weg(e)warte,
f. weg(e)wart,
m. bezeichnung von pflanzen, namentlich von cichorium intybus L., von ihrer eigenschaft sich immer der sonne zuzuwenden früher auch heliotropium, solsequium genannt, sonnenwirbel, sonnenwendel: von dem wegwart. ayn chrawt daʒ hayʒʒet solsequium ... daʒ sich gen der sunn auf tut oder chert J. Haupt
über d. md. arzneibuch des meisters Bartholomaeus, Wiener sitzungsberichte 71, 526; also hat auch wegwart die wurtzel ein besondere angeborne influentz von der sonnen, das sicht man an ihren blumen, die sich allzeit gegen der sonnen neigen Paracelsus 2, 306 A; so hat er doch sein hertze gott, wie die wegewarte ihre blätter stets der sonne zu vereinbaren v. Lohenstein
Arminius 2, 754
a.
vgl. auch wegleuchte,
wegluge, wegmann, wegweise, wegwurz. 11)
ob das masc. oder das fem. das ursprüngliche ist, läszt sich nicht entscheiden. das m. konnte sich wie bei wegbreit
und wegtritt
aus dem f. entwickeln, aber auch mit übergang zum f. (
vgl. blumennamen wie aster, lilie, ranunkel)
ist zu rechnen. spätahd. intuba, wegewarthe, wegwart Steinmeyer-Sievers
gl. 3, 559, 3,
solsequium, wegewart, wegwart 565, 23,
wo aber weg(e)wart
auf einer kürzung beruhen kann, also das m. nicht erweist. mhd. der
und (
s. u. Vintler) die wegwart,
in frühnhd. glossaren wegewart, wegwart (Diefenbach
gl. 541
c solsequium, wegewarte).
im 16.
jahrh. ist wegwart (
selten wegewart)
zuweilen m. (Ryff
spiegel d. gesundheit 45
b. Maaler 481
a.
Matthioli durch Camerarius 153
b),
vereinzelt n. (
s. u. Lonicerus),
meist f., auch in der erweiterten form wegwarten (Bock 104
a. Uhland
volksl. 114).
seit dem 17.
jahrh. wird das f. gewöhnlich als wegwarte
angesetzt, daneben wegwart (
dies ist masc. bei Lohenstein
Arminius 2, 304
b. Rondeau. Frisch), wegewart
viehbüchlein (1667) 45. Paulus 269 (
auch als beiname eines mitglieds der fruchtbring. gesellschaft bei Neumark 241), wegewarte
Arminius 2, 754
a. Adelung. Campe. Rosegger 14, 208.
mundartlich kommt das wort jetzt als m. vor in österreich. gegenden Schöpf 806. Loritza 141. Lexer 252. Unger-Khull 623
a,
als f. wird es angegeben aus Baiern Schmeller 2, 877,
Schwaben Fischer 6, 549
und dem oberen Baden zeitschr. f. d. mda. 1913, 324. 22)
die wegwarte
hat ihren namen davon, dasz sie gern an wegen wächst: wegwart oder wegweisz wirdt also genannt, dieweil es in allen wegen gemein wächszt Lonicerus 125
a; wie die wegwarte und die feuerblume ... am borde des weges sich neigen Geszner 2, 51; an der strasze, rauh und hart, über hingeworfne steine, blüht die blaue wegewart. Ed. Paulus
ges. dicht. 269.
daher in sprichwörtlicher wendung: auch wächst in Italien, Frankreich und England nicht die weisheit als wegwart wild an der landstrasze
F. L. Jahn 2, 407. -warte
wird gewöhnlich als '
die wartende'
genommen nach der im 15.
jahrh. bei Vintler
auftretenden sage, dasz die wegwarte
eine verwandelte jungfrau sei, die auf ihren geliebten warte: und vil die jehent, die wegwart sei gewesen ain frawe zart und wart irs puelen noch mit smerzen.
pluemen der tugent 7838
Zingerle. diese auch von neueren dichtern (Söhns
unsere pflanzen 113
f.)
behandelte sage ist wol ein nachklang der erzählung in Ovids Metamorphosen von der von Phöbus verlassenen Clytie, die in eine blume verwandelt worden sei, die sich immer der sonne zukehrt; als diese blume sah man im mittelalter die wegwarte
an (
die darum auch sponsa solis heiszt); Wickram
in den Metam. 7, 178
Bolte läszt Clycie in solsequium, die wegweisz (= wegwarte)
verwandelt werden. Omeis
sagt an diese sage anknüpfend von der wegwarte: weil sie nicht kan himmelfarten, pflegt sie hier am weg zu warten, sieht der sonne sehnlich nach.
