tüchtigkeit,
f. mhd. (
vereinzelt) tühtecheit,
in der form tuchtikeit (
s. u. 4 a),
mnd., mnl. duchticheit.
entrundet tichtigkeit Lohenstein
Arminius (1689) 1, 1057
a.
bis zum 17.
jh. selten und vornehmlich lexikalisch bezeugt, seit der mitte des 18.
jhs. und der starkeren aufgliederung des wortgebrauchs tüchtig
durchaus sprachläufig; mundartlich ungebräuchlich. 11) '
ritterlichkeit',
entsprechend tüchtig A: dit is noch en kint, dar nyne wisheit noch duchticheit ane is
Lübeck. chron. 1, 394
Grautoff, s. dazu den beleg aus der gleichen quelle ob. tüchtig A. 22)
in den zu tüchtig B
gehörenden gebrauchsweisen, vorwiegend in älterer sprache. 2@aa)
als persönliche eigenschaft. '
tauglichkeit, eignung': welicher einen zeug samlen will der solle fleyssig auffmercken habenn, das er, der tyron (
der rekruten) angesichte, vnd augen, auch aller gelyder geschickigkeit, erkenne ... dan die tuchtigkait, wirt nit durch inditia, und anzeigung, an den menschen alleine, gemarcket, ... sonder auch an rosszen und hunden Vegetius Renatus 4
büch. v. d. rittersch. (1529) A 4
b; also soll eine obrigkeit auf des mannes tüchtigkeit, auf des amptes würdigkeit, auf verwaltungs ehrlichkeit mehr, als auff freundschaft sehen Treuer
dt. Dädalus (1675) 1, 86; hat er auch die gehörige tüchtigkeit zu diesem amte?
theater d. Deutschen (1768) 1, 344. '
das fähigsein, imstandesein zu etwas': wenn man den menschen ... nach dem rang, den er unter den sichtbaren geschöpfen zu behaupten die tüchtigkeit empfangen hat, ... betrachtet Breitinger
crit. dichtkunst (1740) 1, 204; ihr ... habt doch keine tüchtigkeit, mit gesunden worten von diesen dingen zu reden Thierbach
diarium Herrnhuthianum (1750) 2, 210.
ungewöhnlich mit abhängigem gen.: wurden auch an diesem tag die vögel erschaffen, sammt krafft und tüchtigkeit ihrer multiplication, die sollten die lufft erfüllen Abr. a
s. Clara
etw. f. alle 2 (1711) 176.
ausgesprochen im sinne einer passiven eigenschaft: voce passiva die tüchtigkeit, durch anderer ihre stimmen erwählet zu werden (
ggs.: voce attiva die macht, jemand durch seine stimme zu erwählen) Kramer
dizz. (1693) 1268
a. 2@bb)
in sachlicher beziehung. von der sachlichen eigenschaft der brauchbarkeit zu einem bestimmten zweck: die tüchtigkeit des steins, in kalck verbrennt zu werden Scheuchzer
physica (1711) 1, 51; die tüchtigkeit, sowohl des körpers überhaupt, als der besonderen glieder, zu den verrichtungen, die jedem geschlecht und alter natürlich sind Lavater
physiogn. fragm. (1775) 1, 105; der schiffer hat zu sorgen für die tüchtigkeit der gerätschaften zum laden und löschen
handelsgesetzbuch § 514,
abs. 1.
als qualitätsbezeichnung, '
einwandfreie beschaffenheit': was die stärke (
eines baus) erfordert: tüchtigkeit der materialien (1780)
allg. dt. bibl., anhang zu bd. 37-52, 432; ein schöner, groszer mann ... ging vielmal um die maschine (
des luftschiffes) herum und prüfte sie stellenweise um ihre tüchtigkeit A. Stifter
s. w. 1 (1904) 18. '
wirksamkeit',
zu tüchtig B 2 b
δ: weil die medizinische facultät darwieder (
gegen alpdrücken) mit nutzen ihre artzney vorschreibet ... die in grosser menge und tüchtigkeit bey den citirten autoribus nachzuschlagen seynd Prätorius
anthropod. Pluton. (1666) 1, 41. '
stichhaltigkeit',
s. tüchtig B 2 b
ε: sie ... von der tüchtigkeit derjenigen gründe zu überzeugen, welche, wenn ich sie mündlich vorgebracht habe, ihnen allezeit so schwach vorgekommen sind J. J. Schwabe
belustig. (1741) 7, 226.
