[]weigerung ,
f. mhd. weigerunge Lexer 3, 743,
mnd. weigeringe Lübben-Walther 569
a.
die abstractbildung zu weigern
tritt zuerst nd. 1417
auf: inficiatio eyn weygheringe eynes twevolden dinges
lat.-nd. voc. bei Diefenbach
n. gloss. 215
b,
und wird aus nd. gloss. in md. übertragen Diefenbach
gloss. 377
c.
die frühesten obd. belege sind bair. 1458: Lori
samml. d. bair. bergrechts 49 § 1;
alem. 1462: Eheberg
verf.-gesch. von Straszburg 1, 201,
schwäb. 1493
: urk. zur gesch. des schwäb. bundes 150
Klüpfel. von den etwa 200
belegen gehören nur 24
dem 15.
und 16.
jahrh. an, davon 14
der kanzleisprache. Luther
braucht weigerung,
wo er sich über den amtsstil lustig macht: manen und erfordern ernstlich ... das si on ... alle andere wegerung, auffzug, hinderung ... sich stadlich samelen 38, 288
Weim., nie in der bibel. auch fortan ist das wort der ungelenken amtssprache eigen, die das subst. vorzieht, wo gute stilisten verba setzen: wir aber uns die gebührende weigerung und andere nohtdurfften bedinglich vorbehalten Harsdörffer
t. secr. 1, Ttl
a; gleich wie einem hochweisen richterlichen ammte an mitteln nicht ermangelt, ihn auf vorhergegangene wegerung dahin an zuhalten, also verspricht kläger ... Weise
erzn. 201
neudr.; weigerung oder verzögerung der entrichtung des zehnten ... waren mit dem groszen banne bedroht
handwb. der staatswiss. 25, 88.
gelehrte prosa nähert sich dabei lat. fügungen: ob eine obrigkeit diesen und jenen glauben aufdringen ... und bey geschehener weigerung mit straffe ... anstehen können Arnold
kirchengesch. 10
b.
die späteren jahrh. zeigen ständige zunahme des worts auch über seinen ursprungsbereich hinaus, die classiker brauchen es alle: Lessing 18, 374; Herder 19, 392; Göthe I 24, 343. 44, 75
Weim.; Schiller 3, 424.
fast die hälfte aller zeugnisse gehört dem 19.
jahrh. an, dabei zeigt sich weigerung
als altes kanzleiwort bis heute darin, dasz unter denen, die es brauchen, die juristisch geschulten schriftsteller vorwiegen: Jhering
geist d. röm. rechts 144; Mommsen
röm. gesch. 2, 24. 2, 123; Bismarck
gedanken und erinn. 1, 265. 364. 2, 104. 247
usf. in den mundarten hat das wort nirgends fusz gefaszt. die form wegerung
begegnet von 1482
bis 1734
bei Nd.n: Schöpper
synon. q 4
b; Schottelius 393; Postel 1686
bei Weichmann 1, 184,
und versprengt bei einem Obd.n: Nas
antipap. eins und hundert 3, 261
a,
vorwiegend aber bei Md.n von west bis osten: Kirchhof
milit. discipl. 66; Stieler 2513; in keiner wegerung stehen
kursächs. hofordn. (1586)
denkm. d. d. kulturgesch. 2, 2, 56; Fleming
d. ged. 1, 84
Lappenberg; lehnsurk. Schlesiens (1491) 1, 247; Lohenstein
Arm. 2, 1533
a; Steinbach 2, 956. wägerung
schreiben Roth
dict. (1572) B 8
b; Fischart
binenk. (1588) 133
b; Rädlein 1025.
die bedeutung knüpft an die des verbs an, beide erscheinen geradezu gleichgesetzt: da Carl sich weigerte ... die vermählung zu vollziehen ... eine weigerung, die sogar ... einen pecuniären nachtheil einschlosz Ranke 3, 10. 11)
begrifflich deckt sich das subst. mit dem verb in allen grundzügen. 1@aa)
die weigerung
etwas zu thun ist sache des willens: die muthige weigerung des kaum dem knabenalter entwachsenen jünglings Mommsen
röm. gesch. 3, 17; dann kam die scene mit seiner mutter, welche höchst unerwartet und fest die weigerung ausdrückte Laube 14, 130.
die kraft zur weigerung
kann scharf bis zur miszbilligung charakterisiert werden: die hartnäckige weigerung des spanischen hofes, sich zu einer hinreichenden ... entschädigung zu verstehen G. Forster 4, 73; die art, wie dies zugeständnisz erfolgt war, trug eben wie die frühere weigerung den charakter des eigensinnigen und kurzsichtigen neides Mommsen
röm. gesch. 2, 247.
