westerhemd,
westerhemdlein chen,
n. , taufhemd (
auch bei glocken),
glückshaube. seit dem spätmhd. bezeugtes kompositum zu 1wester '
taufe'.
vgl. mnd. westerhemede. 11)
taufhemd. die sitte, dem täufling nach vollzogener taufe ein weiszes kleid überzustreifen, die schon Tertullian (
um 200)
erwähnt (
vgl. lex. f. theol. u. kirche 9, 1014
Buchberger)
und die das mittelalter durch überziehen einer haube über den kopf des täuflings erweitert (
s.westerhaube 1),
bezeugen spätmhd. belege: alsus bî keiser Heinrîch wart Ungern Pôlân zuo der kristen ê geschart, die von got unt von im sich alle touften. sich bekêrten diu wîtsten lant bî im, diu der kristenheit noch sint bekant, wan sie sich alle in westerhemde slouften
Lohengrin 7556
Rückert; daz westerhemede man nam von ir (
der getauften) Ulrich v.
d. Türlin
Willehalm 278, 21
Singer; sîn snêvar westerhemde wolter ze wâpenrocke hân Ulrich v. Eschenbach
Wilhelm v. Wenden 3567
Toischer; wir horen all zu hauff und all uz einem dauff komen in das westerhemd meister Altswert 189, 18
lit. ver.; (
das neugeborene) hub maister Könhoffer auz der tawff an sant Peter tag ketenfeyr. also sant ich ir (
der mutter) haim j pokasin westerhemd (
aus boucassin) mit roter seiden (
Nürnb. 1416/38)
anz. f. kde d. dt. vorzeit 23, 72.
eine vorreformatorische lat. taufordnung beschreibt das anlegen der taufkleidung folgendermaszen: consequenter datur baptizato vestis candida, que debet ita disponi, ut cooperiat totum caput et omnia loca unctionum, seu scapulas et pectus. sacerdos imponendo eam dicit: accipe vestam (!) candidam, sanctam et immaculatam
modus baptizandi aus: tractatus de sacramentis (
Straszburg 1512)
in: zs. f. kirchl. wissensch. u. leben 10 (1889) 415.
die dt. taufordnungen der reformationszeit geben vestis candida —
soweit sie das taufhemd übernehmen —
durch westerhemd,
zuweilen, da es sich ja meist um die kindertaufe handelt, auch durch dessen diminutiv sowie durch westerhäublein (
s.westerhaube 1)
wieder: der teuffer spricht tzum kindt, wan er im das westerhemlin an legt: nym an ein weisses kleidt, das du tragenn solt vor den richterstuel Christi, auff das du hast das ewyg leben (
taufbuch von 1523) Luther 12, 52
W.; der priester spreche, weil er das westerhembd an zeucht (
taufbuch v. 1526)
ebda 19, 541; denn sollen die paten das kindlin halten in der taufe und der priester spreche, weil er das westerhemd anzeucht (1552)
mecklenb. kirchenordn. in: die evang. kirchenordn. d. 16.
jhs. 5, 205
Sehling; zuo dem wösterhemd (
taufordn.) Zwingli
w. 2, 1, 302
Schuler. da schon Luther
das taufhemd als entbehrlich ansieht: so gedencke nu, das ynn dem teuffen disze eusserliche stücke das geringste sind, als da ist ... mit chresem die scheytel bestreychen, westerhembd antzihen 12, 47
W., kommt seine verwendung im protestantismus nach und nach auszer gebrauch: dasz nun hinfurtter in vnsern kirchen ... der exorcismus vndt westerhempt bey der kinderlein tauff vszgelassen vndt nitt mehr gebraucht werden soll (1584)
bei Bauer-Collitz
Waldeck 319
b.
die heutige katholische taufordnung kennt die sache, ohne jedoch unser wort zu verwenden: der priester reicht dem täufling ein weiszes kleid
kathol. katech. d. bist. Deutschlands (1955) 117.
nach aussage der mundartenwbb. ist das westerhemd
meist nicht mehr im gebrauch; mancherorts ist sein name auf ein einfaches tuch übergegangen: westerhemd
das weisse hemd der täuflinge in alten zeiten Dähnert
plattdt. wb. 548; westerhemd
das bei der taufe über den täufling gebreitete tuch Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 660; westerhemdchen
mäntelchen, das bei der taufe über das kind ausgebreitet und von den pathen an den zipfeln gehalten wird Albrecht
Leipzig 236;
vgl. auch Vilmar
Kurhessen 451,
oder der alte zweck ist vergessen: westerhemd
das erste hemd, welches die taufpathin dem pathenkinde verehrt (
Schwarzwald) Schmid
schwäb. 529.
auffallend: westerhemd ...
