tugendlich,
adj. ,
mhd. tugentlich (tugetlich, tugenlich).
in der bedeutung sind tugendlich
u. die übrigen ableitungen (
tugendhaft, -sam)
nur dadurch unterschieden, dasz hier und dort einzelne anwendungen verschieden deutlich sichtbar sind, was zum teil nur eine folge zufälliger bezeugung ist (
s. zu tugendhaft).
zur erkenntnis des wirklichen zustandes sind die verhältnisse des grundwortes zu beachten. AA. '
mächtig, kräftig'
; s. tugend I.
von gott u. Christus wohl nur zufällig vereinzelt belegt: den (
juden) er (
Christus) so dik mAenig falt die gte sin erzOeget hatt gar tugentlich an mAenger statt, do er die siechen machot gesund Konrad v. Helmsdorf
spiegel 1298
L. von der geheimnisvollen fähigkeit der naturdinge. trotz der späteren bezeugung wohl schon mhd. (
vgl.tugendhaft A): so ist er (
Mercurius) doch gantz imperfect und nit tugentlich in seiner operation Paracelsus
opera (1616) 1, 827
C Huser; das ... gesotten und getruncken purgirt tugentlich Schmeller-Fr.
bair. 1, 596; woselbsten (
d. i. bei Marc. 4, 28,
Joh. 12, 24) die tugentliche würkungen der elementen verdeckter weise angedeutet werden Abr. v. Francken. berg
gemma magica (1688) 28; dieser stein ... soll ... vermittels der gestirne sonderbahrer würckung und beider tugendlichen eigenschaften, einen unsichtbar machen können
der unsichtbare Charmion (1697) 17.
vom menschen: (
Philippus) trûc eine tugentlîche maht. awî wî manic volcwîc er vaht wider den kunic Xersen
Vorauer Alexander 85
Kinzel; vgl. Straszburger Alexander: wîten ginc der gwalt sîn, michil was sîn heriscraft 100; den es nimbt die stärcksten und tugentlichsten kinder zun waffen J. v. Brüssel
beschreibg. alles kaiserthums (1602) Aa 2
b; die sagten im: o herr,wir kennen deine stärke, dein weitberühmtes lobund tugendliche werke seyn uns bekandt D. v.
d. Werder
rasender Roland (1636) 71. BB.
vortrefflich, ausgezeichnet, tüchtig. B@11)
mhd. besonders als höfisches ideal, '
edel, zuchtvoll, ritterlich' (
tugend II A, tugendhaft B 1). B@1@aa)
allgemein, ohne nähere bestimmung durch den sachlichen zusammenhang: er sprach 'edel r
iter, nû tuo tugentlichen unde wol, als ichz verschulden sol und ouch mîn herre umbe dich Hartmann v. Aue
Erec 4990
H.; trut geselle, süeziu jugent, gebenediet si daz lant von gote, da ie kein marschant erzoch so tugentlichez kint! Gotteried v. Straszburg
Tristan 3131
R.; man lie si des engelten, daz si lebete in tugentlîcher wîse
Kudrun 1012, 4
S.; (
10 ritter sollen) mit maisterlicher kraft gen tugenlichen eren iuch ziehen und leren und an rehten zúhten wegen Rudolf v. Ems
Willeh 3319
J.; ein heiden wol vormezzen beide gewaldic und rîch, dar bie was er tugentlîch
livländ. reimchron. 262
M. auch auf gott übertragen, also nicht im zusammenhang der macht gottes (A),
oder der sittlichen vollkommenheit als ursprung aller tugend (C),
sondern gott in höfischer weise gesehen (
s. auch tugenthaft B 1 b;
weiter etwa diu gotes hövescheit Hartmann v. Aue
Erec 3461
u. Wolfram v. Eschenbach
Willeh. 1, 10,
wo gottes tugent
höfisch gefaszt ist): got sol mir verbieten durch sînen tugentlichen muot, daz nâch sô werder spîse guot (
am herzen ihres geliebten) in mich kein swachiu trahte gê Konrad v. Würzburg
herzmœre 495
Schr. entsprechend von Jesus: 'wen suecht ir so gedrange?' 'da tue wir Jesum Nazareth.' er antwurt tûgentlichen: 'das pin ich' Oswald v. Wolkenstein 117, 84
Sch. B@1@bb)
mit hervorhebung einzelner züge, wie milte, triuwe
usw. in diesen einzelzügen liegen die ansätze und übergänge zum ethischen gebrauch (
s.C 2),
z. b. in dem edlen, ritterlichen verhalten frauen und unterlegenen gegenüber: in tugentlîchen zühtendiu frouwe rûmte ir lant, si kuste ir næhsten friundedie si bî ir vant
Nibelungenl. 493, 1
L.; nu daz er do ze hove kam, Marke der tugende riche der enpfienc in tugentliche und mit im all die sine Gottfried v. Straszburg
Tristan 486
R.; so dienet man da schone den armen und den richen harte herlichen, daz sin tugentliche dinc
graf Rudolf D b 18
in: C. v. Kraus
übungsbuch1 60; da viel er im zu fuezs: 'wer du seyst, erparme dich taugentlich uber mich! Heinrich v. Neustadt
Apollonius 1393
S.; daz er sô tugentlîchen fuor an der magt Ulrich v. Eschenbach
Alexander 23989; der junge furste riche nam si ouch dugentliche in sine arme bede iesa: drostes wart die maget da von ir mahel innen bracht
hl. Elisabeth 1228
R. von da auch auf die menschl. gestalt als ausdrucksform '
tugendlichen'
wesens übertragen, '
schön, herrlich': reht als ein troum und sam ein schate, sus wâren alliu schœniu wîp, swâ man ir tugentlichen lîp begunde rehte schouwen. si kunde lichte vrouwen mit ir clârheite blenden Konrad v. Würzburg
troj. krieg 19710; so gedenk ich an ein weib, der so schön an jedem morgen steht ir tugendlicher leib Fr. Rückert
ges. poet. w. (1867) 5, 137.
ablehnend (
vgl.tugend III B 2 a
δ): sô einer eine botschaft hovelîchen gewerben kan oder eine schüzzel tragen kan oder einer einen becher hövelîchen gebieten kan unde die hende gezogenlîche gehaben kan, oder für sich gelegen kan, sô sprechent etelîche liute: 'wech! welch ein wolgezogen kneht daz ist (oder man oder frouwe)! daz ist gar ein tugentlîcher mensche: wê wie tugentlîche er kan gebâren!' sich, diu tugent ist vor gote ein gespötte Berthold v. Regensburg 1, 96, 29
Pf. B@1@cc)
formelhaftes beiwort; einfachhin auszeichnend, ohne greifbaren sinn, für ritter und frauen. vor allem spätmhd. u. frühnhd.: mich fräet ynneclichen in meines hertzen grunt ain fräwlin tugentlichen, ir lieb hatt mich verwundt
liederbuch d. Clara Hätzlerin 73
H.; freundtliche tugentliche fraw Forster
frische t. liedlein 12
ndr. heil und glück sey den erbarn herrn, ... und auch den tugendlichen frawen Hans Sachs 20, 187
lit. ver.; Lienhart Cristen, zunftmaister, gar ein frommer, dugentlicher mann (
Augsburg)
städtechron. 34, 312; ein from, züchtig und tugentlich eheweib Barth
weiberspiegel (1565) f 8
a; Constantinus Clorus ein sehr tugentlich und vornehmer römischer raths-herr Frz. Brandis
d. tirol. adlers ehrenkräntzel (1678) 56.
altertümelnd in neuerer sprache: nun waren daselbst viel junge männer, hübscher tugendlicher gestalt A. v. Arnim
s. w. 11 (1842) 8
Gr.; im jahr Christi 1377 hob sich der tugendliche herzog Albrecht v. Oestreich zur fahrt gegen Preuszen G. Freytag
ges. w. 18 (1888) 225. B@22)
tüchtig, brauchbar, tauglich. fortsetzung höfischer auffassung, aber wohl schon unter dem einflusz der religiössittlichen auffassung. gelegentlich berührung mit '
kräftig'
; s. unter tugendhaft B 2;
vgl. habilis tugentlich (15.
jh. obd.) Diefenbach
gloss. 272
a;
sonst: bequeme, behende, subtil, geschickt
ebda; docibilis, qui idoneus est ut doceatur geschickt und tugentlich gelehrt zu werden Calepinus
undec. ling. (1605) 445
b; sy wolle unsz eynen hübschen, grauen hengst schycken züsampt eynem tügentlichen knaben
bei Steinhausen
privatbr. d. mittelalters 1, 315; und unterricht mich tugentlich wie ich die sach sol greiffen an Hans Sachs 8, 243
lit. ver.; es wirt ouch keiner der selben (
von laien erwählten geistlichen) entpfenglich durch die blossen wal der leyen, er werd dann von den bischouen dartzu geweyhet und tugentlich gemacht Emser in:
Luther u. Emser streitschriften 1, 31
ndr.; wann Cato im friden und krigszleuffen ... tugentlicher, gemainnütziger werck halben ... gelobt worden J. v. Schwarzenberg
teutsch Cicero (1525) 67
a; item eyn halbe beweisung, als so eyner inn der hauptsach die missethat gründtlich mit eynem eyntzigen guten tugentlichen zeuge (als hernach von guten zeugen und weisungen gesagt ist) beweiset
Carolina 35
b Zoepfl (
varianten: tügenlich 34
a, tuglich 37
a); kein pfarr oder sorg der seelen, (
sol) geben werden keinem, dann er seie exami— niert, und tugendtlich darzu erfunden, durch einen doctorn der h. geschrifft A. Henricpetri
niederlendischer ersten kriegen ... ursprung (1575) b 3
a; würde solch geschrey aussbrechen und andere tugendtliche an der vorigen stätte schwerlich zu bekommen seyn Kirchhof
militaris disciplina (1602) 8; und was den valor und tapfferkeit des königs betrifft, so können wir mit warheit dieses von ihm verjehen, dasz, wo mit dem alter und folgenden tugentlichen verrichtungen sein voriger guter name ... zu wegen gebracht, ferner erhaben, und in auffnehmen wird gebracht werden, so sei kein könig vor ihme so mechtig und berühmt gewesen als er
M. Wisaeus
sieben ... gespräche (1625) 2; und damit dise unsre (
Friedrichs I.) keiserliche satzung ... bi würden unzerbrochenlich belibe, habend wir disen gegenwürtigen brief ze schryben und mit unsers insigils ufftruckung ze bezeichnen verschafft und darzu genommen tugentliche zügen (
adhibitis testibus idoneis), so mit namen sind ... Tschudi
chron. Helveticum (1734) 1, 78; Adelger mit tugendlichem muthe sammelte all seine leute, freunde und verwandten (
zum kampfe) Grimm
dtsche sagen (1891) 2, 110. — die bruot sol iren anfang haben nach deme der mond neue ist, denn wo die henne ehe uber gesetzt, kompt nichts tugentlichs herfür Heyden
Plinius (1565) 481. —
den inneren zusammenhang der bedeutungssphären trotz der differenzierung zeigt folgender beleg: daz er sein lieb zu got kere, und sich mit got veraine, auf das er tugendtlich und geschickt sey, götliche wirde ze loben in ewikait Berthold v. Chiemsee
t. theol. 328
R. CC. tugendlich
im religiös-sittlichen sinne. C@11)
seit dem ahd., unter einwirkung des christlichen virtuosus,
vom menschen gesagt, der '
sittlich gut, vollkommen, fromm, edel'
ist: der (
himmlischen) burge fundamenta, die portę ioh die mure daz sint die tiuren steina der gotes fursthelido, undaz eingehellist aller heiligone here, die der tugentlicho in heiligemo lebenne demo burgkuninge ze vurston gezamen
himmel u. hölle 8
bei Steinmeyer
kl. ahd. denkmäler 153; nû soltû erchennen, wenne dîn der gaist des râtes gewîse, dc (=
daz) ist sô dich verwitze verlât. dc dû niht negerest ze sehenne noch ze hôrenne fromidiu dinch, der dich niht nebestêt. dc haizet gedigenhait unde tugentliche gehebede
St. Trudperter hohes lied 146, 30
M.; si hête tugentlîche site si was kûske unt raine, ir gelîche newart nie nehaine, diu mit sô getâner vuoge ir lait truoge, daz sîn nie niemen innen newart
kaiserchroni 1609
