[]willkürlich,
adj. adv. ,
zu willkür
f., spätmhd. willekürlich Lexer;
lat. arbitrabiliter Diefenbach
gloss.; mit ähnlichen lautverhältnissen wie das stammwort (
s. d. I),
doch auffallenderweise und wohl nicht durch md. einflusz bestimmt (
vgl. z. b. Vetsch
die laute der Appenzeller mundarten s. 73)
auch willkorlich
bei den Zürichern Frisius (
s. unten) und Maaler 500
d;
gebucht ferner von Stieler 945; Dentzler 353
b; Steinbach;
mundartlich nur ndd. (wallkörəlk
adv. Schmidt-Petersen 157
a);
schwed. vilkorlig,
dän. vilkaarlig.
in bedeutung und gebrauch schlieszt es sich, wie das von ihm verdrängte willkürig,
eng an das stammwort an und entfernt sich wie dieses in unmerklichen übergängen ziemlich stark von dem ursprünglichen gebrauch und ton, wenn auch die grundbedeutung '
nach freiem belieben handelnd, aus freiem belieben hervorgehend'
in der hauptsache dieselbe bleibt. AA.
älterer sprachgebrauch, ohne tadelnden sinn. A@11) '
freiwillig',
im gegensatz zu gezwungen: iedoch haben sie kainen häderischen oder genotten (
aufgenöthigten), sonder ein willkürlichen gerichtszwang (
jurisdictionem voluntariam)
chron. d. dt. st. 11, 798;
von persönlichem und unpersönlichem, dinglichem und undinglichem. A@1@aa)
activ, '
nach freier selbstbestimmung handelnd': daraus entspreuszt zwischen beden (
göttlichen) personen ain dritts, ... nemlich ain wilkürliche, verainte, unmäszige lieb, die auch götlich ... ist B. v. Chiemsee
t. theol. 57; mit einhelligem und wilkürlichem gemüt Boner
Justinus (1531) 12
a; mehr aus einem nothzwange als willkürlichem eifer Lohenstein
Arminius 1, 28
b; der willkürliche geschmack der freien Deutschen Schwabe
belust. 1, 377; mit den willkürlichen hagestolzen kann nicht zu hart verfahren werden Jahn
volksthum 426;
adverbial: got hat uns wilkürlich mit dem wort der warhait gepert (
geboren, gezeugt) B. v. Chiemsee
theol. 37; darumb nun beed jetzt genant thail .. wüllkürlich kommen sein Lori
baier. bergrecht 51; wer willkürlich zum vortheil des ganzen wirkt, musz das ganze übersehen Lichtenberg
schr. 2, 124. A@1@bb)
passiv, '
durch freiwillige wahl bestimmt': ein willkorlicher richter, welchem beide partien willigend (
arbiter) Frisius 111
b; 437
a; 632
b; Riederer
spiegel A iv
a; (
arbiter compromissarius) Corvinus 546; (
juge arbitraire) Rädlein 1, 1062
b; ein wilkürlichs gericht Ayrer 2586
v. 12
Keller; die quelle einer art eines willkürlichen völkerrechts Gottsched
neuestes aus d. anm. gelehrs. 8, 383; willkürliche gefahr
peine arbitraire Rädlein
a. a. o. (
ähnlich oben willige gefahr);
prädicativ: also ist deine narrheit willkürlich Kotzebue
dram. werke 18, 262;
ähnlich F. Schlegel
Athenaeum 1
II, 20; es thut mir leid, dasz sie inzwischen aus noth gefeiert haben, indesz meine tagedieberei willkürlich genug war Göthe IV 10, 283
Weim. A@22) '
beliebig, im freien belieben stehend',
im gegensatz zu nothwendig, wesentlich, naturgesetzlich, gesetzlich
u. a.: nichts willkürliches, nichts entbehrliches, sondern etwas nothwendiges Lessing 13, 344; das bezeichnete ist wesentlich, das zeichen willkürlich Nicolai
Nothanker 2, 99; die geometrie hat in ihrer bezeichnung gar nichts willkürliches, sondern reelle und wesentliche zeichen
allg. dt. bibl. 1
I, 140; es ist eine alte streitfrage, ob die wörter von natur oder kur, oder ob sie wilkürlich oder natürlich weren Schottel
haubtspr. 64 § 40;
