verfehlen,
verb. das erstrebte nicht erreichen, mhd. verwælen, verveilen.
zusammensetzung mit fehlen
s. theil 3, 1422,
aber stets transitiv; auszerdem wird die bedeutung durch ver
verstärkt '
gänzlich fehlen'.
nach den belegen drückt verfehlen
stets ein unabsichtliches zurückbleiben aus, während dies bei fehlen
unentschieden ist. 11) (
sinnliches)
nicht treffen, nicht erreichen, das zeitwort steht absolut: (
vom verfehlen des gegners mit dem speere gesagt)
mhd. sîns undankes er gesaʒ, er wære doch gevallen baʒ alsus muoste Tristant vervælet hân, daʒ er derwant.
Lanzelot 6407
Hahn; wan alle die sich iht verstânt, die jëhent, daʒ die recken hânt vervâlt von ungelücke grôʒ. 6455;
nhd. wer hält des todes arm, dasz oft sein pfeil verfehlt? Lichtwer (1825) 218;
mit persönlichem object: nur um wenige stunden hatte der prinz von Condé den könig in Fontainebleau verfehlt. Schiller
hist.-krit. ausg. 9, 286; um gerührt zu beklagen, wie sehr es ihm schmerzhaft sei, dasz er sie jüngst verfehlt, und dasz sie ihm vergönnen möchte, sich bei ihnen selbst schadenersatz .. zu suchen. Tieck 20, 7; ich fürchtete schon dich zu verfehlen. Spielhagen
reih u. glied 4, 101; dich nimmer zu verfehlen dich oft zu sehn, wünscht niemand mehr als ich. Hagedorn 2, 138;
mit sächlichem object: die kugel verfehlte das ziel; der weg war nicht zu verfehlen und der mond beleuchtete mein leidenschaftliches unternehmen. Göthe 26, 10; da er bei der nächsten kreuzung der bahnen den anschlusz verfehlt. Heyse
nov. (10) 17; got gsegn den wirt mit seinen gesten, weil wir haben verfelt das hausz, bitt wir: legt uns zum besten ausz. H. Sachs 1, 466 (5, 4, 6
Keller); ihr schwätzer, die ich meide, vergeszt mir nachzuziehn (
aufs land), verfehlt den sitz der freude, verfehlt der felder grü
n. Hagedorn 3, 69; wo bin ich? — rasender betrug — ich habe das rechte kabinet verfehlt. Schiller
hist.-krit. ausg. 5, 1, 106 (
don Carlos 2, 8);
bildlich: ah! pfui! des betrogenen blinden seelenkenners, du hast den weg verfehlt seelen zu bessern! 1, 57; mancher fiel durch feindestücke, den die blutge schlacht verfehlt.
siegesfest; mit genitiv: des rechten weges verfehlen.
pers. rosenth. 3, 17; weil sie auch aus unterschiedenen muthmaszungen des weges so sehr nicht verfehlen kunten. Weise
klügsten leute (1675) 134; noch einen augenblick, Odoardo! es würde sie schmerzen, deines anblicks so zu verfehlen. Lessing 2, 132; wie kann ich dann verfehlen meines ports? Weckherlin 107 (
ps. 25, 4); verfehlet Eos wohlgewohnten pfades heut? Göthe 40, 413;
bildlich: ihre wuth war damals so gerecht, so edel, so väterlich warm .. nur verfehlte der warme vatereifer .. des weges. Schiller
hist.-krit. ausg. 3, 456 (
kabale u. liebe 4, 5). 22)
von geistiger thätigkeit gesagt, absolut, einen fehler begehen; wir sagen heute fehlen, einen fehler begehen: die durch den wein oder geilheit verfehlt haben. Fronsperger
