übertreten,
v. ,
mhd. übertreten;
mnd. overtreden. II.
in untrennb. verbindung. I@AA.
die mhd. bedeutung '
auf jem. oder etwas treten',
woraus weiter '
niedertreten, besiegen',
bzw. '
betreten, heimsuchen, überfallen'
sich entwickelte (
s. mhd. wb. 3, 98
f. u. Lexer
handwb. 2, 1668),
stirbt nhd. ab und ist im 16.
u. 17.
jahrh. blosz vereinzelt zu belegen, vgl. überknätten mit füssen oder überträtten, darauf stampfen Frisius 1271
a s. v. supercalco; einer aus noht im krieg den andern übertretten, vertrucken und zerquetschen musz Dannhawer
catechismusmilch (1657), 2, 127;
J. de Acosta America (1605) 225.
die finster nacht uwertrad in Wigand Gerstenberg
chron. 408; Butschky
hd. kanzlei 244. I@BB.
über etwas hinweg, hinaus treten, transgredi, die nhd. herrschende bedeutung. bereits mhd. und mnd. in breiter verwendung, überwiegend in bildlichem und metaphorischem verstande, s. die mhd. wbb. a. a. o.; Schiller-Lübben 3, 282; Ottokar
steir. chron. 96200.
in den glossaren, wbb. u. idiotiken seit dem 15.
jahrh. regelmäszig gebucht. I@B@11)
transitiv, bei persönl. subj. I@B@1@aa) die schwelle, eine grenze ü.: I@B@1@a@aα) mein fusz soll nicht mehr ihre thürschwelle übertreten Holberg
dän. schaub. (1743) 2, 9.
vgl. Hoffmannswaldau
u. a. D. ...
ged. (1697—1727) 7, 27; Henrich
ernst- u. scherzh. ged. 2, 208; übertritt einer vom umstand den äuszeren kreis, so wird er zur ordnung gerufen Dahlmann
gesch. v. Dännemark 2, 214. I@B@1@a@bβ) das ziel ü.,
schon mhd., z. b. Hesler
apokalypse 3255.
nhd.: sein zyl ist ihm von gott gestelt, das nyemandt übertretten mag Hans Sachs 1, 450
K.; vgl. auch 11, 408; 12, 391; W. Spangenberg
anbindbr. (1623) N 3
a; K. Stieler
geharnschte Venus 99
ndr. I@B@1@a@gγ)
bildlich für excedere: mit der fraw Venus ... die schnur ... grob ü. Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 919; wenn seine sachen am allerbesten stehen, so übertritt er das böglein und schlecht aus dem geschirr G. Maier
histor. lustgarten (1625) 1, 122. I@B@1@a@dδ) eine grenzlinie, schranke ü.
z. b. die grenzen seines vaterlandes ü.
für überschreiten. meist im bildlichen sinne: seine (
Göthes) ... phantasie hatte die schranken der regel zu eng gefunden und übertreten Schiller 6, 240
G.; die freude führ' ich an der schönheit zügel, die gern die zarten grenzen übertritt 15
1, 12. I@B@1@bb) ein gesetz, ein gebot ü.,
mhd., mnd., nhd. allgemein: ich die zehen gebott nit gehalten und übertretten hab
manuale curatorum (1516) 74
b; warumb übertretten deine jünger der eltesten aufsetze?
Matth. 15, 2; C. Hedio
chron. germ. (1530) P 5
a; das verbot übertretten
erste dtsche bibel 3, 472
K.; Lohenstein
Ibr. Sultan (1680) 1, 72; G. Keller 4, 62; ein gesatz überträtten, brächen,
legem tollere Frisius 1314
a; 1324
a; Stieler 2337;
Steinbach 2, 851; wenn man alle gesetze studiren sollte, so hätte man gar keine zeit sie zu übertreten Göthe 42
2, 132
W.; Hegel 12, 221; den willen gottes Zwingli
dtsche schr. 1, 263; Frey
gartengesellsch. 57
B.; du ... hast ... seine ordnung veracht und übertretten Luther 26, 609
W.; wir ... sehen das sie (
d. kirche) ... das auszgetruckte wort ... offenbarlich und mutwilliglich ubertrit Fischart
binenkorb (1588) 14
a; eydt und bündtnüssen Xylander
Polybius (1574) 468; eheliche treu Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 2, 298
b; einen befehl Lessing 18, 283
M.; verträge Heilmann
pelop. krieg (1760) 94; pflichten Zimmermann
ü. d. eins. 1, 255; vorsätze Göthe 24, 38
W.; vorschriften
handelsgesetzb. § 563.
