zeitlich,
adj. ,
adv., ahd. zîtlîh, -o,
mhd. zîtlîch, -e(n),
mnd. tîtlîk,
mnld. tîdelijc; 11)
endlich, zeitlich begrenzt, vergänglich; zu zeit II B 3;
einzige seit der ahd. zeit unveränderte und allgemein verbreitete bedeutung; aus dem christlichen gegensatz von zeit
und ewigkeit
erwachsen und so a)
als gegensatz zu ewig
empfunden: sie dâhton ad temporalia (zîtlichiû), nals an ęterna (êuuigiû) Notker
ps. 105, 7; die z-en lüste Luther 18, 510; was nit tzeyttlich ist, das musz ewig sein 10, 1, 1, 183
W.; hie z. und dort ewiglich Ringwaldt
handbüchlin b 8
b; fürs z-e und ewige heil Cl. Viebig
schlaf. heer 2, 352; dis z-e, vergengliche leben Luther 34, 2, 109
W.; z-e erscheinung (
im gegensatz zum inneren wesen) Schleiermacher III 7, 78;
irdisch: das vierd (
gebot) leret, wie man sich halte gegen des nehsten tzeytlich guth Luther 10, 2, 379
W.; Schiller 14, 286
G.; Bismarck
pol. red. 1, 29
Kohl; z-e narung
Fortunatus 35
ndr.; z-es vermögen: Göthe
jahrbuch 11, 73,
u. a.; im mutterleib mit z-em (
d. i. vermögen) gesegnet Lehmann
flor. (1662) 1, 194; im z-en vorwärts zu kommen Jung-Stilling
s. schr. 2, 248; z.
habsüchtig H. Fischer 6, 1112; genaigt ... uff zitlich er und guot Richental
chron. d. Const. conc. 15
B., u. a.; z-er tod: J. Ayrer
dram. 5, 3202
K.; Schiller 12, 564
G.; in diesem z-en leben Grimmelshausen 3, 412
K.; mein z-es und ewiges wohl liegt ihr ... am herzen U. Bräker
s. schr. 1, 254;
für sterben: verwechslet das z. leben mit dem ewigen Stumpf
Schweizerchron. 404
a;
subst.: das z. verlassen graf v. Brandis
tirol. adl. 65; das z. begeben 46; segnete ... dieses z-e S. v. Birken
verm. Donaustrand (1684) 187; hat ... das z-e gesegnet Chr. Reuter
ehrl. frau zu Pliss. 8;
diese formel (das z-e segnen)
allgemein, doch noch das z-e gesegnen Schleiermacher
Platon 6, 45;
im bes. minderwerthig: den z-en plunder U. Bräker
s. schr. 1, 250;
im nd. sprachgebiet kennzeichnenderweise in hd. form: de dook is man z. (
abgetragen), dat eeten weer ... z. (
blosze hausmannskost) Schütze
holst. id. 4, 382; mit n z-en papphahn (
geringwerthigem geldstück) afspiest John Brinckman
plattd. w. 2 (1928) 68; b)
im gegensatz zu geistlich
weltlich: weltlich gwalt in zitlichen sachen
N. Manuel
Barbali 1024
B.; des bapst gewalt inn zeytlichen dingen S. Franck
chron. Germ. (1538) 199
a; Fischart
d. gelehrt. 343
K.; unmittelbarkeit der klOester in z-en dingen
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutsch. 1, 343;
auch: wenn er loblieder ... von zitlichem lieb hort sagen ald singen Seuse
deutsche schr. 15
B.; mein z. mägdlein Immermann 15, 57
B.; vgl. Göthe 33, 231
W.; 22)
in älterer sprache zeitgemäsz, opportunus, commodus, den zeitumständen entsprechend, angemessen: 2@aa) zîtlich was der buneiz Ulrich von Liechtenstein 187, 3;
weitere mhd. belege s. Lexer 3, 1140; in guoten, redlichen, nútzlichen, oúch zitlichen (
der jahreszeit entsprechenden) búwen gehalten (1494) H. Fischer 6, 1112 (
s. zeitbau); zitlich und billich (1348)
ebda; umb ein lon, der zimlich und z. ist (1392)
ebda; s. beleg unter zeitig 2; herumb ist es zitlichen, das des guten in zitlicheit mit gudem belonet werde (
Mainz)
chron. d. st. 17, 4; ouch also, daz ich mine notdorft da vone zymmeliche unde zitliche nemin mak (1350)
hess. urk. 2, 2, 573
W.-R.; zitliche ziemliche dinste geben (
ostfränk. 1400)
weisth. 6, 88, 99;
Nürnb. polizeiordnungen 303
B.; der artznei und z-s radts ... gebrauchen W. H. Ryff
confectb. a 1
a; bitten umb z-s gewitter, das das korn wol gerate Bugenhagen
Braunschw. kirchenordung X 4; eyn tydlik wedder regens Schiller-L. 4, 539
a; z-e und kurtze reden Lehmann
flor. (1662) 3, 493; Stieler 2622; b)
woraus sich der sinn den umständen angemessen, ernstlich, überlegt ergibt: umme zîtlîchen rât
leb. d. hl. Elisabeth 9789
R.; das ... concilium (
hat) ... mit zeytlicher fürbetrachtung solichs zuogeschlosszen
manuale curatorum (1516) 65
b; mit zytlichem rat und vernunfft Zwingli
freiheit d. speis. 31
