voreilig,
adj. ,
gehört erst der neueren sprache an; Kramer
verzeichnet es: ein voreiliger raht, ein voreiliger ausspruch ...
precipitato 1 (1700), 280
c,
dann Adelung
und Campe;
älter füreilig,
das th. 4, 1, 1,
sp. 722
fehlt: also füreilig, ... gleichsamb blind und unbedachtsamlich Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653), 564. —
das wort erscheint immer in der ungünstigen bedeutung, die auch bei voreile, voreilen, voreilung
sich entwickelt, nicht im engsten sinne einer zu schnellen bewegung im raume, sondern stets in freier anwendung, und zwar meist mit einer zeitlichen vorstellung verbunden: allzuschnell, vorschnell, unbedacht, durch eile die vorsicht, klugheit verletzend, früher als im richtigen augenblick u. ä.; der sinn kann dabei strenger oder milder sein, seltener ist es, dasz v.
auf etwas bezogen wird, das eher eintritt oder etwas vornimmt, als man erwartet. 11)
alleinstehend: all zu früh, zu v. Göthe 11, 111
W.; nur nicht v., sagte er mit klugem bedacht Freytag (1886
ff.) 11, 124; wie v.! Ebner-Eschenbach (1893
ff.) 4, 106. —
das n. substantiviert: ich liebe das voreilige nicht Miller
briefw. dreier akad. freunde (1778) 1, 300. 22)
auf personen bezogen: voreilige bücherrichter Zimmermann
über d. einsamk. (1784) 1, 392; an die voreiligen verbindungsstifter Schiller 11, 122
G.; kein voreiliger sage dir künftig nach vielen jahren, dasz ich noch lebe Jean Paul 1, 301
H.; ha! wie würde sie den voreiligen thoren belachen Tieck (1828
ff.) 2, 316; voreilige demokraten Caroline 1, 109
W.; manche voreilige frauen sah man schon im fenster liegen A. v. Arnim 12, 233
Gr.; voreiliger, warum verbarg dein mund nicht das, was du empfandst Göthe 10, 152
W.; was als voreiliger verdammer der vater that Rückert (1867
ff.) 2, 58.
prädicativ: ich war v. genug, zu wünschen Gerstenberg
schlesw. lit.-br. 89 (
lit.-denkm.); seid nicht v. in euerem anspruch Engel (1801
ff.) 5, 164; ich muste mit dem avertissement etwas v. seyn Lichtenberg
br. (1901
ff.) 2, 231; ich bin böse auf mich, dasz ich so v. bin Brentano (1852
ff.) 7, 66. 33)
ganz besonders oft wird das adj. auf unpersönliches, nicht gegenständliches bezogen: eine voreilige antwort, urtheil, verdammen, gerücht, maszregel, beschlusz, verdacht, besorgnis, hoffnung, wunsch, schlusz
u. s. w.; doch auch: ein voreiliges buch;
in adverb. fügung voreiligerweise. — mit voreiligen und unreifen jugendproben
d. neueste aus d. anm. gelehrs. (1751
ff.) 5, 379; eine voreilige sucht nach ruhm Herder 23, 540
S.; diese art von voreiligem witze Nicolai
lit.-br. 8, 367; durch ihren voreiligen angriff
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778
ff.) 5, 122; verzeihen ew. durchl. eine voreilige bitte Göthe IV 21, 396
W.; ein voreiliger dienst bringt sich um den dank Klinger (1809
ff.) 2, 43; mit voreiliger neugierde Arnim 8, 19
Gr.; dieses voreilige vielleicht O. Ludwig (1891
ff.) 2, 159; die alte voreilige erfindungslust G. Keller (1889
ff.) 1, 273; das voreilige ja, was ich höre Bismarck
polit. reden 3, 16
K.; voreilig jauchzen greift in ihre (
der schicksalsmächte) rechte Schiller
Wallensteins tod 1, 7.
oder prädicativ: wenn deine güte nur nicht v. gewesen ist Lessing 18, 258
M.; (
der kapitän) schalt dieses urtheil v. und übertrieben Schiller 4, 164
G.; meine furcht war zu v. Immermann 5, 88
B.; dieses ganze rüsten ist etwas v. Bismarck
br. an seine braut u. gattin (1900) 435. — es ist v. und fast unsinnig, zu glauben Nietzsche
w. 2, 42. —
eine feste verbindung ist voreiliger schritt: verzeihen sie meinen unbedachtsamen, voreiligen schritt Herder 15, 175
S.; aber schon bereut der alte den voreiligen schritt Schiller
räuber 2, 1. 44)
einige besondere wendungen: sein voreiliges holz (
mit dem er geschlagen hatte) mir reichend Voss
antisymb. 2 (1826), 188;
scherzhaft: der herzog selbst verschmähte nicht eine solche voreilige bestattung (
eingraben zur übernachtung) Göthe 33, 76
W. —
praeproperus v.,
von einem keime, der schon vor seiner trennung von der mutterpflanze sich zur jungen pflanze zu entfalten beginnt Bischoff
wb. d. beschr. botanik (1839) 157; ein voreiliger frühlingstag, der schuldlose blumen, die die sonne begrüszen wollten, zum tode führt Brentano (1852
ff.) 6, 421; von einigen voreiligen sonnenblicken gelockt Holtei
erz. schr. 14, 71; des hahnes krähen fürchtend, wie das morgensterns voreilig blinken Göthe 50, 300
W. 55)
als adv.: v. antworten, schlieszen, urtheilen, verdammen, entscheiden
u. s. w.: zu schüchtern, ihn v. um die ursache ... zu befragen Wieland
Agathon 1 (1766), 250; er liesz meine mutter vor der hand bei ihrer v. gefaszten meinung Hippel
lebensl. (1778
ff.) 1, 55; zu mancher gefährlichen verbindung lud dich der anschein v. ein Göthe 8, 258
W.; (
fluch,) den ich v. über dich ausgesprochen habe Tieck (1828
ff.) 8, 215; danke gott nicht zu v. Holtei
erz. schr. 7, 55; das schweigen ist zum hüter ihm (
dem glück) gesezt, und rasch entflieht es, wenn geschwätzigkeit voreilig wagt, die decke zu erheben Schiller
braut von Messina 1, 653. 66)
hierzu voreiligkeit, f., in entsprechendem sinne: die v. ist bestraft Cramer
d. nord. aufseher (1758
ff.) 2, 75; wir müssen doch der v. ihres vaters zum opfer werden Schiller
kabale u. liebe 2, 3; in diesem betrachten werden mir ew. excellenz meine v. verzeihen Göthe IV 22, 277
W.; mit einer zu jugendlichen v. Tieck (1828
ff.) 6, 163; mit der fieberhaften v., die ihn überhaupt characterisirte Hebbel 11, 251
W.; die gräfin hielt inne, erschrocken über die voreiligkeit Ebner-Eschenbach (1893
ff.) 3, 227. —
milder: die liebenswürdige v., (etourderie) die auf seinen reisen ihn (
Peter d. gr.) zwang, an allen selbst hand anzulegen Herder 23, 444
S.