spontan für übergehen, auslassen: wie kan ich übertretten in einer solchen groszen kranckheit, dasz ich sie (
die ärzte) nicht ermahn auffzustehen vom schlaff? Paracelsus
op. (1616) 1, 589. I@B@1@cc)
in der älteren sprache (
mhd., mnd. u. 16.
jahrh.)
in der bedeutung übertreffen, entwickelt aus transgredi, über jem. oder etwas hinausgehen: antecedere Diefenbach
ml.-hd.-böhm. wb. 220;
gloss. 214
c; 424
c; 451
c s. vv. excellere, percellere, precellere; Schöpper
synon. (1550) f 5
b.
der bedeutung transgredi stehen noch belege aus myst. nahe: süllen wir komen in ein bekentnisse der unsichtlicher dinge, so müssen wir übertretten die gesichtlichen ding Tauler 239
V.; Seuse
d. schr. 520
B. übertreffen: er was gar fürpüntig weis ..., also das er ... all ander fürsten mit lob übertrat U. Füetrer
bayr. chr. 163
Spiller; Heyden
Plinius (1565) 39; du übertritzt alle frauen mit der schone deines fleisches
Bonaventura deutsch marial (1516) 8
b. I@B@22)
transitiv bei unpersönl. subject. I@B@2@aa) das wasser, der flusz übertritt das ufer,
tritt über das ufer: dasz er (
der see) die hohen ufer zu übertreten drohte E. v.
d. Recke
tageb. einer reise 4, 186. I@B@2@bb) (
erklärung einer zeichnung:) die ausschweyffung überdrit unden die fierung pey dem d A. Dürer
underweysung d. messung (1525) K 6
a. I@B@2@cc)
übertreffen (
s. o. B 1
c): ir zucht, ir wiplich ere ... alle juncvrowen übertrat
väterb. 36 256; dein schön (=
Marias schönheit) Thamar ferr übertritt Hätzlerin
liederb. 258
b. die hymlische (
sc. brüderschaft) die alle ander übertritt, wy das golt ubirtritt kupfer odder bley Luther 2, 756
W.; er
der röm. hof) weyt übertritt der Türcken untugent 7, 6; 8, 382; 18, 484; (
der pabst) lasz seinen hoff nit aller kunigen hoff, mit prangen und kosten ubirtreten 6, 432; ein zahl die ander übertritt zweyfältig, dreyfältig Riese
rechenb. 15
b; also überdriett eynname die auszgabe Diefenbach-Wülcker 881. I@B@33)
intransitiv aus 1
durch ellipse des obj. entstanden: I@B@3@aa)
sündigen. mhd. belege s. mhd. wb. a. a. o.; Lexer
a. a. o.; Egerer fronleichnamssp. v. 958.
nhd.: prevaricari Diefenbach
gloss. 458
b;
über sein gebühr thun, felschlich, untrew ... handeln Faber
thes. (1587) 905
b; Kramer 2 (1702), 1137
a.
seit dem 18.
jahrh. veraltet, s. die bemerk. zu Luthers
bibelspr. bei Heynatz
antibarb. 2, 496
und Teller
beurth. 2, 139.
im 18.
und 19.
jahrh. noch vereinzelt im anschlusz an den sprachgebrauch der bibel: und alles Israhel übertrat (Luther: verhurete sich)
richter 8, 27
Koburger bibel; deut. 32, 51
ebda.; wenn ich ein wenig übertrette, so ist er flugs hinter mir mit der ruten Luther 32, 500
W.; de mensche ... dannoch övertredet unde sundiget Rotmann
restitution 69
ndr.; wer da übertritt, ... der hat keinen gott
theatr. diabol. (1569) 170
a; dann ich mir fürgenommen hab, nit mit einem wörtlin ze überträten
ps. 16 A
Zürcherbibel (1534); dein snur Thamar hat übertreten (
vulg.: fornicata est)
gen. 38, 24
cgm. 341
in Münch. mus. 3, 107; er (
Adam) schemet und verbarge sich, als er het ubertretten glich Murner
badenf. 8, 23; wer übertritt, wirt überschütt mit unfall ... P. Speratus
bei Wackernagel d. kirchenl. 3, 39; zu stolz in seiner grösze den schöpfer anzubeten, sah der erstaunte himmel den engel übertreten Dusch
verm. w. (1754) 99; strenges gesetz grub ich mir ein in erzt ... aber ich hielt es nicht aus, übertrat und begann! Klopstock
oden 2, 28
M.-P.; worin jeder sündiget, fehlet und übertritt, alsbald musz das arme glück es versehen haben Schottel
friedenssieg 10
ndr.; Rückert 12, 24.