Eginhard u. Emma 147; (
ferner stehen einige deutsche lieder und sagen, nach denen das mädchen zur strafe in eine wegwarte
verwandelt wird).
es ist indes doch fraglich, ob die sage in Deutschland so früh heimisch gewesen ist, dasz die benennung auf sie zurückgeführt werden könnte. nominale bildungen von warten '
exspectare'
als '
der (
die)
wartende'
kommen sonst nicht vor, während warte, wart
als '
aufseher, hüter'
in zusammensetzungen häufig ist (
das f. ist nicht belegt).
die auffassung von wegwarte
als '
die am wege schauende'
wird durch das synonyme wegluge
empfohlen; im schweiz. id. 3, 1229
wird zu dem pflanzennamen luege
n, feldluege
n '
ackerhohlzahn'
bemerkt '
die gestalt und die farbigen flecken auf den blättern geben der blüte das aussehen eines lauernden gesichtes'
; auch schwäb. luege
kommt als name mehrerer pflanzen vor Fischer 4, 1326 (furdluege 2, 1848),
was überall vergleich mit einem gesicht oder auge voraussetzt (
vgl. auch auge
in pflanzennamen z. b. in mhd. vridelsouge,
das Steinmeyer-Sievers
gl. 3, 566, 23
für sponsa solis, die wegwarte, steht).
diesen benennungen könnte sich wegwarte
anschlieszen, das erst durch spätere ausdeutung zu einer am wege wartenden geworden sein wird. will man aber keine genaue entsprechung von wegluge
und wegwarte
annehmen, so könnte dies auch als '
weghüterin' (
oder wenn das masc. älter ist, als '
weghüter')
zu deuten sein; Tabernaemontanus 469
b faszt es als '
custos viae'
auf. die in mengen am rand der wege stehende pflanze sah man als zu deren bewachung dienend an. im ndl. kommt neben wegenwaart, wegwarte
auch wegenwachter (
in alter quelle wechwachte)
vor Heukels 67
vgl.wegwächter 2.
im ahd. (Steinmeyer-Sievers
gl. 3, 267, 32)
steht wegewahta, -waht
für bacina, das schwarze bilsenkraut, hyoscyamus niger L., das häufig an wegen wächst. 33) wegwarte
bezeichnet a)
in erster linie arten und varietäten von cichorium. auf die gattung im allgemeinen geht auch: eliotropium Diefenbach
gl. 198
c,
sponsa solis 547
a,
solsequium 644
b,
dionisia nov. gl. 136
a; wegwart, hintlauff, ringel, sunnenwirbel,
solsequium, elitropium. voc. theut. (1482) nn 3
b;
cicorea, solsequium, sponsa solis, wegwart oder sonnenwürbel Gersdorff
wundartzney 90
b (Brunschwig
u. Ryff
s.wegluge);
ambubeia, wegwart, wegwyse, hindtleuft Frisius 82
a; wägwart,
chreston, cichorea, cichoreum Maaler 481
b; wegwart, wegwyse,
chreston, ambubeia 487
b;
ambubeia, cichorium, intybus erraticus, wegwart, wegweisz Faber (1587) 44
a; wegwart, wegweisz, hindleuffe, sonnenwirbel Wirsung
artzneybuch reg.; cichorion, abugia, wegweisz, blaw wegwart, hindtleufft, sonnewend Zehner
nomencl. (1645) 166; ich wils (
chicorée) alleweil in dem teütschen botanicum nachsuchen undt es wider lernen; da habe ichs, es heist wegwart, wegweisz, wegling Elis. Charl. v. Orleans
briefe (1720) 28; wegwart, wegweisz,
cichorium, chreston, chondrilla Aler 2, 2157
b.
von arten sind zu unterscheiden: α)
die gemeine cichorie, cichorium intybus L.: wegewart, wegwisse, hindtleuff,
ambubeia, intybus agrestis Gesner
erdgewächse 6; wegweisz, wegwart,
cichorium vel intybus sylvestris Emmelius
nomencl. 80; gemein wegwart Tabernaemontanus (1664) 466
b; wilde blawe wegwart Fuchs (1543)
cap. 263; wilde wegwarte Nemnich 2, 1038.
als varietäten führt Tabernaemontanus 469
b weisz wegwart, leibfarb oder purpurrothe wegwart
an. β)
die gartencichorie, cichorium intybus sativum L.: nächst dem lattich haben wir den zamen wegwart Ryff
spiegel d. gesundtheit 39
b; zahme wegwarten Tabernaemontanus 469
b (
varietät: weisze zahme wegwarten); zamblawweewart, wegweisz, hindleufft Blancard
lex. med. renov. 228; das breite oder grosz wegweisz oder wegwart Lonicerus (1716) 231; grosze hohe wegewarte Nemnich 2, 1039.
