unfertig,
adj. adv. ,
im allgemeinen gegentheil von fertig,
das freilich nicht alle von unfertig
entwickelten bedeutungen gleichmäszig ausgebildet hat. ahd. unvertig.
mhd. unvertec, -ic.
mnd. unverdich.
mnl. onvaerdich.
nl. onvaardig Kramer-Moerbeek 1, 332
a.
dän. ufærdig.
schwed. ofärdig. Staub-Tobler 1, 1041. Schmeller 1, 761. unfaardig Dähnert 506
a.
nd. unverig (Schambach 244
b)
entspricht mnd. unverdich.
vgl. abfertig (Schmeller 1, 748), ungefertig (
s. u.); abfüerig, unfüerlich; unfährig.
mhd. adv. unverteclîche;
nhd. unfertiglich Schöpper
syn. gvija, Stieler 406. unfertlich
der ew. wiszheit betbüchlin (1518) 198
a. AA.
zur fahrt ungeeignet, und zwar A@II.
objectiv, von weg und strasze. unwegsam, inaccessus. Graff 3, 585.
mhd. wb. 3, 258
a. Haltaus 1930.
gegentheil fertig (
th. 3, 1548) 1.
noch ins ältere nhd. und in die mundart reichend: wer wolt nit lieber weytte, ebene strassen mit guotten gesellen, dann unfertige steg mit geringer anzal zychen? Schwarzenberg
vom zutrinken 39
neudr.; steyg
der teutsch Cicero 90; wege
theatrum diabolorum (1560) 331
a.
so bayrisch unfertige jagdrevier, dinges, boden; aussern holz is der weg unfertig Schmeller
a. a. o. ungefährte, unfert
unwegsamkeit ebd. vgl. unfährig
nicht gut zu befahren Stalder 1, 351. A@IIII.
subjectiv. A@II@11)
eigentlich: non expeditus, impromptus. unfertig ze reisen, träffenlich übel auff die fart gerüst
impeditissimus ad iter faciendum Maaler 461
a. Frisius
setzte unferig
dafür; s. unfährig. verworrenlich unfertigklich
implicite Frisius 666
b: das sein heer (
von beute beladen) dest unfertiger gewesen Xylander
Plut. 22; disz schiff was unfertig 100; Carbach
Livius 342
v; ein wegunfertiger älterer curgast wurde gestern nacht von einem schutzmann nach haus gebracht
Wiesbadener tagblatt, euphemismus für betrunken. sonst veraltet. wie fertig (
th. 3, 1551) 9
e mit genitiv, wobei die sinnliche bedeutung im hintergrunde liegen mag: als seine kriegszleute sahen, dasz dieselbigen (
gefangenen) .. der arbeit gantz unfertig waren Xylander
Plut. 289
a. Grimm
gramm. 4, 681.
inhabilis Schönsleder, Stieler,
tardus langsam, spatfertig, unfertig Schöpper
syn. dvjd: ein so unfertiger briefsteller wie ich Herder 15, 57; ein nicht unfertiger
non inconcinnus Voss
Hor. ep. 1, 17, 29.
veraltet. diese alte bedeutung inhabilis, nach unbeholfen
hinüberspielend, mischt sich in der neueren sprache mit bed. B: den langen, dummen, unfertigen jungen Frenssen
Jörn Uhl 26; einen .. bauernbuben .. mit .. unfertigen, lümmelhaften gliedmaszen Hesse
Peter Camenzind 47.
auch der tadel es liegt etwas unfertiges in dir (Ebner-Eschenbach 3, 314)
schlieszt, obwohl er im sinne der bed. B
verstanden wird, im grunde etwas dieser verdunkelten bedeutung mit ein. wenn Frisius 654
a impedita studia durch unfertige
wiedergibt, sind es solche, die nicht vorwärts schreiten, nicht solche, die unabgeschlossen sind. Campe
führt noch als allenfalls vorkommend zu etwas unfertig (
nicht bereit) sein
an. wie die hündin, vertig, läufisch (
th. 3, 1549, 5)
heiszt, nennt man hunde unfertig;
doch scheint der weidmannssprache das gefühl für die sinnliche grundvorstellung abhanden gekommen zu sein, wenn erklärt wird: unfertig ist ein hund, der 1. noch nicht ganz ausgewachsen ist und dessen körperformen daher noch nicht ganz ausgebildet und vollkommen sind; 2. ein hund, der noch nicht ganz fertig dressiert ist
aus wild und hund 1900, 159
zeitschr. f. d. wortf. 9, 62. A@II@22)
eingeschränkt und übertragen A@II@2@aa)
auf das körperliche befinden und die natürliche beschaffenheit. vgl. die entwicklung von unartig.
