fürwenden ,
s. vorwenden. 11)
vornhin wenden, sein machen vor —.
mit acc. der sache und meist zugleich mit dat. zur bezeichnung dessen, vor das jenes durch den acc. ausgedrückte kommt. s. unter fürstrecken I 2)
die beiden ersten aus Frisius
angeführten stellen. er (
der flusz) hat dem ufer röhre (
schilfrohr) fürgewendt,
arundine ripas praetexuit. Aler (1727) 824
b,
s. Virgilius ecl. 7, 12; dem angesicht einen schleier fürwenden,
vultui velum praetendere. ebenda. einem nebel und wind fürwenden,
alicui nebulam et ventos obtendere. ebenda, s. Virgil. Aen. 10, 82; seiner list und laster einen dunst fürwenden,
noctem peccatis et fraudibus nubem objicere. ebenda, s. Horat. epist. 1, 16, 62.
in dem sinne von vorhalten, vor augen halten: fürgewendtes kleid,
praetenta vestis. Aler
a. a. o., s. Sen. Phaedra 895 (
Hippol. 887). 22)
vorwärts wenden. ahd. furiwentan
nach hintert wendên nals fure unde scameiên sih diê mir ubeles unnî
n. N. ps. 34, 4, =
mögen sich hinterwärts (
rückwärts)
wenden, nicht vorwärts, und sich schämen, die mir übeles gönnen. nach beiden bedeutungen dann die abgeleitete 33)
darbieten, hingeben, aussetzen. mit acc. und dat.: sein leben eines zorn fürwenden,
caput suum alicujus furori et ferro objicere. Aler
a. a. o., s. Cic. or. pro domo cap. 57 §. 145, 44)
anwenden. mit acc.: damit seine churfürstl. gnaden hierin in der zeit billich versehung fürwenden mü
gen. Luther 4, 349
a. unnd wo jemandt argelist fürwendet unnd verschweigt etwas fehl oder mangel an dem so er feil hat, dadurch ein anderer zuschaden kompt, ist er schuldig, dem selbigen den schaden zulegen
u. s. w. Agricola
sprichw. 126
a; wo er in sollichem den ernst fürwenden wöllen.
der durchlauchtigsten frawen Marien u. s. w. niij
a; so wirdt doch deine boszheit baldt den verdienten lohn empfahen durch die mannliche hüllfe, beystandt unndt widerstandt, so wir erzeygen unnd fürwenden wöllen. Amadis 373, 797; deszgleichen wird mein sohn desto gröszern fleisz, treu und müh bei der schul zu Frankfort fürwenden. Catharina Melanchthon,
in Melanchthons werken 3, 1086.
besonders häufig aber ist die in dieser stelle mit andern erscheinende redensart fleisz fürwenden =
fleisz anwenden, in verstärktem ausdrucke vorzugsweise allen fleisz fürwenden: und wir nichts sonderlichs ausrichten, wenn wir gleich allen vleis fürwenden. Luther 4, 385
b; widerumb viel die sich gros mühen und allen vleis fürwenden, meinen, sie halten gar wol mesz und opffern recht und ist doch nichts recht. 1, 336
b; aber er (
David) hat fleisz fürgewand, und jmer gewehret, das es (
es ist die abgötterei gemeint) nicht frey und offenlich einrisse. 6, 150
b; allen fleis furwendend, die sach widder auf einen gutten ort zu bringen.
briefe 1, 511; dasz ich allen fleisz fürgewandt, eurm begierde nach, einen gelehrten, sittigen prediger des evangelii, barfüszer ordens, zu verschaffen. 2, 660; wenn man schon allen fleisz fürwendet. Agricola
sprichw. 76
a; allen müglichen fleisz fürgewendet.
