überhand,
f. und adv. die substantivische geltung welche oberhand (
s. d.)
in alter und neuer zeit in gleicher bedeutung und z. t. in denselben formelhaften verbindungen bewahrte, gab überhand
auf und nahm adverbielle function an: überhand
adj. absolutum ut adverbium Steinbach 1, 689; überhand
ist ein nebenwort Gottsched
beobacht. (1734) 217;
daher auch die adverbiale nebenform überhanden,
z. b. Eyb
deutsche schr. 1, 84, 21; Stolle
Erfurter chron. 120; Arnim 14, 351
Grimm; Staub-Tobler 2, 1394
und die accentverschiebung in der formel überhandnehmen (
vergl.: beständig haben den ton auf der letzten hälfte überhand, überhaupt, überhin Adelung
umst. lehrgeb. 2, 271).
es findet sich aber neben der in alter u. neuer zeit herrschenden artikellosen form auch noch in neuerer zeit der artikel, vereinzelt verbindet sich überhand
auch mit attrib. adjectiven. II.
victoria Hulsius (1618) 253
b; Stör (1650) 498
a; Stieler 752; Frisch
dict. (1719) 568; Hederich (1729) 2404;
voordeel Kramer
deutsch-holl. wb. (1787) 466
c;
übermacht, vorrang, übergewicht Staub-Tobler
a. a. o.; im 16.
jahrh. auch concret für obrigkeit, landschaftlich noch heute in dieser bedeutung, s. Staub-Tobler
a. a. o. I@11) es wirt nydergebeuget werden alle hohe der ubersten und nydergelegt werden alle überhand der prelaten Luther 9, 182
Weim.; dawidder sich der bapst mit seiner rotte auffgeworffen, geleret und gethan hat und sich von aller weltlicher uberhand ausgezogen 24, 707
Weim. concret: (
abgezogene güter wie holz, wasser und dergleichen) soll eyner gemeyn zu gebrauchen widderheim gestalt werden, doch darbey ein uberhandt zu setzen, ane dieselben nichts zu thun 18, 535
Weim. I@22)
der zur adverbiellen function führende gebrauch ist fast durchaus formelhaft beschränkt: ü. haben, halten, bekommen, gewinnen, nehmen. I@2@aa) ü. haben,
praevalere Alberus (1540) O iiy
b;
victoria potiri Stör
a. a. o.; havere la precedenza Kramer (1700) 1, 586
b;
valere Kirsch (1723) 299
a;
domineer Ludwig
teutsch-engl. wb. (1765) 1789. I@2@a@aα)
ohne artikel: dan wie frum wir sein, szo wil doch ye die bosze lust in uns mitherschen und wolt gerne alleine herschen und uberhandt haben Luther 2, 96
Weim.; laszt die sund nit uberhand haben yn ewrem sterblichen corper 7, 329
Weim.; unser zunge soll uberhand haben, uns gepürt zu reden 10, 2, 410
Weim.; die gall überhand hat und vast überflüssig ist in inen Ryff
anatomi (1541) F 4
a; wenn die gerechten überhand haben, so gehts sehr fein zu
Reinicke fuchs (1651) 20; doch hont wir (
menschen) in dem uberhandt, das wier doch haben ein verstandt und mit vernunft uns bruchen künnen Murner
badenfahrt 8, 7, 11; mit trotz, boch und grossem gschrey will jeder haben uberhand und zwingen all welt in sein verstand Fischart
d. gelehrten d. verkehrten 375
Kurz. I@2@a@bβ)
mit art.: democratia ein regiment, darin die gemeinedie uberhand hat Bas. Faber
thesaurus (1587) 238
a; das heimlich verlobnis, das da geschicht hinder wissen und willen derihenigen, so die uberhand haben und die ehe zu stifften recht und macht haben, als vater, muther und was an yhrer stat sein mag Luther 30, 3, 207
Weim.; der schlaf und die treume geben zu versteen, welcher auss den vier humoribus die uberhand hab Agricola 750
teutscher sprichw. (1534) A 4
a. I@2@bb) die überhand behalten, uberwaltigen, ubermechtigen,
praeposse Bas. Faber
thesaurus (1587) 817
b; die überhand oder oberhand behalten Frisch
dict. (1719) 568. I@2@b@aα)
ohne art.: das nicht die wolcken und wetter mit irem finsternis den sieg behalten, sondern du mit deinem schönen liecht obliegest und überhand behaltest Luther 30, 3, 581
Weim.; die schlacht ..., in welcher doch endlich der gröste hauff uberhand behielte Schütz
historia rer. Prussic. (1592) 1, D 2
a; ydoch behilden die christen ubbernhandt W. Gerstenberg
chron. 368
Diemar; die meuss behielten uberhand, das froschbluth floss übr alles land Rollenhagen
froschmeuseler (1595) A a a 8
b; er hat und auch behelt mit worten überhand
Reinicke fuchs (1650) 289. I@2@b@bβ)
mit art.: hierin leid er viel widerstandt von den pforten der hellen, doch bhelt er stets die überhandt, siegt ob sein feinden allen
deutsches kirchenl. 4, 15
Wackernagel; gewalt behelt die überhand Ringwaldt
handbüchlin C 5
b; Appius ... nach langem kampff hat die uberhand behalten Xylander
Polybius (1574) 7; die kunst kan zwar der natur gewalt anlegen, aber nicht lang die überhand behalten Harsdörffer
gesprechsp. 6, 128; die betrübnisz behielt endlich die überhand
briefe von u. an Klopstock 139
Lappenberg. I@2@cc) überhand annehmen, bekommen, gewinnen, kriegen
u. ä., meist ohne artikel: überhand bekommen,
überwinden Stör (1650)
a. a. o.; vgl. aber: die überhand gewinnen, bekommen,
de overhand krygen Kramer
deutsch-holl. wb. (1787)
a. a. o. schon mhd.: daʒ der tôt überhant an im gewinnen solde Ottokar
chron. 87627
Seemüller. nhd.: herzog Diet mit seim volk ... nam überhant an, schlueg die Römer und Christen, wo ers nur ankam Aventin 1, 276; gott gebe, dasz ... diese ketzerey nicht bey den meisten in der welt überhand bekommen hat Cramer
Neseggab 2, 82; herr stehe auff, das menschen nicht überhand kriegen
ps. 9, 20.
