verdauen,
verb. durch verdauung auflösen, zusammensetzung des gleichbedeutenden, im ältern nhd. noch vorkömmlichen dauen, däuen (
s. theil 2, 838).
ahd. fardawjan, ferdeuuen, virdouuen Graff 5, 234;
mhd. verdöuwen,
in den glossarien digerere vordauwen Dief.
nov. gloss. 134
b; verdowen, verdeuwen, vertowen, verdougen, verdauen
gloss. 181
c,
nhd. verdauen,
selten verdäuen, vertöuwen (Maaler 434).
im 17.
jh. verdrängt verdauen
das einfache dauen (
bei Frisch 1, 186
noch aufgeführt).
auch die umgelautete form (
z. b. bei Maaler, Ayrer, Butschky, Hoffmannswaldau)
wird um diese zeit durch die unumgelautete (
Simplic., Stieler, Weise, Frisch)
ersetzt. das 18.
jahrh. kennt nur noch verdauen. 11)
von speisen, ohne folgenden acc.: mhd. swelich mensche mê verslinden wil, den er verdöuwen mac, dâr auf er lîhte erworgen muoʒ.
minnes. 3, 8
a Hagen; nhd. nun bist du wahrscheinlich auf der spur, nach welcher du in Berlin so lange irre giengest — zu verdauen und zufrieden zu sein. Thümmel 2, 4; verdauen sie gut, meine herren, haben sie das einzige glück, das die erde gewähren kann. Gutzkow
ritter vom geist 1, 166; sein magen verdaut so gewaltsam gut, dasz er könnte verdauen die gabel. Platen 263;
mit beigefügtem acc.: dann alle speisen, die man uns fürsatzte, waren nur halb gar, so unserm kostherren an kosten zu pass kam: erstlich an holz, so er gespart und dasz wir nicht so viel verdauen konnten.
Simpl. 1, 350, 20
Kurz; darinn (
im briefe) nam ich meinen abschied mit vermelden, dasz mir unmüglich gewesen, länger zu bleiben, weil ich seine aromatischen würste nicht mehr hätte verdauen können. 1, 378, 5; dich gab ich den thieren preis: ihr wilder hunger hat längst meinen freund verdaut. Lessing 4, 169; nim nicht zu dir neu schnabelweid, du habst dann vor die alt verdeut. Curio
conserv. sanitatis praecepta (1559) 30; iszt, was er kan verdäuen. Opitz 1, 139; und wie unmäszige menschen sich deszhalb doch nicht des weins und schwer zu verdauender speisen enthalten, ob sie gleich .. wissen, dasz ihnen .. übelkeit bevorsteht .. Göthe 15, 90; (
man brauchte) keinen dünger aufzutragen, weil er schon da war, indem ihn jeder bürger vor seinem hause unterhielt, um sich durch diese verdaueten heuhaufen an den frühling zu erinnern. J. Paul 34, 116;
bildlich: (
eine neue zeitung,) welche der mit belustigung verwundert, der sie am letzten liset, da hingegen andere, so sie zuvor gleichsam in ihrem verstande verdeuet, keine süszigkeit davon verspühren. Butschky
Patmos 365; wer solche (
philosophische) kost hat wol verdäuet, der bleibt, wann die natur uns dräuet, von furcht des todes unberührt. Hoffmannswaldau
sterb. Socr. (1717) 66; langeweile ist ein böses kraut, aber eine würze, die viel verdaut. Göthe 2, 246; die kirch allein, meine lieben frauen, kann ungerechtes gut verdauen. 12, 145; allein gesetzt, adepten hätten mit adlerblicken alles tief durchschaut, verschlungen, wiederkäut, verdaut, was je auf diesem erdenrunde ein weiser seinen zöglingen vertraut. Gotter 1, 398; an etwas verdauen,
sich mit der verdauung einer sache abgeben, wobei unbestimmt bleibt, ob das zu verdauende wirklich vollständig verdaut wird: lasz immerhin im leuchter-saal die reichen leute heut ein mahl von dreiszig theuern schüsseln halten, um dran acht tage zu verdaun. Gökingk 1, 206;
seltner verdauen
von getränken: weil der gestrige rausch noch nicht verdaut ist, so geht es ab, wie pech vom ermel. Weise
erzn. 152
neudr.; was ich von kindheit an gesoffen und nicht verdauet hatte, das muszte da (
bei der seekrankheit) heraus. Reuter
Schelmufsky (1696) 26
neudruck. 22)
in übertragener bedeutung, verwinden, hinnehmen, heute in der edlern sprache unüblich, schon nach Adelung
versuch 4, 1393 '
nur im gemeinen leben':
mhd. dich sterket sumelîcher geist hie ûf an etelîcher schrift, die ist dir werlich ein vergift, wand du ir niht verdeun macht, ist dir eʒ nicht zû ôren bracht.
