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willkuerlich

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DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

willkürlich adj. adv.

Bd. 30, Sp. 214
[]willkürlich, adj. adv. , zu willkür f., spätmhd. willekürlich Lexer; lat. arbitrabiliter Diefenbach gloss.; mit ähnlichen lautverhältnissen wie das stammwort (s. d. I), doch auffallenderweise und wohl nicht durch md. einflusz bestimmt (vgl. z. b. Vetsch die laute der Appenzeller mundarten s. 73) auch willkorlich bei den Zürichern Frisius (s. unten) und Maaler 500d; gebucht ferner von Stieler 945; Dentzler 353b; Steinbach; mundartlich nur ndd. (wallkörəlk adv. Schmidt-Petersen 157a); schwed. vilkorlig, n. vilkaarlig. in bedeutung und gebrauch schlieszt es sich, wie das von ihm verdrängte willkürig, eng an das stammwort an und entfernt sich wie dieses in unmerklichen übergängen ziemlich stark von dem ursprünglichen gebrauch und ton, wenn auch die grundbedeutung 'nach freiem belieben handelnd, aus freiem belieben hervorgehend' in der hauptsache dieselbe bleibt. AA. älterer sprachgebrauch, ohne tadelnden sinn. A@11) 'freiwillig', im gegensatz zu gezwungen: iedoch haben sie kainen häderischen oder genotten (aufgenöthigten), sonder ein willkürlichen gerichtszwang (jurisdictionem voluntariam) chron. d. dt. st. 11, 798; von persönlichem und unpersönlichem, dinglichem und undinglichem. A@1@aa) activ, 'nach freier selbstbestimmung handelnd': daraus entspreuszt zwischen beden (göttlichen) personen ain dritts, ... nemlich ain wilkürliche, verainte, unmäszige lieb, die auch götlich ... ist B. v. Chiemsee t. theol. 57; mit einhelligem und wilkürlichem gemüt Boner Justinus (1531) 12a; mehr aus einem nothzwange als willkürlichem eifer Lohenstein Arminius 1, 28b; der willkürliche geschmack der freien Deutschen Schwabe belust. 1, 377; mit den willkürlichen hagestolzen kann nicht zu hart verfahren werden Jahn volksthum 426; adverbial: got hat uns wilkürlich mit dem wort der warhait gepert (geboren, gezeugt) B. v. Chiemsee theol. 37; darumb nun beed jetzt genant thail .. wüllkürlich kommen sein Lori baier. bergrecht 51; wer willkürlich zum vortheil des ganzen wirkt, musz das ganze übersehen Lichtenberg schr. 2, 124. A@1@bb) passiv, 'durch freiwillige wahl bestimmt': ein willkorlicher richter, welchem beide partien willigend (arbiter) Frisius 111b; 437a; 632b; Riederer spiegel A iva; (arbiter compromissarius) Corvinus 546; (juge arbitraire) Rädlein 1, 1062b; ein wilkürlichs gericht Ayrer 2586 v. 12 Keller; die quelle einer art eines willkürlichen völkerrechts Gottsched neuestes aus d. anm. gelehrs. 8, 383; willkürliche gefahr peine arbitraire Rädlein a. a. o. (ähnlich oben willige gefahr); prädicativ: also ist deine narrheit willkürlich Kotzebue dram. werke 18, 262; ähnlich F. Schlegel Athenaeum 1II, 20; es thut mir leid, dasz sie inzwischen aus noth gefeiert haben, indesz meine tagedieberei willkürlich genug war Göthe IV 10, 283 Weim. A@22) 'beliebig, im freien belieben stehend', im gegensatz zu nothwendig, wesentlich, naturgesetzlich, gesetzlich u. a.: nichts willkürliches, nichts entbehrliches, sondern etwas nothwendiges Lessing 13, 344; das bezeichnete ist wesentlich, das zeichen willkürlich Nicolai Nothanker 2, 99; die geometrie hat in ihrer bezeichnung gar nichts willkürliches, sondern reelle und wesentliche zeichen allg. dt. bibl. 1I, 140; es ist eine alte streitfrage, ob die wörter von natur oder kur, oder ob sie wilkürlich oder natürlich weren Schottel haubtspr. 64 § 40; ähnlich W. v. Humboldt schr. 1, 57; ferner willkürliche strafen im gegensatz zu natürlichen bei Adelung; die angeborenen verbindungen (wurden) den willkürlichen nachgesetzt M. J. Schmidt gesch. d. Dt. 1, 40. A@2@aa) nicht von personen, sondern nur von dingen und undinglichem, namentlich von thätigkeiten: es ist ein wilkörlich ding und liebet ein jeder, die er will Barth weiberspiegel g iiia; aus des dichters willkürlicher lust Zesen verm. Helik. 1, 58; allen .. willkürlichen gewalt Grimmelshausen 4, 503 Keller; sie darneben mit wilkürlicher [] strafe vom general beleget werden Chemnitz schwed. krieg 2, 419; sich dafür einen willkürlichen lohn auf längere zeit zuwerfen zu lassen Möser werke 1, 225; die höfe wurden ... auf willkürlichen widerruf verleihen Eichhorn staats- und rechtsgesch. 1, 248; prädicativ: seine (des tons) stelle (ist) willkürlich Adelung lehrg. 2, 270; es ist willkürlich es steht im belieben Winckelmann werke 1, 17; adverbial: ich weisz, dasz ich ... meine aufmerksamkeit willkürlich zu erwecken und zu richten ... vermag Fichte werke 2, 257. A@2@bb) von vorschriften, gebräuchen u. ä. 'unverbindlich': derhalben ist es (ob man morgens oder abends das abendmahl nimmt) wol an ihm selber ain willkürlich und mittelding Eisengrein unser l. frauen lichtmesztag (1577) 18b; (ein besonderes taufhemdchen) zu den willkürlichen taufgebräuchen in der kirche gehöret allg. haush.-lex. 3, 719; prädicativ: so ... sollen si (die meszgebräuche) mir auch willkörlich und frei sein Clemen reform.-flugschr. 1, 89; der jedes grundgesetz willkürlich machen wolt, .. der (der herzog) nahm zuletzt die flucht Warnecke poet. versuch 285. A@2@cc) von geistigem und künstlerischem schaffen, von vorstellungen 'nicht reell, nur im denken oder in der ein bildung vorhanden': da dieses (die worte) willkürliche zeichen der begriffe und bilder sind Breitinger crit. dichtk. 1, 20; ebenso Lessing 17, 290; alle mathematische begriffe sind willkürliche und von den äuszern objecten unabhängige begriffe Gerstenberg recens. 151 dt. litt.-denkm.; ebenso Kant (1868) 8, 135; alle poetischen erdichtungen, welchen man eine willkürliche existenz gegeben hat Ramler einltg. 2, 115; aus dem willkürlichen um stand, den der verfasser erfindet Göthe 40, 230 Weim.; prädicativ: der werth dieser güter (ist) nur ein rein willkürlicher Hoffmann von Fallersleben 7, 93; vom künstlerischen schaffen oft geradezu in lobendem sinn: willkürliche gruppen der schönsten .. gestalten Lessing 9, 89, 20; (arabeske) eine willkürliche und geschmackvolle malerische zusammenstellung der mannichfaltigsten gegenstände Göthe 47, 235 Weim. A@2@dd) von physikalischen und anderen vorgängen 'ohne erkennbaren grund': versuche über das willkürliche zerspringen der flaschen Lichtenberg briefe 2, 11; Brasidas selbst gestand, dasz .. ihr willkürliches überspringen aus angriff in flucht .. etwas furchtbares habe Droysen Alexander d. Gr. 100. A@33) 'absichtlich, gewollt, bewuszt' im gegensatz zu automatisch, reflexartig, gewohnheitsmäszig, unbewuszt; namentlich in der neueren wissenschaftlichen sprache von körperlichen und seelischen vorgängen: es (das thier) bewegt sich .. ohne äuszeren reiz aus eigener bestimmung, d. h. willkürlich Oken allg. naturgesch. 1, 14; was den willen zu einiger veränderung der würkung in dem laufe der willkürlichen actionen bringe Leibniz dt. schr. 2, 314; willkürliche handlungen Hegner schr. 5, 275; ohne alles unser willkürliches zuthun Fichte wissenschaftsl. (1794) 106; willkürliche bewegungen schon bei Adelung; Schiller 1, 144; ein risz ist eine unwillkürliche bewegung in der willkürlichen Brunner erzhlgn. u. schr. 1, 226; Lange gesch d. material. 46; (daher auch willkürliche muskeln im gegensatz zu unwillkürlichen Pierer realwb. [1829] 8, 684); menschliche, willkürliche sprache Herder 5, 18; willkürliche aufmerksamkeit Eisler philos. wb. 3, 1840; prädicativ: die wirkungen eines vernünftigen geschöpfes sind willkürlich und mit dem wissen vergesellschaftet discourse der mahlern (1721) 1, 7; weil er (der fehler) nicht willkürlich ist Liscow satiren vorr. 75; vereinzelt auch von dem lebenden wesen selbst: unser körper soll willkürlich, unsre seele organisch werden Novalis schr. 3, 37. BB. neuerer sprachgebrauch, mit tadelndem sinn, mit den zu der grundbedeutung hinzutretenden nebenvorstellungen 'subjectiv, einseitig': das eindringen .. des persönlichen und willkürlichen Herder 12, 352; 'eigenmächtig, rücksichtslos': so wollen wir nichts willkürlich nehmen, sondern alles nach dem sprachgebrauch .. erörtern [] 19, 26; 'ungerechtfertigt, ungesetzlich, gewaltthätig, zügellos': willkürlich und verwerflich Savigny gesch. d.m. rechts 1, vi, 1; jede harte, willkürliche behandlung Salzmann ameisenbüchlein 32; verkehrt, willkürlich und ungebärdig (sich benehmen) Pückler briefw. 