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übertreten

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DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

übertreten v.

Bd. 23, Sp. 610
übertreten, v. , mhd. übertreten; mnd. overtreden. II. in untrennb. verbindung. I@AA. die mhd. bedeutung 'auf jem. oder etwas treten', woraus weiter 'niedertreten, besiegen', bzw. 'betreten, heimsuchen, überfallen' sich entwickelte (s. mhd. wb. 3, 98f. u. Lexer handwb. 2, 1668), stirbt nhd. ab und ist im 16. u. 17. jahrh. blosz vereinzelt zu belegen, vgl. überknätten mit füssen oder überträtten, darauf stampfen Frisius 1271a s. v. supercalco; einer aus noht im krieg den andern übertretten, vertrucken und zerquetschen musz Dannhawer catechismusmilch (1657), 2, 127; J. de Acosta America (1605) 225. die finster nacht uwertrad in Wigand Gerstenberg chron. 408; Butschky hd. kanzlei 244. I@BB. über etwas hinweg, hinaus treten, transgredi, die nhd. herrschende bedeutung. bereits mhd. und mnd. in breiter verwendung, überwiegend in bildlichem und metaphorischem verstande, s. die mhd. wbb. a. a. o.; Schiller-Lübben 3, 282; Ottokar steir. chron. 96200. in den glossaren, wbb. u. idiotiken seit dem 15. jahrh. regelmäszig gebucht. I@B@11) transitiv, bei persönl. subj. I@B@1@aa) die schwelle, eine grenze ü.: I@B@1@a@aα) mein fusz soll nicht mehr ihre thürschwelle übertreten Holberg n. schaub. (1743) 2, 9. vgl. Hoffmannswaldau u. a. D. ... ged. (1697—1727) 7, 27; Henrich ernst- u. scherzh. ged. 2, 208; übertritt einer vom umstand den äuszeren kreis, so wird er zur ordnung gerufen Dahlmann gesch. v. Dännemark 2, 214. I@B@1@a@bβ) das ziel ü., schon mhd., z. b. Hesler apokalypse 3255. nhd.: sein zyl ist ihm von gott gestelt, das nyemandt übertretten mag Hans Sachs 1, 450 K.; vgl. auch 11, 408; 12, 391; W. Spangenberg anbindbr. (1623) N 3a; K. Stieler geharnschte Venus 99 ndr. I@B@1@a@gγ) bildlich für excedere: mit der fraw Venus ... die schnur ... grob ü. Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 919; wenn seine sachen am allerbesten stehen, so übertritt er das böglein und schlecht aus dem geschirr G. Maier histor. lustgarten (1625) 1, 122. I@B@1@a@dδ) eine grenzlinie, schranke ü. z. b. die grenzen seines vaterlandes ü. für überschreiten. meist im bildlichen sinne: seine (Göthes) ... phantasie hatte die schranken der regel zu eng gefunden und übertreten Schiller 6, 240 G.; die freude führ' ich an der schönheit zügel, die gern die zarten grenzen übertritt 151, 12. I@B@1@bb) ein gesetz, ein gebot ü., mhd., mnd., nhd. allgemein: ich die zehen gebott nit gehalten und übertretten hab manuale curatorum (1516) 74b; warumb übertretten deine jünger der eltesten aufsetze? Matth. 15, 2; C. Hedio chron. germ. (1530) P 5a; das verbot übertretten erste dtsche bibel 3, 472 K.; Lohenstein Ibr. Sultan (1680) 1, 72; G. Keller 4, 62; ein gesatz überträtten, brächen, legem tollere Frisius 1314a; 1324a; Stieler 2337; Steinbach 2, 851; wenn man alle gesetze studiren sollte, so hätte man gar keine zeit sie zu übertreten Göthe 422, 132 W.; Hegel 12, 221; den willen gottes Zwingli dtsche schr. 1, 263; Frey gartengesellsch. 57 B.; du ... hast ... seine ordnung veracht und übertretten Luther 26, 609 W.; wir ... sehen das sie (d. kirche) ... das auszgetruckte wort ... offenbarlich und mutwilliglich ubertrit Fischart binenkorb (1588) 14a; eydt und bündtnüssen Xylander Polybius (1574) 468; eheliche treu Dentzler clavis ling. lat. (1716) 2, 298b; einen befehl Lessing 18, 283 M.; verträge Heilmann pelop. krieg (1760) 94; pflichten Zimmermann ü. d. eins. 1, 255; vorsätze Göthe 24, 38 W.; vorschriften handelsgesetzb. § 563. spontan für übergehen, auslassen: wie kan ich übertretten in einer solchen groszen kranckheit, dasz ich sie (die ärzte) nicht ermahn auffzustehen vom schlaff? Paracelsus op. (1616) 1, 589. I@B@1@cc) in der älteren sprache (mhd., mnd. u. 16. jahrh.) in der bedeutung übertreffen, entwickelt aus transgredi, über jem. oder etwas hinausgehen: antecedere Diefenbach ml.-hd.-böhm. wb. 220; gloss. 214c; 424c; 451c s. vv. excellere, percellere, precellere; Schöpper synon. (1550) f 5b. der bedeutung transgredi stehen noch belege aus myst. nahe: süllen wir komen in ein bekentnisse der unsichtlicher dinge, so müssen wir übertretten die gesichtlichen ding Tauler 239 V.; Seuse d. schr. 520 B. übertreffen: er was gar fürpüntig weis ..., also das er ... all ander fürsten mit lob übertrat U. Füetrer bayr. chr. 163 Spiller; Heyden Plinius (1565) 39; du übertritzt alle frauen mit der schone deines fleisches Bonaventura deutsch marial (1516) 8b. I@B@22) transitiv bei unpersönl. subject. I@B@2@aa) das wasser, der flusz übertritt das ufer, tritt über das ufer: dasz er (der see) die hohen ufer zu übertreten drohte E. v. d. Recke tageb. einer reise 4, 186. I@B@2@bb) (erklärung einer zeichnung:) die ausschweyffung überdrit unden die fierung pey dem d A. Dürer underweysung d. messung (1525) K 6a. I@B@2@cc) übertreffen (s. o. B 1 c): ir zucht, ir wiplich ere ... alle juncvrowen übertrat väterb. 