γ)
die endivie, cichorium endivia L.: chreston, wegwart oder zame endivia Frisius 218
b; zam breyt wegwart Fuchs
cap. 263; zahme endivien oder wegwarten Tabernaemontanus 476
a;
seris, wegwart oder wegweis Calepinus 1334
b;
seris, endivien, wegwart Kirsch 1092
a. b) geel wegwart Fuchs
cap. 263, Tabernaemontanus 468
b, die gelbe wegwarten Bock (1595) 104
a, gelbe wegwarte
Linné deutsch 9, 21. Nemnich 4, 961
ist habichtkrautartiges bitterkraut, picris hieracioides L.: picris, wegweisz, wegwartz Kirsch 909. c) gelbe wegwarte,
das mauerhabichtskraut, hieracium murorum L. Nemnich 3, 148. d) grosze wegwart Friese (
Straszb. 1519)
bei Pritzel-Jessen 397
b ist der löwenzahn, die kuhblume, taraxacum officinale L.: solsequium maius, ryngel, wegewarte Diefenbach
gl. 541
c; das ander geschlecht der wilden wegwarten Fuchs
cap. 263; das pfafferörlein oder wilt wegwart Comenius
janua (1644) 36.
vgl.wegwartblume. e)
der knorpelsalat, chondrilla juncea L. Matthioli durch Camerarius (1586) 153
b; klein wegwart oder wegweisz Corvinus
fons lat. (1646) 187; kleiner wegwart,
condrillon Frisch 2, 428
c; gelbe wegwärtel Nemnich 2, 1023; gelbe wegwart Holl 199
c. f)
das sigmarskraut, malva alcea L. Fischer 6, 550. g)
die gänsedistel, sonchus asper Vill. ebenda. h)
zuweilen tritt (
wie auch umgekehrt) wegwarte
für den wegerich ein: Diefenbach
gl. 642
a lanceola, 644
a septenervia, wegwart;
jetzt im oberen Baden zeitschr. f. d. mda. 1913, 324. 44)
die wegwarte
erfreut durch ihren schönen anblick: das edle kraut wegwarten macht guten augenschein. Uhland
volksl. 114.
sie wird gern in der blumensprache verwendet: die (
scham, zucht usw.) kennent guote krüter wol ... hochenmuot, vergiszmeinnicht, pringent sy zuo der geschicht, wegwart die ist guot darzuo, ich main das sie ieht wirser túw.
mhd. minnereden 13, 319
Matthäi. besonders im liebesleben: ach röslin, bis mein wegewart, freundlichen ich dich bitt, mein holderstock zu aller fahrt, darzu vergiszmeinnicht! Hoffmann v. Fallersleben
gesellschaftslieder 1, 166 (1545);
vgl. auch wegweisblume.
hohe kräfte wohnen der wegwarte (
bes. der weiszblühenden)
und ihrer wurzel inne. in der richtigen weise ausgegraben, schützt sie, wenn man sie bei sich führt, gegen böses, bes. gegen hexen und ist ein mittel zu allerlei zauberkünsten, sie erweckt liebe, macht unsichtbar, zerbricht fesseln und öffnet alle thüren und schlösser (Wuttke
volksaberglaube § 139).
auch sonst fand die pflanze manche nützliche verwendung. besonders als heilmittel früher (
und noch jetzt)
sehr geschätzt: medicus. Ipocras ist mein nam genant. menge kreuter sind mir pekant: wegwart, schelkraut und nardispicat.
altd. passionsspiele a. Tirol 334, 1358
Wackernell; auch dint wol zu der kreuter sum merchein-blümlein und die wegwarten. H. Sachs 21, 169, 10
Götze; wegwarten und wermut durch einander gebrant oder gesotten und truncken
privatbriefe des m. a. 2, 58
Steinhausen; man soll inen (
den pferden) auch geben wermut, sonnengürtel, wegwart ... under dem grasz Seutter
hippiatria 12; ein gurgelwasser und recept von dreyen gemeinen wurtzel epfich, fenchel und wegwart
Garg. 298
Alsleben; die bletter der blawen wegwarten auff alle heisze und hitzige geschwär, geschwulst und machtblattern geleget, miltert den schmertzen ... das gebrandt wasser ist treffenlich guot zuo dem hitzigen magen und lebern, zuo allen brennenden febern Bock
kräuterbuch (1595) 105
a; es kühlen auch alle kräuter, welche weisz sind, als die rüben, artischocken, wegwarten Harsdörffer
t. secretarius 1,
Uuu 1
a; zur leber sind gut die wasser vom sauerampfer, ehrenpreisz, wegwart v. Hohberg
Georgica 1, 237; die blätter und blumen, sonderlich der wilden (
wegwarte), eröffnen, saubern, temperiren und reinigen die galle Chomel 8, 2279; wegwart ... vertreibt wartzen Alberus
dict. FF 4
a.
als speise: ihre speise muszten mit bedeckten schüsseln aufgetragen werden, ob gleich nur rettich, rüben, salat und wegwarten darinnen Harsdörffer
schauplatz jämmerl. mordgeschichte3 565; der wegwarth und schlangenwurtz ... gäben ... niedliche speisen ab v. Lohenstein
Arminius 2, 304
b; isset sie (
die wegwart) alsdann im salat mit öl und zucker Marperger
küch- u. kellerdict. 212
b; in diese suppe viel wegwarth, lactucke nebst allerhand ... kräutern thun v. Fleming
vollk. t. jäger 310.
seit dem 18.
jahrh. als kaffeesurrogat sehr verbreitet Karmarsch
u. Heeren
3 2, 360,
vgl. wegluge. 55)
die zusammensetzungen (
meist zu 3
a)
gehen theils von wegwart-
theils von der schwachen stammform wegwarten-
aus: