaren in demo wazzare. adversa starhton unsih, prospera ne weihton (
verweichlichten) unsih;
reichliche belege setzen mit der nhd. periode ein und halten sich bis ausgang des 18.
jahrh.s: dasz sie (
die welschen nüsse) nit zu lang sieden und zu mrb werden und im sirop zu muosz werden oder zerfaren Ryff
confectb. 100
b; lasset sie (
die einzumachenden äpfel) ziemlich weich werden, doch aber dasz sie nicht z. v. Hohberg
georg. 3, 157
a; Amaranthes
frauenz.-lex. 484; Frisch 1, 240
c; kartoffeln gekocht; sie waren in nicht völlig einer stunde übergahr, so dasz mehrere z. waren Lichtenberg
br. 3, 185;
bair. (zúfarn Schmeller-Fr. 1, 738)
und lux. (zerfu
e ren
auseinanderplatzen lux. wb. 502
a)
noch bewahrt; im bes. ein zerfahrnes
ova liquidius frixa, ova agitata Stieler 411
und suppe zerfahrnes genannt Amaranthes 1941,
dafür später der ausdruck eine z-e suppe
fleischbrühe mit zerquirlten eiern: Adelung
2 4, 1687; Campe 5, 842
a; Schmeller-Fr. 1, 738;
γ)
sich in luft, dunst oder staub auflösen, oder indem luftgebilde oder tropfen ihre gestalt aufgeben; oft nur im vergleich: sie zefarent also daz stuppe dero erdo, daz ter wint ferwâhet
ps. 1, 4 Notker 2, 4
P.; wann eyn trOepfflin sirups auff eynen teller fallen lasest, es stehen bleibet und nicht hin und her zerfahret Sebiz
feldbau 383; die werden auch gleich wie der rauch zerfaren und verschwinden L. Hetzer
bei Wackernagel
kirchenl. 3, 484
a; der ehrenvolle schnee von unsers vaters haaren scheint selbst vor lauter angst in thränen zu zerfahren J. Chr. Günther
ged. 819; Herder 6, 121
S.; hinter dem z-en schneegewölk Alexis
Roland 1, 292;
gern mit zerfallen
vereinigt: alles zerfällt und zerfährt vor und in dem dampfe und der elektrizität Lagarde
deutsche schr. 348;
dispergi Stieler 411; Adelung
2 4, 1687; das ei ist z.,
wenn das gelbe sich mit dem weiszen vermischt hat: Campe 5, 841
b; b)
von lebenden wesen, α)
deren körper oder gliedmaszen durch schlag, stosz oder krankheit zerquetscht werden, anschwellen, auseinander gehn: wær drûf (
auf des pferdes rücken) ergangen dâ sîn sprunc, im (
dem pferde) wære der rücke gar zevarn
Parzival 531, 3; und ist im (
dem kranken) diu zunge zervarn in dem munde, daz ist ein zeichen, daz er sterben wil Berthold v. Regensburg 1, 510;
weiteres Lexer 3, 1092; ist ihm sein leib ... gantz und gar z. und kraftlos worden L. Rabus
hist. d. martyrer (1571) 287
b;
β)
deren masse sich zertheilt, auseinandergeht, sich verläuft, sich zerstreut: (er) zivor (
defluxit exercitus) Graff 3, 573; thô telêt that liudwerodaftar themu lande allumu, tefôr folc mikil
Heliand 2900; als er den grOesten zeug hatt lassen zerfaren J. Stumpf
Heinrichs IV. hist. 13
b; das christenthum ist dort in einen ... schwarm der verschiedensten secten z. Görres
ges. schr. 2, 235; der samnitische stamm war z. und zersplittert Mommsen
röm. gesch. 1, 327; c)
wie b β auch [] von einer gruppe zusammengehöriger gegenstände: mhd. wb. 3, 249
b; sind gedachte huoben ... in vil ... stuck zerteilt worden, dieselbigen ouch dermaszen zerfaren, dasz sie nie mehr zu ganzen huoben wider zusammen gebracht worden
schweiz. id. 1, 901; 2)
von abstracten a)
einrichtungen, zuständen, neigungen, meinungen, der zeit: Herbort v. Fritzlar 12 134; die wahrheit, freund, und eine seifenblase zerfahren in der hand J. B. Michaelis
bei Eschenburg
beispiels. 3, 434; b)
indem an diesen das ziel-, plan-, kraftlose und ungeordnete verhalten hervortritt; z.
wird, wie unt. c, regelmäszig als adjectivisches particip gebraucht: zerfallen und z. war ihr ... staat Alexis
ruhe 4, 178; Gutzkow
ges. w. 12, 103; welche (
kunstmanier) das ... unbestimmte, z-e suchte Vischer
ästh. 2, 83; Hebbel III 5, 67
W.; c)
indem die seele und der geist eines menschen unordnung verrathen dadurch, dasz der blick, das benehmen zerstreut, unstet und sprunghaft sind: sein blick war wild und z. E. Zahn
held. d. alltags 103;
in der regel mit subjectswechsel unmittelbar vom träger dieses seelischen zustandes selbst ausgesagt; modewort der periode des jungen Deutschland: kein buchhändler war geneigt, einem so z-en manne ... vorschüsse zu geben Gutzkow
ges. w. 9, 293; z. an leib und seele Rosegger
schr. I 7, 183;
vgl. auch die angabe zerfu
eren
verzweifeln des lux. wb.s 502
a. IIII.
transitiv, 1)
auseinander scharren oder wühlen eig. '
zerpflügen' (
vgl.fahren
th. 3, 1256
und H. Fischer 2, 951),
aus der sprache des bauern in die weidmannssprache übergetreten: du solt auch mercken, wo eyn hirsch zu eynem schAerhauffen oder zu omeshauffen kommet, das er sie mit dem gehürn und füszen gern zerfehret Sebiz
feldbau (1572) 572;
danach auch in der sprache der medicin: das schAedliche geschwr durchfrisset und zerfAehret berall die haut und glieder Woyt
thes. (1696) 188; 2)
wege oder straszen durch vieles fahren beschädigen: Stieler 411; Kramer 1, 325
a; der weg war ... z. Chr.
F. Schulz
reise ein. Livländ. (1795) 5, 183; Storm
s. w. 2, 102;
in stücke fahren: steine wie kindsköpfe, die sollen die reisenden selbst z. H. Beck
kamäleon 19; 3)
einen wagen oder anderes fahrzeug abnutzen: eine alte z-e beichaise Holtei
erz. schr. 21, 216; er ... zerfähret das sprachschiff zum wrack Fr. L. Jahn
w. 2, 610
E. —