widerlich,
adj. ,
adv. im gegensatz zu widrig
und bes. zu widerwärtig
ohne lokale verwendung: '
gegnerisch. entgegengesetzt, ungünstig, (
zumeist)
unangenehm'.
ableitung wohl direkt aus dem adv. wider;
vgl. Wilmanns
dt. gramm. 2 (1899) § 367.
zufrühest nd. 1538
bezeugt (
s. u. 1). Luther
gebraucht widerlich
anscheinend noch nicht, wenigstens fehlt es in seiner bibel und in folgenden schriften: an den christlichen adel (1520),
an die ratherren (1524),
sendbrief von dolmetschen (1530),
von der winkelmesse (1533);
auch Grimmelshausen
hat es 1669
im Simplic. (
Scholte)
nicht. 11)
vom persönlichen gegensatz, '
gegnerisch, feindlich, widersetzlich, widerspenstig': togen de meiste hupe, de de geistlike fryheit (
von der Luther schrieb) nicht verstunden, desulffe fryheit tho allem motwillen vnd behage des fleisches, vnd wurden dardorch nicht allein den papen, sonder ock den fursten wedderlick vnd vngehur (1538) Kantzow
chron. v. Pommern 158
Böhmer; (
sterbende frau zu ihren kindern:) ehrt seine (
des vaters zukünftige) fraw an meine stat, vnd seid jr ja nicht widerlich Ringwaldt
christl. warnung (1589) N 8
b: so ruff: o meiner seelen licht (
Jesus), verbirge doch dein antlitz nicht. ... wie magst du doch so wiederlich, mein libster heiland, stellen dich Joh. Rist
bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenlied 2, 291; immittelst war ich ... bei Salvio und stellete sich derselbe wegen des aequivalents, sonderlich Minden, etwas widerlich (1647)
urk. u. aktenst. z. gesch. d. kurf. Friedrich Wilhelm v. Brandenburg 4, 530
Erdm.; der keyser were geneigt vnd erbötig, mit denen chur fürsten Sachsen vnd Brandenburg ..., so sich die zeit hero nicht gar zu wiederlich angestellet, ... den frieden zutractiren vnd zuschliessen Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 191; (
die welt) aber mit heiterkeit, muth und hoffnung aufzunehmen, auch wenn sie sich widerlich zeigt, ist ein vorrecht der jugend (1807) Göthe IV 19, 337
W. widerlich auf jemanden: er (
der vater, dessen kind verunglückt ist) schweiget lange still, fängt endlich also an: ach gott, es ist dein will auf mich so widerlich! schlägt denn mit vollen flammen dein groszes zornenfeur auf meinen hals zusammen? Neumark
fortgepfl. lustwald (1657) 2, 104.
von worten: fertigte er (
Tilly) einen gesandten an landgraff Wilhelm zu Hessen ... ab, vnd begehrte von demselben ... sich zur vorigen contribution wieder zuverstehen. nachdem nun der gesandte eine gar wiederliche vnd fast spöttliche antwort zurücke gebracht ... Chemnitz
schwed. krieg 1 (1648) 184.
mundartlich: '
widerspenstig, unartig; meist von kleinen kindern, jedoch auch von erwachsenen' Schambach
Göttingen 295
a;
meist '
eigensinnig, widerspenstig, verstockt',
die verwendung '
unangenehm'
tritt daneben zurück; vgl. Mensing
schlesw.-holst. 5, 562. 22)
vom sachlichen gegensatz, '
entgegengesetzt, gegenteilig': so aber ... die decision der canonum oder canonisten der heiligen schrift, der kirchenordnung vnd dem natürlichen recht widerlich Micraelius
altes Pommerland (1639) 6, 428; sollte nun von ihnen ... etwas widerliches am hofe beigebracht werden, so hat der herr aus dieser relation die rechte beschaffenheit zu informiren (1641)
urk. u. aktenst. z. gesch. d. kurf. Friedrich Wilhelm v. Brandenburg 1, 57
Erdm.; ein weiser mann kan mit aller erdencklichen vorsichtigkeit seine sterbestunde nicht entrinnen; ein wiederlicher mensch ('
ein dem vorhergenannten entgegengesetzter: unweiser, unvorsichtiger'
; vgl. Sanders
wb. 2, 1598
b) aber, wann er schon was schädliches geneust, stirbet darumb eben nicht stracks Olearius
persian. baumgarten (1696) 65
a. 33) '
ungünstig, schlecht',
eigtl. jemandem '
entgegen'
; dabei kann subjektiver sinn '
unangenehm' (
s. u. 4)
gelegentlich mitempfunden werden. 3@aa)
gern in verbindung mit glück '
geschick' (
ist dies personifiziert aufzufassen, so zeigt widerlich
auch den sinn '
abgünstig, feindlich',
s. o. 1): (
dasz)
s. churfl. durchl. zu Sachsen ... sich auch vonn ihrer einmaal gefaszeten herrischen resolution keine ... grosze gefahr, noch einig wiederliches glück nicht abschrecken laszen (1634)
bei Gaedeke
Wallensteins verhandl. m. d. Schweden u. Sachsen 244; beydes das gute und wiederliche glück zur wandelung kan gereitzet werden Butschky
Pathmos (1677) 25; kaiser! o! du weist es selbst! dieser arm hat frisch gekämpfet, wann er ... bey widerlichem glücke wider glück und unglück rang Schönaich
Heinrich d. Vogler (1757) 11. 3@bb)
in anderen verbindungen: regenten und oberherren eyfern billig, wann sie hören, dasz es ihren unterthanen widerlich gehet
Reinicke fuchs (1650) 234; vergnügung ... bringt auch dem gemüth nicht nur eine stille oder ruhe ..., sondern auch eine lust und freude; und die zu erlangen, wenn es widerlich gehet, ist zwar schwer Leibniz
dt. schr. (1838) 2, 51; durch widerliche äussere verhältnisse daran verhindert, beschäftige ich mich ... nicht weiter mit entwürfen R. Wagner
ges. schr. u. dicht. (1897) 1, 12. 44)
von gegenständen, vorgängen, begriffen und personen, '
unangenehm, abstoszend',
eigentl. '
dem empfinden entgegen'.