der durchleuchtigsten frawen Marien u. s. w. aiij
b; habt danck, juncker, ich wil auff glauben erst allen fleisz mit euch fürwenden, die sach glückseliglich zu enden. H. Sachs II (1591). 3, 73
a; siehe (
spricht gott zu Petrus), das du fürwendst allen fleisz, und dich als einen gott beweisz! Waldis
Esop 4, 95, 231, desz Gargantuwalds vater sahe wol, dasz sein schöner filius an ihm nichts liesz erwinden, allen fleisz fürzuwenden und kein stundt hinschleichen liesz, darin er nit ein lini zog. Fischart
Gargantua 143
b = 1608 Rv
b; ... daneben zusagen thu, dasz allen müglichen fleisz, solchen orden zu ehren und zu befürdern ich fürwenden ... wöll. Amadis 128, 267; und wendet solchen fleisz für, dasz er bei zwey hundert ritter ... zu sich bracht. 372, 794; und wendet so hohen fleisz für, ausz groszer begierdt seiner erlösung, dasz er in seinem reisen sonst niendert an gedacht. 364, 777; der nun allen fleisz fürwendet, auff das aller ehest zu Londen anzukommen. 381, 814; allen fleisz fürwenden. Ayrer
processus 1, 2. 55)
in worten vorbringen, in worten darlegen. mit acc.: nachdem und als Peter Berkeimer von unsers gnedigen herrn des pfalzgraven wegen jn siner forderunge furgewant hat, das Heinrich in der acht syn sulle.
urk. v. 1466,
in Thomas
oberhof 389; ... Henrich darzu geantwurt und furgewant hat, das die selbe sache fur dem raite zu Spyer hange.
ebenda; item die procuratores sollen alle ihre materien und handlung in schrifften fürwenden und nichts anders, dann also oder dergleichen meinung reden.
cammergerichtsordnung v. 1507
art. 32; es ist offt durch concilia etwa fürgewand, aber durch etlicher menschen list behendiglich verhindert und jmer erger worden, welcher tück und bosheit ich jtzt, gott helffe mir, durchleuchten gedenck. Luther 1, 288
b; wann die sachen fürgewandter massen gewandt und geschaffen. Ayrer
processus 1, 11 (1600
s. 303).
afferre causam, ursach fürwenden. Corvinus
fons latinit. 1, 255
b. 66)
in worten entgegenwenden, in worten entgegenhalten. ebenfalls mit acc.: denn es ligen in dem fürbehalt des evangelii wol andere insidiae, denn die widersacher jetzund können uns fürwenden, quia quid est sapientia hominis contra deum. Luther 5, 139
b; welche (
bücher) zuo ernst und wider stärcke gewapente feind fürzuowenden. Carlstadt,
welche bücher heilig und biblisch seind a
b; ich hab
auch auff die heylige schrifften, die er wider christliche warheit fur gewent, allein den christen zu gut geantwort.
dessen antwort geweiht wasser belangend Bij
b. 77)
einwenden, als einwand vorbringen. mit acc. oder accusativisch stehendem: vgl. oben sp. 391
die stelle von Schwarzenberg. den spruch Christi er schnell furwendt: gends (
gebts) umbsunst.
Berner fasznachtspyl A 8
b.
opponere, wider etwas fürziehen unnd fürwenden in einem gespräch, widerred halten. Frisius 922
a. und so villeicht gerrter hertzog zu verantwortung etwas offentlich dagegen thete fürwenden.
der durchleuchtigsten frawen Maria zu Hungern aij
b; fürwenden und fragen. Mülmann 209
und oft, bei welcher von Jacob Grimm
herrührenden aufzeichnung dieser hinter fürwenden
in klammern »
einwenden«
beisetzt. mit einem satze der in accusativischer stellung erscheint: demnach dörffen die köchinne nit für wenden unnd yren hern sagen: hewt ist sontag. Carlstadt
von dem sabbat Ciij
a.
opponebant illi interdum nomen Africani, sy stiessend jm in die nasen, oder: dargegen wandtend sy jm für,
u. s. w. Frisius
a. o. 88)
in worten vorgeben, durch darlegung in worten vorgeben. so in der redensart schein fürwenden,
teuschung bereiten: denn bisher haben wir nichts mügen erhaschen, so grossen schein wandte er (
Straus) für. Luther 4, 375
a.
dieselbe steht aber auch mit dat. zur bezeichnung dessen, worüber geteuscht wird: o gott, wolt ihr ewerm meyneyd sölchen schein fürwenden. Alberus
wider Witzel J 4
a. 99)
als ursache oder beweggrund vorbringen, die nicht die wirklichen oder doch mindestens zweifelhaft sind, als wirklich vorbringen ohne dasz dies ist oder in gehörigem masze zukommt. fürwenden, fürwelben, zuo einem deckmantel machen,
praetexere, obtendere. Maaler 151
c,
nach Frisius (1556) 1050
mit vergleichung von 899
b f.; aliquid praetendere, etwas fürwenden, oder fürwelben. Frisius 1048
b und danach Maaler
a. a. o.,
s. auch fürwölben fürwenden, fürgeben,
praetendere, praetexere. Henisch 1314, 6. Stieler 2504
dagegen hat für-
sive vorwenden,
mit der bemerkung dasz beides dasselbe sei was einwenden.
