trotzlich (trutzlich, tratzlich),
adj., ein fast nur im 16.
jh. gebräuchliches wort, meist als adverb zu trotzig neben der regelmäszigen form trotziglich
verwendet. mnd. begegnet auch trasliken,
s. Schiller-Lübben 4, 606
und treszliken,
s. städtechron. 35, 1, 45; trastliken 16, 105, 15;
die mundartliche verteilung der drei formen trotzlich, trutzlich, tratzlich,
neben denen auch trötzlich, trützlich
und trätzlich
begegnen, entspricht der von trotz
und trotzig. tratzlich,
im 16.
jh. weit häufiger im gebrauch als tratzig,
begegnet auch im Elsasz (Geiler v. Keisersberg, Thomas Murner),
wo heute tratzen (trätzen)
ausgestorben ist. trotzlich (trötzlich)
findet sich im 16.
jh. auch bei Oberdeutschen: Seb. Franck, Jörg Wickram, Schaidenreiszer, trützlich
bei Burkart Waldis.
heute sind alle drei formen ausgestorben. vgl. auch die belege bei Fischer
schwäb. 2, 326
und 2, 431,
ferner städtechron. 5, 214; 16, 105; 33, 65; 33, 462. 11) '
hochfahrend, stolz'.
die bedeutung ist der ganzen trotz-
sippe von haus aus eigen und steckt auch in den nachfolgenden bedeutungsgruppen von trotzlich
vielleicht hierhin: ach wie trazlich brogt dîn (
der vrouwe) pfat! Frauenlob 29
Ettmüller; ret aber der sun mit einen knecht ..., so sind dieselben red hochmüeticlich und trutzlich zu lesen
Terenz (1499) 8
b; herr ... wie lange sollen die gottlosen pralen und so trötzlich reden und alle ubelthetter sich so rhümen?
psalm 94, 4; solche stoltze geister und ungebrochene kopf, die so trotzlich her faren und wollen mit got pochen Luther 12, 499
W.; vgl. 30, 215; 18, 159; (
der Pharisäer) vermiszt sich trötzlich, er sei für gott besser als ander leut Mathesius
pred. v. d. wage gottes (1565) P 4
a; der so trotzlich pocht, er künne nit irren Fr. Staphylus
gr. abfall (1565) 39
a; was den schnöden primat belangt, darin er doch so trötzlich prangt und als ein abgott tritt herein
M. Rinckart
christl. ritter 33
ndr.; die wurden von den anderen gar höfflich und trätzlich hernach in ihrer armut verspottet Stumpf
Schweizerchron. (1606) 413
a. 22)
drohend; minanter auff tröuwende weisz, trutzlich;
minax trutzlich, tröuwig, der tröuwt Frisius
dict. (1556) 822
a.
