verschwiegenheit,
f.,
zum part. verschwiegen
gebildet und dessen gebrauche folgend. die mhd. wb. verzeichnen das wort noch nicht; untergegangen sind die bildungen swîgheit, swigenheit (Lexer
mhd. handwb. 2, 1373); verschwigenheit (die) wenn ein person wenig oder gar nichts redt, oder, das man jnen sagt heimlich halt und verschweygt. Maaler 430
c; verschwiegenheit,
silence. Hulsius
dict. (1616) 355
a; verschwiegenheit der zeugen,
taciturnitas testium; der verschwiegenheit absagen; bey rathschlägen verschwiegenheit gebrauchen; es wird alles in höchster verschwiegenheit gehalten. Stieler 1966; ein ding in höchster, tiefster verschwiegenheit halten; eine sache mit groszer verschwiegenheit führen; unverschwiegenheit,
garrulità. Kramer
deutsch-it. dict. (1702) 2, 709
c; seines freundes verschwiegenheit auf die probe setzen. Steinbach 2, 547; verschwiegenheit, '
die fertigkeit, etwas geheim zu halten, es nicht durch worte bekannt zu machen.' Adelung.
im sinne von '
schweigsamkeit'
wird in der entwickelten nhd. sprache verschwiegenheit
nicht mehr angewendet, Maaler
verzeichnet diese bedeutung noch, und der unten angeführte beleg aus dem pers. rosenth. erweist sie noch für das 17.
jahrh. verschwiegenheit
bezeichnet jetzt die eigenschaft, haltung dessen, der anvertrautes nicht ausplaudert (
formelhaft: unter dem siegel der verschwiegenheit,
vgl. oben th. 10,
sp. 901)
oder der eigene angelegenheiten nicht an unberufene, nicht ohne veranlassung bekannt macht, sein inneres leben nicht ohne weiteres preis giebt. verschwiegenheit
wird wie verschwiegen
leicht übertragen, zunächst auf substitute der person (charakter, seele, zunge
u. ä.),
dann auch in freierem gebrauch z. b. auf orte: verschwiegenheit des klosters, des waldes;
in gewissen wendungen aber kann verschwiegenheit
einen objectiven sinn annehmen: die sache bleibt in verschwiegenheit
kann nicht blosz heiszen: sie bleibt geheim, weil nur verschwiegene
sie wissen und bewahren, sondern auch ganz allgemein, sie bleibt verschwiegen, ohne dasz die discretion der betheiligten in frage kommt. deine verschwiegenheit wird keinem schaden, dich wird sie überaus lieb unnd werth machen. Comenius
sprachenthür übers. von Docemius 914 (1657); ich mag in einer groszen gesellschaft nicht viel reden, ich halte viel von der verschwiegenheit, dann im gemeinen gespräch läufft viel gutes und viel böses vor, unsere miszgünstige aber klauben das böseste herausz.
pers. rosenthal 4, 1 (
hier also noch im sinne von schweigsamkeit); in der bilderkunst wird die verschwiegenheit vorgestellet, als ein ernsthafftes weib, schwartz gekleidet, zum zeichen der beständigkeit, in der rechten hand einen siegel-ring haltend, den sie zum munde führet, als ob sie ihn versiegeln wolte, zu ihren füszen ein frosch, nemlich von denen welche stumm sind ..; unter den geheimen abbildungen der verschwiegenheit ist gewesen die zahl MXCV. weil ein kind, wenn es so viel tage alt worden, und nicht redet, vor stumm gebohren geachtet wird. Jablonski
allgem. lex. (1721) 814
a; das ganz davon entzückte mädchen konnte sich nicht halten, es mir unter dem siegel der heiligsten verschwiegenheit mitzutheilen. Wieland 35, 32 (
Aristipps briefe 3, 3); das fingerlegen auf den mund (
compescere labella), um verschwiegenheit zu gebieten. Kant 10, 336; so versichre ich sie im nahmen dieser beiden herren der unverbrüchlichsten verschwiegenheit. Schiller 4, 234; ein edelmann habe es ihm unter dem siegel der verschwiegenheit anvertraut. 7, 188; nun haben sie, ich weisz nicht wie es zugegangen ist, die bande der verschwiegenheit (
mir) gelös' t. Göthe
Wilhelm Meisters lehrjahre 4, 15 (22, 84
Weim. ausg.); Serlo eröffnete ihm darauf, unter dem siegel der verschwiegenheit, seine lage. 4, 19 (22, 122); nach einigem hin- und wiederreden verlangten sie wir sollten ihnen verschwiegenheit geloben.
campagne in Frankreich 1792, 19.
sept. (33, 64); man lernt verschwiegenheit am meisten unter menschen, die keine haben — und plauderhaftigkeit unter verschwiegenen. J. Paul
Hesperus 1, 235; worte, die auf den geheimniszvollen zusammenhang alles menschlichen wissens und auf eine tief unten in dunkler verschwiegenheit treibende gemeinsame wurzel des groszen baumes hinwiesen. Immermann 3, 77
Boxberger; in derer augen freundtligkeit, im munde die verschwiegenheit. Opitz
poeterei 51
neudruck; bald, mittelst der verschwiegenheit von einer zof', ihr herzeleid herzbrechend sich in briefen klagten. Gotter
ged. 1, 43 (1787); städtebezwingerin, du verschwiegenheit! fürstin der völker! theure göttin, die mich sicher durch's leben geführt. Göthe
elegien XX (1, 261
Weim. ausg.).