3, 276; unrechtmäszig und willkürlich .. an sich reiszen Keller 4, 88; 'aus der luft gegriffen, unbegründet, unüberlegt': das bewiesene selbst (wird) willkürlich und unbewiesen Reimarus wahrheiten 188; einer unmotivierten und willkürlichen einschaltung Freytag 14, 44; 'unklar, thöricht, seltsam': sich so willkürlich und sinnlos vorsagen lassen Bahrdt gesch. s. lebens 2, 63; in willkürlicher, grillenhafter thätigkeit Göthe II 6, 19 Weim.; ganz willkürlich und einfältig Keller 6, 291; 'kleinlich, unwesentlich': frei von allem kleinlichen und willkürlichen W. v. Humboldt briefe an Welcker 47; das willkürliche und unbedeutende F. Schlegel pros. jugendschr. 1, 66; 'unwirklich, eingebildet': dies willkürliche, unbestimmte phantom Herder 17, 60; alles willkürliche, eingebildete fällt zusammen Göthe 32, 78 Weim.; 'launenhaft, unberechenbar, zufällig': allen gedanken an zufällige und willkürliche entstehung Savigny vom beruf unserer zeit 8; 'beliebig': in willkürlicher verwirrung Klinger werke 4, 44; bunt und willkürlich durch einander mischen Holtei vierzig jahre 1, 107. B@11) den ausgangspunct der neuen verwendung bilden wie bei willkür fälle, in denen der üble sinn durch den zusammenhang bedingt wurde: solche wilkörliche geistlickeit, wilche die menschen on Christus wort und befelh erfunden und erticht haben, verachten wir Luther 8, 509 Weim.; Augustus willkürliche reichstheilung verursachet theils liebe, theils miszgunst Lohenstein Arminius 2, 5; aus der sphäre der willkürlichen gewalt Abbt 1, 200; ohne die hülfe der gesetze strafen, willkürlich verbannen Haller Alfred 120; die beobachtung willkürlicher, aber unschuldiger gebräuche Gellert 6, 248; den schein willkürlicher irrung Göthe 49, 57 Weim.; willkürlich zu phantasieren 47, 310; was soll ich mich willkürlich brauchen lassen B. v. Arnim frühlingskr. 411. B@22) seit der zweiten hälfte des 18. jhs. herrscht wie bei willkür die tadelnde verwendung vor; B@2@aa) attributiv: ein barometer ward in's haus gebracht, hatte aber leider eine willkürliche scala Göthe IV 37, 128 Weim.; auf der erde wird gewogen mit willkürlichem gewicht Rückert werke 2, 572; eine willkürliche schöpfung eines neuen kleinstaates (würde) eine .. mit unserer politik unverträgliche sache sein Bismarck pol. reden 4, 90; wo dem verkehr willkürliche grenzen gesteckt waren Bennigsen d. natl. partei 46; besonders in verbindungen wie eine willkürliche handlung bürgerl. gesetzb. § 918; w. abänderungen Holtei 40 jahre 1, 29; w. gewalt Wieland Agathon (1766/67) 2, 85; w. gesetze Laroche frln. von Sternheim 1, 138; w. grundsätze Adelung magazin 2, stück 1, 7; w. conventionen Ludwig schr. 5, 40; w. sitten Herder 13, 241; w. erklärungsarten Lavater schr. 2, 87; w. hypothesen Schlegel Europa 2, 51; w. gedanken B. v. Arnim Günderode 1, 232; w. voraussetzungen Hegel 13, 10; w. gründe Dusch werke 28; w. vorurteil Novalis 2, 115 Minor; w. dichtung F. Schlegel werke 1, 24; w. einbildung Immermann 18, 101; w. luftgebild Varnhagen tageb. 4, 47. nun auch wieder von personen: sie machen .. die ewige ordnung zur willkürlichsten taschenspielerin Lavater phys. fragm. 1, 46; in den augen des grausamen, willkürlichen richters Herder 15, 299; dem willkürlichen herrscher gefährlich Stolberg werke 10, 16. B@2@bb) substantiviert: er (gott) will nichts willkürliches Hippel kreuz- und querzüge 1, 462; in das willkürliche gehen Thibaut von der nothwend. 453; ins w. verlängert Grillparzer (1874) 10, 33. B@2@cc) prädicativ: kein stück .., in welchem die phantasie .. willkürlicher schiene Ludwig schr. 5, 143. [] B@2@dd) adverbial: sie giengen jedoch hierinnen .. willkürlich zu werke Schmidt gesch. d. Deutschen 1, 340; eine willkürlich handelnde göttin J. G. Jacobi werke 4, 59; nichts weniger als willkürlich ersonnen Savigny vom beruf unserer zeit 3; verändert der schiffer willkürlich die bodmereireise handelsgesetzb. § 693. B@33) doch ist wie bei willkür (s. d. oben sp. 212) auch im neueren sprachgebrauch eine neutrale verwendung des wortes in gewissen fällen noch möglich (s. unter A).
12387 Zeichen · 229 Sätze

