unbedeutend,
adj. adv. ,
gegentheil des vor Göthe (
th. 1, 1227; Boucke 130)
nicht so geläufigen und von Adelung
noch nicht verzeichneten bedeutend.
ähnliche verschiedenheit im nl., wo auch onbeduidend
stark entwickelt, beduidend
rein verbal und auf zusammensetzungen (veelbeduidend
u. s. f., vgl. th. 12, 2, 152)
beschränkt geblieben ist. nl. wb. 10, 938.
frz. insignifiant
und signifiant.
während die ältere sprache in der wortbildung einen andern weg eingeschlagen hat und mnl. onbediedelijk (
mnl. wb. 5, 212
ininterpretabilis),
nhd. unbedeutlich (Stifel
th. 1, 1229
insignificans; vgl. unten unbedeutlichkeit,
auch unbedeutsam),
dän. ubetydelig (
ordb. 7, 338
b),
schwed. obetydlig
schuf, knüpft das erst unserer class. litteratur angehörige neuere unbedeutend (Adelung 4, 831)
nach form und begriff wohl an das seit anfang des 17.
jhs. gängige engl. insignificant Murray 5, 338
a.
nicht so alt scheint frz. insignifiant Littré 2, 1, 112
c.
dasz unbedeutend
bei dieser sachlage mundarten fehlt (Fischer 1, 749),
ist natürlich; andere kennen es, z. b. luxemb. onbedeitend
wb. 313
b;
nl. onbeduidend
nl. wb. 10, 938;
schwed. obetydande.
wenn das nhd. unbedeutend
den begriffsumfang des engl. insignificant,
das auch fruchtlos, gemein, nichtswürdig bedeutet, nicht erreicht, so kommt ihm andrerseits doch die vertiefung zugute, die bedeutend
besonders durch Göthe (Boucke 130)
erfahren hat. AA.
adj. A@II.
anfangs ist der verbale zusammenhang mit bedeuten
noch fühlbar. so in der verb. mit dat.: wenn du heute wähltest und morgen wegwärst, wär mir's unbedeutend (
würde das für mich nichts bedeuten) Klinger
n. theater 1, 191; dasz der mann von einer gewissen würde im charakter zu viel stolz hat, sein ganzes wesen nach jeder ihm unbedeutenden gesellschaft umzuformen, .. ist wohl sehr natürlich Knigge
umgang 1, 4.
ähnlich mit für: wackere, jedoch für die welt im groszen unbedeutende menschen Göthe 40, 362, 17
Weim. zur umschreibung eines verb.: ob er (
der mensch) zu dieser oder jener gattung gehöre, das ist unbedeutender Fr. Schlegel
Athenäum 2, 8.
vgl. nichtsbedeutend, gleich-, viel-, wenig-
u. s. f. -bedeutend. A@IIII.
länger als der verbalcharakter blieb die grundvorstellung von bedeuten (
vgl. auch Eberhard-Lyon 202
16)
in unbedeutend
lebendig. A@II@11)
im sinne unseres classischen idealismus, mehr oder weniger philosophisch, zur bezeichnung des wesenlosen, nichtideenhaften, gehaltlosen, aller dinge ohne tiefere bedeutung. das gegentheil bedeutend
bei Göthe (R.
M. Meyer
archiv f. n. spr. 96, 28) '
alles, was auf ein tieferes, tiefstes sein deutet': und ist denn das leben ein traum, .. so eitel, so unwesentlich, so unbedeutend als ein traum Wieland
Ag. 1, 31.
anders wesentlich
und bedeutlich
th. 1, 1229; dank der groszen lebendigen natur, dasz solche idealische schemate, in sich selbst unstandhaft und unbedeutend, nirgend existiren Herder 22, 174; nichts in der welt ist unbedeutend Schiller 12, 95 (
Picc. 2, 1); mein unbedeutend welkes leben Hölderlin 2, 82, 16.
hier konnte die terminologie neuerer culturphilosophie anknüpfen, die vom unbedeutenden
im sinne axiologischer forschung redet Braun
stud. z. bedeutungsforsch. 1, 13.
vgl. 4. A@II@22)
in der kunst und besonders beim künstlerischen sehen und gestalten nichts bedeutend, leer, uncharakteristisch, charakterlos, ohne persönlichen geistigen ausdruck: an der nase macht .. das fleischige unbedeutende .. einen fatalen effekt
allg. d. bibl. anh. 25/36, 1290; nichts als eine .. unbedeutende ebene (
gärten in der manier des Le Notre) Hirschfeld
theorie 4, 9; wir sehen das einfache grün einer frischgemähten wiese mit zufriedenheit, ob es gleich nur eine unbedeutende fläche ist Göthe II 5, 1, 3
Weim.; das weisz man aber allenfalls zu sagen, dasz es (
das bild) unwirksam, dasz es unbedeutend sei I 45, 303, 28
Weim.; unbedeutende, nichtsversprechende gesichter Klinger
werke 3, 73; zur engsten und am ende unbedeutendsten manier Wackenroder
herz. 59; die natürliche kälte ihres charakters machte sie im sang und flügelspiel beynahe unbedeutend Schubart
ästh. 144; eine ästhetisch so unbedeutende that Treitschke
aufs. 1, 44.