ähnlich W. v. Humboldt
schr. 1, 57;
ferner willkürliche strafen
im gegensatz zu natürlichen
bei Adelung; die angeborenen verbindungen (
wurden) den willkürlichen nachgesetzt
M. J. Schmidt
gesch. d. Dt. 1, 40. A@2@aa)
nicht von personen, sondern nur von dingen und undinglichem, namentlich von thätigkeiten: es ist ein wilkörlich ding und liebet ein jeder, die er will Barth
weiberspiegel g iii
a; aus des dichters willkürlicher lust Zesen
verm. Helik. 1, 58; allen .. willkürlichen gewalt Grimmelshausen 4, 503
Keller; sie darneben mit wilkürlicher
[] strafe vom general beleget werden Chemnitz
schwed. krieg 2, 419; sich dafür einen willkürlichen lohn auf längere zeit zuwerfen zu lassen Möser
werke 1, 225; die höfe wurden ... auf willkürlichen widerruf verleihen Eichhorn
staats- und rechtsgesch. 1, 248;
prädicativ: seine (
des tons) stelle (
ist) willkürlich Adelung
lehrg. 2, 270; es ist willkürlich
es steht im belieben Winckelmann
werke 1, 17;
adverbial: ich weisz, dasz ich ... meine aufmerksamkeit willkürlich zu erwecken und zu richten ... vermag Fichte
werke 2, 257. A@2@bb)
von vorschriften, gebräuchen u. ä. '
unverbindlich': derhalben ist es (
ob man morgens oder abends das abendmahl nimmt) wol an ihm selber ain willkürlich und mittelding Eisengrein
unser l. frauen lichtmesztag (1577) 18
b; (
ein besonderes taufhemdchen) zu den willkürlichen taufgebräuchen in der kirche gehöret
allg. haush.-lex. 3, 719;
prädicativ: so ... sollen si (
die meszgebräuche) mir auch willkörlich und frei sein Clemen
reform.-flugschr. 1, 89; der jedes grundgesetz willkürlich machen wolt, .. der (
der herzog) nahm zuletzt die flucht Warnecke
poet. versuch 285. A@2@cc)
von geistigem und künstlerischem schaffen, von vorstellungen '
nicht reell, nur im denken oder in der ein bildung vorhanden': da dieses (
die worte) willkürliche zeichen der begriffe und bilder sind Breitinger
crit. dichtk. 1, 20;
ebenso Lessing 17, 290; alle mathematische begriffe sind willkürliche und von den äuszern objecten unabhängige begriffe Gerstenberg
recens. 151
dt. litt.-denkm.; ebenso Kant (1868) 8, 135; alle poetischen erdichtungen, welchen man eine willkürliche existenz gegeben hat Ramler
einltg. 2, 115; aus dem willkürlichen um stand, den der verfasser erfindet Göthe 40, 230
Weim.; prädicativ: der werth dieser güter (
ist) nur ein rein willkürlicher Hoffmann von Fallersleben 7, 93;
vom künstlerischen schaffen oft geradezu in lobendem sinn: willkürliche gruppen der schönsten .. gestalten Lessing 9, 89, 20; (
arabeske) eine willkürliche und geschmackvolle malerische zusammenstellung der mannichfaltigsten gegenstände Göthe 47, 235
Weim. A@2@dd)
von physikalischen und anderen vorgängen '
ohne erkennbaren grund': versuche über das willkürliche zerspringen der flaschen Lichtenberg
briefe 2, 11; Brasidas selbst gestand, dasz .. ihr willkürliches überspringen aus angriff in flucht .. etwas furchtbares habe Droysen
Alexander d. Gr. 100. A@33) '
absichtlich, gewollt, bewuszt'
im gegensatz zu automatisch, reflexartig, gewohnheitsmäszig, unbewuszt;
namentlich in der neueren wissenschaftlichen sprache von körperlichen und seelischen vorgängen: es (
das thier) bewegt sich .. ohne äuszeren reiz aus eigener bestimmung,
d. h. willkürlich Oken
allg. naturgesch. 1, 14; was den willen zu einiger veränderung der würkung in dem laufe der willkürlichen actionen bringe Leibniz
