übertreiben,
v. II.
in untrennb. verbindung, mhd. übertrîben. I@AA.
zu viel treiben, jagen, sodann überanstrengen: labore, cursu frangere, fatigare Wiederhold (1669) 351
b:
nimium exagitare, immodice urgere Stieler 2322;
müd machen Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 2, 298
b; I@A@11) ein pferd
u. ä. ü.,
s. Kramer (1702) 2, 1128
a; Rädlein (1711) 909
a; du erkennest, das ich zarte kinder bey mir habe, dazu vieh und seugende küe; wenn sie einen tag übertrieben würden, würde mir die gantze herde sterben
1 Mos. 33, 13;
ebenso Zürcher bibel (1531); so ein muoterpfärdt empfangen hatt, so sol man acht haben, dasz man sölche nit mit arbeit übertreybe Forer
Gesners thierbuch (1563) 134
a; wann du eynen zugochssen kaufft hast, so übertreibe in nit bald das erste jar Sebiz
feldbau (1579) 124; des ersten ... tages wolten sie ihre last- und reitthiere nicht übertreiben, sondern sie algemach zu solcher reise angewehnen Bucholtz
Herkuliskus (1665) 484.
sprichwörtlich: willige rosz sol man reiten, doch nit übertreiben S. Franck
sprichw. (1541) 1, 34
a; Seb. Brant
narrensch. 59, 10
Z.; Murner
narrenbeschw. 227
ndr.; Fischart
Eulensp. 461
H.; W. Spangenberg
ausgew. dicht. 341
M. I@A@22)
in weiterer verwendung: plus aequo urgere, injustum jugum imponere Schönsleder
prompt. (1647) J ii 7
a. I@A@2@aa) die kargen hausherrn, die ir gesinde übertreiben Luther
zu Jesus Sirach 4, 36 (
Bindseil 7, 538); (
leute,) welche ... ihr gesind und pferd kaum mögen ... ruhen sehen sonder on auffhör ... sie übertreiben Sebiz
feldbau (1579) 26; 36;
F. Rhot
Jesus Sirach 1, 856
b; Opel-Cohn
dreiszigjähr. krieg 385. I@A@2@bb)
jem. ungebührlich drängen, bedrängen, belästigen, mhd. s. R. v Ems
Wilh. v. Orlens 10 473; ob ain holzknecht ain nachpaurn übertrib, das der nachpaur geweisen mecht, ob gott dem nachpaurn hülfe, das er die oberhant gewunn und den holzknecht wundet ..., das wär dem nachpaurn gen dem gericht unschedlich
tirol. weisth. 2, 313 (
a. 1303).
nhd.: I@A@2@b@aα) wo er (
d. herrscher) nit übertriben und gleichsam gemüssiget war, leget ers allwege in die langen kisten S. Franck
Germ. chron. (1538
im augst) 273
b.
vom drängenden gläubiger dem schuldner gegenüber gesagt: Altprager stadtrecht 103
Rössler; Th. Platter 106
Boos. I@A@2@b@bβ)
mit arbeit überladen, zu viel zumuthen, mit pers. u. abstract. object: last eur mann eur maister nit beleiben, das si euch nit übertreiben
fastnachtsp. 1, 490, 17
K.; E. Alberus
fabeln 191
ndr.; schweiz. schausp. d. 16.
jahrh. 1, 24, 196
B.: Scheit
Grobianus 559
ndr.; (
er starb) von seinem geylen weib übertrieben in oder gleich nach sollichem werck Guarinonius
grewel d. verw. (1610) 1140; doch soll man das männlein nicht zu sehr übertreiben und ihm nicht zu viel zumuthen Cl. Brentano
ges. schr. 6, 431; die jungen kräfte ü.,
s. E.