kriegsk. 3, 284
b; die wahre freundschafft ist eine tugend, so fast unbekant. solche tugend-freundschaft kan nicht bestehen als zwischen zweien mit treu verbundenen hertzen; wird einerseits verfehlt, so mus andernteils die gebühr beständiger liebe beharrlich erwisen werden. Butschky
Patm. 310; ich verfehl, es ist nicht ohn, wenn ich meine schwachheit zeige; ein behertzter musensohn pflanzet nicht cypressenzweige. Chr. Gryphius
poet. wälder 1, 754; man henckt die diebe nicht deswegen weil sie stehlen, vielmehr weil sie am ort und an der zeit verfehlen. 1, 789; das ander thier, der mann genennet, dem alles dienstbar sich bekennet, verfehlet nicht, wenn er dich knechtisch ehrt. Hoffmannswaldau
getr. schäfer 105; .. verfehlt nicht mein gedancken, so hat Mirtillo mir mehr nutzen schaffen müssen. 107;
mit accusativ: so sehr er (
Cronegk) die schöne natur in ihr (
der Clorinde) verfehlt, so thut doch noch die plumpe ungeschlachte natur einige wirkung. Lessing 7, 23; wer hier ein schönes bild verlangt, auf den hat der dichter seinen ganzen eindruck verfehlt. 6, 392; doch wir wollen kein gemählde machen, das bei gegenständen dieser art die absicht, abscheu zu erwecken, verfehlen könnte. Wieland 2, 266; am neunten .. wollte ich noch die herberge, das posthaus auf dem Brenner, in seiner lage zeichnen, aber es gelang nicht, ich verfehlte den charakter. Göthe 27, 31; hofmeister, graf, prediger .. wuszte er (
Zinzendorf) .. nach zeitumständen und situationen allen allerlei zu werden, damit er nirgend und nie seinen zweck verfehle. Herder
z. phil. u. gesch. (1820) 10, 58; ich will warten, bis ihr mir daheim saget, was ich verfehlt hab. Auerbach
dorfgesch. 4, 107; der ball versammelt nun was innerhalb der pfählen der stadt Salern zur schonen welt sich zählt: allein der grosze zweck wird abermahl verfehlt. Wieland 18, 140;
mit genitiv: lernen auf dem sterbebettlein erkennen, dasz sie thoren gewesen und der rechten weiszheit heftig verfehlet haben. Brandt
ber. vom leben Taubmanns 76; solte er seiner hoffnung verfehlt haben. Butschky
Patmos 726; ich hoffe des rechten nicht zu verfehlen. Chr. Weise
überfl. ged. 2, 519; er trauet dem ungenannten biograph, ohne ihm nachzurechnen, der der wahrheit doch sehr weit verfehlet. Lessing 6, 298; widrigenfalls hätte ich die demüthigung wohl verdient, meines zweckes sehr verfehlt zu haben. Wieland 42, 233; so viel ist gewisz, dasz sie ... einen weg einschlug, auf dem sie ihres zweckes nothwendig verfehlen muszte. 2, 153; sie (
die ordensmitglieder) können als menschen wie andere, im besondern des besten mittels oder des rechten maszes oder der schicklichen zeit verfehlen. 30, 176; (
es) ist .. blosz eine folge der schranken unserer natur, wenn sie (
die ordensmitglieder) .. ihres edeln zwecks verfehlen.