gegenstück das mhd. vertec (Lexer 3, 266).
den übergang von 1
zu 2
zeigt: unvertec als die kranken sint
passional 614, 47
Köpke: wem die leber unvertig ist; wer im leib unvertig ist (
aber vertig werden
leibesöffnung bekommen, vertig im leib, den leib vertig und waich machen Lexer
a. a. o.); wen ain fraw unvertig ist in ir krankheit von ubriger weyplicher natur wegen (
menstruation)
aus einer hs. des 14.
jhs. bei Schönbach
stud. z. gesch. der altd. predigt 2, 139
f.; rosenbletter in wein gesotten und einer frauwen, so an heimlichen orten unfertig ist, ... macht sie fertig Lonicerus
kreuterbuch 62
a;
vgl. gesund und fertig Fischer 2, 1377; mittel zu der unfertigen haimblichkait Schmeller 1, 761;
von der milz Schiller-Lübben 5, 85
a; welcker jemand ein oge uth stickt effte hauet em ein hand effte voet aff edder deith hem schaden, lehmniss effte seringe, wodurch he sin dage unfehrdig blifft ...
ebd.; eyne wunde, de dar is gantz unverdych, de kan me in ener stunde nicht helen
koker 352;
mnd. unverdinge
krankheit; vgl. unfertigkeit.
nd. unverig, unværig
was nicht leicht heilt, entzündlich, in beziehung auf wunden und geschwüre; ne unværige hûd hem Schambach 244
b (
das hier herangezogene schwed. varig
eiternd gehört zu ahd. mhd. warah, warch,
nhd. wark Falk-Torp 1392); wan der hals und zunge unfertig wird Bökel
pestordnung der stadt Hamburg (1597) 76
b; dein schultern werden starck und jung, doch schwach und unfertig dein zung
griech. dramen 2, 215
Dähnhardt; von wegen der unfertigen speisz ist ein pestilentzische kranckheit entstanden Xylander
Plut. 41;
der wein ist fertig (
th. 3, 1549, 7)
oder unfertig (
s. unfertigkeit);
schwerlich mit recht th. 3, 1549 '
wol hinunter laufend'
erklärt. mnl. onvaerdich, onverdich
schwach, gebrechlich. schwed. ofärdig
gebrechlich, lahm, krüppelig. dieselbe entwicklung der bed. in dän. før, ufør (
schwach, lahm, gelähmt),
schwed. oför Falk-Torp 291.
vgl.unfuhr.
bis zu dem nach b)
überleitenden begriff gescholten, verachtet, unglücklich scheint diese entwicklung vorgedrungen zu sein: mach mich unfertig, wie du wilt, habeo aeternam gratiam Luther 20, 404, 11
Weim. A@II@2@bb)
auf urtheil und sittliches gefühl bezogen, erhält unfertig
die bedeutungen unrecht, falsch, lasterhaft, leichtfertig. gegensatz rechtfertig.
vgl.bös-, leicht-, nach-, ring-, -übelfertig.
