vorwenden,
verb. ,
vgl.fürwenden teil 4, 1, 1,
sp. 932;
ahd. furiwenden Graff 1, 759;
mhd. vürwenden Lexer 3, 617; Jelinek 914;
da aber für fürwenden
die lexikalischen belege fehlen, werden hier solche nachgetragen: vendicare furwenden Diefenbach
gl. 610
a;
praetexo ich wend für Er. Alberus
nov. dict. genus (1540) 56
a;
proponere furwenden Schöpper
synon. 91
b Sch.-K.; afferre für wenden Frisius
dict. (1556) 56
b und so immer: dir la sua ragione seine ursach fürwenden Hulsius (1618) 2, 322
a;
praetexere fürwenden
nomencl. lat. germ. (1634) 268;
praetextus ein vorgewenter schein Zehner
nomencl. (1645) 110; vorwenden,
praetendere Reyher
thes. (1686) o 3
b; für-
sive vorwenden
idem est quod einwenden Stieler 2504; vorwenden, fürwenden,
pretendere Kramer 2, 1320
c; vorgewendet, vorgewant 1321
a; fürwenden Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 119
b; vorwenden Spannutius 353; Apinus
gloss. nov. 423; für-, vorwenden Steinbach 2, 931;
addurre ... anbringen, vorbringen, vorwenden Castelli
ital.-t. wb. 1, 17
a; vorwenden, fürwenden Frisch 2, 439
c; vorwenden Adelung; Campe; Adelung
verwirft fürwenden
ausdrücklich. —
während das verb. in älterer sprache einen reich entwickelten gebrauch zeigt (
s. oben fürwenden Schmeller-Fr. 2, 945, Haltaus 572; 573,
vgl. auch Verwijs-Verdam 9, 1141),
ist es im entwickelten nhd. eigentlich auf eine übertragene und verschlimmerte bedeutung eingeschränkt, und selbst in dieser ist es nicht so häufig als das entsprechende subst. vorwand
und wird oft durch das stärkere vorschützen
ersetzt. 11)
die ursprüngliche sinnliche bedeutung '
etwas nach vorn, etwas vor ein anderes wenden'
wird noch von Campe
angeführt: die beste seite vorwenden; den fuchsbalg konnt ich wenden vor, als wenn ich gar gut schwedisch war Opel-Cohn
dreiszigj. krieg 340; wenn dich stern und monde blendt mit dem klaren angesicht, hat er seine starcke hand dir zum schatten vorgewandt P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel
kirchenlied 3, 320
b; mutig schreitet fort und fort vorgewandt den blick O. Ludwig (1891) 1, 99. 22)
refl. von personen: hintert wenden sih nals fure unde scameien sih (
avertantur retrorsum et erubescant) Notker
psalmen 34, 4
nach Graff 1, 759; wende dich ihm vor und wieder herum zu mir Jac. Böhme 5, 687
Schiebler. 33)
in besonderer wendung, mit dem dat. und akk., jemandem etwas entziehen: die verlauffene, leichtfertige, an gott und ihren gewissen meinaydige ordenspersohnen, so den stifftern und klöstern das ihrige ... vorwendet
verh. d. schles. fürsten u. stände 2, 55
Palm. —
dagegen, mit dem dat., widerstand entgegensetzen, verhindern: entnommen wird uns das regiment, wo ich dem übel nicht bald vorwend
comedia von d. geburt Jesu Christi v. 764
Bolte. 44)
häufig in älterer sprache im sinne von zeigen, erweisen, anwenden. zur anwendung bringen u. ä.: ir bests vorczuwendin und czu werbin und ir ergistis abeczuwenden (
v. 1454)
lehns- u. besitzurkunden Schlesiens 1, 444; weise herren, so kriege sich erheben, werden allen fleisz vorwenden, ... dasz sie die sachen vertragen Lorichius
paedagogia principum (1595) 325; (
wie weit) mit denselben mitleidung vorzuwenden sein werde
verh. d. schles. fürsten u. stände 1, 266
Palm; durch suchen thun und vleis vorwenden pflegt man so grosze ding zu enden Lobwasser
calumnia (1583) f 1
b. 55)
in allgemeiner anwendung von '
vorbringen',
besonders, wenn es in worten geschieht, vgl. mhd. vürwenden Jelinek 914;