der weisse überrock der prediger an einigen orten bey verreichung des abendmahls Dähnert
plattdt. wb. 548; Fabricius (
ein evang. priester in Österreich), in seinem langen westerhemd mit dem flieszenden silberhaar und dem guten, faltigen, gelben antlitz dr. Backmeistern (
dem reformator) im bild nicht ganz unähnlich E. v. Handel-Mazzetti
Jesse u. Maria (1911) 1, 75.
die wörterbücher verzeichnen das wort erst seit dem 17.
jh.: vestis lustralis ein westerhemb
nomencl. lat.-germ. (1634) 426; batenhemd
sive westerhemd
velamen lustrale, item indusium acu pictum Stieler
stammb. (1691) 821; 'wester-hemde
ist ein von zarten caton, nestel- oder cammertuch zusammengesetztes kleines kinder-hemdlein, mit allerhand creutzen von zarten und saubern spitzlein besetzet, und mit einem überschlag über das köpffgen zugleich versehen, worinnen die neugebohrnen kindlein getauffet werden' Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 2119; das westerhemd Adelung 5 (1786) 190.
belege sind schon seit der zweiten hälfte des 18.
jhs. selten (
ältere belege s. auch bei Schmeller-Fr.
bair. 2, 1044; Fischer
schwäb. 6, 728
und Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 660): (
nach der geburt eines kindes musz der mann bedacht sein, dasz er) nach eynem prister erst vmb lauff das man sich furder tzu der tauff ein badt, mulde, ein westerhemd, das yn (
dem ehemann) vor der ee alles was frembde (
ca. 1480) Hans Folz
uon allem hawszrath A 6
a in: ged. vom hausrat (1899)
Hampe; aber der priester unnd tauffer ist da (
bei der taufe) und die baten und weiber unnd haben windeln unnd westerhembdlein, damit sie das kind heben Luther 34, 2, 275
W.; darauff so werden wir mit einem wester- oder wasserhembdlein angezogen G. Edelman
hochzeitpred. (1580) Dd 4
a; ihr vier (
zwerge) nandten den fünfften herren der hett ein westerhembdelein an, zwar klein, aber ein schöner mann Rollenhageh
froschmeuseler (1595) c 7
a; nach verrichteter tauff wird das kindlein mit einem weissen häublin und mit dem westerhembdlin gekleidet Herberger
hertzpostilla (1613) 1, 128; wie man einen menschen, der eben aus der tauffe kommt, in seinem westerhemde darstellt Zinzendorf
vier und dreiszig homiliae (1747) 199; (
Mathilde erblickte) in ihrem arm den zarten säugling, mit einem westerhemdlein angethan Musäus
volksmärchen d. Deutschen 4, 66
Hempel; du fragst wie aus dem achten jahre heraus und hast das westerhemdchen doch ... schon geraume zeit abgelegt Hebbel
w. 2, 158
Werner. bildlich von einer schneedecke: dasz der winter nackt ohne den lailach und das westerhemd von schnee auf der erde lag Jean Paul
w. 11/14, 265
Hempel. das westerhemd ist das symbol der unschuld: das sechste und letztte stugk, szo zcur tauffe gehorett, ist das kleidtt, das westerhembd, welchs do anzceigett die unschuldt und reynigkeitt des getaufften kindes (1522) Egranus
ungedr. pred. 147
Buchwald; er solte ja an seine tauffe gedencken, und sein westerhemblein ja weis behalten J. Pomarius
grosse postilla (1595) 1, 45
b.
wer im westerhemd stirbt, geht ohne schuld in den tod: wan das letzte stundlein kompt, so wollen wir das westerhembdelein antziehen vnd vns der absolution freuen Luther
tischr. 3, 163
W. 22)
taufhemd einer glocke: vor dat westerhemde to der klokken twe mark (1466)
urkundenb. d. st. Lübeck 11, 431; darauff wirt der glocken das westerhembde angezogen, nicht anders als wenn ein christenmensch getäuffet wirdt Fuglinus
de praestigiis daemonum (1586) 19
a; men tüth ock der nyegedofften klocken ein westerhembde an (
bei den katholiken)
N. Gryse
pawestdom (1593) Aaa 1
a; der glocken ein besondern namen geben, ihr ein westerhemd anlegen (1625)
bei Fischer
schwäb. 6, 728; bey denen römisch-catholischen werden denen getaufften glocken auch westerhemden gemacht Hübner
cur. natur-, kunst-, gewerck- u. handlungs-lex. (1712) 1361. 33)
übertragen: ein teil der embryonalhaut, der bei neugeborenen manchmal hängen bleibt (
vgl.westerhaube 2):
secundina eyn westir hemde (1420)
lat.-dt. voc. 2582
Schröer; liegen wir all bekleyd in mutterleib in unserm westerhemd (1627)
bei Fischer
schwäb. 6, 728; 'westerhemdlein
heisst auch bey den neugebohrnen kindlein das häutgen, welches sie bisweilen mit auf die welt bringen'
allg. haush.-lex. (1749) 3, 719; Voigt
hdwb. f. d. geschäftsführung (1807) 2, 563.