rechtssprachlich, s. dazu untüchtigkeit
teil 11, 3, 1973: wegen tüchtigkeit oder untüchtigkeit der klage Thomasius
ernsthaffte ged. u. erinner. (1720) 2, 9
als randbemerkung; was nur ... ausser gerichtlich, auch coram incompetente mündlich oder schrifftlich attestiret wird, ist von keiner tüchtigkeit, sondern die aussage musz vor der behörigen obrigkeit ... geschehen
cod. jur. crim. de anno 1751, 95. 33)
wie tüchtig C
in auszeichnendem sinne, zur umschreibung besonderer leistungsfähigkeit oder qualität, in jüngerer sprache als vorherrschender gebrauch. 3@aa)
vorwiegend von personen. 3@a@aα)
in beruflicher oder sonst eingeschränkter anwendung, wie bei tüchtig C 1 a
bereits in älteren ansätzen: stehen in dem wahn, die krafft der predigt stehe in jrem vermOegen, tchtigkeit vnd geschickligkeit Mathesius
Sarepta (1571) 128
b; so der könig Pharao über sein vieh solche leuth zu setzen verordnet, die da wissentlich tüchtig. wie viel mehr wird solche tüchtigkeit von dem predigampt erfordert Dannhawer
cat.-milch (1657) 1, 427: denn zu diesen gehörte Böckh durch seine gelehrten kenntnisse, seine humane bildung und pädagogische tüchtigkeit gewisz Schubart
in: D. Fr. Strausz
ges. schr. (1876) 8, 32; ob deine angelegenheit in den händen eines mannes ist, auf dessen tätigkeit und tüchtigkeit du dich verlassen kannst L. Schücking
an L. v. Gall in: br. von Levin Schücking und Luise von Gall 143
Muschler; dieser letztere, der nach Stosch marineminister war von beschränkter tüchtigkeit G. Freytag
br. an s. gattin (1912) 460; der lobte die tüchtigkeit, die der assessor im amte an den tag gelegt Polenz
Grabenhager (1898) 1, 184; zur tüchtigkeit rief jedes hobelspänchen in dem schlichten raum (
einer schreinerwerkstatt) Carossa
kindheit (1922) 114; durch freudige tüchtigkeit im philologischen Th. Mann
Dr. Faustus (1948) 75.
mit betonung des handwerklichsoliden: wie er (
Dittersdorf) hinter diesem (
Grétry) an geist und feinheit weit zurücksteht, so ist er ihm dagegen an musikalischer tüchtigkeit entschieden überlegen O. Jahn
Mozart (1856) 4, 294.
in negativer wendung eines sonst positiv gemeinten gebrauchs, mit dem nebensinn des streberhaft-rücksichtslosen: statt der deutschen 'tüchtigkeit', die schlieszlich allen andern völkern die existenz verbittert und verstört hat, statt dieses gierigen allen-andern-vorankommen-wollens und vorwärtsjagens liebte man in Wien gemütlich zu plaudern ... und liesz in einer gutmütigen und vielleicht laxen konzilianz jedem ohne miszgunst sein teil Stef. Zweig
welt v. gestern (1947) 41. 3@a@bβ)
als allgemeinmenschliche eigenschaft, in der sich mit der vorstellung der leistungsfähigkeit mehr oder minder auch moralische gesichtspunkte im sinne des soliden, zuverlässigen, trefflichen verbinden. gern in der reihung mit anderen eigenschaften oder werten: dasz verstand, fleisz, klugheit und tüchtigkeit oft mehr als die blinde macht gelte Herder 15, 559
S.; das stammbuch ..., zu anfang des dreiszigjährigen krieges, von fürsten, herren und canzleyverwandten mit feder und pinsel gezeichnet, ist höchst merkwürdig: tüchtigkeit, ernst und muth walten überall vor Göthe IV 29, 11
W.; vaterland, ehre, treundschaft, tapferkeit, tüchtigkeit jeder art waren seine (
des studentenliedes) elemente Laube
ges. schr. (1875) 1, 58; erspart ist ... die arbeit ihm (
Mozart) nicht worden, wie keinem sterblichen, denen, wie Hesiod sagt, die gottheit den schweisz vor die tüchtigkeit gesetzt hat O. Jahn
Mozart (1856) 1, 60; wenn die tüchtigkeit sich aus der welt verlöhre; so könnte man sie durch ihn (
Zelter) wieder herstellen Göthe IV 19, 36
W.; in stiller tüchtigkeit redlich und ehrenfest, ein treuer bürger der stadt und dem staate, hilfsbereit den freunden und bedrängten G. Freytag
br. an s. gattin (1912) 182; bauern und tagelöhnern, die unter ihm als gemeine soldaten gestanden hatten, rühmte man es nach, dasz sie sich auszeichneten durch sittlichen ernst und tüchtigkeit Fr. Meinecke
Boyen (1896) 1, 49.
in gegensätzlichen begriffspaarungen: individualität und gesellschaft, bewusztsein und naivität, romantik und tüchtigkeit Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 371.