sie setzt muth voraus, weil sie den willen der gegenseite kränkt: warum die weigerung mit dieser kränkenden verachtung schärfen? Schiller 12, 258; tragt nicht mir nach, wenn euch vor kurzem eine weigerung des rathes gekränkt hat G. Freytag 11, 19,
sie wirkt erkältend: kommt daher der kalte zugwind ihrer weigerung? A. v. Arnim 5, 343,
kann übel genommen werden: weil ich in ihn drang, und darauf bestand, dasz
[] seine weigerung mich beleidigen würde Knigge
roman meines lebens 3, 51; du zitterst nicht, knirscht Azzolinos wuth, dich gegen mich der weig'rung zu erfrechen? Kind
ged. 2, 77,
und bei einem starken gegner schlimme folgen haben: jede weigerung würde gefahr sein J. Möser 3, 78; er werde jede weigerung und selbst jedes zögern der annahme, wie eine kriegserklärung betrachten Häusser
d. gesch. 1, 590. 1@bb)
dem schweren charakter der sache entspr. wird das wort parallel zu starken ausdrücken gestellt: eine allgemeine stimme der miszbilligung, der weigerung und des unwillens G. Forster 3, 191; er beantwortete die vorstellungen der cardinäle mit thränen, weigerung, widerstand, fieber Justi
Winckelmann 2 i 224.
von synonymen nähert es sich am meisten dem subst. inf. sträuben,
nam. wenn es durch attr. gemildert ist: er liesz sich, nach einiger weigerung, damit abfinden Langbein 31, 74.
aber während sträuben
stets widerstand der that bed., ist weigerung
widerstand mit worten: wenn uns're gründe euch zur vertagung nicht bewegen können, so zwingt ihr uns zur offnen weigerung Raupach
ernste dramen 5, 35; der namentliche aufruf aller mitglieder ... welche den eid noch nicht geleistet, trat ... ein. aber hier folgte eine weigerung der anderen Dahlmann
gesch. der franz. revol. 347,
insofern milder als sträuben: Ottilie entschlosz sich nach einiger weigerung mitzufahren Göthe III 12, 19
Weim., und näher mit ablehnung
zu vergleichen: wohl deine weigerung ... erwartete ich Meissner
Alcibiades 1, 82.
aber während sich ablehnung
nur gegen anträge und bitten richtet, die man befugt ist zu verneinen, deckt unser minder schonendes, nachdrücklicheres wort auch jedes unbefugte abweisen z. b. von befehlen: eine ehrerbietige vorstellung an den könig, worin man wegen der weigerung sehr triftige gründe anführte Archenholtz
England u. It. 1 i 10. 1@cc)
als willenserklärung in worten kann die weigerung
widerholt werden, darum spielt der plural seine rolle: Klarimene ... liesz sich nach einigen unumgänglichen weigerungen so weit bringen, dasz sie ihm die hand gab Rabener
werke 4, 227; wie lange können seine weigerungen denn dauern? Lessing 3, 126.
dabei wird öfters ausdrücklich gesagt, dasz es sich um widerstand in worten handelt: entzückendes süsz dieser lippen, selbst wenn sie weigerungen sprachen G. Forster 9, 226; sie kennen die weigerungen, womit das fräulein ... unsere verbindung ... hinaussetzte Iffland
theatr. werke 1, 18; Ottilie ... hätte gern gehört, dasz Hedwig ihren weigerungen noch ein wort der aufforderung für Anton beigefügt ... hätte Holtei 12, 249. 1@dd)
negiert erhält weigerung
positiven sinn: gewisz hätte nicht die geringste weigerung von seiten Reichenborns stattgefunden 3, 121,
so vor allem in der häufigen formel ohne weigerung.
sie ist in der rechtssprache heimisch: dabey sol es bleiben on ferner waigerung
urk. aus Ansbach 1481
zs. f. gesch. d. Oberrheins 25, 316; das er uns der gedachten unser slösser ... furderlich und on lengern verzug und waigrung abtrete
urk. z. gesch. Maxim. 178
Chmel; er (
hat) mir hierin gebotten, ohn alle weigerung nach zu kommen Ayrer
hist. proc. juris 397; sollen alle diese leibgedingweise übergebene weingärten ohn alle weigerung ... dem eigenthümer ... heimgefallen seyn Hohberg
georg. cur. 1, 344.
