unwahr,
adj. adv.,
gs. zu wahr.
mhd. mnd. unwâr;
mnl. onwaer,
nl. onwaar.
wie bei wahr
gehen die bedd. nicht selten in einander über. a)
rechtssprachlich, wahr II 1 c
β entsprechend: bin aber nit hie, solichs ze rechtvertigen, sunder das, des er mich yetz gezigen hat, unwar ze machen Riederer
rhetoric (1493) d 2
a;
veraltet. das heutige sprachgefühl bezieht ausdrücke wie eine unwahre beschuldigung, angabe, die bezichtigung ist u., man erweist sie als u., u. beschuldigen, das unwahre der beschuldigung
nicht mehr nur auf rechtsverhältnisse. b) wahr II 2
entsprechend. II 2
a: dergestalt haben bapst und concilia ... vollen gwalt ... zuo erkennen und zuo erklAeren, was war oder unwar sey B. v. Chiemsee 53; dasz es gelaubet gantz warhaft, es wer in ihn ein göttlich kraft, das doch wer unwar und erlogen H. Sachs 15, 529, 3
G.; Sebiz
feldbau (1579) 536; P. Gerhard
bei Fischer-Tümpel 3, 306; zu P. hat man dergleichen auszgebreydt, so sich eben so u. befunden El. Charl. v. Orleans 3, 32
H.; alles, was noch so u. ist, mag ins künftige vor wahr gehalten werden
vern. tadlerinnen (1725) 1, 280; alle übertreibungen sind ebenso u. als schädlich Herder 17, 190
S.; wenn der grundgedanke u. ist Göthe III 1, 197
W.; auslegung der mythen ... bis zum greuelhaften u. W. v. Humboldt
an Welcker 85; betrachtung, die u. ist von anfang bis zu ende J. H. Vosz
antisymbolik 1, 80; es ist nicht u., dasz der gehorsam gegen die weltliche gewalt dabei (
bei dem geistlichen lehenseid) nur bedingt bestehen kann Ranke
s. w. 4, 33; an sich u., einfach u. G. Freytag 14, 63; Bismarck
polit. reden 3, 24
K. wahr II 2
b entsprechend als adv.: ich habe recht und nicht unwar gesprochen Ringwaldt
evangelia N 7
b; u. reden Hoffmannswaldau-Neukirch 2, 328; Stranitzky
ollapatrida 280
Wiener ndr.; welchen, mein kind?du pflegst zu beschuldigen wahr und auch unwahr J. H. Vosz
ged. 2, 239; der papst ... schrieb ihnen, durchaus u., die ganze fehde sey wider seynen willen unternommen Raumer
Hohenstaufen 4, 22; den stand der verhältnisse der gesellschaft u. darstellen
handelsgb. 314, 1. wahr II 2
c entsprechend, attributiv: sermo negativus eyn unware rede Diefenbach
gl. 41
a; eyn unwar, erdicht ding Carbach
Livius 97
a; Ringwaldt
lauter warheit 161; eine unwahre rede, die zu des andern schaden gereichet, wird eine lügen genennet Chr. Wolff
d. menschen thun u. lassen 663; erzählung, stelle, gedanke, artikel, legende Ramler
einl. in d. sch. wissensch. 1, 20;
allg. d. bibl. anh. 53/86, 45; Gerstenberg
recens. 163
lit. denkm.; Herwegh
briefe (1896) 140; Bismarck
gedanken u. erinn. 2, 215
volksausg.; mich soll der donner erschlagen, wenn ich ihnen nur ein unwahres wort sage! Ayrenhoff 3, 21; einige nicht ganz unwahre dinge Bauernfeld 1, 13.
wie bei wahr II 2
d mit fehlendem verbum: u. in jedem saz! J. H. Vosz
antisymbolik 2, 15; wie unwahr, wenn man durch erstaunliches theilnahm im kinde zu erwecken sucht! Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. 5, 304. c) wahr II 3
entsprechend: da deine halsstarrigkeit ihre verheiszungen u. gemachet
sammlung v. schausp. (1764) 1, 4;
vgl.solcher propheten gewisse zuosag falsch und u. gewesen Nas
eins u. hundert 1, 38
b; einen u. machen
lügen strafen G. Freytag
bilder 2, 1, 439.