M. Arndt
s. w. 1, 75; zum andern söll er (
d. erzieher d. kinder) ... die zarten gemüther nicht übertreiben Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 96; Rabener
s. w. 4, 165.
mit sachobj.: die säge übertreiben,
ihr zu viel zumuthen, sie über gebühr anstrengen, s. Ryff
chirurgie 11
b. I@A@2@b@gγ)
reflex.: fein mäszig essen, tranck und arbeit auff sich laden, disz macht es, dasz der mensch wohl bey gesundheit bleibt: so bald er aber sich mit einem übertreibt, so stirbt er eh als sonst Opitz
opera (1690) 1, 356. I@A@2@b@dδ)
synonym mit überbieten, übersteigern: Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 15; J. Fr. Löwen
schr. 3, 14. I@A@2@b@eε)
aufreizen: mit gelächter und gespött übertreyben und widerweysen,
risu obruere Frisius 895
b; (
der bisem bringt die fallend sucht,) wo er hitzige höupter mit seinem geruch übertreybt Forer
Gesners thierb. (1563) 30
b.
vgl. noch Göthe 9, 108
W. I@A@33) eine pflanze übertreiben.
schnell, bzw. zu schnell wachsen machen: der bôm wirfet uf daʒ saffe in die schössling; der denne den bôm übertriben wil, der muoss daʒ saff in den bôm twingen
Georgener pred. 15
R.; eine pflanze ... verwelket ... früher, wenn sie durch dünger übertrieben wird Bremser 52; Dehn
weinbaubuch (1629) 51.
auch reflexiv: diejenigen bäume, welche im vollmonden gepfropfft werden, ... übertreiben sich zu zeitlichen
schles. wirthschafftsbuch (1712) 215; Ratzeburg
standortsgewächse (1859) 225.
bildlich: sein verstand hatte sich übertrieben, wie eine frühzeitige frucht, welche welkt, wenn sie reifen soll Rabener
s. w. 4, 284; diesen bäumen gleicht der witz, sucht ihn nicht zu übertreiben, ehrt die wirkende natur Hagedorn
poet. w. (1757) 2, 26. I@A@44)
formelhaft gebunden: eim die augen übertreiben,
ihn weinen machen, s. Frisius 495
a s. v. excio; Aler
dict. (1727) 2, 1951
b; Kramer-Moerbeck (1768) 354
c;
N. Manuel
Barbali 1636
B.; welches (
geschenk) dem könig Vladislao die augen übertrieben hat Megiserus
annales Carinthiae (1612) 1292; Moscherosch
ges. (1650) 2, 616; (
trinken) bis der dampf die augen übertreibt U. Bräker
s. schr. 2, 98; die galle ü. Guarinonius
grewel d. verw. (1610) 494. I@A@55)
in der sprache der alchymie und chemie: destillieren, s. Jacobsson 4, 470
a;
to sublimate Hilpert 2, 648
a;
zu lange schmelzen: jedoch sollen die silber auffm test nicht übertrieben werden, dann die test werden von übriger hitz weich Ercker
beschr. aller mineral. ertzt (1580) 31
a;
einkochen: bey dem übertreiben (
des caffees) gieng ... ein grünliches wasser ... über
allgem. d. bibl. 6, 2, 178.
bildlich: Kant 6 (1839), 24
Hart. I@A@66)
in der handwerkerspr. der schlosser: eisen, blech ü.,
zu sehr in die breite hämmern, so dasz es reiszt. I@BB.
in abgezogenem gebrauche aus 2,
bzw. 3
und 6
entwickelt und in der neueren sprache in breiter verwendung. I@B@11) ein ding ü.,
der sache zu viel thun Kramer (1702)
a. a. o.; modum excedere in re Dentzler
a. a. o.; man übertreibt eine sache,
wenn man ihr etwas zuschreibet oder zumuthet, was die schranken ihrer art überschreitet und entweder unmöglich oder doch unnatürlich ... ist Sulzer
theorie d. sch. künste 4, 618.