dann in eingeschränktem sinne, etwas vorbringen, um es entgegenzuhalten, etwas einwenden. während in älterer sprache vorwenden
in diesem sinne ganz neutral gebraucht werden kann, führt die weitere entwicklung zu einer verschlimmerung der bedeutung, insofern als die einrede zweifelhaft, objektiv und vor allem auch subjektiv unwahr sein kann;
die übergänge bis zu dem letzten sinne sind unmerklich. 5@aa) wiewoll ich ... auch vill ursach vorzcuwenden hette Egranus
pred. 1
Buchwald; das wir gerne was vorwendeten, do durch wir rechtfertig worden von dir Clemen
reform.-flugschr. 4, 146; (
er) hette nicht herrn gebott oder gottes gewalt vorzuwenden Reutter v. Speir
kriegsordn. (1594) 37; disz der einige zweck und das ende seye ewers ehrlichen und züchtigen vorwendens
theatrum amoris (1626) 116; ich nun urtheilen solle, welches die erheblichste ursach zur einsamkeit vorgewandt Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, k 2
a; (
ärzte) hätten einmal vorgewendt, man müsse mit der artzney inhalten Lehman
floril. polit. (1662) 3, 360; so iement clagen will, der mags vorwenden
österr. weist. 2, 25 (
v. 1673); on man nun schon auff allen seiten genugsame entschuldigungen vorwendete Riemer
d. polit. guckguck (1684) 293.
später selten in diesem unbestimmten sinne: auf die frage: ob er noch etwas vorzuwenden hätte G. Forster (1843) 5, 44. das best vorwenden lobt man mehr, denn seinen nechsten schmehen sehr Petri
d. Teutschen weiszheit (1604) l 8
b; darff ich vor gottes richtstul tretten? was geb ich an?was wend ich vor? A. Gryphius
ged. 500
Palm; ich (
Pilatus) führ ihn itzt heraus, damit ihr selbst erkennt, dasz keine schuld an ihm, wie ich schon vorgewendt B. Schmolck
trost- u. geistr. schr. (1740) 2, 2, 311. 5@bb)
färbung des sinnes: es wird an disz garn überall kein zipffel gestricket, wie etzliche vorwenden Aitinger
jagd- u. weidbüchl. (1681) 128, ob sie gleich sehr schwache gründe vorzuwenden pflegen
d. vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 417; ein solcher miszverstand kann aber nicht vorgewandt ... werden Kant 3, 485
akad.-ausg.; wer einigen adel vorwenden könne, der habe das recht, einen wanderer auf offener strasze anzufallen D. Fr. Strausz (1876) 7, 480; die schwachen in Wien vorgewendeten erbansprüche Döllinger
akad. vorträge (1888) 1, 48. 5@cc)
wenn es sich um einrede, einspruch handelt, kann in älterer sprache der sinn ganz neutral sein, z. b.: allein wird nicht hierdurch, wendete die princessin vor, mein printz abwesend beleidiget? Ziegler
d. asiat. Banise (1689) 121;
doch wird auch hier der sinn allmählich verschlimmert: die gute jungfrau ... wandte vor, sie könnte den Weigel nicht lieb haben Schweinichen
denkw. 176
Ö.; und da einer gleich vorwenden wolt, der name Sclavi sey new Rätel
Curäi chron. v. Schlesien (1607) 25; man mag auch sonst vorwenden, was man immer mehr will
d. vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 53; und gieng es auch nicht an, dasz diesz entschuldigen der wahrheit ähneln sollte: so wend ich dieses vor: du hast ... Stoppe
Parnasz (1735) 341; obgleich ich ... andre dergleichen rechtsaufziehung vorwenden könte Lindenborn
Diogenes (1742) 1, 390; (
die hexe) hat aber nichts bekannt, sondern immer vorgewendet, sie wisse von nichts, sie sei unschuldig Grässe
sagenb. d. preusz. staates 1, 175. 5@dd)
im entwickelten nhd. wird vorwenden
fast ausschlieszlich im verschlimmerten sinne gebraucht: '