Schröder; er sî eigen oder frî, der von geburt niht edel sî, der sol sich edel machen mit tugentlîchen sachen Freidank (
21860) 54, 11
Gr.; diu kunst, diu êwic ist unde ze allen dingen nütze ist und dâ mite man daz himelrîche erwirbet und âne die niemen genesen kan ... unde dâ diu hœhste wîsheit inne beslozzen ist, daz ist tugentlîchez leben David v. Augsburg in:
dtsche mystiker 1, 309, 10
Pf.; so sol der mentsch tugentlich striten und sol got an ruoffen
St. Georgener pred. 114, 31
R.; her nach so wirt der mensche also weselich und als gemein und tugentlich, gtlich und von minsamer wandelunge mit allen menschen ... doch das man iemer enkeinen gebresten von ime enkan gesehen noch vinden Tauler 176, 13
V.; (
der altvater) sagete uns die gotes gebote in maniger wisen lere. sin tugentlich kere rihte uns wol nach unserm vrumen
väterbuch 9586
R.; swer gesiget dem vleische ane, dar zu dem ubelen gespane des ungetruwen trachen mit tugentlichen sachen, den mache ich dar zu einer sul ... in mime gotes temple Heinrich v. Hesler
apokal. 6216
H.; lege sich ûf sîniu baren knie und ruofe tugentlich zuo der magt, diu sünde nie begie Reinmar v. Zweter 20, 5
R.; das sind die werk der erbAermde guot uss tugentlichem miltem muot Konrad v. Helmsdorf
spiegel 964
L.; ach got, wie hâst dû uns sô vil lêr geben an den unvernünftigen erêatûren, dâ mit wir gemant werden zuo tugentleichen werken Konrad v. Megenberg
buch d. natur 203, 6
Pf.; unde wille wij et uns suer laten werden unde wille wij dar wat umme doen, wij sollen wal doghentlick werden Joh. Veghe
pred. 358, 21
Jostes; also ist auch geistliche speis ... der sele zymlich und gelegen zuonemen, dadurch sy ernert werde im glaub, hofnung, lieb, kunst und andern tugenntlichen krefften, so zuo gehoeren geistlichem leben Berthold v. Chiemsee
teutsche theol. (1852) 83. —
im gleichen sinn vom irdischen leben Christi u. Mariae. die bezeugung für gott (
die auch bei tugend,
s. dort iii D
u. tugendhaft C 1,
selten ist)
fehlt bei tugentlich,
vielleicht nur zufällig: owe, sAelger mentsch, gedenke an daz tugentlich leben des rainnen gottes! owe sAelger got, wie waz din leben so gar tugentlich!
St. Georgener pred. 68, 4
R.; sölchs beger durch die abstinentz Christi und durch verdienst syns gnadenrichen, tugentlichen lebens Stephan Fridolin
dtsche pred. 24, 15
Schm.; unser frouwe ist gar unmâzen tugentlich gewesen mit der gedultikeit Berthold v. Regensburg 1, 101, 36
Pf.; sie swuoren bî gotes hulde ... daz nie man bechôme zuo der magede schône mit deheinem ungeverte ... sî (
Maria) hête sich wol geflizzen sô tugentlîcher guote, si kunde wol behuoten ir êren manicvalte unt sich selben mit gotes gewalte priester Wernher
Maria 3191
W.; (
Maria) die kein mal hat verloren ihr tugentliche kron Ringwaldt
evangelia (1581) D 3
a. C@22)
unter dem einflusz des religiös-sittlichen gebrauches bildet sich auch die höfische tugendauffassung um. die übergänge geschehen noch im höfischen rahmen (
s.tugend III B 2 b). C@2@aa)
anfänge der moralischen auffassung von tugentlich
innerhalb der höfischen werte (
vgl. auch die belege unter B 1 b
und die zu α gehörigen unter β u. γ): 'nû lône iu got, hêr Rüedigêr'sprach dô Gernôt, 'der vil rîchen gabe.mich riwet iwer tôt, sol an iu verderbenso tugentlîcher muot
Nibelungenl. 2121, 3
L.; der truhsæz von Veltsperc der sô tugentliche werc begie mit hûsêre Ottokar
reimchron. 1340; daz si (
die unkeuschheit) vertreip und verjeit ûz sînes herzen sinne die tugentlichen minne diu dâ hôchgemüete birt
ebda 17038 C@2@bb)
im anschlusz an den höfischen gebrauch ('
voll anstand',
milte, maze, s. o. B 1 b)
entwickelt sich die bedeutung '
maszvoll, rücksichtsvoll', '
schonend'; '
höflich, freundlich, sanft'.