dt. schr. 2, 314; willkürliche handlungen Hegner
schr. 5, 275; ohne alles unser willkürliches zuthun Fichte
wissenschaftsl. (1794) 106; willkürliche bewegungen
schon bei Adelung; Schiller 1, 144; ein risz ist eine unwillkürliche bewegung in der willkürlichen Brunner
erzhlgn. u. schr. 1, 226; Lange
gesch d. material. 46; (
daher auch willkürliche muskeln
im gegensatz zu unwillkürlichen Pierer
realwb. [1829] 8, 684); menschliche, willkürliche sprache Herder 5, 18; willkürliche aufmerksamkeit Eisler
philos. wb. 3, 1840;
prädicativ: die wirkungen eines vernünftigen geschöpfes sind willkürlich und mit dem wissen vergesellschaftet
discourse der mahlern (1721) 1, 7; weil er (
der fehler) nicht willkürlich ist Liscow
satiren vorr. 75;
vereinzelt auch von dem lebenden wesen selbst: unser körper soll willkürlich, unsre seele organisch werden Novalis
schr. 3, 37. BB.
neuerer sprachgebrauch, mit tadelndem sinn, mit den zu der grundbedeutung hinzutretenden nebenvorstellungen '
subjectiv, einseitig': das eindringen .. des persönlichen und willkürlichen Herder 12, 352; '
eigenmächtig, rücksichtslos': so wollen wir nichts willkürlich nehmen, sondern alles nach dem sprachgebrauch .. erörtern
[] 19, 26; '
ungerechtfertigt, ungesetzlich, gewaltthätig, zügellos': willkürlich und verwerflich Savigny
gesch. d. röm. rechts 1, vi, 1; jede harte, willkürliche behandlung Salzmann
ameisenbüchlein 32; verkehrt, willkürlich und ungebärdig (
sich benehmen) Pückler
briefw. 3, 276; unrechtmäszig und willkürlich .. an sich reiszen Keller 4, 88; '
aus der luft gegriffen, unbegründet, unüberlegt': das bewiesene selbst (wird) willkürlich und unbewiesen Reimarus
wahrheiten 188; einer unmotivierten und willkürlichen einschaltung Freytag 14, 44; '
unklar, thöricht, seltsam': sich so willkürlich und sinnlos vorsagen lassen Bahrdt
gesch. s. lebens 2, 63; in willkürlicher, grillenhafter thätigkeit Göthe II 6, 19
Weim.; ganz willkürlich und einfältig Keller 6, 291; '
kleinlich, unwesentlich': frei von allem kleinlichen und willkürlichen W. v. Humboldt
briefe an Welcker 47; das willkürliche und unbedeutende
F. Schlegel
pros. jugendschr. 1, 66; '
unwirklich, eingebildet': dies willkürliche, unbestimmte phantom Herder 17, 60; alles willkürliche, eingebildete fällt zusammen Göthe 32, 78
Weim.; '
launenhaft, unberechenbar, zufällig': allen gedanken an zufällige und willkürliche entstehung Savigny
vom beruf unserer zeit 8; '
beliebig': in willkürlicher verwirrung Klinger
werke 4, 44; bunt und willkürlich durch einander mischen Holtei
vierzig jahre 1, 107. B@11)
den ausgangspunct der neuen verwendung bilden wie bei willkür
fälle, in denen der üble sinn durch den zusammenhang bedingt wurde: solche wilkörliche geistlickeit, wilche die menschen on Christus wort und befelh erfunden und erticht haben, verachten wir Luther 8, 509
Weim.; Augustus willkürliche reichstheilung verursachet theils liebe, theils miszgunst Lohenstein
Arminius 2, 5; aus der sphäre der willkürlichen gewalt Abbt 1, 200; ohne die hülfe der gesetze strafen, willkürlich verbannen Haller
Alfred 120; die beobachtung willkürlicher, aber unschuldiger gebräuche Gellert 6, 248; den schein willkürlicher irrung Göthe 49, 57
Weim.; willkürlich zu phantasieren 47, 310; was soll ich mich willkürlich brauchen lassen B. v. Arnim
frühlingskr. 411. B@22)
seit der zweiten hälfte des 18.