36 256; dein schön (= Marias schönheit) Thamar ferr übertritt Hätzlerin liederb. 258b. die hymlische (sc. brüderschaft) die alle ander übertritt, wy das golt ubirtritt kupfer odder bley Luther 2, 756 W.; er derm. hof) weyt übertritt der Türcken untugent 7, 6; 8, 382; 18, 484; (der pabst) lasz seinen hoff nit aller kunigen hoff, mit prangen und kosten ubirtreten 6, 432; ein zahl die ander übertritt zweyfältig, dreyfältig Riese rechenb. 15b; also überdriett eynname die auszgabe Diefenbach-Wülcker 881. I@B@33) intransitiv aus 1 durch ellipse des obj. entstanden: I@B@3@aa) sündigen. mhd. belege s. mhd. wb. a. a. o.; Lexer a. a. o.; Egerer fronleichnamssp. v. 958. nhd.: prevaricari Diefenbach gloss. 458b; über sein gebühr thun, felschlich, untrew ... handeln Faber thes. (1587) 905b; Kramer 2 (1702), 1137a. seit dem 18. jahrh. veraltet, s. die bemerk. zu Luthers bibelspr. bei Heynatz antibarb. 2, 496 und Teller beurth. 2, 139. im 18. und 19. jahrh. noch vereinzelt im anschlusz an den sprachgebrauch der bibel: und alles Israhel übertrat (Luther: verhurete sich) richter 8, 27 Koburger bibel; deut. 32, 51 ebda.; wenn ich ein wenig übertrette, so ist er flugs hinter mir mit der ruten Luther 32, 500 W.; de mensche ... dannoch övertredet unde sundiget Rotmann restitution 69 ndr.; wer da übertritt, ... der hat keinen gott theatr. diabol. (1569) 170a; dann ich mir fürgenommen hab, nit mit einem wörtlin ze überträten ps. 16 A Zürcherbibel (1534); dein snur Thamar hat übertreten (vulg.: fornicata est) gen. 38, 24 cgm. 341 in Münch. mus. 3, 107; er (Adam) schemet und verbarge sich, als er het ubertretten glich Murner badenf. 8, 23; wer übertritt, wirt überschütt mit unfall ... P. Speratus bei Wackernagel d. kirchenl. 3, 39; zu stolz in seiner grösze den schöpfer anzubeten, sah der erstaunte himmel den engel übertreten Dusch verm. w. (1754) 99; strenges gesetz grub ich mir ein in erzt ... aber ich hielt es nicht aus, übertrat und begann! Klopstock oden 2, 28 M.-P.; worin jeder sündiget, fehlet und übertritt, alsbald musz das arme glück es versehen haben Schottel friedenssieg 10 ndr.; Rückert 12, 24. spontan bei Luther 15, 164 W. als trennb. verbindung. I@CC. besondere verwendungen. I@C@11) den fusz übertreten, verrenken: den schimmel ..., der ... den fusz übertreten hatte Hebel 2, 310 B.; Chph. v. Schmid ges. schr. 2, 159. häufig reflexiv: so sich die rosz übertreten ... oder sonst mangel haben an den schenckeln Toxites horn d. heils M 3b; Uhland ged. 1, 330; briefw. 3, 259. subst. inf.: wenn man einen falschen tritt thut und sich dabei verletzt, das nennt man ein übertreten Auerbach schr. 1, 16. I@C@22) die schuhe übertreten, austreten: to tread out or down one s shoes Hilpert 2, 648b. in unfester verbindung, s. portraits (1779) 117. I@C@33) ohne ergänzung in ellipt. wendung: das pferd übertritt, tritt mit den hinterfüszen über die spur der vorderfüsze, s. Ludwig teutschengl. lex. a. a. o. IIII. in trennb. verbindung, intrans.: II@AA. von einem gebiet in ein anderes ü.: so war ich ins eigentliche Algäu wieder übergetreten H. v. Barth Kalkalpen (1874) 224; ich ... trat von schutt und schnee auf felsen über 624; auf römisches gebiet ü. Mommsen m. gesch. (1894) 5, 196; auf das rechte Maasufer Moltke ges. schr. u. denkw. 3, 76. II@BB. zum feinde ü. u. ä., s. Steinbach a. a. o.; schont meines lebens, ich trete zu euch über! Schiller 3, 138 G.; 14, 344; Mommsen m. gesch. 1, 370; zu der andern partei Ranke 9, 33; zum katholischen glauben Miller Siegwart (1777) 1, 55; Fontane I 2, 148; 4, 401. seltener in eine religion ü., s. Thümmel reise 3, 135; Gervinus gesch. d. d. dicht. 5, 548; aus dem regiment Lichtenstein in das regiment Tiefenbach Fontane I 1, 15; aus einem zustand in den entgegengesetzten Göthe 24, 289 W.; G. Keller 3, 57. als feste verbindung ungewöhnlich: Carl Grillparzer übertrat ... zum zolldienste jahrb. d. Grillparzerges. 1, 365. bei unpersönl. subj.: die groszen gedanken ... waren in die dichtung übergetreten Gervinus a. a. o. 2, 7. übergehen, sich verwandeln: einseitigkeit, die leicht in stumpfsinn übertritt Hippel s. w. 9, 39. II@CC. vom wasser gesagt: der flusz tritt über, tritt aus: superstagnare Steinbach a. a. o.; ich hatte gehört, der flusz sei übergetreten Göthe 19, 151 W.; H. Grimm Michelangelo 1, 235; das häufig übertretende meer Kosegarten Ewalds rosenmonde (1791) 310; Tieck schr. 18, 135; übergetretene flüsse Ranke 2, 274; Liebig chem. br. (1844) 336. II@DD. verkehrssprachlich prägnant für 'über die stränge treten', vom pferd gesagt: das pferd hat übergetreten, transiluit pede retinacula Stieler 2337; vgl. auch Kramer a. a. o.; Ludwig teutsch-engl. lex. 1803. II@EE. landschaftlich: II@E@11) (fries.) he tredd aver, tritt mit dem einen fusz über den andern weg, ist betrunken Kern u. Willms Ostfriesl. (1869) 118 2) (österr.) an einem der seitenaltäre trat ... ein priester über (= trat zum altar um messe zu lesen) Stifter 3, 135 (s.überstehen B 5). —
9952 Zeichen · 390 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