nur obd.; meist alemannisch, siehe auch den eingeschränkteren gebrauch (
im wesentlichen Keisersberg)
unter tugendhaft,
adj., C 2 a
γ,
ferner tugendhafte,
f., tugendhaftig,
adj. vgl. fründlich, tugentlich und angenäm Joh. Frisius
dict. (1556) 157
b;
placide senfftigklich, tugentlich, hüpschlich, lieblich, freundtlich, gütigklich
ebda 1008
a;
placide still, fridsamlich, sittigklich, thugentlich Calepinus
undecim ling. (1605) 1098
a;
cernix equi applausa hübschlich, sanfft und tugentlich oder lieblich tätscheln Frisius
dict. (1556) 106
b; tugendlich
lenis, commodis moribus homo Dentzler
clavis linguae lat. (1716) 292
b: swaz dô scheltens ergienc, der arme Heinrich ez enpfienc tugentlîchen unde wol, als ein frumer ritter sol, dem schœner zühte niht gebrast Hartmann v. Aue
armer Heinr. 1339
G.; zem ersten das wir lieplich und tugentlichen einer zunfft und swaz zu den zunfften gehoret mit einander uberein kumen sien (
Augsburger zunftbrief v. j. 1368)
städtechron. 4, 134; er enbot ouch den burgern, daz sü die gevangnen tügentliche hieltent Twinger v. Königshofen
Straszburger chron. (1415)
in: dtsche städtechron. 8, 85, 22; und kam der cardinal her und ward so güetig und so tugentlich gegen den von Augspurg, auch die von Augspurg auch widerumb gegen dem bischoff Burkard Zink (
Augsburg 15.
jh.)
in: dtsche städtechron. 5, 213, 6; item ob ain vich ains nachpaurn ainen schaden tuet, das sol er guetlich und tugentlich eintuen und stellen
tirol. weist. 1, 224, 14; und ward och kain unwill nit under inn und leptend all mit ain andern tugenlich Richental
chron. d. Const. conzils 92
lit. ver.; darumb kein frauw ihren mann in seinem zorn bleiben soll lassen, sondern unterstehn in tugentlich darvon abzuwenden
buch der liebe (1587) 299
b.
alte sprache nachahmend: 'gar gern bei meiner treue!' sprach Otnit tugendlich. da schwuren ohne reue gesellschaft beide sich L. Uhland
ged. (1898) 1, 386. C@2@cc)
häufig von der form der rede und des empfanges, beinahe formelhaft; vor allem frühnhd. vgl. adire blandis verbis aliquem mit einem freundlich und tugentlich reden, mit guten worten an einen kommen Frisius
dict. (1556) 32
b;
cum bona venia audire unerzürnt, freuntlich und tugentlich hören, wol zefriden seyn
ebda 350
b: nu merckent hie wie wunnesam der engel zü der magte kam und ir so wunneclich kunt mit sinem tugntlichen mund das sy solt schwanger werden Konrad v. Helmsdorf
spiegel 304
L.; do sprach der engel gar tugentleich Vintler
pluemen der tugent 3088
Z.; und daselbs im velde emphiengen der obgenant Paulus Vorchtel und die anderen unser ratsfrund sein küniglich maiestat mit ersamen tugentlichen worten (
Nürnberg 15.
jh.)
städtechron. 3, 361, 20; darnach kamen die allerschOensten, mechtigosten frawen ... zuo der künigin und empfiengen sie auch zuomal lieplich und mit tugentlichen freuden (
Augsb. 15.
jh.)
ebda 22, 314, 22; (
die markgräfin) empfieng die gab tugentlich und danket der potschaft gar gezogenlich (
Augsburg)
ebda 5, 225, 14; es empfienc in tugentlichen den auszerwelten man
lied v. hürnen Seyfrit 16
ndr.; und also mit solchen hübschen, tugentlichen worten soll sie (
die frau) ihm (
dem manne) sein thörlichen anfechtung unterstehn zu benemen
ritter vom thurm (1593) 36; wol bey sechzig ritter ... empfiengen den graffen und die gräffin tugentlich und gar fast ehrlich
buch der liebe (1587) 265
d; sie kamen für Herodem geritten, der empfleng sie mit tugendlichen sitten: seid ihr willkommen, ihr herren!
Schweizer volkslieder 1, 82
Tobler; der wachter gund in fragen, trauriger man, was gewirdet dir? ... das solt du tugentlich mir sagen
liederb. der Cl. Hätzlerin 9
Haltaus; (
der landsknecht) trat der gute alten frawen für das haus ... sprach sie gantz tugentlich und freundlich an B. Hertzog
schiltwache c 2; (
er) antwurtet jnen tugentlich und gütigklich mit senfften worten Keisersberg
postill (1522) 2, 107; ein fürst mechtig und hochgeporn mit wortten senfft und tugentleich der sasz zu Wien in Osterreich
pfarrer v. Kalenberg 20
ndr.; darumb mein bruder sag mir an und bescheid mich hie gar tugentlich P. Gengenbach 91
G.; (
der) ... empfienge die königliche citation gantz tugendlich J. Ayrer
proc. jur. (1601) 66. C@33)
in neuerer zeit stark hinter tugendhaft
zurückgetreten. C@3@aa) '
sittlich-vollkommen'; '
edel, gut, fromm'.