welches nur im figürlichen verstande gebraucht wird; zur ursache, zum bewegsgrunde anführen, wo es allemal den nebenbegriff einer entweder erdichteten oder verdächtigen oder doch nicht hinlänglichen ursache bey sich führet' Adelung;
simuliren, verstellen ... vorwenden Kinderling
reinigk. d. dt. sprache (1795) 331;
zu beachten ist, dasz das vorgewandte
subjektiv wahr sein kann, wenigstens in älterer sprache. 5@d@aα)
mit inhaltlich unbestimmtem oder bestimmtem objekt: allerhand kahle entschuldigungen, unmöglichkeit, zeitmangel, unwissenheit, armut vorwenden Kramer 2, 1321
a; 1320
c; alles, was ihr vorwendet, das ist nicht wahr Luther 20, 643
W.; welches auch zum schein und behelff sie vorgewand, aber felschlich Pomarius
grosze postilla (1590) 1, 59
b; (
hat) ich weisz nicht was vor miserables excuses vorgewendet A. Gryphius
Horribil. 4
ndr.; eine nichtige ausrede, die du vorwendest
schausp. engl. comöd. 114
Cr.; unangesehen derselbe den harten frost, weswegen das erdreich sich nicht handtieren lassen wollen, vorgewandt Chemnitz
schwed. krieg 1 (1648) 118; dasz sie ein anders zum scheine vorwendeten, ein anders glaubten und lehrten Lohenstein
Arminius (1689) 2, 272
a; will ich eine unpäszlichkeit oder sonsten wichtige affairen vorwenden, so rede ich wider mein gewissen Menantes
allerneueste art höf. u. gal. zu schreiben (1718) 70; viele wenden ihn (
den eifer) nur vor Liscow
samml. sat. u. ernsth. schr. (1739) 666; andre ursachen, welche man äuszerlich vorwendet J. E. Schlegel (1761) 4, 289; seyn sie versichert, dasz ich dies unvermögen nicht blos vorwende Lessing 17, 391
M.; ein übelsein vorwendend (
begibt sie sich fort) Göthe I 41, 1, 155
W.; es wurde gewöhnlich der zug über die Alpen vorgewendet (
um von den gemeinden pferde für den heerzug zu erhalten) J. Grimm
rechtsalt. 41, 502; diese wandten hundert geschäfte vor G. Keller
ges. w. (1889) 6, 166;
mit satzobjekt oder mit abhängigem infinitiv: ich war nicht willens, ihnen die wahrheit zu sagen ..., ich wandte daher vor, dasz ich ... Rabener
s. schr. (1777) 4, 67; (
deshalb) wendete ich vor, mir oben die beste stelle zu dem räucheretablissement auszusuchen Hauff
s. w. (1890) 2, 245;
in älterer sprache wird dabei gern das part. präs. verwandt: (
der marschall) entschüldigte sich mit vielen höfflichen worten, vorwendend, das er die armee nicht wol theilen könte Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 545; vorwendend, dasz eine andre art der citation ... an ihn nicht kommen könne Hahn
staats-hist. (1721) 4, 176;
vereinzelt auch in dem besonderen sinne '
simulierend vortäuschen': (
Christus) strafet aber die heuchler, die pharisäer, dass sie lange gebete vorwendeten ... und sucheten nur ihren ruhm Jac. Böhme
s. w. 4, 180
Schiebler. 5@d@bβ)
substantiviert: da kan man die thewre zeiten, das unvermügen der rentkammern, die erschöpffung desz armuths, und was dessen vorwendens mehr ist, nicht genugsam auffmutzen
türck. post- u. wächterhörnlein (1620) 15; die ursache, dem vorwenden nach, war ... Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 715; ihrem vorwenden nach Menantes
neue br. (1723) 280; hierdurch fält vollends alles vorwenden weg, dasz man die geseze nicht genug kenne Klopstock
gelehrtenrep. (1774) 238; (
der graf) nahm daher ursach, diesem gespenst urlaub zu geben (
um den unheimlichen bediensteten los zu werden), mit vorwenden, dasz seine einkünfte geringert und er seine hofhaltung einzuziehen gesonnen br. Grimm
dt. sagen (1891) 1, 82.