diese verwendung ist dem 17.
jh. bekannt, seit dem 18.
jh. geläufig: mein groszgünstiger herr resident lasse es ihm doch nicht widerlich seyn, dasz ich in dieser kurtzen zuschrifft ... (
etw.) zu verstehen gebe Rist
friedejauchz. Teutschl. (1653) (:) 4
a; wenn aber die historie sich dergleichen schmeicheleyen erlaubt (
z. b. auszeichnung historischer persönlichkeiten über gebühr, wie es die poesie tun kann), was ist sie dann anders als eine art prosaischer poesie, die nichts von allen schönheiten der wahren poesie hat und mit ihren abenteuerlichen fictionen ... nur desto kahler und widerlicher ins auge fällt Wieland
Lucian 4 (1789) 86; leider ... ist diese dame mit einem noch tiefern kummer behaftet, der ihr eine entfernung von der welt nicht widerlich macht Göthe I 22, 244
W.; die rationelle monarchie ist mir in der religion so widerlich geworden wie in der politik (1849) G. Keller
br. u. tageb. 2, 220
Ermat.; die zeitungen (
im dritten reich) seien widerlich zu lesen Feuchtwanger
geschw. Oppermann (1948) 292.
gern von dingen, die sinnlichen abscheu und ekel hervorrufen: denn erstlich meynet er, dasz caffe in weine gekocht, ein abscheuliches und wiederliches getränke seyn würde Triller
poet. betracht. (1750) 4, 78; die schildkröte, der scheuszliche krokodill, andere amphibien, die uns so widerlich, so schrecklich erscheinen (1800) Herder 22, 79
S.; schillknaster schmeckt mir widerlich Brentano
ges. schr. (1852) 2, 72; ein widerliches lachen schallte durch die lüfte Eichendorff
s. w. (1864) 3, 182; ein leiser, süss- und widerlicher geruch stieg aus der rinne des altars Feuchtwanger
d. falsche Nero (1947) 86.
von personen: das tändeln, schreiben, lesen macht mädchen widerlich (1760) Schubart
s. ged. (1825) 3, 72; ich segne den wein, der mich veranlaszte, dem widerlichen ohrfeigengesicht sein recht angedeihen zu lassen (1847) G. Keller
br. u. tageb. 2, 152
Ermat.; er ist ein widerlicher brutaler patron Raabe
schüdderump (1870) 1, 75; jedem von uns (
Designari u. Knecht) war der andre unvertraut, störend, fremd und widerlich H. Hesse
glasperlenspiel (1943) 2, 40. 55) widerlich
kennzeichnet die reaktion des empfindens auf etwas unangenehmes, ungünstiges; daher kann jemandem etw. widerlich miszfallen: (
kaiser zu Mephisto:) sei stets bereit, wenn eure tageswelt, wie's oft geschieht, mir widerlichst missfällt Göthe I 15, 61
W. jemandem entstehen widerliche empfindungen
und gefühle,
oder er ist durch etw. widerlich berührt: ich sehe nur die scharfen linien, die sein (
Lavaters) flammenschwerdt schneidet (
sc. geistig), und es macht mir auf den moment eine widerliche empfindung Göthe
an Lavater (1782)
in: schr. d. Goetheges. (1885) 16, 211; dieser grosse geist (
Rousseau) schrieb zwar auch da (
in Paris) grosse dinge; aber sobald er auf die gassen kam, überwältigte ihn ein heer von widerlichen gefühlen Zimmermann
einsamkeit (1784) 4, 67; andere (
gesellschafts-)kreise wurden durch die ehrenrührigen strafen, welche die geistlichen gerichtshöfe über männer von einem gewissen range verhängten, widerlich berührt Ranke
s. w. 15 (1875) 280. '
abscheu zeigend, widerwillen verratend': er (
Faust) macht ein widerlich gesicht; das königsgut (
geraubtes gut) gefällt ihm nicht Göthe I 15, 297
W. die verwendung '
mürrisch, verdrieszlich'
ist nach Adelung
am häufigsten in Niedersachsen, siehe wb. 4 (1801) 1522;
vgl.: du (
d. i. ein freund) mangelst mir von allen seiten, und ich kann dir nicht sagen, wie mir so ärgerlich und widerlich zu muth ist (
Göttingen 1768)
bei Miller
briefw. dreyer akad. freunde (1778) 1, 55; '
verdrieszlich, unzufrieden' Schambach
Göttingen 295
a; '
schlecht gelaunt' Mensing
schlesw.-holst. 5, 562.