ndr.; auch wohl für zeitig 1
c α: als sie zwOelffjAehrig worden, welches der mAegdlein jungfer z. alter ist J. Prätorius
Blockesberg 342; 33)
recht-, frühzeitig; ahd. (Graff 5, 637)
und mhd. (Lexer 3, 1140)
lediglich adverbial gebraucht und auch nhd. überwiegend in dieser verwendung, während als adj. zeitig
erscheint; dieses wort setzt sich seit der nhd. periode allmählich an die stelle von z.,
ohne es jedoch aus der hd. volkssprache zu verdrängen: daz tuo sô zîtlîchen
Biterolf 4674;
rechtzeitig: das du küe und sew aus thust lasen, das es zeytlich auff die waidt kumb H. Sachs 14, 171
K.-G.; zeytlich oder zuo rechter zeyt Frisius 1121
a;
in der regel früh, frühzeitig: ob er gleich zu z. stirbet Luther
weish. Sal. 4, 7; auffs z-ste 30, 1 160
W.; der mensch stirbt zeitlich oder spat Opitz
poet. 47
ndr.; z. genug heim kommen Grimmelshausen 3, 424
K.; der stiglitz ... seinen gesang z-en anfangt Aitinger
jagd- u. weidb. 143; z. gestorben Leibnitz
deutsche schr. 1, 277; H. E. Sieverds
bei Weichmann
poesie d. Nieders. 1, 197; dieses letztere wäre z. abzuthun Göthe IV 29, 17
W.; z. nach hause gehen Schiller 3, 536
G.; Hebel
w. 2, 51
B.; G. Hauptmann
Rose Bernd 18; A. Stifter
s. w. 2, 230;
sprw.: guote bAeum tragen z.
sprw. klugr. 145
b; der z. graw wirt, lebt lang 26
a; z. und bald thon hat dopel lon 83
a;
adj. nur selten: festinata satio z-e saat Zehner 335; mit z-em und ernstlichem widerstand (
schwäb. 1522) H. Fischer 6, 1111;
auch: z-e früchte Sebiz
feldb. 181; zittligi chirsi
frühreife kirschen, e zittlige winter Seiler
Basl. mda. 326
b; z-e kartoffeln
frühe kartoffeln Weinhold
schles. 108
a; Müller-Fr. 2, 698
b; 44)
in seltenen verwendungen, a) ziggelich, zicklich
zu zeiten, zeitweise, manchmal, oft, öfters Hönig 208
a, z.
oft Schmidt
westerw. id. 338, (
Coblenz)
rhein. antiquar III 14, 759, z.
von zeit zu zeit Crecelius 2, 932,
oft Kehrein 1, 453, tiedlik, -es
von zeit zu zeit, jedesmal brem. wb. 5, 62;
diese bedeutung, welche sich in diesen md. und nd. mdaa. neben früh-, rechtzeitig hält, stimmt zu mnd. tîtlîkes
zu seiner zeit, zu gesetzten, bestimmten zeiten Schiller-L. 4, 539
b und läszt sich bis zu ahd. zîtelîh, zîtgelîh (
aus *zîto gilîh)
zu jeder zeit zurückführen; lit. nur: gebot, sie ... nit zemǎl tOeten, sunder zytlich (
nach und nach), daz er dem volk mengen schrecken fúrzOeget Steinhöwel
de clar. mul. 231
D.; die distribuierende bedeutung folgt deutlich aus: tiedlikes wat is een eerlik uutkamen
zur zeit etwas, nicht alles oder zu viel auf einmal (
gewährt ein gutes auskommen)
brem. wb. 5, 62; Strodtmann 245; Woeste 271
a; Doornkaat-K. 3, 409
a; b)
aus 1
a mit zurückdrängung des gegensatzes ewig
entwickelt zur bedeutung eine zeit dauernd, zeitweilig, vorübergehend: die spisz (das ungehebelte brot) was zittlich, nit langwirrig, und mocht nit genuog weren zuo eim sOellichen zug oder weg Joh. Adelphus
Erasmi enchiridion ein. christl. leb. (1520) h 1
b; ein z-es bndnisz auf 50 jahre Nicolai
reise 7, 41; z-e einwohner K. L. v. Haller
restaur. d. staatsw. 1, 47; z-es entbehren Grillparzer 9, 194
S.; z-e anführer ..., (
die) lebenslAengliche ... wurden Raumer
gesch. d. Hohenst. 5, 50; c)
gegenwärtig: einem ... z-en reichsbannerherrn Leibnitz
deutsche schr. 1, 303;
s. H. Fischer 6, 1112; ich als zeitlicher pro tempore inspektor frage sie: quid sit episcopus? Kortum
Jobsiade 1, 88; 55)
im 19.
jahrh. unter anlehnung an den wissenschaftlichen begriff der zeit (
s. zeit III)
mit der bedeutung '
in der zeit befindlich, der zeit angehörig'
; ein vorläufer ist Neumark: gleich wie bey dieser z-en allgemeinen verAenderung ... dennoch eine z-e bestAendigkeit durch eine gewisse nachfolge ... erhalten wird
neuspross. palmb. 417; zukunft, nicht nach ihrer z-en und rAeumlichen, sondern nach ihrer geistigen grOesze Ritter
erdkde 1, 2; z. entfernt Ratzel
völkerkde 2, 23; in einem bestimmten z-en verlauf du Bois-Reymond
grenz. d. naturerk. 17;
u. andere zeugnisse des praktischen schrifttums.