worgen,
vb. ,
mhd. worgen,
nhd. vereinzelt worken (
s. u. 1 b)
und wörgen (
s. u. 1 c).
von verwandtem würgen (
s. d.)
nicht nur formal, sondern auch bedeutungsmäszig ursprünglich zu trennen. worgen
kommt ganz überwiegend die intransitive bedeutung '
ersticken'
zu, während würgen
zu seiner transitiven ausgangsvorstellung '
ersticken machen'
erst später intransitive funktionen hinzunimmt, zumal worgen
im nhd. mehr und mehr zurücktritt und sich seit dem ende des 18.
jh. aus der schriftsprache in die mundart oder mundartlich beeinfluszten gebrauch zurückzieht. Adelung
wb. (1793) 4, 1613
kennt das wort nur noch als provinzielle variante von würgen,
musz sich aber von Campe 5 (1811) 775
im sinn der bedeutungsscheidung worgen-würgen
berichtigen lassen. indessen scheinen vereinzelt schon früh (
s. u. 2)
und namentlich in der neueren mundart (
s. u. 2
ende)
die grenzen beider wörter unfest zu werden. genau entsprechend liegen die dinge bei erworgen,
teil 3, 1070
f. und erwürgen,
teil 3, 1072
ff. 11)
in intransitivem und reflexivem gebrauch. 1@aa)
eigentlich '
atemnot haben, ersticken': den helm begunde erm abe zien und greif in
an dem gorgen, daz er muste worgen unde im âtems zuran Albrecht v. Halberstadt 29, 114;
vgl. 34, 243
Bartsch; vil vaste worgende er do schrei
Reinhart fuchs 1711
Baesecke; daz si (
die drachen in ihrer angst vor dem panter) ligent verborgen und vor engsten möhten worgen Hugo v. Trimberg
renner 19432
Ehrism.; darnach an ains boumes ast ward er gehenkt unverborgen. daran muost er also worgen, bis er daran starb vil tratt Heinrich Kaufringer
ged. 177
Euling; der schneider bleib am aste hangen und worget, das er erschwarzet
Zimmer. chron. 12, 458
B. in bildlichem zusammenhang: unverborgen muoz ich worgen in ir banden Ulrich v. Winterstetten 39
Minor; an dem angel worgen wil sy (
die weisheit) nit durch der spise slick
liedersaal 3, 40
Laszberg; der juncvrawen hertze hienc worgend in dem stricke Johann v. Würzburg
Wilhelm v. Österreich 5869
R.; vgl.an minnen worgen (
in den schlingen der minne)
ebda 12721. 1@bb)
erweitert auf mühsames, würgendes schlingen beim essen, wenn etwas im halse stecken bleiben will. so reflexives sich worgen,
vgl. Campe 5, 775
a: it is quât brôt, dâr men sik ane worget Tunnicius
sprichw. 947
Hoffmann; sichst nicht wie ich mich worg, die kuttelfleck verursachen ein vnjAerliche besprentzung Fischart
Gargantua 126
ndr. an etwas worgen '
mühsam an etwas schlucken': an einem bissen worgen Frisch
t.-lat. (1741) 2, 460
b; das sind keine guten bissen, woran die gäste worken müssen Binder
sprichwörterschatz 24; Schmeller-Fr.
bair. 2, 998. worgen
in dieser bedeutung vielfach mundartlich (
in präpositionalen zusammensetzungen auch mit transitiver bedeutung),
vgl. Stalder
schweiz. id. 2, 457; Tobler
Appenzell 451
a; Fischer
schwäb. 6, 958; Reinwald
henneberg. 1, 197; worjn '
essen, mühsam hinunterschlingen' (
Seifhennersdorf) Paul-Braunes
beitr. 15, 43.
leicht variiert: '
langsam kauen' Fischer
a. a. o., dagegen worgen
geschwind essen, tuburcinari Dentzler
clavis (1716) 356
b. 1@cc)
seltener in anderer erweiterung, von dem beim ersticken oder mühsamen schlucken entstehenden laut und ton: die hunde hôrte ich worgen sô jæmerlîchen Hadamar v. Laber
jagd 361, 3. '
röcheln beim würgen' Fischer
schwäb. 6, 958; '
husten'
ebda; worgen, worgeln (
bezeichnet den) '
laut, der mit dem erbrechen oder beym reize zu demselben verbunden ist' Stalder
schweiz. id. 2, 457.
