überfliegen,
v. transvolare. wie beim simplex findet sich auch hier vereinzelt vermischung der formen mit überfliehen,
s. Diefenbach
gloss. s. v. pretervolare, ferner: indem er etlich kranchen hort, welch denselben ort uberflohen B. Waldis
Esop 2, 63
Kurz. du überfleuchst, Quintilius, die wünsche deines knechts H. v. Kleist 2, 378. II.
in untrennbarer verbindung. in mhd. zeit sind die bedeutungen B 3
und C 2 b (
s. u.),
also die bildlichen und abgezogenen verwendungen weit überwiegend bezeugt, s. mhd. wb. 3, 343
b; Lexer
handwb. 2, 1674. I@AA.
über etwas hinfliegen. I@A@11)
transvolo Frisius
dict. 1327
a;
supervolo Calepinus
undecim ling. (1598) 1425
b;
auch iterativ: oft und dick über ein ding fliegen, supervolitare Maaler 442
c; der peste falche, der ie walde überfloge Arigo
decam. 365, 4.
in der luftschiffahrt: eine stadt, einen hafen, einen berg
etc. überfliegen. I@A@22)
bildlich: überschauen, flüchtig betrachten: so du in deiner beschawung all creatur überflogen hast, von irdischen bisz zu den englischen, so vindestu, das all creatur von göttlicher ordnung beschaffen ist Keisersberg
granatapfel (1510) G 7
a; bei diesen worten nahm der könig das pergament und hielt, es mit seinen augen überfliegend, in seiner rede inne H. Laube 2, 217; der ehrwürdige herr schien mich nicht zu bemerken, überflog nur leichthin die bänke der schule Rank
erinnerungen 68
bibl. d. schr. aus Böhmen; du wirst dein lieblos handeln einst bedauern, schlaflos im weichen dunenbette liegend, vergangnes leben innen überfliegend
M. Reich 67
bibl. d. schr. aus Böhmen. I@BB.
darüber hinfliegend etwas bedecken. 1) um mittag überfliegen grosze, ungeheure, formlose massen den himmel Göthe II 13, 488
Weim.; wiesen und wälder welche mit dem ersten grün des frühlings überflogen waren H. Laube 3, 198; ein grämlicher zug überflog sein gesicht Anzengruber 3, 171; Klotilde wurde von einer zürnenden röthe überflogen Jean Paul 7, 60; doch nun geräth der held in solches feuer, dasz helle glut sein antlitz überfliegt Gries
Bojardos verliebter Roland 1, 144.
part.: die brust (
des grauen würgers) ist weisz und sanft rosenroth überflogen Naumann
naturgesch. d. vögel 2, 17; der pelz (
des mandrills) erhält eine olivengrün überflogene färbung Brehm 1, 193
Pechuel-Lösche. 2)
auch factitiv: sein anblick überfliegt ihr antlitz mit einem purpurschein der freude Holtei
erzähl. schr. 12, 181. 3)
in weiterer verwendung für erfassen, ergreifen: die erinnerung an jenen abend überflog ihn mit einer seltsam wehmüthigen gewalt Eichendorff (1864) 3, 136; mich überflog eine gräszliche ahnung
ders. 3, 287; ein leidenschaftliches zittern überflog mich Hebbel 8, 98; in seiner bedrängnisz überflog ihn der gedanke, dasz Ranke 30, 305; und wie mich leicht das mitleid überfleugt, so schwur ich, keinen fleisz für ihn zu schonen L. Uhland
ged. (1864) 447. I@CC.
über etwas hinaus fliegen. I@C@11)
fliegend über etwas hinweg gelangen: schnell war der graben auch, der sich ums lager zog, von diesen stürm'schen schaaren überflogen Schiller 12, 352.
in der weidmannssprache vom hochwild, das eine einzäunung und dergl. überspringt Behlen
forst- u. jagdkunde 6, 705,
vgl. auch überfliehen.
in der luftschiffahrt: das überfliegen ... der demarkationslinien ist auf allen meeren untersagt
waffenstillstandsvertrag mit Ruszland v. 17.
dez. 1917 V, 3.
bildlich: bilde dir nicht ein, dasz ... dein hochmuth das ziel des verhängnusses überflügen könne Lohenstein
Arminius 1, 413
b; eine schrankenlose, alle grenzen des stoffes überfliegende phantasie Solger
nachgel. schr. 2, 602, 1; die grenzen der natur (
in seinem denken) überfliegen Kant 2, 531; gedanken, die unsrer denkkraft schranken überfliegen Vischer
Shakespearevorträge 1, 269 (
Hamlet 1, 4).