spontan bei Luther 15, 164
W. als trennb. verbindung. I@CC.
besondere verwendungen. I@C@11) den fusz übertreten,
verrenken: den schimmel ..., der ... den fusz übertreten hatte Hebel 2, 310
B.; Chph. v. Schmid
ges. schr. 2, 159.
häufig reflexiv: so sich die rosz übertreten ... oder sonst mangel haben an den schenckeln Toxites
horn d. heils M 3
b; Uhland
ged. 1, 330;
briefw. 3, 259.
subst. inf.: wenn man einen falschen tritt thut und sich dabei verletzt, das nennt man ein übertreten Auerbach
schr. 1, 16. I@C@22) die schuhe übertreten,
austreten: to tread out or down one s shoes Hilpert 2, 648
b.
in unfester verbindung, s. portraits (1779) 117. I@C@33)
ohne ergänzung in ellipt. wendung: das pferd übertritt,
tritt mit den hinterfüszen über die spur der vorderfüsze, s. Ludwig teutschengl. lex. a. a. o. IIII.
in trennb. verbindung, intrans.: II@AA. von einem gebiet in ein anderes ü.: so war ich ins eigentliche Algäu wieder übergetreten H. v. Barth
Kalkalpen (1874) 224; ich ... trat von schutt und schnee auf felsen über 624; auf römisches gebiet ü. Mommsen
röm. gesch. (1894) 5, 196; auf das rechte Maasufer Moltke
ges. schr. u. denkw. 3, 76. II@BB. zum feinde ü.
u. ä., s. Steinbach
a. a. o.; schont meines lebens, ich trete zu euch über! Schiller 3, 138
G.; 14, 344; Mommsen
röm. gesch. 1, 370; zu der andern partei Ranke 9, 33; zum katholischen glauben Miller
Siegwart (1777) 1, 55; Fontane I 2, 148; 4, 401.
seltener in eine religion ü.,
s. Thümmel
reise 3, 135; Gervinus
gesch. d. d. dicht. 5, 548; aus dem regiment Lichtenstein in das regiment Tiefenbach Fontane I 1, 15; aus einem zustand in den entgegengesetzten Göthe 24, 289
W.; G. Keller 3, 57.
als feste verbindung ungewöhnlich: Carl Grillparzer übertrat ... zum zolldienste
jahrb. d. Grillparzerges. 1, 365.
bei unpersönl. subj.: die groszen gedanken ... waren in die dichtung übergetreten Gervinus
a. a. o. 2, 7.
übergehen, sich verwandeln: einseitigkeit, die leicht in stumpfsinn übertritt Hippel
s. w. 9, 39. II@CC.
vom wasser gesagt: der flusz tritt über,
tritt aus: superstagnare Steinbach
a. a. o.; ich hatte gehört, der flusz sei übergetreten Göthe 19, 151
W.; H. Grimm
Michelangelo 1, 235; das häufig übertretende meer Kosegarten
Ewalds rosenmonde (1791) 310; Tieck
schr. 18, 135; übergetretene flüsse Ranke 2, 274; Liebig
chem. br. (1844) 336. II@DD.
verkehrssprachlich prägnant für '
über die stränge treten',
vom pferd gesagt: das pferd hat übergetreten,
transiluit pede retinacula Stieler 2337;
vgl. auch Kramer
a. a. o.; Ludwig
teutsch-engl. lex. 1803. II@EE.
landschaftlich: II@E@11) (
fries.) he tredd aver,
tritt mit dem einen fusz über den andern weg, ist betrunken Kern u. Willms
Ostfriesl. (1869) 118 2) (
österr.) an einem der seitenaltäre trat ... ein priester über (=
trat zum altar um messe zu lesen) Stifter 3, 135 (
s.überstehen B 5). —