vgl. auch Frisius 652
b s. v. immodicus; man soll guot ding nit übertreiben Gengenbach 296
G.; die freuden, die man übertreibt, verwandeln sich in schmerzen
volksthüml. lieder d. Deutschen 472
Böhme; so übertrieb Patroklus seine bestimmung und sank ... von Apollo ... getroffen Herder 17, 179; seinen fleisz ü. Chr. Weise
d. drey klügsten leute (1675) 349; seine gebärden Wackenroder
an Tieck 2, 19; den ausdruck Caroline 1, 110
W.; seine rolle Lessing 6, 144
M.; H. Steffens
was ich erlebte 2, 81; übertreibe deine sparsamkeit nicht! Hebbel
br. 3, 22; die gesetzmacherei ü. Bismarck
ged. u. erinn. 2, 207; wie magst du deine rednerei nur gleich so hitzig übertreiben? Göthe 14, 83
W. I@B@22)
mit unbestimmtem obj.: man übertreibts, übermachts Aventin 1, 459, 5
L.; wenn ir ... es mit mir übertreyben wöllend,
si porro esse odiosi pergitis Frisius 909
a; er (
d. schriftsteller La Bruyère) übertreibt alles Gottschedin
br. 1, 195
R.; übertreib es ... nicht mit tanzen Göthe
an Christiane IV 16, 260
W.; man musz nichts übertreiben Immermann 2, 138. I@B@33)
elliptisch ohne ergänzung. I@B@3@aa) sie übertreiben und fallen ins lächerliche Miller
briefw. 3
ak. fr. (1778) 1, 16; keine gebärde war mehr richtig, sie (
die kinder) übertrieben wie schauspieler, die nichts empfinden Göthe 25
1, 194
W. I@B@3@bb)
übertreibend erzählen: man erfährt nie etwas ordentliches durch ihn, weil er meistens übertreibt Göthe IV 20, 153
W.; zeitungsberichte, die nach der einen oder andern richtung übertreiben Moltke
ges. schr. u. denkw. 4, 213; ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dasz ... Göthe IV 21, 232
W.; Wieland
Lucian (1788) 1, 267. die gefahr ü. Schiller 8, 48
G.; die plünderungen in ... Hessen sind sehr übertrieben worden Herwegh
br. 330
H. I@B@44)
part. präs. in adj. function: die heldin, eine ... Engländerin, wie sie sich der übertreibenden fantasie einer Französin darstellt W. Schlegel
in Athenäum (1798—1800) 2, 322; übertreibende gerüchte Ranke
2 14, 342; grobe menschen ... erzählen ... mit stark übertreibenden worten Nietzsche
w. I 2, 84; übertreibender witz Gödeke
grundrisz2 5, 547; Bücher
arbeit und rhythmus2 242.
bei concreten: ein übertreibender dichter Herder 3, 67. I@B@55)
part. prät. übertrieben
als adj. u. adv. I@B@5@aa)
zu hoch getrieben, taxiert: so gehören in diese diebsrodel alle übersetzte und übertriebene anschläg der wahren und victualien Dannhawer
catechismusmilch (1657
ff.) 2, 328; eine übertriebene rechnung Bode
Tristram Schandi (1774) 1, 68; J. Möser
s. w. 1, 191
A.; übertriebene preise Dahlmann
gesch. d. franz. revolution (1845) 94; G. Keller 6, 290. I@B@5@bb)
allgemein für übermäszig, übersteigert, überspannt, seit dem 18.
jahrh.: übertrieben
ist das, dessen übermäszigkeit eine wirkung der freyheit ist Eberhard
synonymik (1795—1802) 6, 185; freilich ist in diesem werk (
Spinozas) ... alles hart gesagt und vieles übertrieben Herder 16, 418; die ode (
von Denis) ist ... zu übertrieben, schwülstig für meine ohren Mozart
bei O. Jahn 3, 344; der ausdruck der grösze in den zügen (
einer hl. familie v. M. Angelo) ... ist ganz übertrieben und unnatürlich Fr. Schlegel
s. w. 6, 148; 4, 34; ihr verbittert ihnen dieses elende leben durch ... übertriebene arbeit und schläge J.
M. Miller
pred. fürs landvolk (1776) 1, 9; übertriebne genauigkeit Gerstenberg
schlesw. lit. br. 126, 33; bedenklichkeit Wieland
Agathon (1766/67) 1, 205; freundschaft S. v. Laroche
gesch. d. frl. v. Sternheim (1771) 1, 34; strenge Tieck
schr. 1, 244; höflichkeit E. Th. A. Hoffmann 1, 26
Gr.; vorsicht Grabbe 3, 485
Bl.; sorge Storm
w. (1899) 7, 98; übertriebenes misztrauen J. Möser
s. w. 5, 43
A.; pathos R. Wagner
ges. schr. u. dicht. (1897) 9, 179; übertriebene hoffnungen Hippel
ü. d. ehe (1774) 117; Schleiermacher
pred. (1801) 3; forderungen Göthe 22, 238
W.; ansichten Schnitzler
Anatol (1901) 33; in übertriebenem masze Göthe 49
1, 34
W. comp. u. sup.: eine übertriebnere bescheidenheit habe ich nie gesehen Iffland
theatr. w. 3, 54; in die übertriebenste manier fallen Göthe IV 15, 63
W.; in den übertriebensten ausdrücken Heine
w. 3, 318
E. seltener attributiv bei concreten: doch war er (
Logau) kein übertriebener purist Lessing 7, 353
M.; übertriebene zeloten H. L. Wagner
theaterst. (1779) 20; poeten Göthe 45, 187
W. substantivisch: das übertriebene des ausdrucks Kant 3, 249
akad. ausg.; Gerstenberg
schlesw. lit.-br. 126, 10; bis zum übertriebenen gütig Bode
gesch. d. Th. Jones (1786/8) 6, 455; Ritter
erdk. (1822) 1, 1011; Immermann 1, 169; lust am übertriebenen u. unglaublichen Droysen
gesch. Alex. d. Gr. (1833) 275.