Lautwandel-Kette

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  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    willkürlichadj. adv.

    Grimm (DWB, 1854–1961) · +1 Parallelbeleg

    willkürlich , adj. adv. , zu willkür f., spätmhd. willekürlich Lexer ; lat. arbitrabiliter Diefenbach gloss.; mit ähnlic…

  2. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    willkürlich

    Goethe-Wörterbuch

    willkürlich [bisher nicht publizierter Wortartikel]

  3. modern
    Dialekt
    willkürlich

    Mecklenburgisches Wb. · +1 Parallelbeleg

    Wossidia willkürlich in der Zs. unwillkürlich. Kü. 3, 755.

  4. Spezial
    willkürlichadj

    Dt.-Russ. phil. Termini · +1 Parallelbeleg

    willkürlich , adj произвольный , п → FiloSlov beliebig, adj

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit willkuerlich

4 Bildungen · 1 Erstglied · 2 Zweitglied · 1 Ableitungen

Ableitung von willkuerlich

willkuer + -lich

willkuerlich leitet sich vom Lemma willkuer ab mit Suffix -lich.

willkuerlich‑ als Erstglied (1 von 1)

willkürlichkeit

DWB

willkuerlich·keit

willkürlichkeit , f. , jüngere ableitung von willkürlich adj. und wie dieses meist tadelnd; bei Stieler (1691) 945 und Adelung. 1 1) im sing…

willkuerlich als Zweitglied (2 von 2)

unwillkürlich

DWB

unwillkuer·lich

unwillkürlich , adj. adv. , gs. zu willkürlich A 3. nl. onwillekeurig ( vgl. willkürig); dän. uvilkaarlig; schwed. ovilkorlig. Heynatz tadel…

Ableitungen von willkuerlich (1 von 1)

unwillkürlich

DWB

unwillkürlich , adj. adv. , gs. zu willkürlich A 3. nl. onwillekeurig ( vgl. willkürig); dän. uvilkaarlig; schwed. ovilkorlig. Heynatz tadel…