vgl. ethicus tugentlicher meister (
voc. rer. 1490) Diefenbach
gloss. 211
b: der (
gott) dir hat grosz genad gegeben, das du so tugentlich thust leben Hans Sachs 1, 136, 7
lit. ver.; darum wer wisheit brucht uff erd, der luog das er gebadet werd und rein für gottes augen kum erber tugentlich und frum Th. Murner
badenfahrt nr. 1,
v. 68
Michels; der was ein guoter heyliger man, und hett gott lieb und was tugentlich
summerteil d. heil. leben (1472) 2
a; ir solt auch nit den menschen begeren zu wollgevallen mit ewren claideren, besunder mit ewrem tugentlichen leben Keisersberg
granatapfel (1510) d 4
b; da hat er demütigklich angefangen, tugendtlich zugenommen und seligklich geendet
legend d. heil. vatters Francisci (1512) b 8
b; dann so der mensch lästerhafftig ist, er thue waz er wöll, so thuot ers lästerlich, so er aber tugentlich ist ... so thuot ers tugentlich Joh. Nas
antipap. eins u. hund. 4 (1570) 126
a; nun aber ists weder sünde noch schwachheit, sondern nun wird der christen ehestand, im heiligen gehorsam vor gottes ordnung, tugendlich geführet A. G. Spangenberg
apologet. schlusz-schr. (1752) 2, 599; das tugentliche wesen ... das der heiland wirkt und dem inwendigen menschen anlegt Zinzendorf
Bornimer pred. (1757) 2, 56; er gedachte nach einem halben jahre auf die hochschule zu gehen, wogegen der rektor war, und ihm erklärte, dasz er wissenschaftlich und tugendlich kaum ... in zwei jahren
dazu reif sei W. Harnisch
Kaskorbi (1817) 1, 73; er lenkte allgemach wieder in tugendlichere gespräche ein L. Tieck
ges. novellen (1835) 10, 189.
entwertet: du meinst doch wohl nicht diese leute von tugendlichem temperament? diese guten seelen, die es blosz darum sind, weil sie keine versuchung oder nicht muth genug in sich fühlen, böses zu thun? Wieland
s. w. (1794) 8. 126. C@3@bb)
im zusammenhang der erziehung: das kind Florents ward also tugendlich erzogen, das es jederman wol gefiel W. Saltzman
Octavian (1548) e 4
b; sein underthan zu unterweisen in burgerlichem züchtigem dugentlichem leben Joh. Dietenberger
ob St. Peter zu Rom sey gewesen (
um 1524) f; warum dann wollte man auf seiner eignen kinder gute und tugendliche aufferziehung ... nicht auch also um einen guten und tauglichen mann sich bewerben Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 96; dann erstlich wehren ihr churfürstl. gn. von jugendt auf wol und tugendtlich aufferzogen und educiret
acta publica 2, 361
Palm. C@3@cc)
von regierenden und vom regieren gesagt: bedüdet ouch götlich gewalt, den sie (
könige u. priester) haben manigfalt von got entpfangen gwaltiklich, zuo reygieren dugentlich Th. Murner
badenfahrt nr. 15,
v. 14
M.; der tugentlich fürst
Wilwolt v. Schaumburg 74
lit. ver.; hochgedachter churfürst eyn tugendlicher man gewesen sey J. Agricola
sprichw. (1537) y 5
a; dis geschlecht hat etliche fürtreffliche weise tugentliche fürsten gegeben H. Rätel
Joach. Curäi chron. (1607) 270; o tugentlicher keyser Hartmuth v. Cronberg
schr. 4
ndr. C@3@dd)
in abgeschwächtem sinne '
ehrbar, rechtschaffen, bieder': von hertzen yetzt schier niemand tracht, tugentlich und erbar zu leben Hans Sachs 7, 427, 10
lit. ver.; die kinder solden woll ansehen ... die fromkeitt und redlichkeitt irer eldern, das sie ... auch from, erbar und tugentlich lebten J. S. Egranus
pred. 158
B.; die tischdiener bitt man zu ehren, dasz sie braut und bräutigam, frauen und jungfrauen tugentlich dienen Mathesius
hochzeitpred. (1584) 71
b; nemlich wöllen die römisch keyserlich majestat ... zwen ausz den graffen oder freyherrn und darzuo zwo tugentlich personen ... von der recht gelerten ... zu beysitzern genemmen