ebenda; jedermann erkennt dasz, wenn ohne häufige wunder die welt des zwecks ihres daseins verfehlte, übernatürliche begebenheiten etwas gewöhnliches sein müszten. Kant 6, 64; dein 122. brief über dich selbst ist vortrefflich und du verfehlst deines endzweckes nicht, dich durch diese äuszerungen deinen freunden und liebsten immer näher zu bringen. Göthe
an Lavater 130; und wenn ich sage, dasz oft auch die weisesten und klügsten menschen in der welt, im umgange und in erlangung äuszerer achtung bürgerlicher und anderer vortheile, ihres zweckes verfehlen, ihr glück nicht machen, so .. Knigge
umgang mit menschen 1, 7; so hätte ja dein wort der wahrheit nicht verfehlt. Hoffmannswaldau
getr. schäfer 116; willst du günstig mir erscheinen, hab ich nicht des glücks verfehlt. Tieck 1, 32;
besonders hat in der neuern sprache der ausdruck nicht verfehlen,
nicht unterlassen (
in älterer zeit nicht ermangeln)
mit folgendem infinitiv und zu
sich verbreitet, eigentlich etwas durch säumnisz nicht unerreicht lassen: des andern morgens, als sie sich aus dem obern stock nach den gästen umsahen, denen sie entgegen zu gehen nicht verfehlen wollten. Göthe 17, 105; dessen ungeachtet verfehlte ich nicht ... bald auf der flöte bald auf dem hörnchen zu blasen. 34, 25; ich verfehlte nicht, in den ersten briefen unsern geschäftsmann zu fragen, wie die sache gegangen. 21, 203; besonders erfreute sich Wilhelm an den allgemeinen bemerkungen .. und verfehlte nicht sie zu erwidern. 21, 210; mit Riese ward ich auch vertraut, der meinen scharfsinn zu üben und zu prüfen nicht verfehlte. 26, 93; ich verfehlte nicht, nach schicklichen pausen meinen besuch zu wiederholen. 48, 24. 33)
das part. prät. verfehlt
ist zunächst rein passivisch: der verfehlte weg, das verfehlte ziel, der verfehlte zweck.
alsdann in weiterer bedeutung '
falsch, unrichtig',
wol aus der activen bedeutung des part. prät. entwickelt '
das richtige verfehlt, nicht getroffen habend': hochmuth ist eine verfehlte, ihrem eignen zwecke entgegenhandelnde ehrbegierde. Kant 10, 302; der verfehlte beruf, die verfehlte bemerkung; weil die vernichtung aller aber eine verfehlte weisheit anzeigen würde. 6, 395; übrigens ist es ein verfehlter, doch oft vorkommender ausdruck: von einem tiefsinnigen mathematiker zu reden, indessen, dasz man nur den tiefdenkenden meint. 10, 228; über diese eröffnung (
ich sei zum volksredner geboren) erschrack ich nicht wenig, denn hätte sie wirklich grund, so wäre, da sich bei meiner nation nichts zu reden fand, alles übrige, was ich vornehmen konnte, leider ein verfehlter beruf gewesen. Göthe 25, 366; recht ingrimmig ist er, wenn er irgend eine senatorische blamage, etwa eine verfehlte schmeichelei zu erzählen hat. H. Heine 2, 109; sollte ich selbst hin und wieder durch einen zu derben ausdruck oder durch eine verfehlte bemerkung unwissentlich ihr miszfallen erregt haben, so darf sie mich nicht eines mangels an sympathie .. anklagen. 9, 6; ein verfehltes bestreben. 44)
reflexiv in sinnlicher bedeutung, sich nicht treffen: wir verfehlten uns. auch ich fragte nach ihnen. Gutzkow
ritter v. geist 8, 126;
von geistiger verirrung: wie bald aber ist in dem schnellen trucken oder schriben etwa usz unverstand .. ain wort übersechen .. wiltu dann uff den truckten oder geschribnen buochstaben trotzen, wirstu dich nitt verfelen? Kessler
sabbata 159; da es fast das ansehen gewinnen möchte, dasz der rath zu Frankfurth sich sehr verfehlet habe, dasz er in der jüngst abgewichnen Frankfurter messe die sich angemeldete hohe münzcommission nicht anerkennen wollte.
weim. staats-archiv von 1760; ich glaubte nicht, dasz ich mich so sehr verfehlt hätte .. ich habe doch so viel vernunft, dasz ich weisz dasz holzäpfel keine quitten sind. Wieland 11, 188;
mit beifügung desjenigen, zu dessen ungunsten man gefehlt hat: sapperment! wenn man für ein jedes wort, womit man sich hier verfehlt, einen solchen circumflex bekommt, so musz ich mir das maul zunähen lassen! Wieland 12, 41; aus dreien reitzenden die schönste auszuwählen, fand Aristipp, ein weisrer mann, nicht leicht; er guckte lang, und sich an keiner zu verfehlen, erwählt er alle drei. 10, 153;
mit folgendem infinitiv: warum verfehlten sich die meisten zu verbesseren?
Dya Na Sore 3, 124.