auch Aler, Rädlein, Weismann
nehmen beide wörter auf, jedes an seiner stelle im alphabete, und Steinbach 2, 930
setzt sie eins wie das andere, während Dentzler
und Kirsch
sich wieder blosz auf fürwenden
beschränken, doch Matthiä,
der sonst dem letztgenannten folgt, schon in der 1748
erschienenen ersten ausgabe seines lex. 2, 53
b zu furwenden
gleich noch vorwenden
fügt. dieses scheint Frisch 2, 439
bc bereits vorzuziehen, wenn er bei vorwenden
noch fürwenden
setzt und bei diesem kurzhin auf jenes verweist. das letzte geschieht auch bei Hederich
und dem ihm nacharbeitenden Nieremberger,
und es ist von da an fürwenden,
das bereits Ludwig
und Moerbeek
gar nicht mehr anführen, in der schriftsprache als erloschen zu betrachten. diese kennt fortan nur das nach und nach herschend gewordene vorwenden,
und fürwenden
verblieb den süddeutschen mundarten und zum theil denen Mitteldeutschlands, hier z. b. der wetterauischen, oberhessischen u. s. w. auch in dieser bedeutung steht das wort mit acc.: weh euch schrifftgelerten und phariseer, jr heuchler, die ihr der widwen heuser fresset und wendet lang gebet fur.
Matth. 23, 14,
wobei zu vergleichen Marc. 12, 40
und Luc. 20, 47; sintemal keuscheit so ein seltzam übernatürliche gottes krafft und gabe ist, und dieser so unzelich viel, die sie alle furwenden.
das bapstum mit seinen gliedern (
Wittemb. 1560),
vorrede. s. auch fürwengen. wie dasz ihr unnd euwer zween söne mit waffen unnd gewerter hand das recht, so jhr an diesem königreich fürwenden, erhalten und darthun wöllen.
Amadis 414, 894; zween wenden eine oder einerley schuld für. Henisch 1314, 12; (
ich) wil mehr entschuldigung und verzug nicht fürwenden. Weckherlin 745.
mit einem accusativisch stehenden oder zu nehmenden ausdrucke: wenn ich nicht komen were und hette es jnen gesaget, so hetten sie keine sünde. nun aber können sie nichts furwenden, jre sünde zu entschüldigen.
Joh. 15, 22.
mit einem abhängigen satze statt des acc.: und mit was das die ursach, das sye fürwanten, er (
Christus) wer ein ubertretter des sabbats, es was wol allein das wort: aber das was der korp, das er sye also fry strofft umb ire boszheit, dorumb sye jn hasszeten. Keisersberg
post. 2, 105
a; der (
Heliodorus) macht sich bald auff und wendet fur, er mste rente einnemen in Nidersyria und Phenice, seine meinung aber war, das er des königs befelh (
er steht im vorhergehenden verse) wolt ausrichten. 2
Macc. 3, 8; ich weysz wol, das (
dasz) der romische hauffe wirt furwenden, ... wie der bapst habe das heylige romische reich von dem kriechschen keyszer genummen unnd an die Deutschen bracht. Luther
an den christlichen adel d. n. (
Wittemb. 1520) Liiij
b,
s. Ph. Dietz 1, 762
a. er liesz fürwenden, er wer sonst mit geschäfften beladen. Fischart
Garg. Cc 4
rückw. (
cap. 36).
mit einem hinzuzudenkenden abhängigen satze: so nun dem also, das (
dasz) nicht nach dem eusserlichen schein zusehen, so will sich auch gebüren, das man hie disz büchlein recht eröffene unnd dem innhalt gründtlich nachsinne, so wird sich befinden, ... das die fürgetragene materi nicht so närrisch unnd aus der abweisz geschaffen, wie die uberschrifft möcht villeicht fürwenden. Fischart
Garg. 21
b = 1608 Bv
b.
scheinbar intransitiv: zwar niemand für zuwenden hat, zentschüldigen sein missethat, damit den teuffel zu beschulden. Waldis
Esop. 2, 64, 35. 1010)
bemänteln, beschönigen. mit acc.: mit diesem nahm fürgewendte schuld,
hoc nomine praetexta culpa. Aler 824
b,
s. Virgil. Aen. 4, 172.
vgl. auch vorhin 8).