d. kays. maj. cammerger. ordnung (1555) 1
b; (
der chirurg) soll sein warhafftig und auffrichtig: mit tugentlichen sitten und geberden H. Braunschweig
chirurgia (1539) 1
b; wir halten uns auch in gemeinem nutz und in täglicher ubung untereinander so tugentlich und on allen argwohn und verdacht, dasz wir niemands vergönnen Xylander
Plutarchus (1580) 91
a; zwen dieb hatten lange zeit inn gemein mit einander gestolen und allweg tugentlich, was si überkamen, mit einander getheilt J. Wickram
w. 3, 78, 1
Bolte; also dasz manches tugendstükke in teutsche zierligkeit bekleidet, vermittelst eines traur- und freudenspieles weltkündig gemacht, hoher leute tugendliches wesen zur unsterbligkeit gebracht ... werden könte Schottel
haubtsprache (1663) 145. C@3@ee)
von der frau, '
sittsam', '
ehrbar', '
keusch': ausz dem schwanck nem ein jungfraw lehr, ... dasz sie sich tugendlichen halt Hans Sachs 21, 264
lit. ver.; (
braut zu ihrem bräutigem:) ihr wisset es schon ... dasz mir die galanterie vormals sehr gefallen hat; aber nunmehro habe ich sie aus meinem hertzen verbannet und werde hinfort nichts, als was tugendlich ist, mir angelegen seyn lassen
ollapatrida 224, 19
Wiener ndr.; die (
schwangeren) frauwen sollen auch rwig, züchtig und still seyn, auch tugendtlich und sittiglich alle jre werck und geschäfft angreiffen J. Ruoff
hebammenbuch (1580) 45; wer hegt bescheidnern, tugendlichern sinn als eure fromme tochter? Schiller 13, 177
G.; es ist ihm eine eigene pflegerin bestellt, wozu immer die älteste tugendlichste magd aus dem frauenzimmer der gräfin genommen wird Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 4, 62; zu edel denkt eur tugendlich gemal, und wohl weisz ich, was sich der diener nicht erkühnen darf L. Tieck
schr. (1828) 5, 548; ihre tochter ... war ... tugendlich und sittsam Musäus
volksmärchen 2, 49
Hempel. —
in dieser engeren bedeutung selten vom manne: was ihn von allen männern ... unterscheidet, ist ... der tugendliche blick seiner augen, welche die einzigen sind, die mich nicht beleidigten S. v. Laroche
frl. v. Sternheim (1771) 1, 106;
ironisch: und mir ists wie dem kätzlein schmächtig, das an den feuerleitern schleicht, sich leis dann um die mauern streicht; mir ists ganz tugendlich dabei, ein biszchen diebsgelüst, ein biszchen rammelei Göthe I 14, 185
W. DD. tugendlich
als attribut zu sachlichen subjekten (
vgl. auch tugendhaft D);
seit dem beginn der bezeugung. mut, gemüt, wesen
als träger tugendlicher
gesinnung: neinâ, hêrre Dietrich,edel ritter guot, lâzâ hiute schînendînen tugentlîchen muot, daz du mir helfest hinnen:oder ich belîbe tôt
Nibelungen 1922, 3
L.; ich waiz daz tugentlicher muot wirt nymmer hellehundes gauch Joh. v. Würzburg
Wilhelm v. Österr. 10498
R.; vellit eyner in torheit balde und vorlusit sinen toguntlichin mud und wel wedir worte noch truwe halde in allin dingin di her tud Joh. Rothe
ritterspiegel 458
Neumann; das tugendliche gemüht adelt uns G. Ph. Harsdörffer
t. secretarius 2 (1659), ):( ):( 6
b; verstand, die erfahrenheit und alle würkungen, welche einem rechtschaffenen tugendlichem gemütte wohl anstehen Butschky
Pathmos (1677) 189. — es befindet sich aber, das die philosophia ... unter vilen andern herlichen anweisungen, darmit sie die leut pflegt zu tugendlichem wäsen aufzupringen, auch aine von ehlicher unterrichtung einhält Fischart
w. 3, 125, 20
H. —
vgl. dazu noch: nâch tugentlicher art
livländ. reimchron. 4438
Meyer; ain guet geporen edelman warb umb ain freulin wolgetan, er sprach ir zue mit tugentlichem siten: 'genad, ain freulin waidelich' Oswald v. Wolkenstein 20, 3
Sch. —
cardinales virtutes tugentlich zucht (15.