schon mittelhochdeutsch bezeugt, vom kampf: (ein dît dî) mit aller macht widir den geloubin vacht in trotzlîchim drouwin, diz wârn dî Sudouwin Nicolaus v. Jeroschin
v. 16743
Str. nu, so er (
der teufel) sich lesst duncken, er habe einen anhang, bricht er trotzlich erfur Luther 18, 134
W.; und es rucket kaiser Ludwig herauf mit seinem volk trutzlich gen Lugenfeld in das Elsass Turmair
chron. 2, 180
L. 33) '
herausfordernd, anmaszend'
: presumptuose trutzlich Diefenbach
gloss. 457
c;
proterve trotzlich Calepinus (1598) 1180
b. 3@aa)
anscheinend hierhin: in dem ward ich herfert (
erschreckt) durch vil der vogel stim die tratzlich süeszer grimm uffschrien gein dem himmel
minnereden I 10, 72
Matthäi; sie (
die päpstin Johanna) was so truczlichs gemütes, dasz sie sich nit fürchtet, den stul desz fischers ze besiczen und daruff alle hailikait wandlen und usztailen, das doch nie kainer frowen usz cristenlicher ordnung gegünnet ist ze handlen Stainhöwel
de claris mulieribus 303
K.; die werber ... haben trotzlich mein hauss eingenommen Schaidenreiszer
Odyssea (1537) 16
a; dissem gepott gehen sie trotzlich und türstig unter sein augen Luther 10, 2, 135
W.; wie sie hoch, trutzlich, muettigklich auffstehendt, lerent, schreien, beweren, verwerfen dis und jhenes Eberlin v. Günzburg
s. schr. 2, 53
ndr.; das alles sollent ir unverschempt thuon, trutzlich und getürstlich ... euch nichts hindern noch irren lassen Schade
sat. u. pasqu. 2, 91;
als übersetzung von audax : o grosser Jupiter, was grossen und trutzenlichen menschen
Terenz (1499) 68
b. '
mutwillig',
vom verstosz gegen das gesetz: ob aber ainer ... so muetwillig, truzlich und frävenlich hier widder handlen, reden ... würde (1567)
österr. weist. 5, 775; welcher fürsätzlich, muthwillig oder trutzlich darwider handlen wurde (1616) Lori
bair. bergr. 502. 3@bb)
besonders von verletzenden, anmaszenden äuszerungen, daher gerade neben verb. und subst. dicendi, vgl.: verba minantia tröuw- oder tratzliche und anlässige wort Frisius
dict. (1556) 1560: trotzlike antwerde mit unhoveschen worden (1407) Schiller-Lübben
mnd. 4, 616; si als tratzlichen wider mich reden
d. heil. leben i. d. winterteil (1471) 202
a; wie man sölch schnöd üppigkeit trutzlich und für gewüsz uf mich (
Zwingli) red Zwingli
dtsche schr. 1, 91; wo du mich mer mit sollichen trotzlichen worten wirst anfaren Wickram 2, 14
Bolte; du hättest dein bloderen nit so drützlich härusz gespüwen Eberlin v. Günzburg 1, 19
ndr.; etliche sagen, dasz papst Stephan kaiser Heinerichen der ketzerei beschuldiget und deswegen trötzlich wider ihn geschrieben habe J. Bentz
päbstl. chron. (1604) 239; do schreib (
er) ... denen von Baden ein tratzlichen brief, dass si wol für sich sehen söllend Tschudi
chron. Helv. 2, 150; schrib ein trutzlichen brief 1, 107;
ähnlich 1, 25;
objectiver, auf die art der erwiderung gehend, vgl. trotzig
als '
barsch, brüsk': da dise trutzlich stumpf antwurt des teutschen künigs Ernst in das römisch her kam Turmair
w. 4, 1, 541
L.; Galmy dem neidigen Wernhard fast gütigklichen antwurt gab, wiewol er in so drutzlich angfallen hat Wickram 1, 64
Bolte; so einer doch leugt ..., spreche er nit trutzlich: du leugst, sunder pfeife darzu
ebda 3, 19.
als '
dreist, offen': es sprechen etlich frowen truczlich on alle scham, daz nichtz schmalichers ... ainer eefrowen widerfaren müge, wann daz die gerechtikait ieres schlaffbettes ainer andern frowen zugefüget werden sol Stainhöwel
de claris mulieribus 238
Dr. 3@cc)
in der religiösen literatur des 16.