von da greift sie früh weiter: sie ohne weigerung ihnen gehorchen wolte A. U. v. Braunschweig
Oct. 1, 237; (
Chloris weisz) wie viel tassen caffee man ohne weigerung annehmen dürfe Schwabe
belust. 4, 159; dergleichen gefälligkeiten haben einen groszen reitz für mich; ich nehme sie ohne weigerung an Gottschedin
br. 1, 217
Runkel, und ist im geselligen leben zum gegenstück der conventionellen nöthigung geworden: man war so artig, mir ... den besten platz im fond zu überlassen, was ich ohne lange weigerung ... annahm Pückler
briefw. 2, 102; beide
[] ... nahmen das anerbieten ... ohne zierige weigerung an Holtei 7, 9. 22)
syntaktisch kann das subst. nur einen theil der entfaltung des verbs mitmachen. 2@aa)
genetiv neben weigerung
kann objectsgen. sein: die weigerung der ausfahrt war ein bruch des treueversprechens Scherer
kl. schr. 1, 489.
häufiger ist gen. obj. nur in älterer sprache und als gen. des pronomens: also macht die weigerung dessen, was man liebt, unsere begierde unersättlich Lohenstein
Arm. 2, 509
b; dann segnen wir die weise weigerung desz, was wir so eifrig wünschten Stolberg 5, 83,
zumal in der formel in weigerung dessen Olearius
verm. reisebeschr. 379;
med. maulaffe 183.
in neuerer prosa begegnet fast nur subj.-gen.: bringt Adriana ihre klage bey ihm über die weigerung der priorin vor Gerstenberg
schlesw. lit.-br. 155
neudr.; pomp ... kann zwar auch mit geschmack verbunden werden, aber nicht ohne weigerung des letzteren Kant 10, 269; ein plan, der schon an der weigerung seiner schwester ... scheiterte Ranke 14, 167; (
Kleomenes) besetzte bei der weigerung des rathes die akropolis Droysen
Äschylus 10.
diese eindeutigkeit des gen. gibt unserm wort einen vorsprung vor ablehnung,
das (
als ableitung von einem trans. verb)
ganz gewöhnlich obj.-gen. neben sich hat und deshalb unter umständen unverwendbar wird: wir traten die reise an, in hoffnung den verlust ... zu ersetzen, der durch herrn Banks weigerung für die wissenschaft zu befürchten stand G. Forster 1, 23. 2@bb)
mit zu und inf. wird weigerung
erst relativ spät verbunden: eure weigerung aber uns anzunehmen Heilmann
Thuk. 324.
die fügung bleibt leicht ungelenk: in der weigerung, in schweren fällen den ausschlag zu geben, liegt der werth vortreflicher aussprüche
allg. d. biblioth. 1 ii 193; freilich hielt sie treu ihr wort ... auch in hinsicht der weigerung, je wieder mit Heinrich allein beisammen zu sein Stifter 2, 49.
sie ist dem schweren abstracten stil eigen, der subst. fügungen vor den verbalen bevorzugt: eine etwas lange weigerung, wiederum an seine geschäfte zu gehen Kant 10, 306; seine weigerung, dem volke seine unterwürfigkeit gegen dessen macht zu bezeigen, führte die verurtheilung zum tode herbei Hegel 14, 114; stellet ihrer weigerung, zu euren preisen für euch zu arbeiten, die weigerung, sie zu den ihrigen für euch arbeiten zu lassen, entgegen D.
F. Strauss 6, 186.
aber auch diese fügung wird von guten stilisten gefällig gehandhabt: meine weigerung dir zu folgen Göthe I 25, 257
Weim.; die weigerung, seine arbeiten zu zeigen G. Keller 2, 145; ihre weigerung, satisfaction zu geben Bismarck
gedanken und erinn. 1, 20.
bes. gut ist sie am platz im stil skizzierender stichworte: unterredung zwischen dem prinzen, Odoardo und Marinelli: weigerung, dem vater die tochter zurückzugeben G. Freytag 14, 177; abermaliger streit, abermalige weigerung, das modell zu zeigen; endlicher sieg Brunelleschi's dennoch H. Grimm
Michelang. 1, 34. 33)
als kunstwort zweier fachsprachen ist weigerung
von seinem ausgangspunkt entfernt worden. 3@aa)
in der rechtssprache des 16./17.
jahrh. bed. weigerung '
appellation' (
entspr. weigern II):
appellatio weigerunge
vel gedinge;
littera appellationis brieff der waigerunge Diefenbach
gloss. 42
b. 334
a aus e. voc. von Straszburg 1515; darbey soll es bleiben, doch unbenommen der waigerung an den obern richter
bair. landrecht (1616) 292.
auch in diesem sinn begegnet als rechtsformel one weigerung Fronsperger
kriegsb. 1, k 5
a. 3@bb)
im tiefbau ist weigerung
die erscheinung, dasz pfähle sich nicht nach wunsch einrammen lassen, sondern der ramme widerstehen, weil sie im boden auf ein festes hindernis stoszen: Jacobsson
technol. wb. 4, 622
a; Campe 5, 641
a.
das vorbild von frz. refus
scheint diese einzige übertragung des subst. auf unbeseelte wesen begünstigt zu haben.