von hier aus, wenn nicht spontan lautmalend, von bestimmten vogellauten: dieser (
liebesruf des hahns) wird von manchen völkern 'gesang' genannt; wir hingegen wenden zu seiner bezeichnung ausdrücke, meist klangbilder an, die treffender sind: unsere sprache läszt die hähne krähen, kollern, knarren, balzen, schleifen, ..., worgen, kröpfen Brehm
tierl. 5, 470
P.-L. in der jägersprache namentlich ein bestimmter laut des auerhahns: auszer den beschriebenen lauten (
den eigentlichen balztönen) gibt der hahn noch eine anzahl andere von sich. zu nennen sind vor allem das worgen, das kröchen, das blasen oder zischen und das zwitschern. das erstere klingt ähnlich einem eichelhäherschrei ... und bedeutet offenbar eine art räuspern Wurm
auerwild 64; der (
auerhahn) ... schüttelt sein gefieder, ordnet es, wirft seine losung ab ... wörgt einigemal leise H. Löns
Mümmelmann12 32. 1@dd)
schon früh von a,
später auch von b
her übertragen, soviel wie '
sich ängstigen, sich mit etwas quälen, sich sorgen, seufzen': sus muoz ich in sorgen vil dicke worgen Ulrich v. Winterstetten 7
Minor; an dem funften morgen sie funden die geheuren alsust mit klage worgen
jüng. Titurel 5080;
vgl. 5414; und also würdist du steken und worgen in der weltlichen e, dârinn mangem wib und man ist we
Christus u. die minnende seele 73; und (
er) begonde worgen in so grozen sorgen Hugo v. Langenstein
Martina 142, 65
K.; vgl. 226, 16; 18; kinde ... diu er muoz besorgen dur siu in kumber worgen
ebda 131, 60; ist besser in rechter freyhait gstorben dann schandtlich starben und immer worgen (1549)
bei Fischer
schwäb. 6, 958; so lasst er uns offt ein lange zeit ... in der versuchung stecken und under dem creutz worgen J. G. Ruoff
bei Fischer
a. a. o.; dass ... herr obrister ... unss ... allain umb dass unsrige sorgen und worgen lassen solle
bei Fischer
ebda; sorgen und worgen, laufen und schnaufen mit fleisz und schweisz Abr. a
s. Clara,
s. ob. teil 10, 1, 1782; statt ihm den einhalt zu besorgen, lasst ihr den untertanen worgen (1791) Fischer
a. a. o. an etwas worgen '
an etwas zu schlucken haben': wenn wir ... an eim heimlichen leiden kochen und worgen, da sollen wir ... einsamkeit ... fliehen Artomedes
christl. auszleg. (1609) 1, 258; er hat lang dran geworget Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1393
c; Hans Joggi nahm das (
gesagte) so hin, worgete daran Jer. Gotthelf
bei Sanders
dt. wb. 2, 2, 1680.
mundartlich variiert '
etwas mühevoll zustandebringen, mühsam, schwerfällig, strenge arbeiten, nur mit mühe und entbehrungen sich durchbringen', '
im elend leben' Fischer
a. a. o., dazu worger,
m., '
wer seine familie nur kümmerlich ernähren kann'
ebda. 22)
in transitivem oder faktitivem gebrauch kaum über ansätze hinaus, vgl. strangulare worgen Diefenbach
gl. 555
a; worgen
affogare, angosciare, gorgozzare, strangolare Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1393
c.
im md. kann worgen
an die stelle von würgen
treten, schon im mhd.: di gicht hatte im sinen licham krump geworgit
leben d. heil. Ludwig 87, 10
Rückert; lasz den reichen mit seinem gut sein leben engstigen und worgen B. Waldis
Esopus 1, 214
Kurz. transitivem gebrauch nahe in der faktitiven bedeutung '
das gefühl des erstickens erregen': sîn lîpnar gêt im worgende în (
dem stets sorgenden): ez sî brôt, fleisch, visch oder wîn Hugo v. Trimberg
renner 15197
Ehrism.; weil ihr (
der raupe) haar (
dem sperling) im hals brannt und worgt G. Rollenhagen
froschmeuseler (1683) 325, (
in den älteren ausgaben: würgt); Jacob worgete es ... schon lange im halse Jer. Gotthelf
ges. schr. (1855) 10, 74; 's worgt mich im hals Fischer
schwäb. 6, 958.
auch sonst verwischen sich in obd. mundarten die alten bedeutungsgrenzen von worgen
und würgen,
vgl.worga (
mit langem -o-), wurga '
mit anstrengung und mühe schlucken', '
beinahe ersticken' Tobler
Appenzell 451
a neben worga (
mit kurzem -o-) '
jmd. ... drosseln und würgen'
ebda; wurge
n, würge
n neben worjə
in trans. und intrans. bedeutung bei Martin-Lienhart
elsäss. 2, 850
b und aus worgen
umgelautetes wörge
n in teilen des schwäbischen für würgen
in den übrigen gebieten bei Fischer 6, 958. —