adv.: übertrieben schildern Jung-Stilling
s. schr. 1, 66; ein liebenswürdiges kind, mit dem sie (
d. mutter) übertrieben paradirte Göthe 23, 231
W.; Tieck
schr. 4, 42; ü. eigensinnig Lessing 1, 354
M.; empfindlich Gerstenberg
recens. 383, 31; fromm Miller
Siegwart 2, 545; ehrbar Göthe 8, 280
W.; grosz 27, 232; theuer Schubart
bei Strausz 8, 1, 109; Hebbel
tageb. 2, 234. I@CC. einen ort übertreiben,
vieh oder wild über ihn hintreiben, vgl.: zustellen ... heisset so viel als einen übertriebenen ort mit dem zeuge dergestalt verstellen, dasz das wildpret an solchen ort nicht wieder zurückkomme
Chomel öc. phys. lex. 8, 2448;
allgem. d. bibl. anh. b. 53—86, 1393.
verengt: einen markt mit schönem vieh ü.,
beschicken, s. Berlepsch
Alpen 295.
prägnant in der älteren rechtsspr. vom 15.
jahrh. ab: eine alpe ü.,
zu viel vieh auftreiben, s. urkundenb. d. klosters Heiligenkreuztal 2, 382;
quellen zur rechtsgesch. d. stadt Marburg 1, 298;
mittheil. d. hist. vereins f. Steiermark 37, 185; Unger-Khull 602
a; indessen wurde der Kohlwald von den immer zunehmenden gaissen übertrieben U. Bräcker
s. schr. 1, 39.
sodann auch: vieh auf fremden grund treiben, s. weisth. 1, 44; Egger
gloss. 934
b. I@DD.
in der bergwerkspr. I@D@11) einen ort übertreiben,
weiter aufschlieszen: will er andere örtter in derselbigen zech geweltigen und übertreiben, dasz mag er thun
quelle (
a. 1548)
bei Lori
bergrecht 247
b. I@D@22) fördergefäsze ü.,
über die seilscheiben hinausbefördern Veith
bergwb. 511. IIII.
in trennb. verbindung. II@AA.
intr. vorüber treiben: der strom treibt an den gränzen des landes über Dusch
verm. krit. u. satyr. schr. (1758) 217. II@BB.
trans. über etwas hintreiben: hier darf kein vieh übergetrieben werden Hilpert 2, 648
a; hierauf drosch man ... die ähren durch übergetriebene lastthiere J. H. Vosz
Virgils ländl. ged. 3, 101.
hinübertreiben: schlangen, welche fliegen und durch den westwind aus der libyschen wüste übergetrieben werden Dapper
Africa (1671) 121
a. II@CC.
spontan für untrennb. verbindung in bedeutung I A 4: es habe ihr oft das augenwasser übergetrieben, wenn er (
der sohn) sie so bedient, als wäre sie eine herrenfrau J. Gotthelf
ges. schr. 4, 299.
in bedeutung I A 5
neben untrennb. verbindung häufig: die essentiae vegetabilium sollen mit mittelmäsziger hitze in einem balneo übergetrieben werden Glauber
de Elia artista (1668) 22; Basilius Valentinus
chymische schr. (1677) 1, 407; achthundert retorten ... braucht man, das quecksilber überzutreiben Valvasor
ehre d. herzogthums Crain (1689), 1, 408; destillirte und übergetriebene wasser J. Chr. Sturm
kurtzer begriff d. physic (1713) 134; branntwein ... dreimal überzutreiben Gneisenau
br. 26.
noch in der modernen chemie, s. Muspratt
chemie 1, 35; 925; 6, 1734. —