veraltet. d) wahr II 4
entsprechend: wo der geist durch alles gehäufte elend des philisterthums, dieser ganz unwahren, aber wirklichen wahnwelt, durchdringt Bettine
Günderode 2, 230; die alte wahrheit von der unwahren, erträumten romanenwelt! Gutzkow
ritter v. geiste 1, 7; der irrthum ist nicht das, einbildungen zu haben unwahrer dinge, die als wirkliche sich geben Rückert 8, 36. e) wahr II 5
entsprechend: eine schwätzende empfindung wird unerträglich, indem dies geschwätz sie eben ersetzen will und damit als u. zeiget Herder 22, 185
S.; ein unwahres, dem augenblick nicht angehöriges gefühl Göthe 25, 19
W.; unwahre schmeicheleien Brentano 7, 465; gewalt (
nicht ernst gemeinte) 4, 146; das unwahre wissen Hegel 2, 62; höflichkeit, kirchlichkeit, politik, frieden G. Freytag
verl. handschrift 2, 347; G. Keller 5, 302; Nitzsch
d. studien 67; Treitschke
hist. u. polit. aufs. 1, 230; seine alte unwahre stellung zur kirche Justi
Winckelmann 1, 324; Lotze
mikrokosmus 1, 1; diese ungerechtfertigte und unwahre scheidung zwischen Preuszen und dem bund Bismarck
polit. reden 4, 286
K.; man bekommt zu unwahren eindruck aus den zeitungen Roon
denkwürdigkeiten 2, 414. wahr II 5
f entsprechend: fernröhre und telescope geben leider ... den sternen einen unwahren, facticen durchmesser A. v. Humboldt
kosmos 3, 67.
wie wahr II 5
h: unware waar S. Franck
th. 5, 369;
klugreden (1548) 175
a; Fischart
Garg. 447
ndr. wahr II 5
i entsprechend: ich werde leben, wenn er so zur unwahren stunde den tod sucht Caroline 2, 4
W. wie wahr II 5
k: alles wahr! alles recht! nur damit nicht alle abstraktion, nicht alle klassifikation für unrichtig und u., für schädlich ausgeschrien! Lavater
physiogn. fragm. 1, 149; sind die bande, die die menschen durch den geist aneinander ketten, so u. als sie unsichtbar sind? Klinger
n. theater 2, 126; H. Heine 1, 486
E.; O. Jahn
Mozart 4, 141. f) wahr II 7
entsprechend, von künstlerischer darstellung: seine (
des Aristophanes) darstellungen (
seien) bis zur äuszersten caricatur übertrieben und u.
F. Schlegel 4, 34;
die schönheit einer unwahren wahrheit aufopfern Tieck
dramaturg. blätter (1826) 2, 219; lebensunwahre dichtkunst Gutzkow
ritter vom geiste 6, 212; auf deutschen bühnen werden ... italiänische ... opern ... durch das ... unvermeidliche hineinmischen deutscher empfindung ... u. und unnatürlich O. Jahn
Mozart 1, 277; zierlichkeit und übertreibung, beide gleich u., berühren einander 2, 428; poetisch u. Holtei
erz. schr. 4, 210;
vom theater: u. zu jeder zeit! Laube 1, 27;
vom histor. character Lichtenberg
nachlasz (1899) 8;
in der malerei: der violette ton reizender fernen (
erschien ihm) zwar höchst lieblich, doch u. Göthe 24, 357
W.; das schöne, wiewohl unwahre bild Stifter 1, 138. g) wahr II 8
entsprechend, philosophisch: das unwahre ist entweder irrthum oder sinnenschein, oder aus beiden zusammengesetzt
M. Mendelssohn 2, 260; Hegel 6, 386
th. 13, 1, 908. h) wahr II 9
entsprechend, die unwahrheit sagend, unwahrhaftig: man wil mich für unwar achten, umb das ich die warheit angezeygt Hutten 1, 376
B.; wär das war, so mste Christus unwar syn Zwingli
d. schr. 1, 76; du kanst ja nit u. sein Spee
tugendb. 76; Herder 12, 188
S.; gegen den bräutigam u. sein Mörike 3, 63; u. werden O. Jahn
Mozart 3, 98; lieber unvorsichtig als u.
jahrb. der Grillparzerges. 5, 90;
seltener attributiv: ein böser wind ausz einem unwaren mund Mathesius
Sarepta (1571) 38
a; machet euch selber nicht zur unwahren prophetin A. U. v. Braunschweig
Octavia 4, 202. i)
zur substantivierung. sie liegt noch in den ausdrücken u. sagen
der ä. spr. vor; z. b. Tristrant prosa 132, 27; 193, 10; S. Brant
narrenschiff 38, 27
Z. allgemein: hie ynn ist etwas wares und etwas unwar
theologia d. 56
M.; nichts unwares B. v. Chiemsee 71; das einseitige ... ging über ins schiefe und unwahre J. G. Forster 5, 382; das unwahre wahr zu machen Göthe II 2, 11
W.; das handgreiflich unwahre I 35, 219
W.; das bis zum unwahren gesteigerte talent 40, 85
W.; das unwahre der lehre II 2, 45
W.; widerwillen gegen alles unwahre Fontane I 5, 224; das unwahrste Grabbe 1, 95. —