-frei,
adj. 11)
exlex, dem angriffe jedermanns freigegeben, ohne gesetzlichen schutz, geächtet. der ausdruck gehört nicht der alten rechtssprache an. aqua et igni interdictus, vogelfrey Frischlin (1586) 246
b;
extorris, verbannet, vogelfrey Orsäus
nomencl. method. (1623) 114; vogelfrey,
cujus libet violentiae, sicuti aves, expositus Schottel
teutsche haubtspr. (1663) 80; vogelfrey machen,
igni et aqua interdicere Stieler 559; vogelfrey,
proscriptus Frisch 2, 405
a; jemanden für vogelfrey erklären Adelung.
die erklärung: '
wie ein vogel in der luft, den jeder schieszen darf' (Grimm
gramm. 2, 560)
ist schwerlich richtig, denn die jagd auf vögel gehört zum wildbann; vielmehr ist auszugehen von wendungen wie den vögeln erlaubt sein (
s. vogel 1):
dem körper des geächteten wird das grab versagt, mit der sich mehr und mehr vordrängenden vorstellung, dasz der geächtete der tötung ausgesetzt ist u. nicht behaust werden darf: vogelfrey, der dem vogel im luft erlaubt,
expositus ad necem Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 2, 335
a;
in neuerer sprache wird das wort meist in freierer anwendung gebraucht, schutzlosigkeit, verfolgung auszerhalb der rechtssphäre bezeichnend: (
er) entsetzet in alle seines stambs, länder, gütter, das er jederman vogelfrey geacht werden sollt S. Franck
chron. Germ. (1538) 174
a; wurden also vor allen andern regimentern ... offentlich, als meineydige schelme ausgeblasen, vogelfrey ... gemachet Chemnitz
schwed. krieg 2, 907 (1653);
vgl. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 127; ihn selbst in den bann thun, und als einen verfluchten vogelfrey erklären Lohenstein
Arminius 2, 77
a; endete am galgen oder in der haide, wo die vogelfreien ihr haus haben Alexis
Roland v. Berlin 2, 41 (1840); widrigenfalls setzen wir dich nunmehr aus kaiserlicher machtvollkommenheit aus dem frieden in den unfrieden, weisen dich hinaus auf die vier straszen der welt und erklären dich für vogelfrei Hebbel
w. 3, 232
Werner; nach einer notiz des Gött. tagebl. vom 14.
Dez. 1918
aus Gevelsberg bei Hagen droht der dortige arbeiter- u. soldatenrat einen redakteur für vogelfrei
zu erklären, wenn er seine politische haltung nicht ändere; stoszt zu! der kerl ist vogelfrei! Göthe 14, 111
W.; in freier anwendung: ein hanswurst ist unter den hiesigen gelehrten vogelfrey Hafner
ges. schr. (1812) 1, 17; ich werde nach wie vor, von den lit. coterieen als vogelfrei behandelt und von den theatern ignorirt Hebbel
briefe 5, 108
Werner. von thieren, in der rechtssprache: (
von jeder frei weidenden ziege soll) dreiszig kreizer pfantgelt unnachleszlich eingefordert oder dieselben fir voglfrei gehalten werden
tirol. weisth. 2, 204, 30 (1641);
thiere, die an sich schutzlos sind: bist vogelfrey, in aller welt (
der wolf) H. Sachs 9, 190, 7
lit. ver.; er ist (
der fuchs) ein vogelfreier spitzbube Brehm
tierl. (1890
ff.) 2, 173;
scherzhaft: ich erkläre hiemit alle fliegen in der stadt für vogelfrei Aurbacher
volksb. 2, 203 (1839).
auf unpersönliches bezogen: ich werfe sie (
die geschenke) gleich auf die gasse und erkläre sie für vogelfrey Chr. Felix Weisze
lustspiele 2, 333; (
der kosmologische gottesbeweis) in folge des ihm von Kant gemachten processes, aller rechte verlustig und vogelfrei erklärt Schopenhauer
w. 1, 615
Gr.; so wäre denn mein buch in Deutschland vogelfrei erklärt Börne
ges. schr. 11, 183 (1829
ff.). 22)
der von Lexer
mhd. handwb. 3, 428
angeführte beleg bezeugt nicht die bedeutung geächtet: was leut herkomen, wannen sie kumen, sie sollen mit den freien dienen, ieder man nach seinen staten, ausgenomen die aus Ulten, die seind voglfrei
tirol. weisth. 3, 171, 10 (1490);
der sinn musz hier sein: von herrschaftsdiensten frei. zur bezeichnung der völligen freiheit, ungebundenheit, freizügigkeit: vogelfrey, gäntzlich von beschwerden befreyet Rädlein (1711) 1005
a; vogelfrei, eigentlich völlig ungebunden, so dasz man hingehen kann, wo man will Krünitz
ökonom. encycl. 227, 99;
vgl. vogel 7; im anfange hengen sie alle am euangelio und meinen, sie wollen dardurch zu groszen bepsten, bischoffen, fursten und herrn werden und niemandts nichts geben, wollen vogelfrej sein Luther 33, 647
W.; dasz er aber dagegen von allen gerichten gantz vogelfrei sein wil, und tyrannischer weisz also herrschen, dasz sein eigner wille sein gesetz sein sol
Calvin institutio christ. rel. (1572) 2, 79; ein vogelfreies weben und schweben Kepler
opera omnia 1, 590; die welt ist unbendig, und wil gar vogelfrey seyn Petri
der Teutschen weisheit (1604) 2 r vi
a; (
ich) verliesz Berlin, nachdem ich mich solchergestalt (
durch verkauf der möbel u. unterbringung der bücher) vogelfrey gemacht
Z. Werner
an Göthe, schr. d. Götheges. 14, 10; die ganze anstalt ist zu schlecht eingerichtet, als dasz ein mann wie er mit ehre etwas damit zu thun haben könnte. wir sind also wieder vogelfrei Dorothea Schlegel
briefw. 1, 225
Raich; diese noch vor kurzem mitten im britischen coloniestaate ganz vogelfreie völkerinsel Ritter
erdk. (1822
ff.) 6, 1174; die literatur stellte neben den gebundenen brod- und fachgelehrten den vogelfreien schriftsteller Riehl
d. deutsche arbeit 43; nun bin ich vogel-frei, der süszen angst entkommen Zesen
verm. Helikon (1656) 1, 102. du vogelfreier, sei mein luftig spiel! Uhland
ged. (1898) 1, 346.
hierzu