auf die leistung eines zeitalters bezogen: dieser inhalt seines wesens liegt ... nicht weniger in einem reichlichen antheil an der bildung, sitte, der geistigen tüchtigkeit seiner zeit G. Freytag
ges. w. 14 (1887) 57. 3@a@gγ)
im einfluszbereich von 4
als '
energie, entschlossenheit, innere widerstandskraft, lebenstüchtigkeit',
entsprechend tüchtig C 1 c
β: lebensthätigkeit und tüchtigkeit ist mit auslangendem unterricht weit verträglicher als man denkt Göthe I 25, 6
W.; Hamlets tugend hat keine tüchtigkeit Börne
ges. schr. (1829) 2, 188; dasz die tüchtigkeit des menschen ... gemessen werden kann an der dauerhaftigkeit der hoffnung Mommsen
reden u. aufs. (1905) 225.
geradezu '
innere sicherheit': um ihre selbstachtung und eine gewisse tüchtigkeit im handeln bei sich aufrecht zu erhalten Nietzsche
w. I 2, 81.
in dem rein moralischen sinne von tüchtig C 1 c
γ: seine tüchtigkeit der gesinnung setze ich fast höher als die gelehrsamkeit, wovon er öffentliche beweise gegeben (
hat) Heine
br. 31, 49. 3@bb)
viel seltener in sachlicher beziehung, und dann vornehmlich von geistigen oder künstlerischen erzeugnissen: die vorsehung hat dafür gesorgt, mehrenteils innere tüchtigkeit durch äuszere schönheit, güte durch annehmlichkeit zu erkennen zu geben
M. Mendelssohn
ges. schr. (1843) 4, 1, 47; war man einige jahrhunderte zurückgegangen, wo sich mit einem chaotischen zustande ernste tüchtigkeiten glänzend hervorthaten, und so befreundet man sich auch mit der dichtkunst jener zeiten Göthe I 29, 83
W.: das treffliche des bildes erkenne ich recht gut, die plastik, die kraft, die tüchtigkeit der behandlung A. Stifter
briefw. (
21929) 3, 12. 44)
in der bedeutung '
kraft, stärke, rüstigkeit, festigkeit',
entsprechend tüchtig D. 4@aa)
schon in der frühesten bezeugung des wortes, wie sie namentlich von dem alten 1tucht (
s. d. 1)
her nahegelegt wurde: armûte tôtit hôchvart mit sînes smackis pregiln und dî zwû helleegiln unkûsche und girekeit vorsteckit gar sîn tuchtikeit Nicolaus v. Jeroschin
chron. 2871
Strehlke. im übrigen jünger: die derbheit und tüchtigkeit der überwundenen fürsten wird dadurch angezeigt, dasz die träger ihre stangenlast (
die fürstlichen rüstungen) kaum heben können Göthe I 49, 263
W.; ihr aber müszt nun alle, auch wenn noch die kraft des mannes mangelt, auch die schon ergreisten, erstärkend reichlichst seines leibes tüchtigkeit, ein jeder sorgend, wie's für ihn sich ziemt Droysen
Äschylus (1841) 344; fühlt doch der bergsteiger nach jedem in stube und salon verbrachten winter sich wieder gewissermaszen neuling in den bergen, musz erst von neuem sich überzeugen, dasz er noch der alte, die alte tüchtigkeit in ihm noch rege sei Barth
Kalkalpen (1874) 546.
zu tüchtig D 1 b: diese letzten füsze schienen aber diejenigen zu sein, auf deren tüchtigkeit die kreatur sich eigentlich verliesz E. T. A. Hoffmann
s. w. 12, 45
Gr. 4@bb)
in sachlicher anwendung, soviel wie '
festigkeit, haltbarkeit': der jesuiten collegium und kirche, von tüchtigen quadern aufgeführt, stehen noch unverletzt in ihrer anfänglichen tüchtigkeit Göthe I 31, 211
W.; so ist es natürlich, dasz man alle aufmerksamkeit und allen ernst und eifer auf tüchtigkeit und erhaltung derselben (
der deiche) hinwendet Allmers
marschenb. (
31900) 21; die tüchtigkeit des fuhrwerks und des strickes O. Ludwig
ges. schr. 2, 10
Schm.-St. 55)
komplex in den jüngeren verbindungen kriegerische tüchtigkeit, tüchtigkeit der truppen, der armee
u. ä., in denen die bedeutungen '
tauglichkeit', '
leistungsfähigkeit', '
tapferkeit', '
körperliche rüstigkeit'
mehr oder minder verschmelzen: die römische tugend, virtus, ist ... der besitz ... kriegerischer tüchtigkeit Jhering
geist d. röm. rechts (1852) 1, 113; Südwest-Marokko zählt etwa zwei millionen einwohner, von religiösem fanatismus beseelt und mit hoher kriegerischer tüchtigkeit begabt
kreuzzeitung vom 9.
mai 1913; den unteroffizierstand, der ... das wichtigste element für die tüchtigkeit der armee ist Moltke
ges. schr. (1892) 7, 79.