pass. 442, 87
Köpke; nhd. dasz sie diese unverhoffte zeitung so leicht hätten verdauen können.
Pierot 2, 107; diese worte waren dem Julo zwar schwer zu verdauen .. aber ..
Simpl. 1, 159, 13; ich will lieber schmähworte einnehmen, als das ich einen gutten freund abschaffen solte: geringe fehler wil ich verdauen. Butschky
Patm. 311; die sich nicht entfärben, den wohlstand des vaterlandes samt dem blut ihrer nebenbürger zu verdauen. 730; einem fürnehmen mann fället zuweilen ein hartes wort übel zu verdauen, weil sein ansehen für ihm die beste weide der augen ist. 732; ohrfeigen lassen sich nicht wohl verdauen,
aequo animo non concoquuntur colaphi. Stieler 306; diesen schimpf kan er verdauen,
hanc injuriam potest sorbere et concoquere. Frisch 1, 187; das weisz ich, dasz es einem sehr sauer wird, dergleichen erdichtungen zu verdauen. Lessing 7, 140; eine verwegenheit, die unmöglich zu verdauen ist, dasz man uns ohne beweis zu glauben aufdringen will. Kant 8, 82; das ist die schwierigkeit, die so leicht nicht zu verdauen ist. 8, 10; doch musz ich ... .. fragen auch die nebelkräh, unum grande mirabile, welchs er dieweil so mag verdewen. Fischart
dicht. 1, 39, 1417
Kurz; jedoch wann ich nur die jungfrauen jetzunder solt mit augen schauen, ich wolt das ander als verdeuen. J. Ayrer 447
b (4, 2247, 33
Keller);
mit folgendem abhängigen satze: kannst nicht verdauen, dasz ein halbgott sich betrinkt und ein flegel ist, seiner gottheit unbeschadet? Göthe 33, 289.
vorzüglich von gemütsbewegungen: vertouwen, leyden und dulden,
concoquere; ein hassz vertouwen und dessen vergessen,
concoquere odium; ein verdrussz, ein unwill vertöuwen, lassen hingon und geduldig leyden,
molestiam devorare Maaler 434
b; der herzog, der seinen zorn noch nicht verdaut hatte, hielt ihn so lange hin, dasz ... Schiller
hist.-krit. ausg. 4, 147; ein knabe musz seinen schmerz trocken verdauen, ein mädchen mag einige tropfen nachtrinken. J. Paul 36, 129; ob er auch denselben tag den zorn verdauet, so nährt er doch die tücke noch nachher in seiner brust. Bürger 143;
mehrfach in den mundarten gebräuchlich: he kann et nig verdauen,
er kann es nicht verschmerzen. Schütze
holstein. idiot. 1, 207.
brem. wb. 1, 187;
durch nachdenken zu seinem geistigen eigenthume machen: Ursin ist ärgerlich und geht mir auf die haut, dasz ich ihm jüngst mein buch, den Phaedon weggenommen, gelesen hab er ihn, allein noch nicht verdaut. Lessing 1, 26; hab ich doch in manchen straszen manches unbesehn gelassen; und auch, was ich angeschauet, ist deshalb noch nicht verdauet. Rückert 2, 231. 33)
reflexiv: sie rief ihm zu, er möchte noch ein halb dutzend (
pastetchen) nehmen, blätterteig verdaue sich leicht genug. Göthe 28, 44;
übertragen: die form will so gut verdaut sein, als der stoff, ja sie verdaut sich viel schwerer. 44, 247.