jhs. naturgemäsz sehr häufig mit dem sinn frevelhafter auflehnung: beleidigest mit villen auffrürigen tretzlichen leren die christenliche kirchen J. Dietenberger
ob sant Peter zu Rom sei gewesen (1524) b 4
a; abtrunnige pfaffen, ausgelauffene mönche, so ihre gelobnisse trützlich ubertreten und frevelich von sich werfen, durch apostatieren und weiber nemen Paulus Amnicola
czu erweckung der schwachen ordenspersonen (1524) b 2
a; wer sondere lere trutzlich gibt, die von gemainer kirch verworffen Berthold v. Chiemsee
teutsche theologei 49
R. noch schärfer vom unmittelbaren verhältnis zu gott '
frevelhaft, ruchlos': wie kan doch (
der mensch) wider seinen schöpfer so trutzlich handlen Wurm
Barlaams eselin (1523) g 2
b; das auch trutzlich Jesu von Nazareth in den mund griffen werde Eberlin v. Günzburg
s. schr. 3, 58
ndr.; dasz er (
kaiser Caligula) on scheuwen gantz trutzlich und ausz angemasztem stoltz und freffel sagen dorfte, er förchte keinen gott Kirchhof
wendunmuth 1, 41
lit. ver.; den son gottes trötzlich verachtet
theatr. diabol. (1569) 9
a;
verstockt, widersetzlich: der selbigen göttlichen warheit widerwertig sind und gegen dem wort gots sich trazlichen wören Schade
sat. u. pasqu. 3, 59; darin (
in den lastern) sie fürsetziglich, mutwillig und trotzlich fortfahren A. Taurer
buszruffer (1596) e 2
a; (
die) gantz trotzlich mit der grossen part ohn busz zur hellen draben Ringwald
evang. (1581) k 5
b. 44) '
rücksichtslos, willkürlich'
von gewalthabern, s. trotzig A 3: darumb hat er Ursatio und denen die bei im waren gwalt geben, trutzlich wider die kirchen zu handlen irs gefallens C. Hedio
chron. Germ. (1530) 54
b; des antichristlichen bapsts tyrannei, gewalt und mutwillen, so sie an der weltlichen obrigkeit und an andern ehrlichen leuten trötzlich und ungebürlich geübet E. Sarcerius
hirtenbuch (1566) 223.
ohne den negativen sinn: als barmhertzig sie (
die regenten) seind den armen, als tratzlich sollen sie sein den schelcken, ... aber ... dem schalck ubersicht man und dem frummen ist man tratzlich und geferd Geiler v. Keisersberg
brösamlin 1 (1517) 50.
ganz sachlich: da ward nüzit gespart, das zuo einer tratzlichen gefenknus dienet
zitglögglin (
Basel 1512) 75
a. 55) '
grimmig, wütend',
von den den angriff oder die abwehr begleitenden inneren zuständen; zunächst vom kampf: tratzlich zerstieszen sich zwen berg
volksl. 2, 308
Liliencron (
um 1492); es ist ein sprichwort, der Hess kriegt trutzlich, der Wittenberger nutzlich Eberlin v. Günzburg
s. schr. 3, 152
ndr.; und stritten zu beider seitten so trutzlich, das irer vil todt geschlagen worden Carbach
Titus Livius (1550) 41
a;
attolit minas serpens richt sich zornig auf oder embört sich trutzlich Frisius (1556) 133
b; dass alle ... dornschwein ... zu den hunden und jägern gantz trutzlich mit iren stachlen schiessen Herold-Forer
Gesners thierbuch (1563) 35.
als '
gereizt, ärgerlich': do ... gepart (
das Christuskind) gar tretzlichen und sprach: ich laz mich niht also nieczzen
nonne v. Engelthal 36
lit. ver. gelegentlich ist auch mehr als eine vorübergehende erregung gemeint, als '
grimmig': do aber die andern alle desz morgens von dem truczlichen vatter umb das grosz übel von inen volbracht (
den mord) gelobt wurden Steinhöwel
de claris mulieribus 59
Keller; dasz dieser hauff von trutzlichen nationen versammelt, so sie vom gemachten fried hörten, abgeschafft und sonst getrennt würden A. Reiszner
Frundsberg (1572) 104
a.