danach: ach herr, steh du auf, dasz des papstes hauf nicht überhand krieg Opel-Cohn
dreiszigjährig. krieg 260; (
die Türken) möchten gewinnen überhand und straffen unser sünd und schand Brant
layensp. 170
a bei Schmidt elsäss. wb. (1901) 365
b; solicher misbrauch ist on zal, hat überhant gewonnen überal
satiren und pasquille 1, 37
Schade; wenn die bösen feuchtigkeiten uberhand gewinnen, so werden kranckheiten daraus (
redundante bile) Bas. Faber
thesaurus (1587) 109
b; eh' mein schmerz noch überhand gewinnt Gottsched
schaubühne 2, 6.
mit art.: o du ehrgeiz ... wenn du einmal der menschen hertz einnimmst und da also die überhand bekömest Lobwasser
calumnia B 7
b; diesem gestein findet sich lagenweise feiner thon beigemischt, welcher zuletzt die überhand gewinnt Göthe II 9, 329
Weim. mit adjectivischem attrib. ungewöhnlich: um die scheide des 16. und 17. jahrhs. erlitt übrigens diese gattung der moralitäten eine grosze erschütterung dadurch, dasz das weltliche volksschauspiel ... eine grosse überhand gewann Gervinus
gesch. d. deutsch. dicht. 3, 100. I@2@dd)
überhandnehmen, die engste verbindung, die überhand
mit einem verbum einging, mit accentverschiebung, auf zweite silbe, ohne artikel (
doch s. u. e).
prevalere Diefenbach
gloss. 458
b;
vigere 619
c;
invalescere Schönsleder
prompt. (1647) Z 8
a;
ingravescere Stieler
a. a. o.; invalescere, latius serpere, incrementum capere Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 295
b;
vorschlagen, obsiegen Kramer (1678) 1069
b;
s'augmenter par trop Frisch
dict. a. a. o.; praevalescere, excrescere, aggravare, redundare Kirsch (1723) 299
a;
corroborare et inveterascere Hederich
a. a. o., Steinbach
a. a. o.; in alter und neuer zeit ganz allgemein; zumeist, aber nicht stets in üblem sinne; belege für das 16.