subst. inf.: das überfliegen der weiblichen natur und bestimmung von seiten der heldin D. Strausz
schr. 6, 227; überfliegen der vernunft, schwärmerei, aberglaube Fichte 2, 406. I@C@22)
höher, weiter, schneller fliegen, jemanden fliegend überholen, allgemein; auch in d. ma., vgl. Staub-Tobler 1, 1179. I@C@2@aa) man sagt, dasz sie (
die habichte) in der höhe die vögel überfliegen Eppendorff
Plinius (1543) 10, 142; so sy (
die jungen adler) aber basz erstarcket, so überfliegend sy ihre eltern Heusslin
Gesners vogelb. (1557) 3
a; frisch die segel aufgespannt, die vor uns sind, zu überfliegen! Gökingk
ged. 2, 73; zehn klafter überflog dein stein den meinen Raupach
dram. werke ernster gattung 2, 217; vom berge vöglein fliegen und wolken so geschwind, gedanken überfliegen die vöglein und den wind Eichendorff 1, 243. I@C@2@bb)
bildlich für übertreffen, überwinden: aber nach der sele sind wir der göttlicheit also entpfenglich, das uns erlaubt ist, auch die engelischen geist zu überfliegen und eines mit gott werden Adelphus
enchiridion (1520) i 4
a; welche (
die vernunft) ... zu durchschiessen und zu übersteigen oder vielmehr zu überfliegen Cupido pfeile und flügel haben wird Birken
ostländ. lorbeerhain (1657) 49; beide (
Göthe und Schiller) will er (
Kleist) überfliegen
schriften d. Göthe-gesellschaft 14,
einl. 33; denn wir haben musiker hervorgebracht, die nicht blosz mit den welschen wetteifern, sondern sie an genie und reichthum der erfindung überflogen Schubart
ästhetik der tonkunst 36; das hab ich noch nicht erfahren, in der liebe so von einem weibe überflogen zu werden Heinse 4, 230
Schüddekopf; weil mein erlöser hat die engel überstiegen: so kan (wo ich nur wil) auch ich sie überfliegen Silesius
cherubin. wandersm. 43,
nr. 23
neudr. muse Teutoniens, du bietest deiner schwester, der Britin, trotz, und überfleugst sie bald Hölty
gedichte 85
Halm; der du kampf mir angesonnen, wie du sonst mich überfliegst, hoff' nicht, dasz du heute siegst! Uhland
ged. (1898) 1, 408. I@C@2@cc)
reflexiv für excedere: er suchte unter seinen excentrischen jungen freunden zu wirken, wie Merck unter den seinen; er hielt sie in den untern regionen, wenn sie sich überfliegen wollten Gervinus
gesch. d. dtsch. dichtung 4, 401; derselbe dichter, welcher vorhin des sich selbst überfliegens angeklagt wurde, musz nun den tadel einer allzu besonnenen gründlichkeit erleiden Fouqué
gefühle, bilder (1819) 1, 131. weil sich ein sängerherz in freud und hoffnung, und ... auch im raschen zorn leicht überfliegt
altsächsischer bildersaal 1, 137. I@C@2@dd)
part.: wo ist hier der überfliegende geist, der sich mit lauter halsbrechenden und auf stelzen einhergehenden einfällen und worten verräth?
neuest. aus d. anmuth. gelehrsamkeit 5, 200; eine windige, überfliegende, phantastische denkungsart Kant 4, 199; überfliegende gefühle Hippel
kreuz- und querzüge 2, 509; der kühne und überfliegende gedanke der talmudisten, dasz auch gott bete Jean Paul 36, 56; das überfliegende genie Gustavs des dritten Arndt
schr. f. u. an s. l. Deutschen 1, 180; die überfliegendsten bildungspläne Gutzkow 3, 214.
prägnant für transcendent: der gebrauch der idee kann entweder in ansehung der gesammten möglichen erfahrung überfliegend (
transcendent) oder einheimisch (
immanent) sein Kant 11, 491. I@C@33)
über etwas hinweggehen, es auslassen: wenn ihnen ein paar seiten ... zu gelehrt vorkommen, so überfliegen sie dieselbe Herder 15, 331. IIII.
in trennbarer verbindung, intransitiv. 1)
hinüberfliegen: das feuer flog von einem hause zum andern über Hilpert (1845) 636
c; kalt waren seine hände, er war zur hellen heimat übergeflogen (
gestorben) Kerner
dichtungen 557; übergeflogene hühner sandte der nachbar mit verschnittenen flügeln zurück Raumer
gesch. d. Hohenst. 5, 365; indem er (
der feind) nicht konnte begreiffen, wie die zeitung von seinem feindlichem überfall so geschwind nach Batavia übergeflogen wäre Olearius
vermehrte reisebeschr. (1696) 80.
in der weidmannsspr.: ü.
bezeichnet die verbreitungsart durch flug oder wanderung in entfernter gelegene, mit den fraszzentren in keinerlei verbindung stehende waldteile Dombrowski 8, 34
a.
ähnlich: es war seine liebhaberei von ihm ... raubtauben über die stadt auszusenden, die immer mit einigen überfliegenden in die geheime öffnung seines daches heimkehrten Arnim 2, 197.
vgl. auch: die störche, schwalben sind überfliegende vögel, so bei uns nicht überwintern Kramer (1678) 1068
a. 2)
vorbei-, vorüberfliegen: Lexer
a. a. o.; wo sie (
die heuschrecken) über nacht lagen oder nur überflugen, da war alles von irem geschmais verderbt Brandis
gesch. d. landeshauptleute v. Tirol 60; solchs stündlein eines jeden that, darin sie in verraten hat werden Ibici krench genent, die überflogen an dem end, do Ibicus ermordet ward Eyering
proverbiorum copia (1601—7) 2, 209;
in der heutigen sprache durch vorüberfliegen
verdrängt.