distemperatus Sachses gloss. 443
a. unvertige liute
verbrecher, vrouwen
dirnen mhd. wb. 3, 258
a; Lexer 2, 1969; Schmeller 1, 761;
vitiosissimus: ich hab abgehauen die manigfeltikeit viler unfertiger und ungerechter búcher
erste d. bibel 7, 37, 20; ane unfertige nachsagunge
lehnsurk. Schlesiens 1, 430; die unfertigen under irem hantwerk ... strafen
th. 5, 627; was sie (
die vom rath) aber metzen, vierling, diethewffel oder elen ungerecht finden, das sollen sie zerprechen oder abthun und ein yeglich unvertig ding mitsampt der puss ordenlich beschreiben lassen
Nürnberger polizeiordn. 184
Baader; unfertig stuck
nachgemachter edelstein ebd. 140; krêmerei .. vertig oder unvertig
Prager stadtrecht 39, 58;
so auch unvertigeʒ guot
Barlaam 135, 19; Keisersberg
schiff der penitenz 111; Dannhawer
catechismusmilch 4, 120.
vgl. unrechtfertig.
diese bedeutung folgt schon aus der allgemeinen entwicklung; es ist also nicht nötig, unfertiges gut
als nicht amtlich zugefertigtes (Staub-Tobler 1, 1041)
zu erklären. unfertiglich
injuste appelliern Schöpper
syn. g 7
a.
in amts- und geschäftssprache hat sich unfertig
für unrechtmäszig, ungerecht bis zum 18.
jh. gehalten: rebellen ... die sich ... empöhrt und allerhand unfertige beschwerlichkeiten verursacht v. Fleming
d. v. teutsche soldat 312, 16. unfertig
ungerecht, strafbar Frisch 1, 261
a; wegen unfertiger händel verstrickt werden
ob animadvertenda facinora in vincula conjici ebd. wie geringfertig
abgeschwächt, unbedeutend: Terentia ... nicht eines unfertigen verstands Xylander
Plut. 349
a;
unwirksam: die lehr on die natur unfAertig Fischart
ehzuchtb. 278, 9;
schwach: seine unfertige lippen überführen ihn der verdrieszlichen ausrede Harsdörffer
gesprechspiele 4, 463.
von leichtfertig
im engern sinne (
th. 6, 643, 4): dasz er sich ... in ein unfertig muossiggehends, reichs, wolluostigs leben begeben hat Xylander
Plut. 306
b; unfertige händel Chr. Weise
liebesalliance 95;
nur im oberdeutschen und in einigen hochdeutschen kanzelleyen für leichtfertig, muthwillig gebraucht (leichtfertige händel anfangen) Adelung; unfertige streiche machen Campe; durch ein unfertiges betragen hatte sich Günther das glück verscherzt, an dem hofe ... angestellt zu werden Göthe 27, 81
Weim.; kein leicht unfertig wort wird von der welt vertheidigt 38, 51, 104
Weim.; auch leicht und fertig
werden, natürlich in andrer bedeutung, verbunden (
th. 3, 1551, 10
a);
im wortspiel: besonders lassen in der stadt die unfertigen, immer fertigen dienstbaren knaben das recht nicht nehmen, dringend ... alte besen ... zu heischen Göthe 42, 2, 458, 29
Weim. sonst wohl nur noch in schriften, die der mundart näher stehen: du darfst mir auch etwas unfertiges sagen Auerbach 6, 162; was weisz ich unfertiger mensch mit der schirmmacherei anzufangen? Rosegger 10, 29.
vgl. abfertiges gelasz
sonderbares betragen Schmeller 1, 748. BB.
die heutige bedeutung der schriftsprache '
nicht vollendet, beendet, unabgeschlossen'
gelangte erst nach dem veralten der unter A
behandelten verwendungen im 19.
jh. zur herrschaft. die kleider sind noch unfertig
führt Campe
als nur selten gehört an. natürlich ist diese bed. an sich älter: dieser ... fand ... die fortificationswercke ... gantz unfertig, die garnison sehr schwach Chemnitz
schwed. krieg 2, 823,
wenn hier nicht imparatus oder nullius momenti vorliegt. unfertig onvolmaakt, niet afgedaan Kramer-Moerbeek; unfaardig
unvollendet Dähnert 506
a.