vgl. 4. A@II@33)
in der sprache nicht betont, ohne eigengewicht, gleichgültig, ohne bedeutung, connotatio (Mauthner
wb. d. phil. 1, 91
a): bei unbedeutenden wörtern, partikeln Herder 5, 195; unbedeutende sylben Knigge
umg. 1, 20; das unbedeutende e A. W. Schlegel
Athen. 1, 13; in einem weitläufigen stil und unbedeutenden phrasen Göthe 22, 296, 18
Weim. A@II@44)
allgemeiner; doch so, dasz die grundvorstellung, wie meist bei Göthe (Bohner 48),
noch den ausschlag gibt: die unbedeutende sprache der galanterie Lessing 2, 402 (
Em. Gal. 2, 6); aber dem unbedeutenden gekläffer kleiner geister und elender käffer gehe ich mitleidig und lächelnd vorbei Kortum
Jobs. 3, 4; dann hoff ich in ihrer (
Lottens) seele nicht unter der grosen unbedeutenden anzahl verlohren zu gehen (
anzahl von menschen ohne bedeutung) Göthe IV 2, 33
Weim.; das ist eckelhafte unbedeutende zweydeutigkeit (
die nichts —
ehrliches —
bedeutet)
ebd.; (
pflicht,) die dienstboten nicht blos mit allgemeinen und unbedeutenden (
bedeutungslosen, nichtssagenden) attestaten zu entlassen 22, 71, 21
Weim.; das bedeutende wie das unbedeutende leben I 36, 350; 46, 86, 26
Weim.; vgl. 1; Hamlet unbedeutend unter ihnen (
den hofleuten) 22, 187, 12
Weim.; ein unbedeutendes siegel,
das nicht so viel bedeutet und daher nicht so auffällt wie das herzogliche IV 8, 316
Weim.; wer flicht die unbedeutend grünen blätter zum ehrenkranz verdiensten jeder art?
Faust 154; alle meine sorgen liegen unbedeutend (
ohne etwas zu bedeuten) weit hinter mir Tieck
schriften 8, 45; bei den unbedeutendsten gesprächen macht er gesichter von gröszter bedeutung Brentano
ges. schr. 5, 416. A@IIIIII.
die grundvorstellung verblaszt, und mit hilfe des prägnanten gebrauchs etwas, viel zu bedeuten haben, bedeuten
wird das völlig zum adj. gewordene wort zu einem einfachen qualitäts- und quantitätsbegriff, der noch von Adelung
als figürlich gemeint empfunden wurde: unwichtig; unerheblich; klein, gering, geringfügig, schwach; was nichts auf sich hat, untergeordnet, belanglos; nichtig, unscheinbar, winzig, unansehnlich; gelegentlich auch eintönig, langweilig u. ä. A@III@11)
von sachen. A@III@1@aa)
als qualitätsbegriff: die sparsamkeit vieler ältern haben (!) diese sonst wichtigen (
hofmeister-)stellen so unbedeutend gemacht, dasz Gottschedin
br. 2, 97; wie gern hätte ich auch den meinigen (
namen) verborgen, der wenigstens ebenso unbedeutend ist Dusch
verm. kr. u. sat. schr. αβ; ein unbedeutendes wort
theater d. Deutschen 17, 25; unter dem unbedeutenden vorwande Meiszner
Alc. 1, 333; ein unbedeutender stosz Sturz 1, 133; scharmützel Herder 5, 283; dinge Göthe 47, 333, 13
Weim.; zwist 8, 82, 12
Weim.; bücher 45, 197, 23
Weim.; charteque, unbedeutende schrift Kinderling 122; nur lauter unbedeutende kleinigkeiten Forster 2, 171; in den augen des weltregenten ... ist manches, das uns gar wichtig erscheint, sehr unbedeutend Stilling 3, 52; der gesang (
einer meise) ist .. unbedeutend Naumann
vögel 4, 108; mit unbedeutenden abänderungen Dahlmann
fr. rev. 107; einer unbedeutenden schramme Holtei
erz. schr. 2, 62; fieberschauer Grabbe 3, 552; er hat genug nicht blumen können pflücken, um mit gewinde, strausz und kranzgeflecht ein unbedeutend liebeln aufzuschmücken Rückert 3, 111; so unbedeutend freilich ... ist dieses mehr auf seiten des menschen nicht D.