jhs. herrscht wie bei willkür
die tadelnde verwendung vor; B@2@aa)
attributiv: ein barometer ward in's haus gebracht, hatte aber leider eine willkürliche scala Göthe IV 37, 128
Weim.; auf der erde wird gewogen mit willkürlichem gewicht Rückert
werke 2, 572; eine willkürliche schöpfung eines neuen kleinstaates (würde) eine .. mit unserer politik unverträgliche sache sein Bismarck
pol. reden 4, 90; wo dem verkehr willkürliche grenzen gesteckt waren Bennigsen
d. natl. partei 46;
besonders in verbindungen wie eine willkürliche handlung
bürgerl. gesetzb. § 918; w. abänderungen Holtei 40
jahre 1, 29; w. gewalt Wieland
Agathon (1766/67) 2, 85; w. gesetze Laroche
frln. von Sternheim 1, 138; w. grundsätze Adelung
magazin 2,
stück 1, 7; w. conventionen Ludwig
schr. 5, 40; w. sitten Herder 13, 241; w. erklärungsarten Lavater
schr. 2, 87; w. hypothesen Schlegel
Europa 2, 51; w. gedanken B. v. Arnim
Günderode 1, 232; w. voraussetzungen Hegel 13, 10; w. gründe Dusch
werke 28; w. vorurteil Novalis 2, 115
Minor; w. dichtung
F. Schlegel
werke 1, 24; w. einbildung Immermann 18, 101; w. luftgebild Varnhagen
tageb. 4, 47.
nun auch wieder von personen: sie machen .. die ewige ordnung zur willkürlichsten taschenspielerin Lavater
phys. fragm. 1, 46; in den augen des grausamen, willkürlichen richters Herder 15, 299; dem willkürlichen herrscher gefährlich Stolberg
werke 10, 16. B@2@bb)
substantiviert: er (
gott) will nichts willkürliches Hippel
kreuz- und querzüge 1, 462; in das willkürliche gehen Thibaut
von der nothwend. 453; ins w. verlängert Grillparzer (1874) 10, 33. B@2@cc)
prädicativ: kein stück .., in welchem die phantasie .. willkürlicher schiene Ludwig
schr. 5, 143.
[] B@2@dd)
adverbial: sie giengen jedoch hierinnen .. willkürlich zu werke Schmidt
gesch. d. Deutschen 1, 340; eine willkürlich handelnde göttin J. G. Jacobi
werke 4, 59; nichts weniger als willkürlich ersonnen Savigny
vom beruf unserer zeit 3; verändert der schiffer willkürlich die bodmereireise
handelsgesetzb. § 693. B@33)
doch ist wie bei willkür (
s. d. oben sp. 212)
auch im neueren sprachgebrauch eine neutrale verwendung des wortes in gewissen fällen noch möglich (
s. unter A).