als '
zänkisch': unliebs und übels (
erlebte ich) ... besunder mit meinem zornigen trätzlichen weib
städtechron. 5, 313;
als '
eigensinnig-hartnäckig'
: pugnaciter certare de re aliqua von einem ding gantz eigenrichtigklich, kiblich, trutzlich zancken Frisius
dict. (1556) 212
a. 66) '
tapfer, mutig, unerschrocken',
vgl.: pugnaciter streitbarlich, dapferlich, trutzlich Frisius
dict. (1556) 1091
a: verwaffnet sich Triaria so keklich, so ritterlich, so manlich und so trüzlich, umb ieren man ze beschirmen Stainhöwel
de claris mul. 290
Dr.; wie Teurdank, der trutzlich held, mit dem fünften ritter des dritten tags teutsch stach
Teuerdank 105
Haltaus; ebda 23; 46; 167; (
die frauen) griffen die feind trutzlich an Turmair
chron. 1, 957
Lexer; ebda 1, 739; 2, 180; 600; ein sonder mannlicher und trutzlicher man, ... was in zwentzig und hundert streiten und schlachten ... gewesen Carbach
Livius (1551) 45
b; dann wie der herr auff der jacht sich vor einem bösen wilden thier jetzunder vorsiehet und weicht, bald trötzlich und geherzt demselben unter augen gehet ... also auch in kriegen Lorichius
paedagogia principum (1595) 303;
auszerhalb des kampfes: von dem so wunderleichen mer dem richter dise junge magt also tratzleich het gesagt
bei Diemer
beitr. 2, 12; wer sich offenbarlich und so trutzlich vor dem künig ... entschuldiget ..., ist zu gedenken, das der war sag A. v. Pforr
buch d. beisp. 70
lit. ver.; wann wir aber das behaubten und die Berner uns gelaubten, so seind sie alle tratzlich leut und bfesten unser sach mit streit Th. Murner
von den fier ketzeren 80
F.; wenn er kondte und dorfte künlich und trotzlich mit den heiden reden
F. Fabri
eigentl. beschr. (1557) 120
a.
mehr als '
keck, dreist, verwegen': wann ich eurs geleichen wär ... so wolt ich bstan ein trutzlich stück
Teuerdank 205
Haltaus; so ihr ewer sachen auff solch kecklich, drutzlich that setzet, sein euch die weisen wennig nutz oder schade J. v. Schwarzenberg
büchlein vom zutrinken 30
ndr.; also uberzoch sie der bischoff und trötzlich bracht ers in seinen gewalt J. Herold
chron. aller ertzbischoven zu Maintz (1551) 48
b.
anscheinend hierhin auch: musca haizt ain muck oder ain flieg, diu hât die art, daz si gar trätzleich fleugt und hât daz lieht liep Konrad v. Megenberg
buch d. natur 304
Pf. ungewöhnlich neben intellectuellem begriff: dann der jung mann hett ein hurtig gemüt, ein trutzlichen verstand (
animo alacrem, ingenio potentem)
M. Herr
sittl. zuchtb. (1536) 224
a oder in ethischem sinne: (
der oberfeldherr soll) seinem gerechten fürnemmen also trutzlich nachkommen Fronsperger
kriegsb. (1578) 174
b,
doch vgl. trotzig C 1
d. 77)
bei Luther '
vertrauend', '
zuversichtlich aus gläubiger gewiszheit': der wird ... mit gutem mut ... hinein gehen in jenes leben, also das er trutzlich sterbe und das leben verachte Luther 14, 24
W.; gern bei bestimmten verben: ich will gott die sache heimstellen, den hals dran wagen mit gotts gnaden und mich trötzlich auf ihn verlassen 18, 316;
ebda 18, 313; 24, 475; weil wir denn solchs wissen und gleuben, so können wir auch widderümb die welt ja so trötzlich verachten als sie uns thut 36, 459;
ebda 32, 339; das ist eine rechtschaffene liebe, die solchs trotzlich rhümen kan 34, 2, 401;
ebda 36, 476.