F. Strausz 6, 136; in unbedeutenden spuren Allmers
marschenb. 1, 2, 65; Hans ... machte den unbedeutenden versuch eines bücklings Freytag
handschr. 1, 87. A@III@1@bb)
quantitativ: wenn die stallungen unbedeutend waren, so fand man die keller desto geräumiger Göthe 33, 168
Weim.; dieses ... unbedeutende flämmchen 49, 141, 20
Weim.; hügel IV 3, 88, 2
Weim.; (
einflusz bei den wahlen) ist doch sehr unbedeutend Archenholz
England u. It. 1, 1, 29; trotz seiner unbedeutenden kleinheit Schubert
verm. schr. 1, 24; in Holland wäre sein vermögen unbedeutend gewesen Arnim 1, 289; unbedeutende besoldungen Dahlmann
fr. rev. 21; (
hühner) scharren auf dem boden ein unbedeutendes nest Oken
naturgesch. 7, 861; ein unbedeutender flusz H. Grimm
Michelangelo 1, 72; füsze Gutzkow
ges. werke 6, 199; ertrag Luschin v. Ebengreuth
münzkunde 215; garnison Moltke
ges. schr. 1, 59; ackerzipfel Keller 4, 88; das unbedeutende .. näschen des neugeborenen Raabe
hungerpastor 2, 1. A@III@22)
von personen mit bezug auf innere und äuszere eigenschaften: diesen unbedeutenden menschen Gerstenberg
rec. 85, 20; sein eigenes unbedeutendes ich Ayrenhoff 9, 5; anfangs schien er (
Odysseus) .. unbedeutend (
ἀεικέλιος) von ansehn Voss
Od. 6, 242
Bernays; die alten Sabiner wurden ganz unbedeutend Niebuhr
röm. gesch. 1, 62; ich bin ein armes, unbedeutendes mädchen Novalis 4, 175; ein unbedeutender ... kopf Mommsen
röm. gesch. 3, 17; weil es der unbedeutenden, kleinen Stiglmayr .. beliebt hat, sich einen katarrh anzuschaffen Fontane I 4, 7; ein unbedeutender stubenhocker Keller 8, 163.
auch collectiv: ein unbedeutendes oberhaus Möser 1, 338; unbedeutende gemeinden Mommsen
röm. gesch. 1, 48; das bis dahin unbedeutende Armenien 2, 264. A@III@33)
gern in der litotes in fast allen bedeutungen: ein nicht unbedeutender .. geschichtschreiber Bode
Mont. 2, 221; er .. bewilligte ein nicht unbedeutendes bogenhonorar Müllner
dram. werke 8, 62; von einer nicht unbedeutenden höhe Immermann 1, 84; eine nicht unbedeutende minderheit Ranke 1, 187; die regierung Friedrich III. war mit nichten so unbedeutend 1, 69; ich spielte .. gewisz nicht die unbedeutendste rolle Jahn
Mozart 3, 175; ein nicht unbedeutender ackerbau Hoops
waldb. 283.
vgl. nicht ganz nichtsbedeutend
th. 7, 727. BB.
adv.: einem prinzen, der sein compliment sehr unbedeutend machte Archenholz
England u. It. 1, 2, 506; er lebte nicht mehr so einzeln und unbedeutend Moritz
A. Reiser 234, 26; unbedeutend verwendet Iffland 1, 95; ich bin ... nicht unbedeutend vorgerückt W. v. Humboldt
br. an Welcker 48; augen, die pfiffig und unbedeutend in die welt hineinsahen Fontane I 5, 63.
vgl. auf unbedeutende weise Justi
Winckelmann 1, 434.
zur gradsteigerung: der feind soll nicht unbedeutend stark sein Körner 4, 215; bis auf einen unbedeutend kleinen theil Eichhorn
staats- u. rechtsgesch. 2, 40.
in älteren fällen liegt participiale auffassung nicht fern th. 1, 1229. CC.
steigerungsformen sind sehr häufig und schon unter A
und B
reichlich berücksichtigt. zum superl. vgl. das stärkere die nichtsbedeutendsten Schiller
th. 1, 1227.
die hin und wieder auftauchende falsche schreibung unbedeutensten (
z. b. Jacobs
verm. schr. 6, 528)
ist durch einwirkung von wortbildungen, die auf das part. prät. und den inf. zurückgehen (Wilmanns
gr. 2, § 292),
entstanden. unfest war das participiale d
schon früher Weinhold
mhd. gr. § 373.
vgl. unbedeutenheit. DD.
substantiviert: weil ich in den commentarien etwas wiewohl gantz unbedeutendes gesagt habe Lichtenberg
br. 2, 123; was raiz preta betrifft, kommt man denn doch nach und nach aus dem ungewissen in's sichere, leider zugleich aber auch in's unbedeutende Göthe IV 41, 95
Weim.; dasz er das unbedeutende faszt und das theure zurückläszt
Hermann u. Dorothea 1, 123; man erträgt die unbequemen lieber, als dasz man die unbedeutenden duldet
schr. d. Götheges. 21, 4; diese armselige politik ..., glücklich, wenn sie das wesentliche von dem unbedeutenden abzusondern versteht Forster 3, 132; den unbedeutenden spielen Arndt
sämmtl. werke 1, 112; (
die brüder Grimm haben) die andacht zum unbedeutenden (
ein ausdruck Boisserees) ... zu einem ehrennamen gemacht Scherer
kl. schr. 1, 7; der hang zum ... sentimental-unbedeutenden ... schien in der kunst immer mehr um sich greifen zu wollen Göthe 48, 65, 11
Weim. —