jahrh. bei Zarncke
Brants narrensch. 372; ich nehm oder hab überhand Alberus (1540) D diiij
b s. v. prevaleo; ich far furt, nem zu, nem überhand,
invalesco 81
b;
s. auch 45
a. I@2@d@aα)
mit persönl. subject: so der ewig gütig gott tzu mal in dem menschen überhant näme und die stat allain besäss mit im selber Tauler
sermones (1508) 35
a; so bald die kramer und keuffleut also uberhand genommen, ist der adel verdorben Eberlin von Günzburg 3, 160
neudr.; wenn sye (
die spinnen) dermassen überhand nemen, das sye spynnweben in dem korb (
d. bienen) machen, so tödten sye was darinnen ist Eppendorff
Plinius (1543) 11, 186; die wilden thier werden überhand nemen Herr
feldbau 1
a. I@2@d@bβ)
mit unpersönl., bezw. abstractem subj.: und die wasser namen gröszlich überhand auf der erden
1 Mos. 7, 18
erste deutsche bibel; ebenso Luther: also nam das gewesser uberhand, und wuchs seer auff erden; da brennet das gantz dach an der badstuben und name das feur uberhand Nas
das antipap. eins und hundert 1, 59
b; und der hunger nam überhand in der statt
Zainerbibel 4 kön. 25, 3 (gesigt
erste deutsche bibel 5, 454, 61); die boszheit wirdt überhand nemen Diettenberger
wider d. unchristl. buch M. Luthers von dem miszbrauch d. messe (1526) F 4
b; darnach da ... die bos gewonheit uberhand nam
weisheit 14, 16
erste deutsche bibel (
vulgata convalescente iniqua consuetudine); und das heidnische wesen nam also überhand, dasz die priester des opfers noch des tempels nicht mehr achteten 2
Macc. 4, 13; dieweil die ungerechtigkeit wird uberhand nemen, wird die liebe in vielen erkalten
Matth. 24, 12; wo die sunde uberhand nympt, da nympt gnade noch mehr uberhand Luther 14, 74
Weim.; wo disze auffruhr sollte fort dringen und uberhand nemen 18, 292
Weim.; dat der menschen boszheit hefft overhant genommen Rotmann
restitution 47
neudr.; wo mutwill überhand nimpt, hat mässigkeit kein statt (
libidine dominante) Frisius
dict. 778
b; es ist besser, bey zeitte ein artzte suchen ... dann darnach, so die kranckheit überhanden genumen hat Eyb
deutsche schr. 1, 84, 21; das übel hett überhandt gnommen, im war nimmer zu wern S. Franck
chron. Germ. (1538) 132
b; so das wort gottes also krefftigklich überhandt genommen hat Cronberg
schr. 148
neudr.; neid, hasz, hoffart durchausz im land hat gar genummen uberhand Hans Sachs 1, 229
Keller; nun wirt nemen uberhand ungrechtigkeit in allem land 1, 302
Keller; eh' im sein kranckheit grösser wachs und uberhand nem 21, 16
Götze; es namen mattigkeit und schmertz so uberhand, dasz er (
Zerbino) der ohnmacht sich gar nahe nun befand D. v.
d. Werder
rasender Roland (1636) 131; das klingen in dem ohr, der stirnen kalter schweisz, das zittern aller glieder nam plötzlich überhand Gryphius
trauersp. 238
Palm; der sturm nimmt überhand Schiller 14, 369; in diesem augenblicke nahm der tumult vor der hütte überhand Wieland 20, 93; die historische neigung nimmt mit den jahren immer mehr in uns überhand Göthe IV 36, 167
Weim.; der einflusz der societät auf die schriftsteller nahm immer mehr überhand I 28, 59
Weim.; der regen hatte unterdessen überhand genommen Stifter 3, 35; die pedanterie ist die schändliche seuche, die im siebzehnten jahrhundert ... überhand nahm Winckelmann (
Justi 1, 90); meine sorgen nehmen täglich überhand Hartmann
volksschausp. in Bayern u. Österr. 274. I@2@d@gγ)
part.: die
überhandnehmende unwissenheit
br. d. neueste litt. betreffend 15, 98; kampf mit den überhandnehmenden Türken Göthe I 41, 2, 143
Weim.; bei der täglich überhandnehmenden noth der armen Herder 5, 521; gedanken eines wahren Christen .... bei überhandnehmender religionsspötterei
anhang zur allgem. deutsch. bibliothek 1—12, 523; die jetzt so überhandnehmende schwärmerei Kant 10, 101; die überhandnehmende armuth des adels Archenholz
England u. Italien (1785) 2, 30; die überhandnehmende krankheit Schiller 9, 189; die überhandnehmende finsternisz Gentz
schr. 2, 223
Schlesier; die überhandnehmende desorganisation Eichendorff 2, 219; die überhandnehmenden bedürfnisse des staats Kerner
bilderb. (1849) 61; der ... immer mehr überhand nehmende unglaube Schopenhauer 3, 183
Grisebach. I@2@d@dδ)
subst. inf.: die vorstellung von dem
überhandnehmen des Lutherthums Becker
weltgesch. 8, 14; das überhandnehmen einer einseitig künstlerischen richtung Jahn
Mozart 1, 479; das überhandnehmen der russischen macht Ranke 31, 5; das überhandnehmen des aberglaubens D.
F. Strausz
leben Jesu 3, 234. I@2@ee)
mit adj.-attribut ungewöhnlich in dieser verbindung: die meuss namen in der Cycladen insel, Gyaro mit namen, solche uberhand dass sie die leuth frey weg jagten Heyden
Plinius (1565) 162; und wie ir doch seit darzu kummen, das disze laster hond genummen bei euch ein solch grosz überhand
welsch gattung 727. —
überhandnahme, f.: nehmen quarzkörner, glimmerblättchen, und feldspathcrystalle überhand, so nähert sich das gestein (
der gneis) dem granit, durch überhand nahme von hornblende dem syenit Oken
allgem. naturgesch. 1, 490; seit der entstehung und überhandnahme der sekundärschulen ... ist die scheu vor der arbeit eingerissen Gotthelf 19, 305; mamsell Kornett mag vor überhandnahme der lungensucht recht gut gesungen haben
jahrb. d. Grillparzergesellsch. 1, 104; man fürchtet eine überhandnahme des jüdischen geistes Gutzkow 8, 409. —