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  1. 1050–1350
    Mittelhochdeutsch
    über trëten

    Mhd. Handwörterbuch (Lexer) · +6 Parallelbelege

    über trëten BMZ Parz. 602,15.

  2. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Übertreten

    Adelung (1793–1801) · +3 Parallelbelege

    Übertreten , verb. irreg. S. Adelung Treten . 1. Übertreten, ich trete über, übergetreten, über zu treten, als ein Neutr…

  3. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    übertreten

    Goethe-Wörterbuch

    übertreten [bisher nicht publizierter Wortartikel]

  4. modern
    Dialekt
    übertrëten

    Elsässisches Wb. · +2 Parallelbelege

    übertrëte n 1. wie hochd. Rda. Er het s elft Gebot üwertrëtte n er hat sich erwischen lassen Bf. 2. vertreten, verrenken…

  5. Spezial
    übertreten1

    Deutsch-Ladinisch (Mischí) · +1 Parallelbeleg

    über|tre|ten 1 vb.intr. 1 jí surafora, jí porsura 2 ‹sport› jí surafora, passé surafora 3 (in eine andere Phase) passé (…

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit uebertreten

3 Bildungen · 2 Erstglied · 0 Zweitglied · 1 Ableitungen

Zerlegung von uebertreten 2 Komponenten

ueber+treten

uebertreten setzt sich aus 2 eigenständigen Lemmata zusammen. Die Klammerung zeigt die Hierarchie der Komposition; Klick auf einen Bestandteil öffnet seine Etymologie.

uebertreten‑ als Erstglied (2 von 2)

übertrëtende

Lexer

über-trëtende part. adj. BMZ md. obertretende, ausgezeichnet Ludw. 3,19 ;

übertretenlich

DWB

uebertreten·lich

übertretenlich , adj. u. adv. : überflüssiger, übertrettenlicher, unmessiger, nimirus, habundans, excessivus voc. theut. (1482) hh 7 b ; pre…

Ableitungen von uebertreten (1 von 1)

Unübertreten

Campe

Unübertreten , — trieben , adj . u. adv . nicht übertreten, nicht übertrieben.

Zitieren als…
APA
Cotta, M. (2026). „uebertreten". In lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern. Abgerufen am 18. May 2026, von https://lautwandel.de/lemma/uebertreten/dwb
MLA
Cotta, Marcel. „uebertreten". lautwandel.de, 2026, https://lautwandel.de/lemma/uebertreten/dwb. Abgerufen 18. May 2026.
Chicago
Cotta, Marcel. „uebertreten". lautwandel.de. Zugegriffen 18. May 2026. https://lautwandel.de/lemma/uebertreten/dwb.
BibTeX
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