jh.) Diefenbach
nov. gl. 75
a. — wenn sie (
die adligen) wolten in ehren gehalten und gefurcht sein, msten sie warlich zuvor gott auch in ehren halten und furchten, damit sie ein gut tugentlich geschrey (
guten ruf) im volck uberkemen Luther 31, 1, 224
W. tugendliches
verhalten bezeichnend, tugendliches leben, werke, taten
usw.: daz wir im (
gott) des alsô gedanken mit tugentlîchem leben Berthold v. Regensburg 1, 565, 17
Pf.; (
Christus) ist das leben das unser ende sol sin, und nach unser múgelicheit, nút alleine mit gedenkende und dankende, sunder mit tugentlichem lebende und gedultigem lidende Tauler 241, 3
V.; so wert em vele banger unde dat wert em vele surer ... dat ghene to latene unde weder to verlerne, des he sick ovele gheweent heff, dan et em werden solde, offt he eerst van nyges begunde eyn doghentlick leven an to gane Joh. Veghe
pred. 271, 37
Jostes; und darumb seind sy kalt und wachsen nit auf in tugentlichem leben Keisersberg
granatapfel (1510) f 1
a. — kein tugent lît an vil tugentlîchen werken, mêr: diu tugent diu ist alsô edel und alsô guot in dem minsten tugentlîchem werke, der dem rehte tuot, als in tûsent werken meister Eckhart in:
dt. mystiker 2, 611, 30
Pf.; aber daz tugentlich guot werk muoste er vil sur erarnen mit marterlichem lidene H. Seuse
dtsche schr. 117, 25
B.; prudencia est recta racio agibilium tugentlicher werken wiserin und ueberin
voc. opt. (14.
jh.) 37
b Wackernagel; eyn hennen vloghe en waert nicht lange, und eyn doghentlick werck en sit nicht vaste, dat uth ghewonte nicht en kumpt Joh. Veghe
pred. 230, 32
Jostes; dann ainer frǒwen gestalt und hüpsche nüczit ist, sölichs hypsche werd dann behulfen mit tugentlichen sitten und wercken Niclas v. Wyle
transl. 98, 38
Keller; tugenntliche werck, als demütig sein, gütig, barmhertzig, keusch Keisersberg
granatapfel (1510) b 6
c. — alsô sprach Kristus 'iuwer lieht sol liuhten vor den liuten'. er meinde die liute, die alleine ahtent der schouwelicheit unde niht ahtent tugentlîcher üebunge unde sprechent, sie bedürfen sîn niht meister Eckhart in:
dt. myst. 2, 19, 8
Pf. — das niemant edel ist gewesen, er hab dann den adel und adels namen mit tugentlichen namhafftigen thatten erlangt S. Franck
chron. (1531) 13
a; kein mensch mit tugendlicher that Aiacem ubertroffen hat W. Spangenberg
bei O. Dähnhardt
griech. dramen 2, 135
lit. ver.; dadurch andere zu gleicher nachfolge in tugendlichem wandel und thaten auffzumunteren J. Rist
Parnass (1652) b 1
a; Nero und Herostratus haben ..., weil sie es durch tugendliche thaten nit konden, durch unthaten berühmt werden wollen S. v. Birken
ostl. lorbeerhayn (1657) 17. — und stets also mich übe nach deinem (
gottes) wort an allem orth in tugendlichen dingen Johann Rist
bei Fischer-Tümpel
kirchenlied 2, 198; nu sehit abir in deszin spigil her und lernit rechte ritter werdin und kommit gotlichin vorhtin ner und den toguntlichin geberdin Joh. Rothe
ritterspiegel 896
Neumann. — ich verfertigte auch eigene sphärentafeln für sie, worauf jeder verzeichnet war mit seiner tugendlichen oder schlimmen aufführung G. Keller
ges. w. (1889) 1, 104. — der hat auch nicht tugendliches verstandes gnug, der sich in der zeit der widerwertigkeit und in einer jeglichen beschwerung verzaglichen haltet und minder zuversicht, denn er thun solt, zu mir hat oder verhoffet Joh. Arndt
Thomas a Kempis (1631) 75.