die romantik mit ihrer werthschätzung des primitiven gab dann dem begriff auch einen positiven inhalt. B@11)
nicht fertig gemacht oder geworden: an der befestigung von Kastel hatte man ... gemauert; wir fanden .. eine unfertige stelle Göthe 33, 322
Weim.; vom Kölner dom: wo eben dieses unfertige uns an die unzulänglichkeit des menschen erinnert 49, 1, 65
Weim.; doch ist das bild selber unbedeutend und sieht wie ganz neu und unfertig aus Solger
nachg. schr. 1, 765, 12; in solcher unfertigen gestalt Heine 2, 351; in unfertigem zustande Peschel
völkerkunde 413; das reich ist geschaffen ...; aber vieles ist unfertig Mommsen
reden und aufs. 183; die pferde arbeiteten noch auf der unfertigen strasze Freytag
verl. handschr. 3, 307,
also in ganz anderem sinne als A I; neubauten
hypotheken-bankgesetz v. 13.
juli 1899 § 28; eben darum ist das testament stets ... ein schwebendes, unfertiges geschäft Jhering
geist 3, 1, 161; um nichts unfertiges oder unordentliches mit in das neue jahr hinüberzunehmen Fontane I 1, 334.
ungewöhnlicher: Kindlingers eigne schriften ... namentlich ist die über hörigkeit ein muster von verworrener, mit sich selbst unfertiger darstellung J. Grimm
rechtsalterth. 1, vi. B@22)
für primitiv, rudimentär: die deutsche mahlerkunst aber ist ... noch um eine stufe weiter unfertig geblieben
F. Schlegel 6, 88; der ausdruck einer unbefriedigten und unfertigen bildung Gervinus
gesch. d. d. dichtung 4, 515; unfertige ansätze Mommsen
röm. gesch. 2, 164; ein unfertiges staatsleben Freytag 18, 242; wie unfertig die politische tüchtigkeit des volkes auch sei 15, 243; auf unfertiger oder unsicherer grundlage 14, 3.
von personen unreif, unentwickelt, infantil u. dgl.: sie war viel zu jung, als sie das handwerk (
einer lehrerin) begann .. so blieb sie unfertig und intriguant in allen ihren manieren Gutzkow 8, 246; ein so unfertiger halbmensch
ritter vom geist 1, 391; dem gastspiel der unfertigen anfängerin
jahrb. d. Grillparzerges. 8, 185; sie sind beide noch unfertig, sind weder kinder noch erwachsene Frenssen
Jörn Uhl 147; herr Braun ist ja noch so unfertig in jeder beziehung Hauptmann
eins. menschen 56; unfertig im denken, im ausdruck, in der darstellung.
vgl.A II 1
inhabilis. B@33)
das unfertige kann aber auch höher gestellt werden als das fertige, insofern jede verwirklichung bereits einen abfall von der idee darstellt und die verheiszung gröszer ist als die erfüllung: selbst das unfertige schien als solches von hoher geheimer bedeutung Steffens
was ich erlebte 7, 362; unfertiges ward in die welt gewirkt; drum dauert sie Immermann 15, 346; dieser mangel gab in seinen augen ihrem gesichte etwas reizend kindliches, lieblich unfertiges 3, 31; jenen kindlich erhabenen und, wenn ich so sagen darf, rührend unfertigen zug v. Saar 7, 36.
kennerhafte kunstheuchelei und wissenschaftliche geziertheit zieht das bruchstück dem ganzen, das unfertige dem fertigen
vor. B@44)
ein neuer begriff ergiebt sich aus der gegenüberstellung des fertigen
und des werdenden (unfertigen)
im sinne Göthes (
Faust 182; Boucke 37. 168. 304. 312). der unfertige
ist der strebende. von Hebbel
aufgenommen (Boucke 313): jedes unfertige wesen leidet
tageb. 4, 222; einen unfertigen, planlos strebenden Holtei
erz. schr. 2, 182; jener thatsachen .., dasz wir zur zeit noch im unfertigen (
im werden) leben Gutzkow 10, 284; ach das kind! erwiderte er, den kinder als unfertige, immerfort fordernde wesen gar nicht interessirten Laube 2, 211; mein dichterisches schaffen war zu jener zeit noch gar sehr unfertig (
im werden, reifen, streben begriffen) Rosegger II 15, 150; der ewig unfertige Friedrich Schlegel Minor
Schlegels pros. jugendschr. vorr. ix.